Für die Pusteln des Oligarchen.

21.09.2016
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Niemand überrascht es, dass Medikamente immer teurer werden. Die Dreistigkeit, mit der zugelangt wird, hat jedoch zugenommen. Die Pole-Position übernimmt jetzt das US-Aknemittel Aloquin. Es war noch nie so kostspielig, Pickel zu haben.

Patente sind eigentlich eine feine Sache: Sie garantieren dem Patenthalter, dass er seine Ideen eine zeitlang exklusiv monetarisieren kann, bevor Nachahmer ihm das Leben schwer machen. Damit soll seine geistige Leistung angemessen gewürdigt werden. Patentschutz kann aber auch wie eine taktische Waffe genutzt werden, um überhöhte Preise am Markt durchzudrücken. In der Fachsprache der Wirtschaftswissenschaftler heißt das "Gouging" - zu deutsch: Preiserhöhung, bis der Arzt kommt. 

Bereits im letzten Jahr sorgten mehrere Fälle von Gouging für Aufsehen. Der Hedgefondmanager Martin Shkreli erwarb die Patentrechte von Daraprim und erhöhte den Preis des Toxoplamose-Mittels über Nacht von 13,50$ auf satte 750$ pro Tablette - ein Anstieg um sagenhafte 5.000%. Das Pharmaunternehmen Mylan langte hingegen beim EpiPen zu, einem Adrenalin-Autoinjektor für Allergiker, und verwandelte dessen ärmliches 30$ Preisschildchen innert weniger Monate in einen schmucken 600$-Aufkleber. Mylans Firmenclaim "Seeing is believing" entwickelte dadurch eine besonders schwere Form der Doppeldeutigkeit. Mylans Chefin Heather Bresch wurde wegen ihrer Preispolitik stundenlang von einem Kongressausschuss gegrillt. Wohl nicht zu Unrecht: In Deutschland ist der Autoinjektor als Reimport für rund ein Drittel des Preises zu haben.

Nun schickt sich der US-Hersteller Novum Pharma an, eine neue Bestmarke in Sachen Gouging zu setzen. Der Preis für ein kümmerliches 60g-Tübchen seines Aknemittels Aloquin stieg seit Mai 2015 von 241$ in mehreren Stufen auf 9.561$. Das ist Schmieren auf höchstem Niveau - da wäre es sogar billiger, seine Komedonen einzeln vergolden zu lassen. Eine Unze (31g) des Edelmetalls schlägt mit geschmeidigen 1.300$ zu Buche. Immerhin: Im Internet lässt sich die Tube zum Schnäppchenpreis von rund 8.000$ schießen. 

m_1474468189.jpgDas Pikante daran: Aloquin enthält nicht etwa irgendeinen hochkomplexen Antikörper, in dem Jahre von Grundlagenforschung stecken, sondern nur einen simpel iodierten Kohlenwasserstoff namens Iodoquinol, der auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Die Herstellungskosten dürften daher im einstelligen Dollarbereich liegen - hier geht es in erster Linie um Profitmaximierung. Da wundert es wenig, dass die steigenden Medikamentenpreise ein zentrales Thema des US-Wahlkampfes sind.

Aber was tun? Arzneimittelproduktion verstaatlichen? Keine gute Idee, wenn man sich die unternehmerischen Erfolge von BER und Elbphilharmonie ansieht. Es würde eng für diejenigen werden, die ihre Therapie pünktlich brauchen.

Preiskontrolle durch die Kostenträger? In Deutschland mittlerweile die Regel (AMNOG), aber verschiebt bei Innovationen das Kostenproblem in die Brieftasche des Patienten, wenn man sich über die Erstattung nicht einig wird.

Mondpreise sind nur durch mehr Wettbewerb zu verhindern, und dabei stehen staatliche Regulierungsmaßnahmen wie das kostspielige Zulassungsverfahren und ein antiquiertes Patentrecht im Weg. Nachahmen ist für den Menschen seit jeher ein wichtiger Faktor des evolutionären Erfolgs. Der Umfang und die Laufzeit von Wirkstoffpatenten sollten daher neu überdacht werden - sonst gleicht der Arzneimittelmarkt bald einer Luxusboutique. 

Artikel letztmalig aktualisiert am 22.09.2016.

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Gast
Am besten wäre es wohl, Medikamente, die in der Herstellung kaum etwas kosten, aber effizient Leid verhindern, zu verstaatlichen und somit das Patentrecht auszuhebeln. Dafür muss es aber Non-Profit-artig vertrieben werden und nur kostendeckend (inkl. Patentaufkauf) verkauft werden. Eine angemessene Entschädigung an die Entwickler ist auch wichtig, aber die max. Höhe sollte vom Staat und nicht vom Entwickler bestimmt werden. Am besten wäre jedoch wenn 1% vom Verkaufspreis direkt an die Entwickler gehen würde. So hat der Entwickler etwas davon und der Menschheit ist auch geholfen.
#5 vor 41 Tagen (editiert) von Gast
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Um das Preisrennen auf die Spitze zu treiben brauchen wir CETA. Dort ist im Kapitel 22 (Intellectual Property) auch noch ein Sonderrecht für Pharmapatente kodifiziert, das den Patentschutz "unter der Hand" von 20 auf 26 Jahre verlängert. Der Trick dabei: Die Patentlaufzeit bleibt offiziell 20 Jahre, aber daran schließen sich 6 Jahre, währen der Nachahmer nicht auf die Zulassungsunterlagen des Originators zugreifen können und dürfen. Das Verzögert Konkurrenz durch Nachahmer um ca 7-8 Jahre de-facto. Denn erst 6 Jahre nach Auslaufen eines Pharmapatents müssen die Zulassungsrelevanten Unterlagen für die Öffentlichkeit freigegeben werden. Das bedeutet für die Preise, dass sie hoch bleiben, denn Generikakonkurrenz fehlt !
#4 am 26.09.2016 von Dr. Anton Safer (Sonstige)
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Bin einverstanden bis zum Absatz "Aber was tun?..." BER, Elbphilharmonie und S21 haben nun wirklich nicht das geringste mit Arzneimittelproduktion und -vertrieb zu tun. Ein Hauptproblem sind m.E. die Pseudoinnovationen, die ohne wirkliche Verbesserung (außer sehr guter Vermarktung...) Anspruch auf höchste Vergütung erheben, wie eben besagtes Aloquin. "mehr Wettbewerb" funktioniert nicht in einem System, das zum Gutteil aus Oligopolen mit ihren korrupten Seilschaften besteht.
#3 am 26.09.2016 von Helmut Frank (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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#2 am 23.09.2016 von Dr. med. Wolfgang Lützenrath (Arzt)
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Gast
Es gibt offensichtlich auch Medikamente für SNOBS...........
#1 am 22.09.2016 von Gast
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