Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

16.09.2016
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„So etwas darf einfach nicht passieren! Stellt euch vor, das wäre euer Sohn. Oder Freund. Jetzt hat er sein Leben lang darunter zu leiden! ... Ich werde noch herausfinden, wer dafür verantwortlich ist.“ So ähnlich muss die Standpauke des Chefarztes in der Morgenbesprechung auf der Ortho heute früh geklungen haben.

Ich sitze in der Krankenhauskantine, in der man für nicht einmal zwei Euro ein sehr akzeptables Mittagessen inklusive Salat und Nachtisch erhält. Selbst hier verstehen die Franzosen etwas von Essen. Gegenüber von mir Franzi, Erasmus-Studentin aus Ulm, die seit einer Woche auf der Orthopädie ist. Sie lernt nun die gleichen Ärzte und Studenten kennen, mit denen auch ich schon vor einem Monat auf der Station und im OP war. Nur die Assistenzärzte sind neu. Und einem der alten Truppe ist ein kaum verzeihlicher Fehler unterlaufen.


Franzi beschreibt die Situation, die heute früh Grund für eine ungewohnt ausführliche und hitzige Morgenbesprechung war: Am Wochenende hatte sich ein 16jähriger in der Notaufnahme vorgestellt, mit einer Rugbyverletzung, die er sich vor sieben Wochen zugezogen hat. Einem ausgerenkten Finger. Eigentlich einer Kleinigkeit für die Orthopäden. Doch in diesem Fall war der junge Mann nach Hause geschickt worden, obwohl – wie dem Röntgenbild von damals deutlich zu entnehmen ist – der Finger noch nicht ordentlich reponiert war. Der Patient hat bis jetzt geduldig die Heilung abgewartet, wundert sich aber nun doch, dass er immer noch Schmerzen hat und den Finger nicht bewegen kann. Leider war er in diesem Fall etwas zu geduldig und folgsam. Vermutlich wird der Finger versteift werden müssen. Zu viel Zeit ist verstrichen.

Woran lag's?

So etwas darf nicht passieren. Sollte nicht passieren. Passiert aber eben leider doch. Ob in der Nacht vor sieben Wochen ein Hinweis, sich am nächsten Tag erneut beim Arzt vorzustellen, untergegangen ist? Oder der junge Mediziner / die junge Medizinierin (übermüdet wie er/sie vermutlich war) wirklich das Röntgenbild falsch interpretiert hat? Eigentlich sind doch auch noch Radiologen im Hintergrund, oder nicht?! In Gedanken gehe ich die Assistenten durch, die ich kenne. Einige waren im ersten Jahr der Ausbildung. 80 bis an die 100 Stunden pro Woche haben sie sechs Monate lang in der Orthopädie geschuftet. Zwei Nachtdienste, je im Anschluss an einen regulären 10-Stunden-Arbeitstag. Zwar mit einem Chef im Hintergrund, den sie aber in der Regel nur für Not-OPs gerufen haben. So ist es üblich.

Vor diesen Rahmenbedingungen ist es an sich unrealistisch, von ihnen zu erwarten, zu jeder Zeit volle Leistung zu erbringen. Konzentriert die Nacht durcharbeiten nach einem Tag im OP? So ist das eben, Ärzte schaffen das schon. Manchmal habe ich den Eindruck, dass einige Ärzte – obwohl sie natürlich auch oft genug über die Arbeitszeiten klagen – auch ziemlich stolz sind, mit diesen Herausforderungen umzugehen. Es scheint Teil des Berufsethos zu sein. Für Busfahrer ist eine ‚Tageslenkzeit‘ von neun Stunden als Obergrenze festgelegt. Zweimal pro Woche darf diese auf zehn Stunden ausgedehnt werden. So ist es von der EU geregelt, aus Sicherheitsgründen und Verantwortungsbewusstsein. Ärzte könnten nur müde grinsen, wenn sie das hören. Statt einer ‚Tagespraktizierzeit‘ mit Obergrenze sind in ihrem Wortschatz die 24h-Schicht und die 80-Stunden-Woche.

Fehler sind vorprogrammiert

Das geht zu Lasten der Patienten, wie in diesem tragischen Fall. Aber auch zu Lasten der Ärzte. Das erste Mal Verantwortung tragen, allein entscheiden. Die meisten Studenten, die ich kenne, haben davor großen Respekt. Nicht verwunderlich, denn was ihnen abverlangt wird, ist kaum zu schaffen. Fehler sind vorprogrammiert, auch wenn das keiner zugeben will. Insofern bin ich mir nicht sicher, ob die Standpauke des Chefarztes an der richtigen Stelle ansetzt. Sicherlich ist es wichtig, immer wieder zu verdeutlichen, welche Verantwortung die jungen Ärzte tragen. Aber das ist eben auch nur die eine Seite der Medaille.

Die Arbeitsbedingungen sind eine meiner größten Sorgen, wenn ich an meinen zukünftigen Berufsalltag denke. Und ich möchte gar nicht wissen, wie viele junge Mediziner ihren Beruf aus diesen Gründen aufgeben. Statistische Angaben ranken zwischen 15 und 30 Prozent. Und wie hoch die Rate der Unzufriedenen unter denen ist, die ihm trotzig trotzdem treu bleiben. Denn wie war es noch mal: Eine der größten Ursachen für Frust am Arbeitsplatz sind Anforderungen, die der Einzelne mit den ihm zur Verfügung gestellten Möglichkeiten kaum erfüllen kann.

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Bildquelle: ouchcharley, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 28.09.2016.

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Ich habe in den späten 1980er Jahren ähnliches erlebt. Der damalige Marburger Bund hat mich im Stich gelassen mit der Klage Unterstützung, dessen Funktionäre wie dieser unsägliche Herr Kkollege Henke interessieren sich nur für Ihre Posteninteressen. Also junge Arztkollegen, gründet eine eigene Gewerkschaft und ändert den Wahnsinn.
#5 am 01.10.2016 von Dr. med. Joseph Andreas Schmitt (Arzt)
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Gast
Ganz allgemein ist die Überlastung durch ein überhöhtes Arbeitspensum für jeden einzelnen Arbeitnehmer deutlich spürbar. Und im therapeutischen Bereich sind solche Arbeitszeiten absolut unverantwortlich.
#4 am 28.09.2016 von Gast
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Gast
Liebe Ärztinnen und Ärzte, großen Respekt meinerseits sowohl für Ihre tagtägliche Leistung, als auch für Ihr Durchhaltevermögen in diesem Beruf. Ich habe selbst erlebt, dass man mit seinen Kindern mehrere Stunden im Wartesaal der Notaufnahme verbringt. Irgendwann ist man so pfiffig, sich genug Kleingeld, Snacks, Getränke und Dinge zur Beschäftigung aller mitzunehmen, weil man weiß, dass man von Mittag bis kurz vor Mitternacht aus dem Haus sein wird. Die Notaufnahme war beim letzten Besuch besetzt mit nur einem diensthabenden Arzt. Am Wochenende. In einer norddeutschen Großstadt. Viel zu wenig, selbst wenn die ganzen minderschweren Fälle abgezogen werden, die eigentlich gut bis Montag hätten warten können. Oder bis nächsten Monat. Aber sei es drum. Mein eigentliches Anliegen ist folgendes: Ich finde diese Situation der 24h Dienste und 80h Wochen unerhört und untragbar. Was können WIR als Patienten tun, damit SIE tragbare Dienstzeiten bekommen?
#3 am 28.09.2016 von Gast
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Gast
Super auf den Punkt gebracht! Wenn man uns Assistenten so früh ins kalte Wasser wirft und uns Verantwortung in die Hände legt, der wir mangels Erfahrung einfach nicht gewachsen sein können, braucht man sich über Fehler nicht zu wundern. Von den Arbeitszeiten will ich gar nicht reden.... Es könnte so ein schöner Beruf sein, wären die Bedingungen unter denen man arbeiten muss nicht so katastrophal.
#2 am 22.09.2016 von Gast
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Der Text spricht mir aus der Seele. Ich habe selbst schon zur morgendlichen Übergabe auf Nachfragen zum Fall gesagt, dass ich für solch differentialdiagnostisches Denken (bei einem "nicht-wirklich-Notfall") morgens um 4Uhr ohne vorherigen Schlaf nicht in der Lage war....
#1 am 21.09.2016 von Anke Seyberth (Studentin der Humanmedizin)
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Das Buffet ist liebevoll angerichtet: Nudel- und Reissalat, Schoko- und Himbeer-Käse-Spekulatiustorte, mehrere mehr...
Und das mag ich zwischendurch auch mal nicht am Medizinstudium. In Klausuremphasen hat man teilweise den Eindruck: mehr...
Einerseits stehen bei mir anstatt Praktika und Tagen am Krankenbett momentan eher Seminare und Vorlesungen auf dem mehr...

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