Der Sensemann-Code

08.09.2016
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Angeblich leben wir in einem Zeitalter der Transparenz. Bei der Todesursache werfen die Medien aber gerne Nebelkerzen. Statt „X starb an“ umfloren uns Floskeln wie „nach kurzer schwerer Krankheit“ oder „nach langer schwerer Krankheit“. Ist das Pietät oder Feigheit vor dem Tod?

Es gibt nicht viele Gewissheiten auf dieser Welt, aber eine sticht heraus: nämlich die, dass alle Menschen sterblich sind. Der Tod ist kein dramaturgisches Element von Game of Thrones – der Tod ist real. Umso erstaunlicher ist es, dass Todesursachen weiterhin so verschämt kommuniziert werden, als könne man den Tod durch die gezielte Nicht-Erwähnung der Worte „Krebs“, „Hirnschlag“ oder „Herzinfarkt“ ausbremsen. 

Die Euphemismen der Saison sind „kurze schwere Krankheit“ und „lange schwere Krankheit“. Diese Formeln klingen pietätvoll, in Wirklichkeit aber sind sie perfide. Sie funktionieren ähnlich wie die Duschvorhangszene in Hitchcocks „Psycho“: Sie lösen eine unvermeidliche Assoziationskette aus, die im Kopf in rascher Schnittfolge alle letalen Pschyrembel-Einträge abruft. Wer den Tod so mysteriös umschreibt, kippt ihn einfach auf die gesellschaftliche Verdrängungsdeponie.

Aber nicht nur bei den Todesursachen wird verbal getrickst, auch beim Sterben selbst. Ich habe mich immer gefragt, was der Unterschied zwischen „sterben“ und „versterben“ ist. „Sterben“ klingt noch einigermaßen anstrengend, „versterben“ nach einem mühelosen, halbfetten Lätta-Abschied. Noch schlimmer finde ich allerdings das schaumstoffgedämmte „entschlafen“, das uns vormacht, dass das Sterben wie ein angenehmes Mittagsnickerchen daherkommt.

Ich glaube, die zunehmende semantische Verklärung des Todes ist ein Zeitsymptom. Wenn es Apps zur automatischen Pickel- und Faltenentfernung von Selfies gibt, muss auch der Tod eine Zielscheibe der digitalen Retusche werden.

Konsequenterweise findet auch bei Facebook der Tod nicht mehr statt, das binäre Profil darf in einer Art Zombie-Existenz weiterleben. „Antrag auf Herstellung des Gedenkzustandes“ nennt sich das dann. Bald erkennt man Verstorbene im Internet nur noch daran, dass sie seltener Urlaubsfotos posten. 

Weg damit. Der Tod ist kein Makel, für das man sich schämen muss. Diagnosen können genannt werden – sie werden ohnehin vermutet. Beim verquasten Neusprech der Bestatter (auch der Journalisten) ist eine Überholung fällig. Der Tod gehört zum Leben wie die Geburt, die Nennung der Todesursache ebenso zur Vita wie die Angabe des Geburtsgewichts. Meinetwegen sogar mit ICD-Code.

 

Bildquelle: Fairy Heart, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 09.09.2016.

72 Wertungen (4.15 ø)
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Ich konnte gar nicht viel weiter lesen... was geht bitte die Allgemeinheit die genaue Krankeheit an. DAS ist persönlich und hat nichts mit Feigheit sondern Anstand zu tun. Transparenz wird HIER nicht benötigt... sondern ganz wo anders.
#19 am 15.09.2016 von Dr. Sarah Foerster (Apothekerin)
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M.L. Dietwald
Wem ist gedient, wenn unsere Neugier befriedigt wird? Müssen Selbstmord und religiöse Delikte, wie früher durch Beerdigung außerhalb der Friedhofmauern, öffentlich gemacht werden, oder duch lustige Sprüche am Kreuz nach Tirolerart gebrandmarkt werden? Opfer von ungeklärten Verbrechen oder Unfällen nachträglich mit Gerichtsurteil belegt werden? Trauerbewältigung sollte nicht gestört werden und die Erinnerung kann somit auch geschönt werden !
#18 am 14.09.2016 von M.L. Dietwald (Gast)
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(... Fortsetzung v. Kommentar #16...) Neue Formulierungen der Todesanzeigen werden das Problem natürlich nicht lösen können. Aber eine Änderung der Denkweise und eine natürlichere Haltung zum Thema Sterben (das eben zum Leben auch dazugehört) könnte sich dann letzlich doch auch im geänderten Ausdruck der Todesanzeigen zeigen. Bedauerlich ist aus meiner Sicht der Tonfall mancher Kommentare: die Empathiefähigkeit wird "offensichtlich" abgesprochen, Schreibfehler werden angeprangert, der Inhalt jedoch nicht aufgriffen, alles kleine Scharmützel die wahrscheinlich jedoch zu keiner Klärung, Einigung oder Erkenntnis führen werden. Persönliche Wertung oder Verurteilung führt nach meiner Erfahrung meist nicht zum gewünschten Verständnis (und Änderung einer Meinung oder eines Verhaltens), eine authentische Äußerung wie es mir damit geht schon eher.
#17 am 14.09.2016 von Harald Hebrank (Arzt)
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Ich zitiere Eckart von Hirschhausen: Humor fängt dort an wo der Spaß aufhört... Ich bin von dem Artikel sehr angetan, ich sehe ihn als höchst gelungenen satirischen Kommentar (was denn sonst...!). Natürlich ist die genaue Diagnose Privatsache und muss sie auch bleiben. Aber nur durch eine solche Übertreibung (ICD-Nummer in Anzeige --> Ha ha, sehr gut...) kann doch die Satire Mißstände überhaupt erst wirksam thematisieren. Der Mißstand: das Thema Sterben wird (meist) ausgeblendet und der Weg dorthin ebenso. Wo findet hierzu ein Diskurs statt? Dieser Artikel ist ein neuer Zündfunke für eine entsprechende Diskussion zum Thema. Ja, ich sehe häufig eine Scheu klar und deutlich (öffentlich) von Sterben und Tod zu sprechen. Eine distanzierte und im "Weichspülmodus" daherkommende Sprache (--> "entschlafen...") ist da eben auch ein Ausdruck dieser Scheu. (...--> Fortsetzung nächster Kommentar..)
#16 am 14.09.2016 von Harald Hebrank (Arzt)
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Es geht ja nicht nur um die Medien, auch die verschleierten, faktischen Todesursachen, s. Traueranzeigen. Wieso traut sich da niemand, zu schreiben, daß der liebe Verwandte an Krebs verstarb, möglicherweise sogar Lungenkrebs (als Folge vom Rauchen...). Wird sehr stark verdrängt, aber alle verdienen gut dran. Und was ist mit dem Herzstillstand nach Koma als Folge von Sepsis? Da müßte in den Anzeigen stehen: "Wurde bei der Behandlung aufgrund von Sauereien in der Klinik XYZ verseucht und starb daran". So wäre es richtig.
#15 am 12.09.2016 von Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann (Nichtmedizinische Berufe)
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Arzt
Kollege Antwerpes! Das Impressum von Doccheck weisr Sie als Geschäftsführer und Chefredakteur aus. Sie sollten wissen, daß Sie mit Ihrem Blog "Der Sensemann - Code" im wahrsten Sinne des Wortes eine deadline überschritten haben. Für einen Chefredakteur scheint die Kompatibilität mit den Kommentatoren, im speziellen Fall, in erhebliche Schieflage gekommen zu sein.
#14 am 10.09.2016 von Arzt (Gast)
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Ich schließe mich den meisten Kommentaren an. Egal ob leben oder sterben, die die es was angeht, wissen bescheid, der Rest fragt - oder auch nicht.
#13 am 10.09.2016 von Frauke Schmidt (Heilpraktikerin)
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Der Artikel ist einfach unsinnig. Fakt ist: die Erkrankung ist persönlich ebenso die Todesursache.
#12 am 10.09.2016 von Jutta Lüders (OP-Schwester)
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# 6 : Zum wiederholten Male monieren Sie die Schreibweise Anderer und grinsen dazu noch auf einem Bildchen. Sind Sie denn in Sachen Empathie selbst so bewandert ?
#11 am 10.09.2016 von Inge Wagner (Krankenpflegehelferin)
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Arzt
@#6: Geschwurbelt scheint eher Ihr Beitrag zu sein. Das worum es eigentlich geht, ist Ihnen wohl entgangen Herr Oberlehrer. Merke: Ein Kommentar ist ein Meinungsbeitrag zu einem Thema, hier: Der Sensemann-Code. Leider ist davon in Ihrem Schrieb nichts zu lesen.
#10 am 10.09.2016 von Arzt (Gast)
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Ich persönlich finde auch, dass der Tod zum Leben gehört und nicht stigmatisiert werden sollte. Allerdings in jede Todesanzeige oä die Todesart eintragen befriedigt maximal die Sensationsgier der Menschheit. Alle, die es was angeht, wissen Bescheid. Der Rest kann fragen. Und wer den Toten nicht kannte, muss auch nicht die Todesart kennen. Und ja, das Geburtsgewicht wird gerne genannt, aber die Art der Zeugung bleibt auch hier privat. Ich habe zumindest noch in keiner Geburtsanzeige gelesen "Nach 5 Monaten wilden Vögelns und 9 Monaten Schwangerschaft begrüssen wir heute unseren neuen Erdenbürger" oder "In der dritten Fruchtbarkeitsklinik hat man uns endlich zu Torben Lukas verholfen". Und wen die Neugierde gar zu sehr plagt, der schaue mal unten in den Text der Anzeigen. Ganz häufig finden sich da Anmerkungen wie "Statt Blumen bitten wir um eine Spende für...". Der Rest ist schlichtweg privat!
#9 am 09.09.2016 von Alexandra Müller (Studentin der Tiermedizin)
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Gast
An #6 Kaum hat mal einer ein Bissel was, gleich gibt es welche, die ärgert das. (Wilhelm Busch)
#8 am 09.09.2016 von Gast
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Ich denke, Umschreibungen für den Tod sind kein Jetztzeitphänomen, sondern existieren seit der Antike. Schon die alten Griechen unterschieden zwischen Thanatos, dem Gott des sanften Todes und Ker, der Göttin des gewaltsamen Todes ( man beachte die Geschlechterverteilung ;)) und wenn ich mich recht entsinne, kennt das Lateinische ca. 20 verschiedene Verben für "sterben" - je nachdem, wie gestorben wurde. "Entschlafen" heißt genau das, was es heißt: Im Schlaf gestorben. Und "nach kurzer schwerer Krankheit" - nun, was würden Sie in eine Todesanzeige schreiben? " Ist jämmerlich an Wasser in der Lunge erstickt" ? Ich persönlich lege bei meiner Bestattung KEINEN Wert auf den ICD- Code. Der dient zur Abrechnung mit den Krankenkassen und es soll auch Leute geben, die ohne krank gewesen zu sein, das Zeitliche segnen. Das ist außer für den Arzt, der den Totenschein ausstellt, herzlich uninteressant.
#7 am 09.09.2016 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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an #4: Was für ein geschwurbeltes Deutsch: "Über den Begriff Empathie ... sollten Sie sich mal belesen." Sie mögen ein hervorragender Kenner der Appendizitis sein, in Deutsch sollten Sie noch nachsitzen!
#6 am 09.09.2016 von Ulf D. Meyer (Nichtmedizinische Berufe)
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Arzt
PS zu#4: Der Fehlerteufel, euphemistisch gesprochen, war da: Und daß Sie die Mauer.... Nach kurzer oder langer ...
#5 am 09.09.2016 von Arzt (Gast)
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Arzt
Kollege Antwerpes, der Euphemismus, den Sie als saisonal bezeichnen hat wohl mit Saison nichts zu tun! Gestorben wird immer. Über den Begriff Empathie, der Ihnen offensichtlich unbekannt, hier aber angebracht ist, sollten Sie sich mal belesen. Und das Sie die Mauer der ärztlichen Schweigepflicht, auch post mortem, durchbrechen wollen, ist schon merkwürdig ! Nach kurzer oder länger Krankheit zu sterben ist "human" und nicht euphemistisch. Auch würden sich sicher manche Leser Ihres "erhellenden" Artikels gerne nach Ihrem Sensenmann - Code erkundigen !?
#4 am 09.09.2016 von Arzt (Gast)
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So wie Erkrankungen sind auch Todesursachen privat. Herr Antwerpes, fänden Sie es gut, wenn in Ihrer Todesanzeige stände, er verstarb an den Folgen einer Syphilisinfektion, Drogenkonsum, alkoholtoxischer Leberzirrhose oder anderen mit Vorurteilen behafteten Ursachen?
#3 am 09.09.2016 von Ute Schuurman (Medizinisch-Technische Assistentin)
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Bei manchen Erkrankungen lässt sich auf Risikofaktoren für die Angehörigen schließen, was zur Ablehnung einer Versicherung führen kann, z. B. Psychische Erkrankungen, früher Herzinfarkt oder früher Schlaganfall und viele andere.
#2 am 09.09.2016 von Dr. med. Andreas Petri (Arzt)
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Nicht jeder und nicht alle Angehörigen möchten die Todesursache posten, wer schreibt schon gerne Raucherkrebs, AIDS, Alkohol oder Raserei. So bleibt es das gute Recht der Betroffenen, das Private privat zu lassen.
#1 am 09.09.2016 von Dr. med. Richard Gronemeyer (Arzt)
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