Arztqualitäten

05.10.2016
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Serine ist im letzten Semester ihrer Ausbildung zur Allgemeinmedizinerin. Da in Frankreich oft Hausärzte die gynäkologische Betreuung von Frauen übernehmen, verbringt sie die letzten sechs Monate ihrer Facharztausbildung in der gynäkologischen Notaufnahme.

Bevor wir die Patientin aufrufen, erklärt sie mir kurz, dass sie das junge Mädchen bereits letzte Woche betreut hat. Die 18-Jährige hatte zu Hause einen Schwangerschaftstest gemacht, der positiv ausgefallen war, und sich ein paar Tage später mit Blutungen in der Notaufnahme vorgestellt. Der Verdacht auf eine Fehlgeburt schwebte im Raum, da jedoch sowohl ein erneuter Urin- als auch ein Blut-Schwangerschaftstest auf beta hCG, ein nur während der Schwangerschaft gebildetes Hormon, negativ ausfiel, war es wohl eher Fehlalarm. Der Schwangerschaftstest zu Hause war falsch-positiv. Die Blutung keine Abbruchblutung, sondern die ganz normale Menstruation.

Da die Patientin bislang nicht von einem Gynäkologen betreut wird und zudem gern schwanger werden möchte, hat Serine sie heute zu weiteren Vorsorgeuntersuchungen bestellt. Tests auf Antikörper gegen Röteln und Toxoplasmose, die Verabreichung von Folsäure und Vitamin D. Eigentlich ist das nicht die Aufgabe einer Notaufnahme im Krankenhaus, doch im Sinne der verantwortungsvollen Patientenversorgung macht die junge Ärztin eine Ausnahme. Ich bewundere ihre Geduld und Ruhe während der Patientengespräche und kann gut verstehen, warum das junge Mädchen gern zu dieser Ärztin zurückgekommen ist.


Verständnis und Mitgefühl

Auch die nächste Patientin ist bei Serine in guten Händen. Bei der Diagnosestellung – eine genitale Herpesinfektion – macht die 26-jährige Patientin muslimischen Glaubens sich in erster Linie Gedanken um ihre Ehe: Wie kann es sein, dass ihr Mann sie ein Jahr nach Eheschließung mit einem sexuell übertragbaren Virus ansteckt, obwohl er ihr versichert hat, genau wie sie jungfräulich in die Ehe gegangen zu sein? Und ihr Treue geschworen hat, versteht sich. Serine zeigt Verständnis und Mitgefühl. Und tut was sie kann: Sie klärt die Patientin gründlich über das Virus auf. Theoretisch ist es möglich, dass der Mann der Patientin schon länger Träger ist, das Virus aber erst kürzlich wieder ausgebrochen ist, so dass er es jetzt an seine Frau weitergegeben hat. Alles weitere wird die junge Frau privat regeln müssen ...

Madame Legendre ist Ärztin eines anderen Schlags. Während die stark geschminkte und aufgetakelte Frau an die 60 mit ihrer tiefen Raucherstimme zu mir herb-bestimmt aber freundlich ist, habe ich beim Beobachten ihrer Patientengespräche das Gefühl, dass die Arbeit ihr mehr Last als Erfüllung ist. Eine 22-Jährige mit Vorgeschichte einer Syphilis-Infektion wurde von ihrem Hausarzt wegen, wie die Patientin es beschreibt, „juckenden Pickeln da unten“ geschickt. Die Aufforderung, sich unten rum frei zu machen, kommt von Madame Legendre ohne den Hinweis auf eine kleine Umkleidekabine in der Ecke. Erst als die Patientin bereits in Slip vor dem Schreibtisch steht, kommt die grantige Bitte, doch bitte die Kabine zu nutzen, und als die Patientin nicht umgehend reagiert (sie ist noch damit beschäftigt, ihren linken Fuß aus der engen Jeans zu befreien), wird sie angeraunzt, ob sie verstehe, was die Ärztin sage. Obwohl offensichtlich ist, dass kein sprachliches Verständigungsproblem vorliegt. Mürrisch diagnostiziert die Ärztin Feigwarzen. Während der Untersuchung hat sie die Patientin angewiesen, selbst mit den Fingern ihre Schamlippen zu spreizen. Das Auftragen der Creme erklärt sie professionell: detailliert und genau, indem sie eine kleine Zeichnung anfertigt. Fast schon in einem genervten Ton weist sie die Patientin zusätzlich an „jetzt keinen ungeschützten Verkehr mehr“ zu haben, „das hier ist hochansteckend, verstehen Sie?“. 

An der medizinischen Betreuung lässt sich nicht meckern, die Diagnose ist gestellt, die Therapie besprochen. Bei der Diagnosestellung liegt die gestandene Ärztin auch mit Sicherheit öfter richtig als ihre junge Kollegin Serine. Aber was für ein Patientenumgang. In der Uni haben wir gehört, dass mehr als 50 % der Diagnosen schon nach einer guten Anamnese, dem ärztlichen Aufnahmegespräch, gestellt werden können. Doch wie soll das möglich sein, wenn kein Vertrauensverhältnis zustande kommt? Ob dann die Patientin überhaupt alles preisgibt, was sie bewegt? Gerade in der Gynäkologie, wo Gespräch und Untersuchung oft schambehaftet sind.

„Always look at the bright side of life“

Ich bin sehr dafür, dass Leute, die beruflich frustriert sind und keinen Spaß mehr an ihren Aufgaben haben, versuchen, einen neuen Weg einzuschlagen. Oder auch nur den Arbeitgeber oder die Abteilung wechseln. Denn meiner Beobachtung nach schlägt andauernder Frust sehr auf die Stimmung und belastet somit den Umgang mit Mitmenschen. Vermutlich lässt sich das aus meiner Perspektive (jung und frei und unabhängig) leichter sagen, als es für andere (mittleren Alters, Kinder zu versorgen, Haus abzubezahlen) möglich ist. Schön wäre es dennoch. Aus Rücksicht auf die Kollegen, Patienten, Kunden, Familie. Und irgendwie auch aus Achtung und Respekt für die eigene Person. Wir haben nur dieses eine Leben, da wäre es doch schön, wenn wir unser Bestes geben, es so zu gestalten, dass wir zufrieden sind. Und wenn ein radikaler Wegwechsel nicht möglich ist, trotzdem das Beste draus machen und im Gleichgewicht bleiben: il faut toujours essayer de voir le Bon Côté des Choses.*

*zu Deutsch: „Man muss immer versuchen, die positive Seite der Dinge zu sehen.“ Quasi „always look at the bright side of life“. Falls ihr schon nach Ideen für Weihnachtsgeschenke sucht: Die Hector-Bücher von François Lelord gefallen mir außerordentlich gut. Der Psychiater verpackt einfache aber umso wichtigere Weisheiten in Form von Geschichten, die in einem fast kindlichen Erzählton daherkommen. In diesem Fall zitiere ich „Petit Hector apprend la vie“, gut geeignet um das Schulfranzösisch zu reaktivieren, da relativ leichte Kost. Aber es gibt zum Beispiel auch eins zu Midlife-Crisis und Fremdgehen, falls das eher Themen sind, die euch (oder mutmaßlich euren Partner) beschäftigen: „Hector veut changer de vie“ bzw. „Hector fängt ein neues Leben an“.

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Bildquelle: midiman, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 12.10.2016.

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was für eine Laberbacke hat das denn verfasst?
#1 am 12.10.2016 von Tobias Summer (Student der Humanmedizin)
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