Ein Volk von Schwerkranken

21.10.2016
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Den Patienten mit einer anderen Diagnosenummer „ein bisschen kränker“ machen als er ist, kann für die Krankenkasse mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds bedeuten. Die beste Lösung für das Problem wäre eine Einheits-GKV. Wenn’s in Frankreich klappt, warum nicht bei uns?

„Ein Volk von Schwerkranken“ titelt die Journalistin Cornelia Schmergal im SPIEGEL vom 15.10.2016 auf Seite 78 und beschreibt, wie Mitarbeiter von Krankenkassen unvermittelt in Arztpraxen auftauchen und beim Doktor aufgrund von bestimmten Diagnosen oder verordneten Medikamenten nachfragen, ob der betreffende Patient nicht doch „ein bisschen kränker“ gewesen sein könnte, als der Mediziner in seinem Diagnoseschlüssel angegeben hat?


Zehn Euro Prämie sind der Judas-Lohn. Was soll das? „Ein bisschen kränker“, einhergehend mit einer anderen Diagnosenummer, kann für die Krankenkasse bedeuten, dass ihr für diesen Patienten mehr Geld aus dem Gesundheitsfonds zugeteilt wird. Schlimmste Konsequenz für den ahnungslosen Erkrankten zu einem späteren Zeitpunkt wäre, dass ihn eine private Krankenversicherung oder eine Lebensversicherung nicht mehr versichern will.

 Unschuldig wir er als Betrüger abgestempelt

, weil er, so der Vorwurf, „eine schwere gesundheitliche Einschränkung nicht angegeben hat“, wie sich bei der routinemäßigen Abfrage des Versicherers bei der Krankenkasse herausstellte. Dass der arme Kerl fatalerweise gar nicht mitbekam, wie „schlimm“ es um seine Gesundheit bestellt war, spielt eine Nebenrolle. Dass ihm der Ruch des vorsätzlichen Betrugs wegen der Angabe falscher Daten anhaftet, ebenso.

Frust beim gewieften Ermittler


Wiederholte Besuche eines AOK-Mitarbeiters habe ich zu meinen Kassenarztzeiten selbst noch erleben dürfen. Der Delegierte erschien mit einer Liste, der er entnahm, dass ich Herrn Müller (Name natürlich geändert) „Sormodren“ verordnet habe. Das sei aber doch ein Mittel gegen Parkinson, ich aber hätte keinen Parkinson verschlüsselt! 

Frust beim gewieften Ermittler machte sich auf meine Erklärung hin breit, dass „Sormodren“ zwar theoretisch auch gegen Parkinson verordnet werden könne, was aber praktisch nicht mehr geschehe. „Sormodren“ werde quasi ausschließlich gegen übermäßiges Schwitzen verschrieben. Pech für die AOK, denn die Diagnose Parkinson bringt ordentlich Zusatzknete aus dem Gesundheitsfonds, „Hyperhidrosis“, wie die Turbo-Transpiration auf gut medizinisch heißt, leider nicht.



Negativzinsen und Glückszahlen


Zum besseren Verständnis: Wohin fließen Ihre Beitragszahlungen an die Krankenkasse? Wer glaubt, das Geld bliebe dort liegen oder würde zumindest sicher aufbewahrt, irrt gewaltig. Alle gesetzlichen Krankenversicherungen leiten ihre gesamten Einnahmen erst einmal an den sogenannten Gesundheitsfonds nach Berlin weiter. Der parkt die Beitragsmilliarden bei der Europäischen Zentralbank in Frankfurt und opfert dort ein paar Millionen für die derzeit fälligen Negativzinsen.



Spezialisten des Gesundheitsfonds in Berlin rechnen um, wie schwer krank der durchschnittliche Versicherte von derzeit 117 gesetzlichen Kassen ungefähr ist und überweisen nach diesem Kunststück Geld zurück. Als Richtwerte für schwere Erkrankungen der Versicherten dienen jene Diagnosenummern, die Ärzte für Patienten an Kassen weitergeben. 60 Nummern sind „Glückszahlen“, weil sie außerordentlich hohe Rücküberweisungen aus dem Gesundheitsfonds generieren. Prämien an die Mediziner für braves „upcoding“ würden immerhin 0,3 Prozent des Beitragssatzes ausmachen, gibt die die TK laut SPIEGEL an. 



117 Kassen und kein Unterschied


Das kommt Ihnen absurd vor? Mir nicht. Der einzige Arbeitsbereich – pardon: Scheinarbeitsbereich, der in Deutschland wirklich prosperiert, ist der der überflüssigen, aufgeblähten Verwaltung. Für Außendienstmitarbeiterbesuche in Arztpraxen zwecks „upcoding“ haben Versicherer Geld übrig, für das sinnfreie „upcoding“ sowieso, für mehr als „6 x Physiotherapie auf neurophysiologischer Basis bei Schultersteife li.“ pro Quartal (!) leider nicht.


Abhilfe?

Wozu braucht man in Deutschland eigentlich 117 Kassen, die sich untereinander kaum Konkurrenz machen – und falls doch, dann mit Überflüssigem? So ungefähr nach dem Motto „Wir zahlen Homöopathie – die anderen bloß ein Wellness-Wochenende!“ Einigkeit herrscht darüber, dass man keinesfalls mehr als sechs Mal Krankengymnastik im Vierteljahr genehmigt! 117 Krankenkassenvorstände und Aufsichtsräte wollen für mäßige Motivation üppig entlohnt werden, ein überdimensioniertes Filialnetz verschlingt enorme Summen.



Auch ein GKV-Spitzenverband mit bester Immobilienlage in Berlin wird, Verzeihung, „durchgefüttert“. Seine Hauptaufgabe besteht darin, zu verhindern, dass sich die unterschiedlichen Parteien in wesentlichen Dingen gegenseitig auf den Schlips treten, weil der GKV-Spitzenverband einheitliche Verweigerungs-, äh, Entschuldigung: Leistungs-Vorgaben für Versicherte erarbeitet.



Die sinnfreie Institution „Gesundheitsfonds“, Minuszinsen an die EZB – enorme Kostenfaktoren, welche die Einnahmen schmälern und allein der Pseudo-Vielfalt der 117 Kassen geschuldet sind! Teure Werbe-Kampagnen für Print-Medien, Funk und Fernsehen werden aus Beiträgen finanziert, Individualität und Flexibilität geheuchelt, wo höchstens Nuancen im Service erkennbar sind, und auch die Beitragssätze liegen weit näher beieinander als beispielsweise bei den privaten Krankenversicherern. Der Gesundheitsfonds macht's möglich.



Eine einzige Institution würde reichen


Beste Lösung: Abschaffen! Alle 117 gesetzlichen Krankenkassen zu einer einzigen zusammenlegen! In Frankreich klappt es mit einer Einheits-GKV. Warum nicht bei uns? Gesundheitsfonds, GKV-Spitzenverband, 117 Vorstände und wer-weiß-wie-viele Aufsichtsräte – alles überflüssig! Werbung für die Einheitskasse? Könnte entfallen, die frei werdenden Gelder in Oma Müllers Krankengymnastik investiert werden! Und obendrein würden die Medien ihre Beißhemmung gegenüber mancher Kasse verlieren: Die Angst, bei zu kritischer Berichterstattung auf Werbeeinnahmen von der Arbeits- und Obdachlosen-Kasse (AOK) verzichten zu müssen, hätte sich schlechthin erübrigt.


Vielleicht könnte sich der eine oder andere Krankenkassenmitarbeiter, der im Zuge der Zusammenlegung seinen Arbeitsplatz verliert, dafür erwärmen, wirklich für Kranke und Alte da zu sein und auf einen Mangelberuf umzuschulen: Kranken- oder Altenpflege. Statt professioneller Leistungsverhinderung wirklich mal „Leistung am Menschen“! Na, wie wär's?


Allerdings ginge dann für eine stattliche Anzahl abgehalfterter Politiker ein lukrativer Ersatzjob verloren. So macht es sich beispielsweise der ehemalige saarländische Gesundheitsminister Andreas Storm heute im Vorstand der DAK bequem; natürlich nicht für Gottes Lohn. Demnach würde die Regierung im Fall der Fälle wohl doch in seltener Eintracht gegen eine Einheits-GKV stimmen, denke ich. Man kann in diesen stürmischen Zeiten ja nicht mehr alle überflüssigen Volksvertreter nach Brüssel schicken, oder?








 

Bildquelle: Tim Regan, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 27.10.2016.

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Gast X
Wenn die Kassen die Beiträge tatsächlich für das ausgeben würden wofür sie gedacht sind hätten sie es gar nicht nötig zu tricksen um sich sich aus "Gesundheitsfonds" bedienen zu können. Aber da unsere lieben Kassen ja das Geld das ihnen anvertraut wurde lieber für ihren aufgeblasenen Wasserkopf oder peinliche Werbung veruntreuen, oder dem MDK dafür in den Rachen werfen dass er mit Tricks und Wortklaubereien Kliniken und Ärzte um ihre wohlverdiente Bezahlung bringt, oder das Geld einfach für sich behalten und solange auf der Bank liegen lassen bis dank Nullzins hunderttausende von Euro Strafzinsen fällig werden brauchen wir uns nicht zu wundern dass unser Gesundheitssystem den Bach runter geht. Die Politik richtet sich in ihrer Gesetzgebung wie immer nur nach den Interessen derjenigen die das Geld haben. Das Problem ist: den Kassen gehört das Geld nicht! Es gehört den Beitragszahlern und ist für ihre medizinische Versorgung gedacht! Jede Zweckentfremdung ist also eigentlich Betrug!
#12 am 28.10.2016 von Gast X (Gast)
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Gast
Ich finde den Umgang mit den Beitragsgeldern skandalös. Es reicht also nicht, wenn die Pharmaindustie uns betrügt, in dem z.B. Grenzwerte immer wieder nach unten verschoben werden, damit noch mehr Menschen an den entsprechenden Krankheiten leiden, nein, auch die, die eigentlich für die Menschen dasein sollten, weil sie von deren Geld bezahlt werden, bereichern sich. Dieses System ist ech zum K...! Und als I-Tüpfelchen obendrauf wird uns dann eine anstehende Beitragserhöhung als Konsequenz aus dem Flüchtlingszustrom verkauft. Schäbig!!
#11 am 28.10.2016 von Gast
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Was passiert bei einem Konflikt mit seiner KK? Gibt es mehrere davon, kann ich wechseln. Wenn ich auf alternative Heilmittel stehe, kann ich mir auch als gesetzlich versicherter eine KK raussuchen, die das fördert. Wenn ich eher handfeste Medizin möchte, dann nicht. Auch die vielbeschworene Schultersteife im Artikel - selbst schuld, wenn ich nicht zu einem Arzt gehe, der mir dann "außerhalb des Regelfalls" verordnet? Mit einer guten Begründung wird das nicht abgelehnt. Ein halbes Jahr Physiotherapie ist für die KK billiger als eine OP - nur werden die Physiotherapeuten eher unterbezahlt und bei einer OP verdienen mehr Leute dran. Ich befürchte eben, dass wenn selbst die Scheinkonkurenz der KK wegfällt, die Zweiklassenmedizin noch dramatischer wird.
#10 am 27.10.2016 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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Gast
Viele Diagnosen sind willkürlich je nach Ausbildungsstand des Arztes und subjektiver Sichtweise verwendet bei den funktionellen Störungen und Neurosen.Es geht sich selber, also für den Arzt selber ,eine narzißtische Selbstbestätigung zu holen und einen Zuschlag für sich selber und mehr Geld für die Krankenkasse. Nicht ohne Grund sträuben sich die Ärzte seit Jahren ihre Abrechnungen vor dem Patienten offen zu legen, es geht nur um Geld.Naomi
#9 am 27.10.2016 von Gast
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Gast
#7, ja, das ist ein Aspekt des Argen. An Transparenz mangelt es massiv. Die aber gehört zur vielfach (und zu Recht) geforderten Eigenverantwortung dazu. Diagnosen, Behandlungen, Kosten... und endlich Schluss mit dem kostspieligen "Rumgemuschel" und finanziellen Rumgeschiebe. Ich meine damit nicht die Ärzte, sondern das künstlich aufgeblähte System im Allgemeinen. Eine Krankenkasse für alle, "Simplify", wäre echt mal angesagt, und die Transparenz als Nebenprodukt gleich mit dazu.
#8 am 27.10.2016 von Gast
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Gast
Alle gesetzlich Versicherten haben keine Ahnung von den Diagnosen und Behandlungen ,die der Arzt dokumentiert(im Gegensatz zu den Privatpatienten),Als Gutachter sträubt sich mir das Fell wenn die multiplen (Fehl.)Diagnosen, Wiederholungen und Symptombeschreibungen besonders im Fachgebiet N/Ps.lese. Oft keine Ahnung bei den Kollegen und statt den Patienten nach der Krankheitsentwicklung zu Fragen (Auslöser z.B.Tumoserkrankung des Kindes) wird vielfach umschrieben und somatisiert bis dann eine Fibromyalgie rauskommt.Dr.Plöntzke
#7 am 27.10.2016 von Gast
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Alles ganz schön und gut. Ich würde mich aber als Pflegefall lieber von einem geflüchteten syrischen Krankenpfleger als von einem umgeschulten Kassen-aussendienstmitarbeiter behandeln lassen - oder noch schlimmer: von einem angelernten KV-Funktionär. :-)
#6 am 27.10.2016 von dipl. med. Rainer Hansen (Arzt)
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Gast
Es ist (nach wie vor) was faul im Staate D... bzw. in diesem Sammelsurium von Kleinstaaten weit südlich von mir.
#5 am 27.10.2016 von Gast
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Gast
In Schweden gibt es auch nur eine Krankenkasse. Das ist sicher nicht immer die tollste Lösung, aber eher weniger Filialstellen, die honoriert werden müssen und weniger Vorstände. Aber - und da erstaunt mich immer wieder der noch existierende antikommunistische Reflex hierzulande- das wäre ja Staatsmedizin. Und nach diesem Wort ist Stille, als hätte man gerade den Teufel an die Wand gemalt. Ob die omnipräsente Konkurrenz immer gut tut, darf finde ich auch schon mal diskutiert werden. Vor allem in so grundlegenden Belangen wie beim Thema Gesundheit. Hat denn jemand mal unverschämterweise ausgerechnet, was die Zusammenlegung an Kosten sparen würde? Würde mich sehr interessieren. Ob da nicht endlich die Alten- und Krankenpflege gescheit bezahlt werden könnte? Da ist noch Luft nach oben scheint mir.
#4 am 27.10.2016 von Gast
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Gast
Jawoll. Eine Krankenkasse für alle. Und gerecht berechnet. Außerdem auch Klarheit bei den anfallenden Behandlungskosten. Sprich, der Patient soll sehen, was seine Behandlung kostet, und jeder Arzt soll am Abend wissen, was er heute so verdient hat. Kein Mensch würde im normalen Alltag etwas bezahlen, ohne die Rechnung dafür zu prüfen. So sollte es auch im medizinischen sein. Bei Privat Versicherten geht das ja auch - sind denn alle andern zu blöd dafür? Nein, es geht um ganz was anderes... Der "Wasserkopf" muss weg.
#3 am 27.10.2016 von Gast
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Gast
Eine gute Bekannte von mir wurde mit nur 22 Jahren von einer Berufsunfähigkeitsversicherung abgelehnt. Grund ist eine "versehentlichliche" falsch hinterlegte ICD Diagnose vom Hausarzt. Die junge gesunde Dame steht nun auf der sog. "schwarzen Liste" der Versicherer. Keine VS will Ihr derzeit eine Police ausstellen. Ohne Anwalt keine Chance. Die Frage ist nun, kann man den Arzt rechtlich Belangen? (Ggf. Sogar Zivilrechtlich)
#2 am 27.10.2016 von Gast
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Gast
Wo kommen wir denn dahin, wenn wir bei Frankreich oder Österreich was abgucken?
#1 am 27.10.2016 von Gast
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Erstens: Professor Dr. Günter Neubauer war von 1987 bis 1990 Mitglied der Enquête-Kommission „Strukturreform der mehr...

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