Das Lichterlampenknopfsystem

03.09.2016
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Wie in vermutlich allen Krankenhäusern, gibt es auch in unserem im Innern der Zimmer diverse Anwesenheitsknöpfe. Diese lösen eine unterschiedlich farbcodierte Lampe vor der Tür aus, je nachdem welches Fachpersonal drinnen gerade sein Unwesen treibt.

Natürlich hat jeder Patient zudem einen Anforderungs- und Notfallknopf, mit dem man eine Schwester herbeirufen kann. Was aktuell zudem in vielen Kliniken – natürlich auch in unserer – gerade hip ist: Drückt der Patient den Anforderungs- und Notfallknopf, wird er erst mit einer Klinikskommunikationszentrale verbunden. Eine freundliche Dame schaltet sich dann über eine Lautsprecheranlage dazu und fragt, was der Begehr ist. Der Patient kann dann sagen, dass er auf’s Klo muss, die Butterschachtel des Frühstücks nicht aufbekommt oder der Zimmernachbar gerade aus dem Bett gefallen ist. Diese Information wird dann an die Stationsschwestern weitergegeben, die je nach Priorität alles abarbeiten.

Der Haken dieses Systems ist, dass alte Leute a) meistens schwerhörig sind und b) das komplette System allgemein nicht durchschauen.


Naja, ich ging also in dieses Zimmer und drückte tugendhaft den gelben Knopf, woraufhin die Außenlampe gelb leuchtete und ein wohliges „Hier-arbeitet-ein-wichtiger-Arzt-drin“-Gefühl verbreitete. Ich begann nun eine wichtige Kanüle zu legen und unterhielt nebenbei die Frau, die gerade von mir malträtierte wurde, nett.

Nun ist es aber so: Hat ein Krankenhauspersonal den Anwesenheitsknopf in einem Zimmer gedrückt UND man drückt zusätzlich den Anforderungs- und Notfallknopf eines Patienten, dann ist dies das allgemeine Signal dafür, dass in diesem Zimmer ein schrecklicher Notfall aufgetreten ist und mindestens einer der Beteiligten gerade stirbt. Die Kommunikationszentrale veranlasst eine Alarmierungskaskade, in Folge derer eine größere Anzahl an Ärzten und Krankenschwestern quer durch die Klinik rennt, diverses Notallequiment hinter sich herziehend, nur um in kürzester Zeit im Notfallzimmer lebensrettend durch die Tür zu brechen.

Also ich war immer noch in dem Zimmer. Mit Anwesenheitsknopf. Da drückte die Tochter der Nachbarpatientin einfach mal den Anforderungs- und Notfallknopf. Panikartig schaltete sich die Kommunikationszentale ein und fragte, was denn los sei. „Nichts?“ - Zum Glück sah ich nun die Nebenantocher mit dem Knopf in der Hand und rief in Richtung des Lautsprechers: „Nein, nein, wir haben keinen Notfall!“ - „DOCH!“, rief nun die Tochter empört, „doch das ist ein Notfall!“

Huä? Ich warf einen prüfenden Blick auf die Mutter – noch sehr lebendig – und dann auf die Tochter. „Meine Mutter muss auf die Toilette!“, zischte diese nun.

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Die Kommunikationsdame war inzwischen kurz vor dem Durchdrehen, während ich händeringend versuchte zu verhindern, dass sich gleich die Kaskade an Notfallpersonal inklusive eines Hightechbeatmungsgerätes, eines Defibrillators und eines Anästhesisten durch die Tür ergießen würde. „Ja, nein, das ist kein richtiger Notfall!!“, rief ich nun also und um die Tochter zu beruhigen, fügte ich noch hinzu, dass das Anliegen zwar wichtig, aber nicht todeswichtig sei. Dann rannten mehrere Schwestern ins Zimmer, die von der Kommunikationsdame ob der konfusen Situation bedrängt worden waren und die Zimmernachbarin konnte dann feierlich auf die Toilette gehen. Die Kanüle war dann auch vollendet. Urgh.

Zum Blog.

Bildquelle: Privatbild Zorgcooperations

Artikel letztmalig aktualisiert am 08.09.2016.

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Medizin, Innere Medizin
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Selbst wenn es zur Wiederholung zwingt: Jedoch zu #4 mit "...wer noch klingeln kann, ist nicht wirklich krank...", so finde ich diesen ständig im Hischhausen-Standarprogramm zelebrierten sehr schlechten Kalauer nur noch ermüdend, aufregen ist da schon nicht mehr möglich. Einzig dienlich ist dieser Flachwitz für jeden Patienten, weil dieser eben vom Fachpersonal zu häufig bedient wird und dann wohl doch von einer Realität deutlich auszugehen ist und es von #4 in einer ehrlichen Art bestätigt wurde. Als leider zu häufiger aktiver Stationsgast, erspare ich mir ohnehin das Klingeln, selbst nach Eingriffen mit vorheriger Bewusstseinsabwesenheit und stehe immer sofort danach auf und mache zum Teil ausgedehnte Spaziergänge, trotz der späteren Ermahnungen, ist ja auch immer gut für den Kreislauf argumentiere ich dann. Na ja, und so erspare ich mir wenigstens latent witzgebender Teilnehmer dieser Hirschhausen-Nummer zu werden...
#11 am 09.09.2016 von Robert Dettmann (Nichtmedizinische Berufe)
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In absehbarer Zeit wird es vermutlich Videokameras in allen Zimmern geben, die dann zugeschaltet werden können, um sich vorab einen Ein- und Überblick zu verschaffen in unklaren Situationen. Kleine Anekdote: Ich mußte mal - frisch operiert und anästhesiebedingt rechtsseitig hüftabwärts gelähmt - trotz mehrfachen Klingelns und mehrfacher Zusicherung, sich umgehend zu kümmern, ewig lange auf einen Toilettenstuhl warten und wurde erst versorgt, als ich nach mehr als anderthalb Stunden geduldigen Abwartens es kaum noch halten konnte und wutentbrannt damit gedroht habe, gleich ins Bett zu sch ...
#10 am 09.09.2016 von Annika Diederichs (Tierärztin)
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... und nicht zu verachten: die Illustrationen von Zorgcooperations
#9 am 08.09.2016 von Dr. med. Christine Aresin (Ärztin)
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Ganz herrlich geschrieben! Bin zwar schon länger nichtmehr im Krankenhaus tätig aber damals mit nur ROT und GRÜN hatten wir auch schon so unseren Spaß!
#8 am 08.09.2016 von Dr. med. Christine Aresin (Ärztin)
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Blöd ist es, wenn das Personal - wegen eben solcher (alltäglicher) Situationen wie in diesem Beitrag beschrieben - den Notfallalarm ignoriert, bzw. erst irgendwann gemächlich mal ne Schwester ins Zimmer trottet, nachdem sie vorher noch zwei Bettpfannen erledigt und sich ausgiebig bei der Kollegin darüber beklagt hat. So ähnlich geschehen in einem Kreiskrankenhaus, das ich mal lieber nicht spezifizieren will. Dumm nur, dass hier der Rettungssanitäter des Krankenwagens geklingelt hat, der den Patienten verlegen sollte. Er hatte freilich keine Personaltaste gedrückt, aber in der Klinik löst auch dreimaliges Drücken der Klingel den Notfallalarm aus, was der Kollege getan hat. Der fand den Patienten nämlich leblos im Bett vor. Also schmissen er und sein (über?)eifriger FSJler ihn kurzerhand aus dem Bett und begannen auf dem Fußboden zu reanimieren - es dauerte geschlagene zehn Minuten, bis mal jemand vom Klinikpersonal nachgesehen hat, und ein paar weitere ehe endlich Hilfe kam. => Exitus.
#7 am 08.09.2016 von Norman Roscher (Student der Humanmedizin)
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Gast
Ich ignoriere den Notfallalarm grundsätzlich. Mir ist in all den Jahren vielleicht ein einziges Mal (an das ich mich nicht mal mehr erinnern kann) ein wirklicher Notfall bei einem Notfallalarm untergekommen (ich glaube bei dem Mal war jemand aus dem Bett gestürzt). Gefühlt alle Notfallalarme lösen aus weil eine Pflegekraft vergessen hat, die Anwesenheit bei Verlassen des Zimmers wieder zu löschen bzw. die oben beschriebene Situation mit ahnungslosen Mitmenschen im Zimmer auftrat.
#6 am 08.09.2016 von Gast
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Gast
# 4 : Das scheint ja ´ne schöne ICU zu sein. Wo ist sie und weggeblieben ?!
#5 am 08.09.2016 von Gast
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Vielen Dank für die witzigen Beiträge. Ich lese sie mit Genuss, weil Sie so herrlich den Irrsinn des Krankenhausalltags beschreiben! Weiter so. Bei uns auf der ICU gilt meistens, wer noch klingeln kann, ist nicht wirklich krank.
#4 am 07.09.2016 von Stephan Brockenauer (Student der Humanmedizin)
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Welch modernes Krankenhaus! Bei uns gibt es nur "Rot" = Arzt ist im Zimmer und "Grün" = Schwester bitte kommen! Für den Notfall dann eine Notfallklingel. ( weiß gar nicht, was dann aufleuchtet)
#3 am 07.09.2016 von Remedias Cortes (Nichtmedizinische Berufe)
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Gast
Leider gibt es viele Patienten - inkl. deren Angehörige, die glauben, sie seien die einzige Person, die Hilfe braucht. Sie sind oft unfreundlich und ungeduldig sowieso. Mir hat eine Pflegekraft erzählt, dass eine Patientin Schuhe nach ihr geworfen hat, weil sie nicht schnell genug bedient wurde. Das Kommunikationssystem ist sicher überarbeitungsbedürftig - allerdings auf einer viel tieferen Ebene...
#2 am 07.09.2016 von Gast
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Coventina
Klingt, als sei das Kommunikationssystem überarbeitungsbedürftig...
#1 am 05.09.2016 von Coventina (Gast)
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