Was ich bis in die Haarspitzen satt habe!

08.10.2016
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Bis heute betreibe ich die hausärztliche Allgemeinmedizin als „family medicine“ mit Begeisterung. Mein Vorbild ist und war seit meinem 9. Lebensjahr immer wieder unser Berliner Familienarzt für 3 Generationen, Dr. W. Bracht, Chirurg und Hausarzt aus Berufung. Was mich aber massiv stört: Wir Primärärzte werden immer mehr außerhalb unserer Kernkompetenz missbraucht und ausgenutzt.

„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ ist ein Satz, den ich nicht mehr hören und sehen kann! Denn verdienen kann daran nur die Pharmaindustrie, der Großhandel oder die Apotheke. Für uns bedeutet dieser Satz nur Mehrarbeit und völlig überflüssige Fragen, die uns vom patientennahen Versorgungs- und Behandlungsauftrag abhalten.

Entweder sind rezeptfreie Medikamente (OTC = „over the counter“), die ohne Probleme „über den Ladentisch“ verkauft werden dürfen, ohne unser ärztliches Zutun wirklich harmlos, unbedenklich, neben- und wechselwirkungsfrei, oder sie sind so bedenklich und unsicher, dass man jederzeit einen Arzt (kostenpflichtig?) dazu befragen müsste.

Die gesetzlichen Krankenkassen lachen sich dabei ins Fäustchen: Beim pauschalen Hausarzt-Quartalsumsatz müssen alle Fragen rund um die Selbstmedikation ebenso kostenlos wie umfassend erörtert werden. Vertragsärzte haften nun mal für die Erfüllung des Behandlungsvertrags, auch bei mündlichen Auskünften und scheinbaren Lappalien. Für die Bundesregierung, Gesundheitspolitiker jedweder Couleur, Medien und Öffentlichkeit ist die Welt damit in Ordnung: Die „gutverdienenden und vermögenden“ Hausärzte werden es schon richten, denn Fachärzte verweisen bei derartigen Fragen immer auf die Hausärzte. 


Bescheinigungen und Zeugnisse

Was sollte ich als Arzt in meiner medizinischen Tätigkeit seit 1975 nicht schon alles bescheinigen! Schimmelpilze in der Wohnung, Hunde oder keine Hunde in der Wohnung, unzumutbarer Lärm im Haus und/oder auf der Straße, Umzug ärztlich erforderlich, Auszug auf keinen Fall, Haustierhaltung ja/nein/medizinisch erforderlich, Reise- und Expeditionsfähigkeit nein/ja, Tauchtauglichkeit („ein Taucher, der nicht taucht, taucht nix“), bio-psycho-soziale Behinderungen, Einschränkungen, Handycaps, rollstuhl-, fahr-, flug- und fußgängertauglich usw. usf.

Außerdem musste ich bis zum vergangenen Jahr sogar Anträge bescheinigen, die dann die Antragsstellung zur Gewährung eine REHA ermöglichten. Und die Liste ist damit noch lang nicht zu Ende. Auch unzählige Schul- und Prüfungs-(un)fähigkeitsbescheinigungen, Verhandlungs-, Vernehmungs- und Haftfähigkeitsbescheinigungen, Trennung- oder Nichtrennung von Eltern, Kindern, Partnern und Lebensabschnittsgefährten, schul-, sport- und schwimmtauglich etc. pp. gehören dazu.

Massenweise Krankschreibungen bei TUI-fly

Der Gipfel sind die jüngsten Massen-Krankschreibungen beim Reiseveranstalter TUI-fly. Weil man offensichtlich zu feige und zu unentschlossen war, einen offenen Arbeitskampf zu führen bzw. ein Streikaufruf aussichtslos erschien, wurde reihenweise das ärztliche Vertrauensverhältnis missbraucht, um sich durch einigermaßen authentische Symptomschilderung ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen zu erschleichen. Das ist meines Erachtens Betrug und untergräbt ehrliche, unvoreingenommene Arzt-Patienten-Beziehungen nachhaltig. Echte Symptome erscheinen so nicht mehr glaubhaft und wirklich Kranke werden dann nicht mehr angemessen krank geschrieben.

Schuld sind immer die Ärzte

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Ebenso wie sich Kettenraucher mit unbehandelter Hypertonie, Adipositas, metabolischem Syndrom, Hepatopathie und Nephropathie ihren Myokardinfarkt oder Schlaganfall keinesfalls selbst erklären können, sondern lieber den behandelnden Arzt dafür verantwortlich machen wollen, gibt es in der Gesellschaft den Trend, grundsätzlich immer die „Anderen“ verantwortlich zu machen. Eigeninitiative, Eigenverantwortung und Selbsthaftung für das, was man tut oder unterlässt? – Fehlanzeige!

Selbst im kollegialen Miteinander: Die Verantwortung für Anamnese, Untersuchung, Differenzialdiagnostik und differenzierte Therapiemaßnahmen wird mehr und mehr abgegeben und von sich gewiesen. Sollen doch die anderen Blut abnehmen, Labor-„Latten“ veranlassen, zum dringend notwendigen CT, MRT, PET, SONO und Fachkollegen überweisen, teure Pharmako- und Physiotherapien veranlassen bzw. den wirklichen Spezialisten für seltene Krankheitsbilder („orphan diseases“) mühsam heraussuchen und finden?

Entsolidarisierung?

Es ist wie bei Samuel Shem in „House of God“ mit dem „Gomer“ („get off my emergency room“): Alle versuchen, Ihren Arbeitsbereich in Klinik und Praxis von störenden Patienten- und Fachkollegen-Interessenkonflikten frei zu halten und verlieren dabei den Blick für die Komplexität, Mehrdimensionalität und Funktionalität des Gesundheits- und Krankheitswesens bzw. die umfassenden medizinischen Bewältigungsstrategien der Conditio Humana.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 

Bildquelle: Eric Sonstroem, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 13.10.2016.

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Cool bleiben! Ich habe meine Allg.praxis seit über 25 Jahren und habe auch Standespolitik gemacht. 5 bis 25 Euro für eine Bescheinigung (GOÄ abgerundet) müsst ihr schon nehmen! Und wenn eine Stewardess kommt und sagt, sie hätte Tubenkatarrh oder ein Pilot Kopfschmerzen, können die damit nicht fliegen. Wenn hundert andere das gleiche bei anderen Ärzten erzählen, kann ich doch nichts dafür! Ich bin der Arzt ihres Vertrauens und muss ihnen glauben. Und wenn sie mein Vertrauen missbrauchen, soll ich mich da ärgern? Krieg' ich ja Burnout! Und so viele Fragen nach Nebenwirkungen sind das ja nun auch wieder nicht. Ärgert euch nicht, wo Ihr nichts ändern könnt. Und wo Ihr was ändern könnt, da arbeitet mit! Dr. Roland Reininghaus, Berlin
#34 am 13.10.2016 von Roland Reininghaus (Arzt)
  0
Gast
# 32 : Interessant, Sie so auch ein wenig persönlich weiter kennenzulernen, da man fachlich - sicher eher minder als mehr, da nur Gast - schon etwas vertraut ist. Und zu Ihrem letzten Satz : Sicher immer auch besser als Schlapp hatt´n Hut verloren, hmm
#33 am 13.10.2016 von Gast
  2
@ anonymer Gast #28: Nee, ich habe nur "Haare auf den Zähnen", wie man so schön sagt, und natürlich auf meiner Tastatur! Ansonsten halte ich es mit Udo Lindenberg: Ohne Hut nix gut! MfG
#32 am 13.10.2016 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  0
Klasse!! Aber es wird nichts ändern, da die massgeblichen Stellen so etwas nicht lesen und sich auch dafür weniger interessieren. Es ist ja bisher immer so ganz gut gelaufen und alle Kommentare aus der Berufs- und Sozialpolitik sind nur halbherig mit dem Tenor: da sollte man mal etwas ändern...! Die Massenkrankschreibungen der letzten Woche bei TUIfly und Air Berlin beschämt mich zutiefst und diskreditiert den ärztlichen Berufsstand massiv!!!! Wo bleibt da der ärztliche Dienst der Kassen? Krankschreibungsformulare sind Beurkundungsformulare gleich zu setzen und dort Unwahrheiten zu bescheinigen - wurde zwar schon immer von gewissen Kollegen praktiziert - ist ein krimineller Akt , strafbar und verursacht erheblichen Wirtschaftlichen Schaden. Ein Jurist hat mir mal gesagt: Ihr Ärzte und eure Moral !! Wenn ich eine Bescheinigung brauche, dass ich im 3. Monat schwanger bin... bekomme ich die !!! Zitat Ende !!!
#31 am 13.10.2016 von Dr. med. Franz Mayer jun. (Arzt)
  0
Wie kann ich das auf facebook veröffentlichen, Öffentlichkeit natürlich?
#30 am 13.10.2016 von Dr. med. Irmela Eckerlin-Wirths (Ärztin)
  0
Ich habe 1977, mit 29 Jahren als damals praktischer Arzt eine Praxis in einem gut versorgten Gebiet gegründet, vorher als totales greenhorn im Spessart meine ersten Schritte in die Basismedizin gemacht. Ich wusste, was mich in der eigenen Praxis erwartet, es wurde im Lauf der Jahre allerdings immer skuriler, dennoch hatte ich die Möglichkeit, meinen ganz eigenen Stil als Allgemeinmediziner zu praktizieren: nicht jedem Anspruch zu folgen, , NEIN zu sagen - mit Konsequenzen. Aber auch mehr zu machen als in der Gebührenordnung vorgesehen, JA zu sagen als Anwalt meiner Patienten bei offensichtlichen Ungerechtigkeiten von Kassen, Rentenversicherung, von Fehlleistungen von Kollegen oder Kliniken. Das war nicht Stress, das war mein Beruf, mitten im prallen Leben. Und gerade schön war es, und die 5 Kinder, die in diesem Leben aufwuchsen, waren mit dabei und sind es mit den Enkeln immer noch. Love it, leave it, or change it.
#29 am 12.10.2016 von Dr. med. Wolfgang Huber (Arzt)
  0
Gast
Haben Sie denn überhaupt Haare auf dem Kopf, Herr Dr. Schätzler ? Ich kann das soo nicht zweifelsfrei ausmachen. Wenn nicht, ist es aber gleichwohl nicht so schlimm.
#28 am 12.10.2016 von Gast
  9
#24; natürlich ist Wikipedia keine Primärliteratur, sie fasst Primärliteratur aber zusammen. Siehe auch meinen Kom. zu Sex ... vom 26.8. !
#27 am 12.10.2016 von Joachim Bedynek (Chemiker)
  4
Kenne die Probleme aus der eigenen Praxiszeit ( 1978 - 2004 ) und habe damals schon den Spruch gekürt: Der aufgeklärte Patient sucht für seine Gesundheit den Heilpraktiker auf und benutzt für das soziale Netz ( Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung u.a. ) den Arzt
#26 am 12.10.2016 von Dr Paul-Ulrich Eckhoff (Arzt)
  3
@ #24: Der Verlag S. Fischer brachte unter der Reihe Conditio humana eine Fülle von Literatur (u.a. Sigmund Freud - Studienausgabe) heraus, die gerade nicht statisch "die unveränderliche Natur des Menschen" beschreibt. WIKIPEDIA ist übrigens keine Primärliteratur! @ #23: Von Ihrem "Dienst nach Vorschrift" und "wer Hausarzt wird, der weiß doch was auf ihn zukommt" war bei mir, bitteschön, 'WO' die Rede? MfG
#25 am 12.10.2016 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  1
zu # 22: Die Conditio Humana meint die Natur als Grundbedingung des Menschen auf der Erde, auch wenn der Begriff von manchen bekämpft wird. Siehe Wikipedia mehrfach.
#24 am 12.10.2016 von Joachim Bedynek (Chemiker)
  3
Gast
Na ja, Dienst nach Vorschrift ist genauso wenig wünschenswert wie für alles verantwortlich gemacht zu werden. Irgendwo in der Mitte wäre vermutlich die Vernunft! Und wer Hausarzt wird, der weiß doch was auf ihn zukommt.
#23 am 12.10.2016 von Gast
  4
Schluck! Warum wollen vereinzelte Kommentatoren mir die Worte im Mund herumdrehen? Sie haben meinen Beitrag gar nicht gelesen? #20: Ging es mit etwa um "Lamentieren" und "Leichenschau"? #17: Die "Conditio Humana" beschreibt onto- und phylogenetisch die Veränderbarkeit und Anpassungsfähigkeit des Menschen - oder haben Sie Literaturbelege für das Gegenteil? #16 Es ging mir nur um die hausärztliche Profession und nicht um ärztliche "Golfplatz"- oder Facharzt-Bekanntschaften. Und warum, in aller Welt, sollte ein Hausarzt/-ärztin mit über 50 Stunden Wochenarbeitszeit nicht eine Familie gründen dürfen, "ein gepflegtes Anwesen, ein ordentliches Auto" sein Eigen nennen oder ein von Ihnen geschmähtes "bebautes Wochengrundstück" besitzen? Vertragsärzte vergleicht man betriebswirtschaftlich nicht mit angestellten Berufsgruppen (leitende Angestellte, Manager, Banker etc.), sondern mit Klinik-Oberärzten und deren Monatsgehältern mit Arbeitgeberanteilen. Alles andere wäre Unfug!
#22 am 12.10.2016 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  2
Ärztin
@20: nicht doch! Deswegen wird wohl keiner über Sie herfallen. Klare Frage klare Antwort: Die Leichenschau und das Ausfüllen der Todesbescheinigung gehört wie einige andere Dinge auch tatsächlich (!) zu den Aufgaben eines Arztes und ist nicht eine ausserfachliche, unangemessene oder unnötige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme wie die welche Herr. Dr. Schätzler und die anderen Kommentatoren aufgezählt haben und welche ein Arzt auch noch gratis durchführen soll. 1. Sie ist aus juristischen und medizinischen Gründen zwingend erforderlich. 2. aus juristischen und medizinischen Gründen muss sie zwingend von einem approbierten Arzt durchgeführt werden. 3. Deshalb wird der Arzt auch dafür bezahlt (zwar ist es nicht soviel dass man davon reich wird (etwa 15-30 €) das deckt oft nicht einmal den Verdienstausfall für diese Zeit, geschweige denn Fahrtkosten usw. aber immerhin sollen wir das nicht auch noch gratis machen)
#21 am 12.10.2016 von Ärztin (Gast)
  3
Gast
Fehlt noch das Lamentieren, dass auch noch die Leichenschau gemacht werden muss. Das Leben ist nun mal facettenreich und als Allgemeinmediziner sollte man doch mitten im Leben stehen! So, jetzt könnt ihr über mich herfallen!
#20 am 12.10.2016 von Gast
  13
Es ist leider so, dass die Menschen immer unmündiger (gemacht) werden und in dem Fall müssen es die Ärzte ausbaden. Die Kaskadierung ließe sich unendlich fortführen und auf jeden Bereich ausdehnen.
#19 am 12.10.2016 von Yvonne Heinrich (Heilpraktikerin)
  0
Gast
Ein kleiner Bericht aus dem täglichen Leben....
#18 am 12.10.2016 von Gast
  0
Wenn Herr Dr. Schätzler die Conditio Humana anführt, dann gibt er doch zu, dass es eben die unveränderliche Natur des Menschen ist, so viel wie möglich umsonst zu erhalten. (Der Hausarzt ist aber auch die kompetenteste Institution für die vielen Bescheinigungen!). Höhere Vergütung und höhere Eigenbeteiligung sind jedoch dringend vonnöten! Krankschreibungen für TUI-fly-Streik sind m. E. aber ungeheuerlich!
#17 am 11.10.2016 von Joachim Bedynek (Chemiker)
  8
Dr. med. Klaus Lüben
Das Jammern der niedergelassenen Ärzte rührt mich allmählich zu Tränen, müssen doch alle offensichtlich am Hungertuch nagen, so nicht jede kleinste ärztliche Leistung oder Bescheinigung in bare Münze umgerubelt wird. Hier eröffnet sich mir allerdings ein Widerspruch. Die freipraktizierenden Kollegen, die ich kenne, bzw. mit denen ich beruflich zu tuen hatte, machten nicht den Eindruck. Jeder hat ein gepflegtes Anwesen, ein ordentliches Auto oder zwei und der eine oder andere nutzt zusätzlich ein eigenes bebautes Wochengrundstück (teilweise mit Boot) an der deutschen Küste oder auch weiter südlich. Ich weis, dass keiner das geschenkt bekommen hatte, sondern dafür sehr viel am Tage aber auch teilweise nachts arbeiten musste. Bedenken Sie jedoch bitte, es gibt andere Berufsgruppen, die mit ähnlich hohem Aufwand ihre Berufsausbildung abgeschlossen haben, aber im Angestelltenverhältnis wesentlich weniger einnehmen, als Sie durch Ihre Praxis. Diese Angestellten machen teilweise unbezahlte Überstunden, um ihren Job nicht zu verlieren. Das Jammern hat wahrscheinlich erst ein Ende, so es in Deutschland wieder arbeitslose Ärzte gibt. Das wird jedoch sobald nich geschehen. Zugegeben, der Verwaltungsaufwand steigt teilweise ins Unermeßliche, hier wären Korrekturen wünschenswert, aber er dient auch der dringend notwendigen Qualitätssicherung und Qualitätskontrolle und somit unseren Patienten, für die die teilweise sehr gewinnorientierte Medizin auch immer gefährlicher wird. Vielleicht sollte sich mancher der bedauernswerten niedergelassenen Kollegen den Hippokratischen Eid nochmals in Erinnerung rufen und er wird erkennen, dass er schon früher gewußt hat, was er da mit seiner Berufswahl auf sich nimmt.
#16 am 11.10.2016 von Dr. med. Klaus Lüben (Gast)
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Gast Joachim Danner
Ich bin kein Arzt sondern Prozess-, Anwendungstechniker + Maschinenbauer, jedoch verstehe ich die Situation gut und kann nur zustimmen. Inzwischen ist es bei mir sogar so, dass ich den Erfolg eines Versuchs garantieren und bestätigen soll, obwohl bei mir ohnehin gilt "Zahlbar nach Leistung und Gutbefund", also wie Ihr einfach Zauberstab raus....und los. Aber was ist zu tun....., gar nicht einfach in Eurer Situation. Ich versuche es in den Erst- und Vorgesprächen einfach mit der Wahrheit.., auch dass ich nicht zaubern kann. Verliere aber dann Projekte, Gott sei Dank aber nicht alle und einige bedanken sich sogar dafür. Ich wünsche Euch jedenfalls weniger Ärger, die Ruhe des Herzens und die Besonnenheit des Geistes bei Euren Entscheidungen und Humor beim "JU-Schreien" und freut Euch, dass Eure "Kunden" nicht ausgehen, werdet immer gebraucht, jetzt mehr denn je! VG Euer Gast J. Danner, Tettnang
#15 am 11.10.2016 von Gast Joachim Danner (Gast)
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Siegel (Ärztin f. Psy. & PT)
Ich kenne das auch als Psychiaterin. Die Heimaufsicht verlangt, dass ich die Medikamente der Heime in deren Doku eintrage (weigere ich mich), die Werkstätten wollen Bescheinigungen über den Arztbesuch (bekommen meine Patienten kostenlos) dazu Medikamentenpläne für Kurzzeitpflege, Urlaub, diverse Dienste (ja), Diagnosebescheinigungen für den LWL (ja), Begleitbescheinigungen, Autismusanträge, Wiedersprüche bei der Ablehnung einer Kur, eines Hilfsmittels, eines behinderunggerechten Fahrrades, Piercingerlaubnisse, Einzeltransportbescheinigungen, eine Bescheinigung über gutes Sozialverhalten (hier reicht die Aussage des Hauarztes, der den Patienten vermutlich seit der Kindheit kennt nicht), ... Die Bescheinigungswut hat definitif zugenommen. Für mich ein falsches Sicherheitsdenken. Wir brauchen mehr Eigenverantwortung auch bei Patienten und deren Angehörigen, mehr Mut und weniger juristische und bürokratische Einmischung.
#14 am 11.10.2016 von Siegel (Ärztin f. Psy. & PT) (Gast)
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Wunderbar, mir aus der Seele gesprochen. Und wenn ich versuche, ganzheitlich mit meinen Patientinnen und ihren Familienangehörigen zu arbeiten, wird mir das nicht nur nicht bezahlt, sondern teilweise auch noch verboten. Verwaltungsaufgaben nehmen mir zunehmend mehr Zeit und Energie für Patienten.Bestes Beispiel : die neuen Krebsnachsorgebögen die jedesmal überflüssigerweise komplett ausgefüllt werden müssen. Und während Anwälte für das Sichten von Unterlagen alleine schon über 200 Euro verlangen dürfen, machen wir die gesamte Verwaltung und auch die Beratungen, Familientherapiegespräche, Paartherapiegespräche und Psychosomatischen Gespräche für Kleingeld. Ich mache meinen Beruf noch immer gerne, weil ich die Menschen ungeheuer spannend finde und viele wirklich nette Patientinnen habe, aber es gehört eine gehörige Portion Selbstausbeutung dazu um heute noch ein zuhörender und beratender Arzt zu sein. Das war in meinen Anfangszeiten deutlich einfacher.
#13 am 11.10.2016 von Dr. med. Ilka Funke-Wellstein (Ärztin)
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Tröstlich, dass es nicht nur Kinderärzten so geht - wir sind eben auch für alles von Erziehungsproblemen bis zur Ehescheidung, Reiserücktrittsversicherung (nicht Reiseberatung, das kann ein Reisebüro oder der Patient selber, dass er weiß, das ein einmonatiges Kind in die Karibik gehört, natürlich alles ohne vorherige Impfungen) bis Schulrückstellung und zur Erfüllung diversester Wünsche ("ich brauche sofort ein Inhaliergerät") da, sondern das auch noch ohne Wartezeit und Wochen- bis Sonntags, und wehe wir erdreisten uns, im Nachhinein eine Versicherungskarte einzufordern... Wunderschön formuliert und aus tiefstem Herzen geteilt...
#12 am 11.10.2016 von Dr. med. Daniela Heuschmann (Ärztin)
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Dem Artikel kann ich nur zustimmen, die Eigenverantwortlichkeit vieler Menschen lässt zu wünschen übrig. Allerdings ist es auch ein gesellschaftliches Problem, dass sich Menschen zunehmend hilfloser in dieser komplexen Gesellschaft fühlen. Da ist ein Coping durch Therapeuten gefragt.
#11 am 11.10.2016 von Matthias Reikowski (Heilpraktiker)
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Ab 18 Jahren verlangte das Gymnasium , auf dem meine Töchter waren, für ein Fehlen während einer KJausur ein ärztliches Attest. Weder ihr noch mein Wort waren für die Schule anscheinend glaubwürdig. Ich finde diese Bescheinigungen völlig unnötig und frage mich auch, ob Ärzte nix besseres zu tun haben, als einem vergrippten Teenie zu bescheinigen, dass er zu hohes Fieber hat, um eine Mathearbeit zu schreiben? In den Siebzigern und Achzigern hat das bei mir keiner verlangt, kann es sein, dass unsere Gesellschaft allgemein misstrauischer geworden ist?
#10 am 11.10.2016 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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Gast
Ich bin zwar kein Arzt sondern "nur Heilpraktikerin" gebe aber den Ärzten die so denken in jeder Hinsicht recht. Brigitte Impekoven HP
#9 am 11.10.2016 von Gast
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Bescheinigungen und Atteste ja, aber nicht unbezahlt. Sofern es keine gesetzliche Gebührenabrechnung gibt, also für Reiserücktrittversicherungen, AU-Bescheinigungen für Fitness-Studio oder Familienversicherte etc., Privatliquidation in Abhängigkeit von Zeitaufwand und Haftungsrisiko. Nicht vergessen: vorher schriftliche Kostenübernahmeerklärung und u. U. Vorkasse, sonst haben Sie die Arbeit und kein Entgelt.
#8 am 11.10.2016 von Dr. med. Bodo Mees (Zahnarzt)
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An Gast: Nicht mutig genug den Namen anzugeben? Spricht ja dann wohl zur Genüge für sich........
#7 am 11.10.2016 von Dr. med. Wolfgang Schötz (Arzt)
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Gast
Der Arzt -bzw. die Profession der Medizin- hat strukturfunktionalistisch gesehen die alleinige Definitionsmacht über Gesundheit und Krankheit, und dazu gehört das Ausstellen von Bescheinigungen und Beratungen aller Art, die mit eben diesem Thema zu tun haben. Die Kompetenz und das sozialversicherungsrechtlich verankerte Recht dazu ist die eine Seite, und die andere dann eben auch, dass das ziemlich lästig werden kann. Natürlich kann man im Rahmen der Neuverteilung von Aufgaben darüber nachdenken, ob nicht solche Tätigkeiten auch von speziell ausgebildeten Physician Assistants oder akademisch qualifizierten Pflegekräften mit entsprechender Expertise übernommen werden können. In Skandinavien etwa gibt es pflegerisch geführte Ambulanzen, in denen Ärzte nur eine beratende Funktion haben. Aber dann ist sofort wieder das Geschrei der ärztlichen Standesvertretungen groß, die das als Eingriff in ihr alleiniges Recht zur Heilkunde betrachten. Was also tun?
#6 am 11.10.2016 von Gast
  12
stimmt alles genau! was können wir tun? ganz einfach: mediziner müssen wieder ärzte werden! alles was nicht ärztlich ist, an die politclowns zurück! man denke nur an ulla schmidt, rösler (!), bahr und wie sie alle heißen!
#5 am 11.10.2016 von Dr. med. Gernot Dr. Eysselein (Arzt)
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Als Kollege, ebenfalls FA f.Allgem.Med., habe ich bei der Lektüre tief durchgeatmet. Ich bin nicht der Einzige! Das Schlimme ist ja wirklich nicht nur der individuelle sondern der politische und gesellschaftliche Missbrauch des Arzt-Patient-Verhältnisses. Und letztlich geht es nur um einen Verschiebebahnhof für Verantwortung,- selbst bei Patienten! Danke Herr Kollege!
#4 am 11.10.2016 von Patrick Feldmann (Arzt)
  0
Hundert Prozent. Zum Gast: NEIN, als Arzt habe ich nicht die Aufgabe Haustiere zu bescheinigen, Nachbarschaftsstreitigkeiten zu attestieren und diverse Absurditäten mehr, die in atemberaubender Weise in einen Kontext zum Thema Gesundheit und damit in die Zuständigkeit des Hausarztes gebracht werden. Inzwischen hat man wirklich oft den Eindruck als Manager für Lebensuntüchtige zum Spottpreis mißbraucht zu werden- ein Coach kostet pro 45 min. mindestens 100 Euro, Preis nach oben offen... Mit Medizin und Arztsein hat das nichts mehr zu tun. Danke für die so treffende Darstellung.
#3 am 11.10.2016 von Dr. med. Heike Arndt (Ärztin)
  4
Dieser Beitrag gehört ganzseitig flächendeckendeckend in in alle großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen!
#2 am 11.10.2016 von Klaus Rathnow (Arzt)
  5
Gast
Andererseits, wer soll es denn sonst machen? Ist es nicht der Hausarzt, der den Patienten am besten kennen sollte?
#1 am 11.10.2016 von Gast
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...ist unter angemessener Therapie und Risikoaufklärung nicht verwehrt, weiterhin sexuell aktiv zu sein. Denn die mehr...
Seit Mitte der 1980er-Jahre wurde dazu die gesamte erwachsene Bevölkerung des Landkreises Trøndelag mehr...
Es reiche als positive bio-psycho-sexuelle Identitätsbildung also nicht hin, lediglich die Kategorien mehr...

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