Fundstück der Woche: Akupunktur gegen Obstipation?

18.09.2016
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Die Chinesischen Akademie für traditionelle chinesische Medizin führte in 15 Kliniken des Landes eine Studie durch: Bei 1.075 Patienten, die die Rom III-Kriterien der chronischen Obstipation erfüllten, wurde Akupunktur der Punkte Tianshu (ST25) und Fujie (SP14) am Abdomen und Shangjuxu (ST37) am Unterschenkel angewendet.

Nur bei der Hälfte der Patienten wurden die Akupunkturnadeln allerdings an den eingangs genannten Stellen gesetzt, in der Kontrollgruppe wurden Punkte etwas daneben ausgewählt. Ein weiterer Unterschied: Nur die echte Akupunktur wurde durch elektrische Impulse unterstützt. Bei der Scheinakupunktur wurde das Gerät gar nicht eingeschaltet. 28 Sitzungen von jeweils 30 Minuten Dauer wurden angegeben.



14 Stunden Akupunktur-Therapie

Somit wurde jeder einzelne der 1.075 Patientinnen und Patienten insgesamt über 14 Stunden (!) akupunktur-therapeutisch bzw. mit Placebo-Akupunktur begleitet. 28 Arztkontakte à 30 Minuten nur wegen habitueller Obstipation innerhalb von 8 Wochen zu bewerkstelligen, bedeutet bei unseren GKV-Patienten mit gedeckelter Gesamtvergütung ein unbezahltes Nullsummenspiel.

Wenn dann noch bei der Kontrollgruppe: 
a) die Akupunkturpunkte falsch gewählt, 
b) gar keine Elektro-Anwendung stattfand, 
müsste es doch mit dem Teufel zugegangen sein, wenn die Verum-Gruppe nicht eine häufiger erfolgreiche Darmentleerung zu Stande gebracht hätte, als die Vergleichsgruppe der offensichtlich falsch und gar nicht Behandelten.

Da könnte man ebenso in Darmstadt kostenlos Klistiere verteilen, um diese Stadt zur obstipationsfreien Zone zu erklären, während die restliche Bevölkerung immer noch auf dem Klo sitzt. 



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(Bildquelle: Cabot Health, Bristol Stool Chart, Wikipedia)

Zu allem Überfluss wird in der Publikation: „Acupuncture for Chronic Severe Functional Constipation: A Randomized, Controlled Trial“ von Zhishun Liu et al. ebenso treuherzig wie einschränkend erklärt, dass man Akupunkteure nicht verblinden könnte [„Limitations: Longer-term follow-up was not assessed. Acupuncturists could not be blinded“]. Und das ist auch gut so!

Und wozu die Studie dann?

Zu Recht werde ich gefragt, was ist bei dieser Studie eigentlich herausgekommen? Normalerweise werden die Studienergebnisse in den Schlussfolgerungen prägnant zusammengefasst. In der vorliegenden Studie war das gar nicht der Fall: „Conclusion: Eight weeks of EA increases CSBMs [complete spontaneous bowel movements] and is safe for the treatment of CSFC [chronic severe functional constipation]. Additional study is warranted to evaluate a longer-term treatment and follow-up.“

Da muss man schon genauer bei den Ergebnissen nachschauen. Doch die sind alles andere als begeisternd: 3 oder mehr komplette spontane Stuhlentleerungen hatten 31,3 % im Behandlungsarm bzw. 37,7 % im Langzeit-Follow-up mit EA („electroacupuncture“). Dies erreichten im Kontrollarm mit Scheinakupunktur („sham-acupuncture“ SA) ohne Elektrostimulation nur 12,1 % bzw. 14,1 %.

Unerwähnt bleiben in der Publikation die 68,7 % bzw. 62,3 % Patienten bei denen selbst die intensive und zeitaufwändige Verum-Behandlung nicht geholfen hatte.

Results: [...] The proportion of patients having 3 or more mean weekly CSBMs in the EA group was 31.3 % and 37.7 % over the treatment and follow-up periods, respectively, compared with 12.1 % and 14.1 % in the SA group (P < 0.001). Acupuncture-related adverse events during treatment were infrequent in both groups, and all were mild or transient.

)

Von einer "randomisierten, kontrollierten Untersuchungsanordnung" wie im Titel proklamiert, kann also nicht mal ansatzweise plausibel die Rede sein. Selbst bei günstigster Studien-Interpretation konnte zwei Dritteln mit aufwändiger Elektro-Akupunktur n i c h t geholfen oder die chronische, schwere, funktionelle Konstipation gebessert werden.

Originalpublikation:
Acupuncture for Chronic Severe Functional Constipation: A Randomized, Controlled Trial
Zhishun Liu et al.; Annals of Internal Medicine, doi: 10.7326/M15-3118; 2016

Bildquelle: adrigu, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 03.10.2016.

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Christian Becker
@ S. Pfaue Ja, habe ich auch so gerlernt: Erstmal auf Ballaststoffe, Trinkmenge, ausreichende Bewegung etc. achten. Das funktioniert aber nicht immer und dann helfen Laxantien. Nach den neuesten Leitlinien sind diese auch für den längeren Gebrauch empfohlen (Na-Picosulfat, Bisacodyl und Macrogol; Sennes und Co. nicht und ohnehin nicht 1. Wahl), da aus der Auswertung von Daten von Daueranwendern (z.B. Querschnittsgelähmte und Personen mit Opiattherapie) deutlich wird, dass die früher immer verlautbarten Warnungen vor dem Teufelskreis aus Laxantiengebrauch und Verstopfung in den meisten Fällen unnötig waren. Wer Laxantien bestimmungsgemäß benutzt, bei dem ist nicht mit Gewöhung, Elekrolytverschiebungen und Obstipation nach Absetzen zu rechnen.
#9 am 28.09.2016 von Christian Becker (Gast)
  6
Schlechter Artikel aber vermutl. auch schlechte Studie, z.B. warum diese Puntke und warum EA? Welche Fragestellung hatte sie? Westlich gesehen erfüllen die Patienten brav die Kriterien. Nach TCM haben sie vermutlich verschiedene Diagnosen, müssten also auch verschieden genadelt werden. Nach Gebrauchsanweisung Punkte zu nadeln (ist ja der Wunsch der Westler) ist was f. Anfänger, es klappt halt nicht so gut. Immerhin waren die Verum-Punkte signifikant besser als d. Sham-Punkte. Und bei 31,3 % bzw. 37,7% Wirksamkeit ist hier in Deutschland ein Medikament doch schon längst zugelassen inkl. der Nebenwirkungen. Ja, und wirklich entwicklungsrückständig, dass die Chinesen ihre Pat. für 30 min. kommen lassen. Arztkontakt übrigens ca. drei Minuten: zwei für's Nadelsetzen, eine für's Ziehen (wenn überhaupt).
#8 am 28.09.2016 von Imme Schmidt (Heilpraktikerin)
  11
S.Pfaue
#2 LOL! Gute Antwort! #5 kurzfristig ok, aber nicht auf Dauer (so war's bestimmt auch gemeint) #6 jawoll, Trinkmenge wird oft vernachlässigt, genug Grünzeug und Obst (Ballaststoffe!), evtl. Quellstoffe wie Flohsamen(schalen), Bewegung, stopfende Nahrungsmittel (individuell verschieden) wie dunkle Schoki, Bananen, schwarzer Tee, ... herausfinden, regelmäßige "Klöchen"zeiten und dann gehen, wenn man muss, nicht aufhalten, Milchprodukte (Milchzucker bindet Wasser), über Fertigfutter und Süßigkeiten rede ich gar nicht, sollte jedem klar sein, und zu guter Letzt, die Medikamenteneinnahme checken!
#7 am 27.09.2016 von S.Pfaue (Gast)
  1
Ursachen suchen! Keine Patentrezepte, weder bei Akupunktur, noch bei Kräutern oder Arzneimitteln! Individuelle Therapie ist gefragt!
#6 am 27.09.2016 von Gabriele Schröter (Heilpraktikerin)
  3
Christian Becker
Macrogol, Na-Picosulfat, Bisacodyl, zur Not Sennes/ Aloe/ Rhabarberwurzel/ Faulbaumrinde.
#5 am 27.09.2016 von Christian Becker (Gast)
  4
chronische Verstopfung kann die Lebensqualität massiv beeinträchtigen. Über diverse Eiweißabbaustoffe auch die allgemeine Gesundheit, also darf nach Therapien gesucht werden. Elektro-Akupunktur it natürlich nicht klassisch, eil die Akupunktur deutlich älter ist als die technische Stromerzeugung. Wenn nur jeder dritte mit Erfolg therapiert worden ist, so ist das eine Menge. Natürlich in unserem Gesundheitssystem nur über IGEL zu finanzieren. Aber immerhin. Macht Euch erst lustig über solche VErfahren, wenn ihr etwas besseres habt.
#4 am 27.09.2016 von Dr Paul-Ulrich Eckhoff (Arzt)
  10
Gast
Ah, einfach mal den Zitteraal angeklemmt, vermutlich :D.
#3 am 26.09.2016 von Gast
  18
Das war natürlich Bio-Strom aus regenerativen Energien!
#2 am 25.09.2016 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  17
Gast
Interessant wäre jetzt noch zu erfahren, was bei der Studie rauskam :P. Was mir neu war: Akupunktur + Strom? Klingt nicht besonders "traditionell".
#1 am 20.09.2016 von Gast
  8
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