Familienplanung

12.10.2016
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Seit den Terroranschlägen sind Sicherheitskontrollen ein fester Bestandteil des Pariser Alltags geworden. Ob bei Betreten der Galerie Lafayette, des Geschäfts MUJI im angesagten jüdischen Viertel Marais, des unterirdischen Einkaufskomplexes bei 'Les Halles' oder einem Kinobesuch im UGC.

Auch das Krankenhaus, das ich jeden Morgen für den 'Stage' (mein Praktikum) aufsuche, ist seitdem nur über einen Seiteneingang zugänglich. In diesem Fall ist es die Rampe der Notaufnahme, auf der ansonsten nur die Rettungssanitäter halten, manchmal auch die Feuerwehr oder Polizei, um einen Patienten abzuliefern. Unpraktisch, aber so ist auch hier eine Taschenkontrolle gewährleistet. Ohne all zu großen zusätzlichen personellen Aufwand. So gestatte auch ich allmorgendlich einen Blick in meinen Deuter-Rucksack. (Mit dem ich mich im Übrigen unwiderruflich als Deutsche oute. Französinnen verpacken ihre dicken Medizinbücher und Laptops lieber in schicken Handtaschen. Praktische Argumente zählen hier weniger.) Meinen Wintermantel öffne ich für die Wachleute ebenfalls brav, so dass sie sich davon überzeugen können, dass ich ohne schwere Waffen das Gebäude betrete.

Heute begebe ich mich in einen Seitenflur, der mit den Worten 'Planning Familial' gekennzeichnet ist. Künstliche Befruchtung, vielleicht Samenspende, Beratungsgespräche mit beiden Partnern; bestimmt spannend. Doch ich irre. Familienplanung geht hier in erster Linie in die andere Richtung: den Frauen, die heute einen Termin haben, geht es um Verhütung und Abtreibung.

Madame B., alleinerziehend, nicht berufstätig und 30 Jahre alt, hat bereits fünf Kinder. Mehr sollen es nicht werden, macht sie uns deutlich. Sie erscheint heute mit Fragen zur Verhütungsspritze, von der sie von einer Freundin gehört hat. Mit der Pille komme sie nicht gut zurecht, daher erscheine ihr diese Art der Verhütung attraktiv. Einmal im Quartal wird dabei intramuskulär ein Depot des Wirkstoffs gesetzt, das die nächsten drei Monate den Eisprung und damit eine Schwangerschaft verhindert. Die sehr freundliche Assistenzärztin geht geduldig auf ihre Patientinnen ein. Sie gibt Madame B. recht, die Spritze wäre für sie sicherlich eine gute Wahl, doch da sich das Mittel noch in der klinischen Erprobung befindet, kann sie es ihr hier im Krankenhaus nicht verabreichen. Chefarztentscheidung. Madame B. wird einen anderen Arzt aufsuchen müssen.

Madame P. erscheint mit ihrer Tochter Sarah. Diese ist zwar schon volljährig, aber mental retardiert, so dass ihre Mutter für sie entscheidet. Sarah besucht tagsüber eine Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung. Anfang des Sommers bemerkte ihre Mutter ein Ausbleiben der Regelblutung ihrer Tochter. Ihre Befürchtung bestätigte sich bei einem Arztbesuch: eine Schwangerschaft. Ob Resultat eines sexuellen Übergriffs oder nach körperlicher Zweisamkeit zu Sarahs Einverständnis? Im Nachhinein ließ sich das nicht feststellen; traumatisiert erschien Sarah zum Glück nicht. Klar ist jedoch auch, dass sie den Zusammenhang zwischen sexueller Intimität und der Geburt eines Kindes nicht in Gänze erfassen kann. Geschweige denn Verantwortung für ein Kind übernehmen könnte. Madame P. veranlasste eine Abtreibung und Sarah erhielt vorsichtshalber ein Implanon. Dieses kleine Plastikstäbchen wird in das Unterhautfettgewebe der Oberarminnenseite implantiert, verbleibt über drei Jahre und verhindert durch konstante Hormonabgabe eine Schwangerschaft. Leider ist es nicht frei von Nebenwirkungen. Die Ärztin zählt auf: nur etwa ein Drittel der Frauen sei zufrieden, ein Drittel habe nach der Implantation konstant Blutungen und ein Drittel nehme merklich zu. Sarah hat seit Mai 12kg zugenommen. Das zusätzliche Gewicht lastet nun sehr beschwerlich auf ihr, bedingt durch ihre Behinderung hat sie im Alltag ohnehin einige motorische Probleme. Nun schmerzen ihre Knie beim Gehen und sie ist schneller erschöpft als vorher. Also muss etwas anderes her. Nach einigem Überlegen entscheiden sich Madame P. und die Ärztin für eine Kupferspirale, die in die Gebärmutter eingesetzt wird. Sarah stimmt bereitwillig zu; sie vertraut ihrer Mutter, auf deren Unterstützung und Hilfe sie von je her angewiesen ist.*

Eigentlich hätte ich gedacht, dass ich mich mit diesen Themen gut auskenne. Doch an diesem Tag wird mir bewusst, dass ich mich mit ihnen bislang in erster Linie aus einer persönlichen Perspektive auseinandergesetzt habe. Doch je nach Bildungshintergrund haben die Frauen ganz andere Fragen und Sorgen, die es zu erfragen und auf die es einzugehen gilt.

Der intensive menschliche Kontakt mit Patienten macht für mich eine der Faszinationen des Arztberufes aus. Die Gynäkologie zeigt dies in einem besonderen Ausmaß: In den Beratungsgesprächen sind ärztliche Kenntnisse gefragt, darüber hinaus aber auch ein offenes Ohr für soziale Probleme, persönliche Beratung bei Entscheidungen, tröstende oder Mut machende Worte. Eine spannende und verantwortungsvolle Aufgabe. Auch wenn der ein oder andere meinen könnte, dass es doch 'nur' Gespräche über Verhütung sind.

* Dieses Jahr habe ich einen interessanten Film zu diesem Thema (selbstbestimmte Sexualität geistig behinderter Menschen) gesehen: Dora. Allen, die sich damit etwas eingehender auseinander setzen möchten, sei er hiermit ausdrücklich empfohlen.

 

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Artikel letztmalig aktualisiert am 12.10.2016.

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