Ohne Eltern in einem fremden Land

10.10.2016
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Hilfe für unbegleitete Flüchtlinge – Ein Interview mit Dr. Elisabeth Kauder über die Situation von Flüchtlingskindern in Griechenland.

Von Mitte August bis Mitte September war Frau Dr. Kauder, Präsidentin der German Doctors und Einsatzärztin, in Griechenland, um den Startschuss zu unserem neuen Projekt zu geben. Wir betreuen dort minderjährige unbegleitete Flüchtlinge psychotherapeutisch. Dies ist nicht nur ungewöhnlich, weil wir uns bisher noch nicht in Europa engagiert haben, sondern auch, da unsere eigentliche Aufgabe die kontinuierliche basismedizinische Arbeit in Armutsgebieten ist, und wir nur in Ausnahmefällen und nur, wenn wir auf gute und verlässliche Strukturen vor Ort aufbauen können, in akuten Krisensituationen aktiv werden.

In diesem konkreten Fall sehen wir die dringende Notwendigkeit zu helfen, haben einen sinnvollen Ansatz und einen verlässlichen Partner gefunden. Frau Dr. Kauder (Internistin und Psychotherapeutin) war mit ihrer Kollegin Frau Eva Feine-Enninger (Psychotherapeutin) vor Ort, um die Mitarbeiter unserer Partnerorganisation ARSIS zu schulen. Angewandt wird die nonverbale Methode der „Expressiven Sandarbeit“, bei der die Teilnehmenden ihre Erlebnis- und Gefühlswelt mithilfe von Figuren und Materialien in Sand modellieren.

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Frau Dr. Kauder, Sie kommen gerade mit Ihrer Kollegin aus Griechenland zurück. Wie viele Sozialarbeiter konnten Sie in der Methode schulen und wie viele unbegleitete Flüchtlinge werden jetzt psychotherapeutisch betreut?

„Während unseres Aufenthalts in Thessaloniki haben wir etwa 50 Freiwillige unseres Projektpartners ARSIS in der Methode der Expressiven Sandarbeit geschult. Die Mitarbeiter von ARSIS sind Sozialarbeiter und -pädagogen und kümmern sich an verschiedenen Orten um die allein gereisten Jugendlichen. Die Schulung beinhaltete einen theoretischen- und einen Selbsterfahrungsanteil. Wir betreuen rund 40 minderjährige unbegleitete Flüchtlinge mit dieser Methode psychotherapeutisch. Die Arbeit wird von den geschulten Freiwilligen weitergeführt. In regelmäßigen Abständen wird ein Erfahrungsaustausch mit den Aktiven über Skype und vor Ort stattfinden.“

Werden noch mehr Jugendliche betreut werden?

„Auf dem Hintergrund dieser ersten Erfahrungen soll dann entschieden werden, ob die Methode auch in weiteren Unterkünften unseres Projektpartners angewendet werden kann.“

Wie haben die Jugendlichen reagiert und wie war es für Sie, mit ihnen zu arbeiten?

„Schon beim ersten Kontakt mit den jungen Flüchtlingen, junge Männer zwischen 14 und 17,5 Jahren hat uns die große Traurigkeit und Verletztheit dieser jungen Menschen sehr berührt. Die Art mit den tiefgreifenden Verletzungen durch Kriegserleben und Flucht umzugehen, war unterschiedlich.

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So haben wir Jungs getroffen, die scheu und zurückgezogen waren und Mühe hatten, Kontakt aufzunehmen. Andere haben ihre Traumatisierung hinter einer Maske der Stärke verborgen. Obwohl es sich in ihrer eigenen Kultur um junge Männer handelte, haben sie sich auf das Sandspiel eingelassen, und was wir zu sehen bekamen, war berührend, auch für die Jugendlichen. Nicht wenige konnten sich kaum von ihren Sandbildern lösen, haben sie stumm und mit Hingabe betrachtet. Sie haben ihre eigenen inneren Bilder vor sich ausgebreitet, sie betrachtet und auch dem mitfühlenden Begleiter offenbart. Häufig konnten wir beobachten, dass die Jugendlichen gelöster den Spielraum verlassen hatten, als sie ihn betreten hatten. Von Mal zu Mal wollten mehr Jugendliche mitmachen. Sie haben erlebt, dass sich auszudrücken mit Hilfe der Bildsprache hilfreich und befreiend ist.“

Was war schwer für Sie zu ertragen?

„Fast überwältigend für uns war es immer wieder, die einzelnen individuellen Schicksale der jungen Menschen zu hören. Die Frage nach der Zukunft musste meist offen bleiben. Die meisten der jungen Syrer wollen wieder zurück in ihre Heimat, wenn dort einmal wieder Frieden herrschen sollte. Nicht selten stellte sich da bei uns ein Gefühl der Ohnmacht ein.“

Können Sie ein konkretes Beispiel geben?

„Ja, ich kann von einem 15-jährigen Jungen berichten. Ich werde allerdings den Namen weglassen. Er stammt aus einer kleinen Stadt in Syrien, die sehr häufig bombardiert wird. Seine Eltern leben noch dort. Immer, wenn er Nachricht von neuen Bombardements erhält, sei er sehr traurig, so berichten uns die Betreuer. Der Junge ziehe sich oft zurück, habe Mühe, zu anderen Menschen Vertrauen zu fassen, immer wieder verletze er sich selbst. Schon bei unserem ersten Besuch fiel er uns auf, weil er eine so abgrundtiefe Traurigkeit ausstrahlte. In der Sandspielsitzung hat er sich intensiv auf die Arbeit mit und im Sand eingelassen. 50 Minuten hat er mit Hingabe gearbeitet. Das Sandbild änderte während des ganzen Prozesses mehrfach radikal.

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So hat er zunächst ein fast märchenhaft schönes Bild gestaltet mit glänzenden Glas-und Metallkugeln und bunten Papierschirmchen. Kaum war er damit fertig, hat er alles radikal entfernt, den Sand festgeklopft, um dann ein Bild mit vielen Bäumen, alle mit Zäunen gesichert, und einem einsamen Pferd darin zu gestalten. Auch dieses Bild wurde weggewischt und es folgte ein gruseliges Kriegsbild mit einer sich verteidigenden und einer übermächtigen, angreifenden Armee. In den Bereich des angegriffenen Landes stellte er Häuser, die er zum Teil umwarf, am Boden liegende Soldaten und mit roten Dekosteinchen stellte er massenhaft Blut dar. Auffallend war, dass der Junge, der zu Beginn der Sitzung traurig und gleichzeitig sehr angespannt wirkte, nach der Sitzung erleichtert und fast gelöst den Raum verließ.“

Wie haben die Sozialarbeiter, die die Methode für Ort anwenden, sich in ihre neue Rolle eingefunden und wie belastend ist das für sie?

„Die Mitarbeiter unseres Projektpartners sind von der Sandspielmethode sehr angetan. Überzeugt hat sie die eigene Erfahrung im Rahmen der Selbsterfahrung und die Reaktionen der Jugendlichen. Sie wünschen sich eine verlässliche Begleitung, sowohl über Skype wie auch vor Ort. Es soll eine Gruppe besonders Interessierter und Engagierter gebildet werden, mit deren Unterstützung ggf. auch Jugendliche in weiteren Unterkünften unseres Projektpartners betreut werden können.

Für die die hauptamtlichen Mitarbeiter von ARSIS, hauptsächlich sehr junge Menschen, ist die Betreuung der jungen Flüchtlinge eine große psychische Herausforderung. Sie wünschen sich auch für sich selbst Unterstützung, am liebsten wollen sie auch für sich u.a. Sandarbeit machen. Darüber denken wir gerade nach.“

Die Expressive Sandarbeit, die Sie für die spezielle Situation in Griechenland adaptiert haben, ist eine anerkannte Methode in Krisensituationen. Auch hier in Deutschland könnte minderjährigen Flüchtlingen damit geholfen werden. Gibt es hierfür konkrete Pläne?

„Mit der Expressiven Sandarbeit ist es möglich, dass Menschen, die Traumatisches erlebt haben, ohne das gesprochene Wort mit Hilfe der Bildsprache spielend Zugang zu sich selbst finden. Das gilt natürlich auch für unbegleitete Flüchtlinge in Deutschland. Der personelle und logistische Aufwand, um die Methode anzuwenden, ist nicht unerheblich. Neben der geeigneten Ausrüstung braucht es zuverlässige Freiwillige und für die Schulung und Betreuung in der Methode versierte Therapeuten.“

Bildquelle: German Doctors

Artikel letztmalig aktualisiert am 13.10.2016.

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Medizin, Psychiatrie
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Gast
Super Methode neben Malen Bilder kommunizieren ohne Worte und Kommunikation befteit
#1 am 29.10.2016 von Gast
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