„Dope“ oder „Doping“ – das ist hier die Frage?

17.10.2016
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Die deutschen Radprofis Marc Kittel/André Greipel kritisieren den Olympiasieger Bradley Wiggins und einen britischen Radrennstall heftig. Wiggins hatte das auf der Dopingliste stehende Mittel Triamcinolon jeweils vor seinen Tourstarts 2011 und 2012 sowie dem Giro 2013 gespritzt bekommen. Dafür habe der Stundenweltrekordler vom Weltverband UCI Ausnahmegenehmigungen - sogenannte TUEs - erhalten.

Das ist wohl eher „Doping“ mit Injektionen von „Dope“.


Triamcinolon leistungssteigerndes Doping-Mittel schlechthin

Triamcinolon als halogeniertes und damit sehr stark wirksames Glukokortikoid bindet an spezifische Rezeptoren und greift so in die Proteinbiosynthese ein. Es wirkt antiinflammatorisch und antiproliferativ. Auf diese Weise wird das Immunsystem gehemmt, und damit zusammenhängende Reaktionen werden unterdrückt, um Ausdauer- und Spitzenleistung zu fördern.



Spezifische Wirkung


Bei der Behandlung von chronischen Atemwegserkrankungen kommt es zu einem Abschwellen der Bronchialschleimhaut und gleichzeitig zur Bronchodilatation mit Leistungssteigerung der Atmungskapazität. Durch die antiproliferative Wirkung kommt es bei Dauergebrauch aber auch zu Atrophien von Haut und Hautanhangsgebilden, Steroidakne, Hepatopathie, Typ-2-Diabetes und/oder zu einem iatrogenen Cushing-Syndrom als wichtigste Nebenwirkungen.



Spezifischer Einsatz

Deshalb wird Triamcinolon zur Unterdrückung allergischer Hautreaktionen und Entzündungen bei der Behandlung von Hauterkrankungen nur kurzzeitig und gezielt eingesetzt:


Kein Gold-Standard beim Atemwegserkrankungen

Atemwegserkrankungen wie Sinusitis, allergische Rhinitis, Asthma bronchiale, Chronische Bronchitis, COPD sollten wegen klassischer Nebenwirkungen nicht mit systemischen Steroiden behandelt werden. Da sind topisch wirksame Steroide als Nasenspray, inhalative Steroide (ICS) und/oder lang/kurz wirksame inhalative Betamimetika (LABA/SABA), anticholinerg lang/kurz wirksame inhalative Substanzen (LAMA/SAMA) bzw. Leukotrienrezeptorantagonisten oral wesentlich gezielter, besser wirksam und mit geringen Nebenwirkungen einsetzbar.



Weitere Triamcinolon-Indikationen

Triamcinolon wird im Rahmen verschiedener rheumatischer Erkrankungen zur Steigerung und Besserung von Motilität, Mobilität und Belastungsfähigkeit sowie bei Kollagenosen verabreicht:


Auch schwere Nephritiden, schwere Arthrosen und Gichterkrankungen können damit behandelt werden und stellen die krankheitsbedingte Einschränkung der Leistungsfähigkeit wieder her.



Problematik von Triamcinolon-Injektionen

Der Arzneistoff wird überwiegend in Form von Tabletten verabreicht. Eine intramuskuläre Injektion ist beim Triamcinolon-Acetonid möglich. Dies verschafft durch den Depot-Effekt zwar eine länger anhaltende und intensivere Wirkung, dabei sind aber eher Nebenwirkungen zu befürchten.



Ausnahmegenehmigungen des UCI nicht nachvollziehbar

Die Ausnahmegenehmigungen ausgerechnet für Triamcinolon-Injektionen des Weltverbandes UCI für einen Stundenweltrekordler, der vorgeblich an schwerem Asthma bronchiale leidet, wären medizinisch-pneumologisch nicht gerechtfertigt, unangemessen, gefährlich abwendbar und entsprechen dem Wissensstand zum Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts.

Asthma bronchiale ist inhalativ zu beherrschen und heilbar

Heute kann man nahezu jedes Asthma bronchiale mit inhalativen Steroiden (ICS), lang/kurz wirksamen inhalativen Betamimetika (LABA/SABA), anticholinerg lang/kurz wirksamen inhalativen Substanzen (LAMA/SAMA) und/oder Montelukast-Tabletten ohne problematischen Doping-Verdacht lungenfachärztlich beherrschen.

Denn Betamimetika in Tablettenform sind zu Recht geächtet. Viele asthma-kranke Schwimmsportler profitieren von dieser zeitgemäßen Anti-Asthma-Therapie und zusätzlich von der hypoallergenen Raumluft und dem Mikroklima in Hallenbädern.



Der Weltverband UCI sollte die moderne Anti-Asthma-Therapie in seinem Anti-Doping-Kampf zur Kenntnis nehmen und medizinisch berücksichtigen.


 

Bildquelle (Außenseite): Tony Rammaricati, flickr

Bildquelle: Abbildung Sponsorenfahrt Tour de France 2015 © Praxis Dr. Schätzler

Bildquelle: Abbildung © Praxis Dr. Schätzler

Artikel letztmalig aktualisiert am 22.10.2016.

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Richard Friedel
Ich empfehle bei Asthma die Atemgymnastik von Frau. Strelnikova mit dem Video gimnastika strelnikovoi peredniy shag (googeln) mit lauter Einatmung durch die Nase und selbstredend mit steifer Oberlippe.. Nach meiner Erfahrung spielt kräftige Bewegung der Arme eine große Rolle. Ohne sie wäre ein Pneumothorax möglich. Die Fäuste werden in Takt mit dem Atemholen zusammen geballt. Eine gute Gelegenheit ist ein strammer Spaziergang.. Das unterstützt die Nasenatmung, die dann sich von alleine entwickelt und Kraft spendet statt eher zu behindern. Asthmamedikamente haben erhebliche Nebenwirkungen.. Richard Friedel s3e0101@mail.lrz-muenchen.de
#5 am 04.03.2017 von Richard Friedel (Gast)
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Beatka
Beata Paprocki
#4 am 25.10.2016 von Beatka (Gast)
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Ja ich hab mich auch schon seit Jahren gefragt warum Leistungssport nicht in den Therapiekatalog bei Lungenerkrankungen aufgenommen ist. So langsam kann doch auch die Schulmedizin nicht sein, also muß doch was anderes dahinterstecken.
#3 am 24.10.2016 von HP W. Scholz (Heilpraktiker)
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Die Abhandlung finde ich sehr angebracht, gut recherchiert und informativ. Auch die Meinung von Herrn Wagner teile ich vollkommen.
#2 am 23.10.2016 von Joachim Bedynek (Chemiker)
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Es ist schon seltsam, wie oft speziell Radrennfahrer und andere Ausdauersportler die Diagnose Asthma bekommen. Ich bin regelmäßig bei Sportlern diverser Disziplinen als Dopingkontrolleur unterwegs und sehe daher immer die Medikationen und die zu Grunde liegenden Diagnosen. Ich bin der Meinung, wenn ein Sport nicht ohne Medikation nicht einschränkungsfrei zu leisten ist, dann muß man es bleiben lassen und andere Dinge tun, vielleicht wäre dann eher an Behindertensport zu machen. Ich war selbst Leistungssportler mit 5 - 6 mal Training pro Woche und weiß, wovon ich rede.
#1 am 21.10.2016 von Robert Wagner (Heilpraktiker)
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