Der Antidepressiva-Reflex

10.10.2016
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Mal einfach gedacht: Wenn einer eine Infektion hat, gibt man ihm ein Antiinfektivum. Gegen Vergiftungen helfen Gegengifte (Antidots), gegen Terror setzt man Anti-Terror-Einheiten ein, gegen Faschisten machen Antifaschisten mobil. Und was tut man gegen eine Depression? Klar: Antidepressiva geben. Oder?

Sprache verführt

Dass hier Sprache verführt und man dem immer noch gesellschaftlich tief verankerten Irrtum nach einfachen, mechanistischen Ursache-Wirkungs-Prinzipien aufsitzt, wird schnell erkennbar. Ihnen fallen sicher sofort einige Infektionen ein, bei denen man im klinischen Alltag keine Antiinfektiva gibt, da sie nichts nutzen oder ihr Nutzen im Vergleich zu den Nachteilen nicht überwiegt.

Allgemein ist natürlich nichts dagegen einzuwenden, dass Sprache unser Denken prägt und Denken Vereinfachungen braucht. Doch in folgendem Zusammenhang gerate ich zunehmend ins Zweifeln.

Der Antidepressiva-Reflex

Die Ursachen depressiver Erkrankungen sind sehr inhomogen, komplex und vielschichtig sowie häufig durch Komorbidität (mit)geprägt. Entsprechend differenziert ist die Wahl des Behandlungsverfahrens zu betreiben.

Dennoch höre ich als Arzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie meistens die eine Frage von Mitbehandlern, MDK und Behörden:

"Warum hat der Patient kein Antidepressivum?"

Diese verführerische Frage nach dem scheinbar Naheliegenden taufe ich den Antidepressiva-Reflex. Immer, wenn sie mir gestellt wird, macht sich kurz das Märchen von der Depression als Gift und dem Antidepressivum als Gegengift breit. Gesponsert – nehme ich an – von der Macht der Sprache. Studien nämlich zeigen immer deutlicher: der Placebo-Effekt spielt bei den Antidepressiva eine große Rolle. Und antidepressiv wirken Dinge wie Sport oder eine gute therapeutische Beziehung als Korrektiv für negative Bindungserfahrungen mindestens genauso stark.

Sozialer Druck als Ursache?

Die Depression ist eine Krankheit, die oft zu langen Zeiten der Arbeitsunfähigkeit führt: eine mittelgradige depressive Episode zu beispielsweise 75 Tagen im Schnitt, eine rezidivierende mittelgradige Episode zu fast 90 Tagen. Das Wort „mittelgradig“ hört sich nicht ganz so schlimm an, beschreibt jedoch in der Praxis oft ein schweres Krankheitsbild mit großen Einschränkungen und hohem Leidensdruck – und langer Krankschreibung.

Aufgrund der Dauer ihrer Erkrankung geraten viele Patienten in den Krankengeldbezug, erhalten also eine Lohnersatzleistung. Beim Patienten, bei den Krankenkassen, beim MDK, bei den Mitbehandlern besteht ein gewisser Druck: Lösungen für eine Gesundung müssen her, und zwar schnell. Die flächendeckend verinnerlichte Formel scheint zu lauten: Depressive Episode + Antidepressivum = Arbeitsfähigkeit.

Die Länge der Dauer einer depressiven Erkrankungsphase liegt jedoch vielmehr in der Natur, in der Langsamkeit des Seelenlebens und seiner Heilungsfähigkeit als in einer „versäumten“ Psychopharmakotherapie. So wirkt das Ganze dann jedoch häufig nach außen.

Depressionsbehandlung ohne Reflex

Die Wahrheit ist, dass sich Ursachen einer Depression in einer gründlichen psychosomatischen Untersuchung durchaus differenzieren lassen. Diagnostik-Dauer beim Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie: etwa 4 Termine à 50 Minuten – schneller ist die Seele leider nicht. Für den individuellen Fall lassen sich dann durchaus intrapsychische, soziale und somatische Ursachen differenzieren. Auch für die Psychogenese von Erkrankungen lassen sich Kriterien erfassen und auswerten: durch die Sachinformationen des Patienten, durch das szenische Verstehen der Patient-Arzt-Interaktion. Und durch das Einordnen des heutigen Denkens, Fühlens und Handelns in einen biographischen Kontext sowie durch die genaue Ermittlung des eine Symptomatik auslösenden Momentes.

Lassen sich psychodynamische Ursachen für eine Depression ermitteln und stellen diese für Patient und Arzt eine gemeinsame Arbeitsgrundlage dar, ist eine psychotherapeutische Behandlung und nicht die medikamentöse Therapie sicher der Goldstandard. Entgegen vieler Behauptungen fordert die S3-Leitlinie übrigens nichts anderes: bei der leichten Episode erstmal watchful waiting, bei der mittelgradigen Episode Psychotherapie oder Medikation und bei der schweren die Kombination Somato- und Psychotherapie.

Ratio sollte ausschlaggebend sein

Dieser Text möchte die medikamentösen Möglichkeiten in der Behandlung depressiver Erkrankungen keineswegs verteufeln. Im Gegenteil. Sie können nötig und richtig sein. Es ist gut, dass wir die Substanzen auf der einen Seite, und die Effekte von Selbsterkenntnis und innerer Veränderung durch korrigierende emotionale Erfahrungen auf der anderen Seite, zur Therapie nutzen können.

Bei der gründlichen Behandlungsplanung im Sinne des Patienten sollten wir uns von der Wucht des Antidepressiva-Reflexes nicht leiten lassen.

Quellen:

TK Depressionsatlas 2015
S3 Leitlinie Depression
Kirsch-Studie

Zuerst erschienen auf psychosomatikum.com.

 

Bildquelle: Bernard Spragg. NZ, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.10.2016.

180 Wertungen (4.69 ø)
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Gast
und nun noch einmal auf deutsch, Herr Bischoff ?
#52 am 19.10.2016 von Gast
  0
Was heisst hier authentisch. Zitat:The strength of each of the editions of DSM has been “reliability” – each edition has ensured that clinicians use the same terms in the same ways. The weakness is its lack of validity. Unlike our definitions of ischemic heart disease, lymphoma, or AIDS, the DSM diagnoses are based on a consensus about clusters of clinical symptoms, not any objective laboratory measure. In the rest of medicine, this would be equivalent to creating diagnostic systems based on the nature of chest pain or the quality of fever. Indeed, symptom-based diagnosis, once common in other areas of medicine, has been largely replaced in the past half century as we have understood that symptoms alone rarely indicate the best choice of treatment. Patients with mental disorders deserve better. https://www.nimh.nih.gov/about/director/2013/transforming-diagnosis.shtml
#51 am 18.10.2016 von Johannes Georg Bischoff (Psychologe)
  8
Gast
Psychologen sind halt authentisch ;-)
#50 am 18.10.2016 von Gast
  1
@Gast 48 Die Daumen runter sind mir eine Ehre. :-)
#49 am 17.10.2016 von Johannes Georg Bischoff (Psychologe)
  13
Gast
Nicht gerade untypisch und dem Zeitgeist geschuldet, wenn hier 14 - 16 mal nur die Daumen runter gehen, da Konformismus, hier gegenüber einem Herrn Doktor ( ! ), DIE Autorität schlechthin ( nicht falsch verstehen, Herr Dr. Schätzler, Sie schreiben ja manch Wichtiges und manchmal kaum Verstandenes ). Doch der liebe Herr Dr. Schätzler ist immer wieder mal ebenfalls auf Krawall gebürstet und wenn ich ihn richtig verstanden habe, sagt er das auch von sich selbst, nur macht ER es auf die fein rationale Art. Halt Mediziner. Und Herr Bischoff hingegen ist keineswegs immer auf Krawall gebürstet. So darf dann auch die Sache selbst wieder einmal gerne außen vor bleiben ;-)
#48 am 17.10.2016 von Gast
  10
Warum bin ich auf Krawall gebürstet. Siehe: http://www.psychiatrie-erfahrene-nrw.de/downloads/2OKTOBer2016%20Ank%C3%BCndigung%20Bochum.pdf Da könnten einige die ich kannte noch leben.
#47 am 17.10.2016 von Johannes Georg Bischoff (Psychologe)
  30
@ 45 Dr. med. Thomas Georg Schätzler Bei #37 ist ein Link zu einem Interview ḿit Tom Bschor aus dem ich das Zitat habe. hier nochmal: http://www.deutschlandradiokultur.de/antidepressiva-und-ihre-wirksamkeit-tabletten-gegen-die.976.de.html?dram:article_id=367696 Herunterscrollen bis etwa zur Mitte des Artikels.
#46 am 17.10.2016 von Johannes Georg Bischoff (Psychologe)
  26
@ #44 Johannes Georg Bischoff (Psychologe): Dafür reicht der allgemeine Link zur Schlosspark-Klinik aber nicht hin. Prof. Dr. med. Bschor betreibt eine rein psychotherapeutische Klinikabteilung. Er betont zu recht in seiner Homepage die: "Kritische Analyse der kassenärztlichen Psychopharmakaverordnungen". Das schließt aber u. U. sinnvolle Psychopharmaka-Therapien gar nicht aus. Erfreulich bleibt, dass Ihr Kommentar diesmal nicht so sehr "auf Krawall gebürstet" ist, wie sonst. MfG
#45 am 17.10.2016 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  1
#37 Negativbewertungen. Ich kann Ihnen die Studienlage nicht Ändern. Auch wenn sie Ihnen nicht passt. Ich habe nur Tom Bschor den Chefarzt der Schlosspark Klinik in Berlin zitiert. https://www.schlosspark-klinik.de/medizin-pflege/psychiatrie/chefarzt.html Natürlich ist es ernüchternd wenn feststellen muss, dass man jahrelang einer Marketingaktion aufgesessen ist.
#44 am 16.10.2016 von Johannes Georg Bischoff (Psychologe)
  24
Schöner Artikel. Zur Evidenz der von mir nicht mehr eingesetzten Antidepressiva/Neuroleptika/Psychostimulanzien/Tranquilizer siehe das neue Buch von Peter Goetzsche.
#43 am 16.10.2016 von Dr. med. Anatol Rocke (Arzt)
  0
Noch nicht erwähnt, jedoch mit sich mehrenden Hinweisen: Ernährung kann anscheinend stimmungsaufhellend- oder eben auch depressiv wirken. Erst selbst nachlesen, dann (nicht mehr) abtun, ein "Einsteigerartikel" findet sich z.B. auf www.frauengesundheit.com, Demenz + Depression durch....
#42 am 16.10.2016 von Dr. med. Susanne Bihlmaier (Ärztin)
  4
Gast
#34 Ich stimme ihnen vollkommen zu!!!!!
#41 am 15.10.2016 von Gast
  2
Toller Beitrag!
#40 am 15.10.2016 von Wolfgang Ludwig (Physiotherapeut)
  0
In der Ethik wird unterschieden zwischen Handlungskausalität und Ereigniskausalität. Die Ereigniskausalität ist die Beurteilung aus der Beobachterperspektive, auf unser Beispiel übertragen die Perspektive des wissenschaftlich arbeitenden Arztes, der Ursachen aus seinem wissenschaftlichen Modell der Depression auf seinen Patienten anzuwenden sucht. Die Handlungskausalität wird aber von Gründen, die der persönlichen Freiheit des Handelnden, in unserem Fall des depressiven Patienten unterliegen, beherrscht und sind nicht deckungsgleich mit den vom Beobachter angenommen wissenschaftlichen Ursachen einer Depression. Die Ebene des Handelnden, des Patienten und seiner persönlichen Gründe zu erreichen muss Ziel der ärztlichen Bemühungen sein. Der erste Schritt in der Therapie ist somit die Empathie sich auf die persönlichen Gründe des Patienten nicht "normal" zu sein einzulassen und den reinen Beobachterstaus abzulegen, der nur zur Frage führt :"Warum hat der Patient kein Antidepressivum?"
#39 am 15.10.2016 von Dr. med. Jürgen Winter (Arzt)
  0
Psychotherapie ist sicher gut, aber bei wem und vor allem wann?
#38 am 15.10.2016 von Dr. Helmut Fender (Arzt)
  0
Zitatanfang “Dass Depression eine Verschiebung von Neurotransmittern sei, die man durch AD ausgleichen könne, das stimmt mit Sicherheit nicht. Das würde heute auch ein informierter Kollege auch nicht mehr so sehen. ... “Das ist das Ergebnis von Marketing. Das ist eine Kampagne aus den 90er Jahren der pharmazeutischen Industrie, die genau dieses simplifizierende, unzutreffende Modell primär auch unter die Ärzte gebracht hat. Die ärztliche Weiterbildung wurde und wird immer noch in großen Teilen von der Industrie durchgeführt. Die Meinungsbildner sind im großen Umfang finanziell verknüpft mit der Industrie, haben Beraterverträge, bekommen Honorare, bekommen Symposien bezahlt. ... Zitatende Siehe: http://www.deutschlandradiokultur.de/antidepressiva-und-ihre-wirksamkeit-tabletten-gegen-die.976.de.html?dram:article_id=367696 Siehe auch: http://www.zeit.de/zeit-magazin/2016/25/depressionen-psychotherapie-antidepressiva-serotonin-medikamente
#37 am 15.10.2016 von Johannes Georg Bischoff (Psychologe)
  54
Gast
Guter Ansatz, aber lange nicht alles! Dass die ganze Antidepressiva-Ära auf einem Haufen Mist aufgebaut wurde wird, weiterhin, brav unter den Teppich gekehrt. Das Wörtchen Skandal trifft es da wohl am ehesten (und ist dennoch eine wahre Untertreibung!). Dazu kann ich jedem hier das Buch "Die Antidepressiva-Lüge und ihre Folgen" ans Herz legen. Und was ich den Verfechtern mehr als wünsche ist, dass sie endlich den Mut haben die Scheuklappen zu öffnen und sich mal genauer umsehen.
#36 am 15.10.2016 von Gast
  9
Dass eine Besserung nicht so schnell kommt, liegt auch an den langen Wartezeiten auf eine Psychotherapie, bzw. daran dass ein antriebsgeminderter Depressiver die langwierige Therapeutensuche oft gar nicht gebacken bekommt.
#35 am 15.10.2016 von Ernst Soldan (Arzt)
  0
# Triebel: Organische Ursachen sind gar nicht selten sondern oft genug übersehen, angefangen von Selen - und Jodmangel und den Folgen für die Schilddrüse also nicht nur den Hormonhaushalt der Schilddrüse, Müdigkeit bei Unterfunktion und/oder Eisenmangel, schleichende entzündliche Erkrankungen z.B. Bechterew, B-Symptomatik bei koronarer Herzerkrankung - das seien nur ein paar Stichworte, na ja Alkohol und Drogen und Medikamente nicht zu vergessen, insbesondere B-Komplex Vitamine. Nicht zuletzt deswegen haben psychosomatische Kliniker eben auch ganz gewöhnliche Allgemeinmediziner !
#34 am 14.10.2016 von Rainer Kumm (Arzt)
  0
Gast
Die Frage stellt sich wohl nicht nur ob Medikation oder Psychotherapie alleine, ich sehe eher die Schwierigkeit im Verlauf einer depressiven Krankheit,(und sie ist IMMER individuell zu sehen), zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Ansatz zu finden. Keinem Patienten mit Suizidgefahr hilft eine monatelange Warteliste zur Psychotherapie und anschließender wochenlanger Diagnosestellung....
#33 am 14.10.2016 von Gast
  0
Einfach toll. Vielen Dank.
#32 am 14.10.2016 von Dr. med. dent. Andreas Buschmann (Zahnarzt)
  0
Die Frage, warum ein depressiver Patient kein Antidepressivum kriegt, ist so berechtigt wie nur was. Wenn es gute Gründe dafür gibt, kann und muss man die benennen. Schon das Stellen einer vollkommen angebrachten Frage als Reflex und potentiell schädlich zu benennen, scheint mir völlig falsch gedacht. Und wer annimmt, ein depresiver Patient, der es in einer antriebslosen Phase zumindest mal zum Hausarzt geschafft hat, werde mit ziemlicher Sicherheit auch die Kraft und Fähigkeit aufbringen, die dann irgendwann möglicherweise erfolgreich beantragte PT und den ersten Termin wahrnehmen, ist günstigenfalls naiv, wahlweise jemand, der auch beim gebrochenen Bein anregt, man solle sich nicht so anstellen und gefälligst ins KH laufen.
#31 am 14.10.2016 von Richard Joos (Nichtmedizinische Berufe)
  8
Möchtenicht
@#27 auch Antihypertonika heilen keine Hypertonie, sie senken nur den Blutdruck und so geht es weiter ... es ist wie bei einem Auto, das immer mit Vollgas fährt, wenn das Gaspedal leicht angetippt wird und der Fahre denkt, die Reparatur würde darin bestehen, die Handbremse anzuziehen.
#30 am 14.10.2016 von Möchtenicht (Gast)
  3
Sehr gut beschrieben
#29 am 14.10.2016 von Naturwissenschaftler jörg zink (Medizinischer Fachhändler)
  0
Gast
Zur "Zeitenschrift" (Quelle des in #14 verlinkten Artikels): https://de.m.wikipedia.org/wiki/Zeitenschrift Jener Artikel betreibt perfide Meinungsmache, die sich, Insider-wissenschaftlich gekleidet, im Leser-Hirn festzusetzen droht. Nicht zu vergleichen mit der differenzierten Darstellung der häufig fehlgeleiteten Verschreibungspraxis von Antidepressiva durch Herrn Kugelstadt! Der verlinkte Artikel wirkt manipulativ, schürt paranoide Ängste, watscht einseitig SSRI ab (und - auch so ein Reflex - die ach so böse Stimulanzien-Therapie bei ADHS). Die Behandlung depressiver Patienten soll individualisiert erfolgen, nicht immer ist Medikation nötig, wenn, dann sorgfältig ausgewählt und dosiert! Der Arzt braucht eher Ohr und Offenheit für den Patienten als Rote Liste und Rezeptblock, Zeit ist dabei unverzichtbar. Pharma-Verteufelung aber trägt nicht zu geeigneter Behandlung bei!
#28 am 14.10.2016 von Gast
  0
Ja richtig. Um ein anderes Beispiuel zu nehmen, die Medikamentengruppe der "Neuroleptika" wird ja gerne heutzutage "Antipsychotika " genannt, aber sie heilen überhaupt keine Psychosen, sondern unterdrücken einige Symptome, so dass der alte Name "Nervendämpfungsmittel" zutreffender war.
#27 am 14.10.2016 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
  7
Es gibt noch einen Reflex, der vor allem auch bei "wohlmeinenden" Nichtmedizinern weit verbreitet anzutreffen ist, nämlich der "Psychotherapie-Reflex". Ist jemand nicht gut drauf, dann soll er zu einem Psychotherapeuten gehen, der ihm dann erklären soll, wie dieser Defekt zu reparieren ist. Eine Mitverantwortung für Gemütslage und Seelenheil anderer Menschen wird im Gegenzug abgelehnt, denn für Gemütslage und Seelenheil anderer Menschen sind sind - dank gesellschaftlicher Zergliederung - heutzutage nur noch ausgewiesene Speziaisten zustandig. Praktischerweise ist gleichzeitig auch jeder selber an seinem Leiden jeglicher Art schuld denn er könnte ja einfach zu einem Spazialisten gehen und sich "helfen lassen". Eine nette Übersicht dazu ist in "Die Psychofalle: Wie die Seelenindustrie uns zu Patienten macht" von Jörg Blech nachzulesen.
#26 am 14.10.2016 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  10
Fortsetzung: Ungeachtet dessen gibt es sehrwohl Indikationen für Psychotherapie und es gibt auch kompetente Therapeuten, aber die sind dünn gesät und die Wahrscheinichkeit, zeitnah einen zu dem Patienten und seinem Problem passenden Therapieplatz zu ergattern, geht hart gegen Null.
#25 am 14.10.2016 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  0
Na ja, aber was bleibt von der Medikamentenwirkung übrig, wenn der die Betroffene überzeugt ist, dass ihm der Medikament schadet? Dann ist es Antiplacebo.
#24 am 14.10.2016 von Dipl. Math. Lena Seydel (Psychotherapeutin)
  5
Je schwerer die Depression, umso weniger hilft allein Psychotherapie. Ein Termin beim Psychiater mit Gespräch plus Tablette ist schneller zu kriegen als beim Psychotherapeuten. Leider wird oft nur das billigste Antidepressivum in der niedrigsten Dosierung verordnet, wenn es nicht hilft: keine Dosissteigerung, kein Präparatewechsel, denn der Arzt hat Angst vor einem Arzneimittelregress. - Psychotherapie ist nicht effektiver Pharmakotherapie. Negative Psychotherapie-Studien wurden genauso unterdrückt wie negative Pharmastudien. - Pragmatische Vorgehensweise: Anbehandlung durch den Hausarzt mit einem SSRI, falls die Depression nicht allzu ausgeprägt ist. Falls keine ausreichende Besserung: Überweisung zum Psychiater. Überweisung zum Psychotherapeuten nur über den Psychiater/Nervenarzt. Dann werden wenigstens nur die Patienten beim Psychotherapeuten behandelt, die dort behandelt werden müssen, und nicht die, bei denen mit leichten Befindlichkeitsstörungen bequem Geld zu verdienen ist.
#23 am 14.10.2016 von Dr. med. Christian Nunhofer (Arzt)
  16
Ich kann mich dem allgemeinen Lob des Artikels mit seiner sehr differenzierten Betrachtungsweise nur anschließen. Doch die Ergänzung von #15 erscheint mir wichtig: ob und inwieweit es im Einzelfall möglich ist, den veränderten Hirnstoffwechsel noch zu beeinflussen - ohne medikamentöse Langzeittherapie mit entsprechenden Nebenwirkungen - das scheint mir die therapeutische Crux zu sein...
#22 am 14.10.2016 von Dr. med.dent. Horst Landau (Zahnarzt)
  0
Gast
Auf den Punkt gebracht. Danke.
#21 am 14.10.2016 von Gast
  0
Sehr schöner und auch humorvoller Beitrag. Danke! Wann endlich wird Zuhören bei Hausärzten besser honoriert? Bei den KVen stößt man nur auf taube Ohren...
#20 am 14.10.2016 von Uwe Niese (Arzt)
  1
Gut und schön geschrieben, Kompliment. Ich setze Antidepressiva in der Psychosomatische Klinik zwar auch immer wieder ein, aber immer wieder sehe ich auch, was noch hilft und wie man sich als Behandler vom Diktat (Reflex) freimachen kann, etwas Antidepressives zu verschreiben So wird auch das Gespräch mit dem Patienten etwas freier und gemeinsamer und die dann hoffentlich gemeinsame Entscheidung trägt für den Patienten besser.
#19 am 14.10.2016 von Philipp Kubens (Arzt)
  0
Der Beitrag spricht mir aus dem Herzen. Als Heilpraktikerin für Klassische Homöopathie habe ich schon viele depressive Patienten erfolgreich behandelt - natürlich größtenteils mit Hochpotenzen, die zwar stofflich "nichts" enthalten, aber tatsächlich hochpotent sind, wie der Name schon sagt. Ich möchte hier nicht eine Homöopathie-Diskussion anregen. Aber in der Naturheilkunde wissen wir, daß nicht die Krankheit, sondern der kranke MENSCH zu behandeln ist. Meine Depressions-Patienten hatten zu 99,99 Prozent eine sich aus dem Erlebten ergebende Ursache ihrer Krankheit. Das homöopathische Repertorium ist ein Nachschlagewerk, wo man Symptome wie "Traurigkeit", "Kummer" usw. nachschlagen kann und entsprechende homöopathische Einzelmittel verzeichnet sind. Die homöopathischen Medikamente wirken auf Körper und Psyche. Im Laufe meiner über 20jährigen Praxis habe ich den Krankenkassen schon einige Kosten gespart!
#18 am 14.10.2016 von Dagmar Paulik (Heilpraktikerin)
  58
Was für ein toller Artikel!
#17 am 14.10.2016 von Dr. med. Solveig Aupers (Ärztin)
  1
In sehr, sehr seltenen Fällen hat die Depression organische Ursachen. Solche Fälle sieht man, wenn die Praxis nicht spezialisiert ist, garnicht. Ansonsten ist es immer eine Auseinandersetzung mit der Umwelt, in der Regel eine narzistische Störung. Dass Antidepressiva einen sehr starken Plazeboeffekt aufweisen und daher in über fünfzig Prozent der Fälle etwas helfen, ist auch schon lange bekannt. Sie sind ein geeignetes zusätzliches Instrument im Ritual der Arzt- Patientenbeziehung, aber auch nur dann.
#16 am 14.10.2016 von Dr. Andreas Triebel (Arzt)
  27
Schöner Beitrag. Allerdings geht es hier um die mittelschweren Erkrankungen, die nicht zwingend ein Antidepressivum benötigen. Schwere Episoden gehen jedoch nicht ohne Antidepressiva. Wenn es ein Weckruf sein soll, kann ich mitgehen, allerdings gibt es eben genug Fälle, die dieser Medikation bedürfen. Des Weiteren fängt man ja langsam an, die Depression nicht nur als psychische Krankheit zu verstehen, sondern als Ganzheitliche - was wiederum den Stoffwechsel inkludiert. Womit wir wieder bei den verschiedenen Schweregraden sind, in wieweit sie in den Stoffwechsel eingegriffen haben. Man sollte sie definitiv NICHT verteufeln, aber genauso wenig pauschal einsetzen wie Antibiotika....
#15 am 14.10.2016 von Björn Kersting (Student)
  7
Gast
#14 am 14.10.2016 von Gast
  3
Ich empfehle Ihnen dringend einmal das Buch " Listening to Procac" zu lesen und Sie werden sehen, dass ein einfaches Molekül mehr bewirkt als wochenlange Psychotherapie.
#13 am 14.10.2016 von Dr. Manfred Hiep (Mitarbeiter Industrie)
  35
Ich kann den "Antidepresiva- Reflex" quasi aus beiden Sichten betrachten: Als Angehörige eines medizinischen Berufs und als Betroffene. Der Reflex ist bei Kollegen vorhanden, bei Freunden / Familie und natürlich besonders bei denen, die "zahlen müssen": Arbeitgeber, Krankenkasse, MD... Schwierig für Patienten, die durch eine Erwartungshaltung unter Druck gesetzt werden, nämlich, dass mit der Einnahme des richtigen Medikamentes binnen Wochenfrist alles wieder gut wird. Wenn diese Erwartungshaltung und der Druck auch durch Fachleute an den Kranken herangetragen werden, macht es die Situation extrem belastend!
#12 am 14.10.2016 von Susanne Veh (Tierärztin)
  24
Bei Depression; talk sooner, pill later ,
#11 am 14.10.2016 von Mag.Dr.Dr. Thomas Weisz (Psychologe)
  2
Ich möchte mich dem Dank anschließen, sind wir doch langsam auf dem Weg, die Symptomebehandlung gegen Ursachenforschung einzutauschen.
#10 am 14.10.2016 von Uwe Blankenburg (Rettungsassistent)
  1
Gast
Danke! MD, Kasse und dann vielleicht noch der Arzt "zwingen" den Patienten zur Medikamenteneinnahme. Und oft genug ist der Depressive Versuchskanninchen wider Willen. Denn kein Arzt weiß, welches Medikament denn vielleicht gerade bei diesem Patienten den gewünschten Erfolg bringt. Vom Patienten wird Geduld verlangt und Akzeptanz von Nebenwirkungen und nach 6 Wochen schauen wir dann mal... Probieren notfalls das nächste Mittelchen... Es geht wohl nicht anders, aber die Depressiven mit der Lüge zu trösten, "Depressionen sind gut behandelbar", ist mindestens fahrlässig. Dass es Menschen gibt, die mit wiederkehrenden depressiven Episoden und einer irgendwann einsetzenden Dystmymie leben müssen, sollte man nicht verschweigen.
#9 am 14.10.2016 von Gast
  29
Arne Forchheim HP
Ich stelle die o.g. Vorgehensweisen beinahe tgl. In meiner eig. Praxis fest. Nach Lösung einer Ursache setzen Pat oft spontan die Medikation ab (ich weise immer auf die Gefahren und die Konsult. d beh. Arztes hin)und stellen überrascht fest, es gibt ein Leben vor dem Tod. Medis sind für einen best. Zeitraum u. U. sehr gut nutzbar und machen Sinn, wichtig erscheint mir als HP aber eben auch die Einbeziehung körperlicher Reaktionen während der Behandlung da oftmals bestimmte Teile des Bewusstseins unter Medis schlecht oder gar nicht erreicht werden. Ich finde es sehr gut, dass die Verfasserin sehr weit und breit denkt. Vielen Dank dafür.
#8 am 14.10.2016 von Arne Forchheim HP (Gast)
  43
Mein Reden seit Jahren Pillengabe überbrückt die Zeit bis zur Genesung (oder aber leider auch nicht) aus sonstigen Gründen
#7 am 14.10.2016 von Dr. med. Jens Bernhardt (Arzt)
  2
Danke, sprachlich eine Freude - inhaltlich volle Anerkennung des Geschriebenen!
#6 am 14.10.2016 von Dr. med. Mura Kastendieck (Ärztin)
  0
Reflex, das ist Ausdruck des Machbarkeitswahns. Dabei könnte man heute sogar mit den Ergebnissen der Hirnforschung argumentieren, wonach die Veränderung neuronaler Netzwerke ihre Zeit brauchen und einen großen Raum korrektiver Beziehungserfahrungen mit starker Beteiligung der Gefühle. Einer der gewichtigen Vertreter dieser Forschungsergebnisse ist z.B. G. Roth.
#5 am 14.10.2016 von Dipl.-Psych. Bernd Kuck (Psychotherapeut)
  2
Ein wirklich hilfreicher Beitrag. Es ist eben einfacher, schnell mal ein Rezept auszustellen als sich mit dem Ptienten eingehender auseinanderzusetzen. Die Pharmaindustrie dankt es! Allerdings steht die KV in der Pflicht, ausreichend Kapazitäten vorzuhalten für eine zeitnahe Psychtherapie. Wartezeiten von 4 - 6 Monaten wie aktuell in unserer Region sind unzumutbar!
#4 am 14.10.2016 von Herr Andreas Lutz (Gesundheits- und Krankenpfleger)
  15
Der "Antidepressiva-Reflex": gut gesagt. Aber das ist doch bei vielen anderen Diagnosen das selbe. Es spiegelt unser gewissermaßen mechanistisches Denken, das vielleicht in der Technik angebracht ist, aber nicht beim Menschen. Das verblüffende ist, dass dieses Denken auch bei den Homöpathen vorhanden ist.
#3 am 14.10.2016 von Jürgen C. Bauer (Heilpraktiker)
  45
erstaunlich klug beobachtet
#2 am 14.10.2016 von Georg Metz (Arzt)
  0
Gast
Danke, Sie sprechen mir aus der SEELE :-)
#1 am 14.10.2016 von Gast
  0
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