Hip to be wet

25.09.2016
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Harninkontinenz ist ein mit Scham behaftetes Thema, über das die Betroffenen nicht gerne reden. Trotzdem werden wir zur Zeit in der Fernsehwerbung mit Spots überhäuft, die auf mehr oder weniger originelle Weise Inkontinenzprodukte anpreisen. Das ist insofern begrüßenswert, als es das Problem aus der Tabu-Ecke holt. Aber wie hilfreich ist diese Werbung?

Glaubt man der aktuellen Fernsehwerbung, dann scheint es für die moderne Frau kaum etwas Erstrebenswerteres zu geben, als Inkontinenzvorlagen oder sogenannte Schutzunterwäsche (a.k.a. Windeln) zu tragen. Da wimmelt es nur so von attraktiven und aktiven, jungen oder jung gebliebenen Damen, die mit ihren Inkontinenzprodukten fröhlich durchs Bild tanzen und springen und ihr Leben trotz „Blasenschwäche” in vollen Zügen genießen, da es angeblich keiner merkt oder sieht – außer der Betroffenen natürlich.

Die Windel wird fast zum modischen Accessoire, das „aussieht und sich anfühlt wie herkömmliche Unterwäsche” und mit dem man vor allen „Uups-Momenten” gefeit ist.

Man könnte fast meinen, es sei für Frauen ab einem gewissen Alter völlig normal, unkontrolliert Urin zu verlieren, und ein Schicksal, in das man sich einfach ergeben muss. Tatsächlich haben statistisch gesehen etwa 25-30 % aller über 35-Jährigen schon einmal Erfahrung mit Harninkontinenz gemacht. Glaubt man den Herstellern, ist dies mit der richtigen Vorlage aber kein Problem mehr, getreu dem Motto: Lebe fröhlich mir deiner Inkontinenz.

Zumindest in den Werbespots wird jedoch kein Wort darüber verschwendet, dass es unterschiedliche Inkontinenzformen mit vielfältigen Ursachen und differenzierte Therapieansätze gibt, angefangen mit Beckenbodentraining und/oder Verhaltenstherapie über eine medikamentöse Behandlung oder Selbstkatheterismus bis hin zur Operation, die insgesamt gute Erfolgsaussichten haben. Die unreflektierte Verwendung von Inkontinenz-Hilfsmittels ist hingegen in jeder Hinsicht die schlechtere Wahl, aber natürlich für die Hersteller lukrativ.

Daher fehlt wahrscheinlich auch die Empfehlung, bei Harninkontinenz erst einmal den Urologen aufzusuchen, welcher der Facharzt für diese Erkrankungen ist.

Bedauerlich!

 

Bildquelle: philosophygeek/Wikipedia

Artikel letztmalig aktualisiert am 28.09.2016.

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Hart für mich, aber wahr. ich verkaufe Tena...!
#10 am 14.12.2016 von Dipl.-Soz.Päd Dieter Kröger (Nichtmedizinische Berufe)
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Christian Becker
Irgendwie verdreht sich die Überschrift in meinem Kopf immer "To be wet (up) to the hip".
#9 am 29.09.2016 von Christian Becker (Gast)
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Gast
@7 Auf die Idee, Patientinnen und Pflegeheimbewohnerinnen (auch) von männlichem Personal versorgen zu lassen, ist man vermutlich gekommen, weil nicht genügend weibliches Personal (ständig) zur Verfügung steht und andersrum (würde mich wundern, wenn Männer nicht auch von Frauen versorgt würden).
#8 am 29.09.2016 von Gast
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Gast
Raus aus der Verschwiegenheitsecke heißt nicht raus aus der Verachtungsecke. Wollen wir wirklich diese Werbung, in der allzu Menschliches gnadenlos und mit Peinlichkeitsgarantie vor den Augen von noch-nicht-Betroffenen ausgebreitet wird? Ich finde diesen neumodischen Zwang zur Offenlegung von Defiziten aller Art einfach nur entwürdigend. Und wo wir gerade beim Thema sind: Wer ist eigentlich auf die seltsame Idee gekommen, weibliche Patientinnen/Pflegeheimbewohnerinnen von männlichen Pflegern versorgen zu lassen? Es wäre doch angebracht, sich als Frau in der unangenehmen Situation von Hilflosigkeit noch einen kleinen Anteil von Würde bewahren zu dürfen!
#7 am 29.09.2016 von Gast
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Gast
@ #2: Ja, der Werbeblock heutzutage hat durch die Spots für rezeptfreie Arzneimittel schon eine andere Qualität bekommen: Da geht es um Obstipation, Inkontinenz, Hämorrhoiden, Scheidentrockenheit usw.
#6 am 29.09.2016 von Gast
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UroDoc
@ #4: Natürlich ist der Leidensdruck der Betroffenen abhängig von Schweregrad der Inkontinenz und selbstverständlich beurteilt jeder individuell anders, was noch „hinnehmbar“ ist oder nicht. Aber zumindest, wer auf so eine Erwachsenenwindel ausweichen muss, hat wohl ein größeres Problem. Entscheidend ist doch, dass vielen Betroffenen effektiv geholfen werden kann, wenn ein Therapiewunsch besteht. Sei es, vollständig trocken zu werden, oder den Zustand zumindest soweit zu bessern, dass er tolerabel wird. Da die Ursachen einer Harninkontinenz jedoch vielschichtig sind, steht vor einer individuellen Behandlung die Differentialdiagnose. Unangenehme Untersuchungen sind längst nicht immer erforderlich. Eine gründliche Anamnese, ein Miktionsprotokoll und eine körperliche Untersuchung können in vielen Fällen ausreichend sein. Apparative Diagnostik sollte erst zum Einsatz kommen, wenn einfache Therapieversuche gescheitert sind und es beispielsweise um eine OP-Indikation geht.
#5 am 29.09.2016 von UroDoc (Gast)
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Gast
vielleicht ist es ja tatsächlich so, die Anzahl der betroffenen Frauen war genau so hoch, nur wurde dieses Malheur schamhaft verschwiegen. Und, vielleicht nimmt ja manche Frau das gelegentliche Tröpfeln hin, wohl wissend, dass sie, wenn sie sich in den "normalen" Medizinbetrieb begibt, sie dem vollen Diagnoseprogramm ausgesetzt wird, einschließlich Basenspiegelung und weiterer unangenehmer Methoden. einziger Therapievorschlag nach all den Prozeduren: Beckenbodentrainig
#4 am 28.09.2016 von Gast
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Gast
25-30% aller über 35!jährigen hat Erfahrung mit Inkontinenz. Kurzfristig nach einer Geburt verständlich, aber ich habe den Eindruck, dass es sich um eine größer werdende Thematik handelt. Inkontinenzartikel nehmen inzwischen den gleichen Raum in den Regalen ein wie Monatshygiene, frau muss beim Kauf schon genau hingucken... Den Hinweis auf Beckenbodentraining finde ich sehr wichtig, es gibt inzwischen ein qualitativ hochwertiges Fitnessstudio, in welchem ein Gerät zu diesem Zweck angeboten wird. Anwendung einfach, Erfolge messbar und sichtbar. Gibt es eine Erklärung wie mangelndes Training, langes Sitzen oder hat die Anzahl der Inkontinenzen (bei jüngeren Frauen ) gar nicht zugenommen, sondern wurde früher einfach verschwiegen?
#3 am 27.09.2016 von Gast
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Ehrlich gesagt, diese neue "Offenheit", die tröpfelnde Blase ins abendliche Fernsehprogramm einzubauen, mag ja angesagt sein und sich vielleicht auch für die Hersteller auszahlen, aber... ich glaube nicht, dass sie wirklich dazu beiträgt, ein gesellschaftliches Klima (Umgangston, Verhältnis der Generationen zueinander) zu entkrampfen. Wir haben schon lange mit der Abwertung von Alter, Alterserscheinungen, Befindlichkeiten und dergleichen zu tun, Spasti und Grufti gehören zum Vokabular Heranwachsender, das könnte jetzt leicht erweitert werden um "Selbstverständlichkeiten" wie "Olle Frauen pinkeln in die Hose - ergo Stinki" oder ähnliches. Raus aus der Tabu-Ecke, klar, dagegen kann niemand sein, dann sollten also Fragen nach Inkontinenz in die Sprechstunde gehören oder in Medizinveranstaltungen, die ja gern besucht werden... Überhaupt hat man bei vor allem der Werbung zwischen 18 und 20 Uhr den Eindruck, Deutschland bestehe nur aus Kranken und Hinfälligen...
#2 am 27.09.2016 von Dipl.journ. Annegret Hofmann (Medizinjournalistin)
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Christian Becker
Naja, ist doch für die Hersteller der Produkte auch toll. Es kommt aus der Tabu-Ecke raus (zu befürworten) und wird gleichzeitig als mehr oder weniger (ich kenne die Werbesendungen jetzt nicht, aber nach Ihrer Darstellung wohl eher "mehr") normal hingestellt - man muss also gar nicht zum Arzt, sondern deckt sich gleich in der Drogerie oder dem Supermarkt mit den Produkten ein (oder vielleicht in der Apotheke, wenn es eine(m/r) dann doch unangenehm ist oder man die saugkräftigeren Produkte braucht) und verwendet sie dann jahrelang - obwohl ein Arztbesuch, wie Sie ja sagen, die Ursache vielleicht hätte abstellen können und wenn nicht einen Teil der Kosten per Verschreibung hätte senken können.
#1 am 26.09.2016 von Christian Becker (Gast)
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