Mobbing: Nicht "Lügenpresse", sondern "Schlamperpresse".

31.08.2016
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Die inflationäre und falsche Verwendung des Begriffes „Mobbing“ schadet den wirklichen Opfern. An sich könnte ich jede Woche so einen Artikel schreiben. Mindestens. Genau so häufig wird irgendwo in der deutschen Presselandschaft des Wort „Mobbing“ falsch verwendet.

Neuestes Beispiel ist ein Artikel im Focus:
 „Wegen Übergewicht beleidigt

Kölnerin schlägt nach Mobbing-Attacke öffentlich zurück“

Was war passiert? Ein Mann hatte die übergewichtige Frau nach dem Einsteigen in ein Taxi beleidigt, indem er etwas durch das geöffnete Autofenster gerufen hatte (siehe Artikel). Klar ist: Man soll keine Menschen beleidigen.
 Klar ist aber auch: Das hat mit „Mobbing“ nichts, aber auch gar nichts zu tun.
Nach Heinz Leymann (1996) müssen folgende Punkte vorliegen, damit wir von Mobbing sprechen:

Gegen die Verwässerung, für korrekte Sprachregelung

„In nennenswerter Häufigkeit“ bedeutet mindestens einmal pro Woche.
 „Über einen längeren Zeitraum“ bedeutet nach Leymann mindestens ein halbes Jahr lang.

Auch wenn wir das „halbe Jahr“ heutzutage großzügiger auslegen, weil Mobbing-Handlungen auch schon in wesentlich kürzerer Zeit zu gesundheitlicher Schädigung führen können, wird aus der genannten Definition klar, dass eine einmalige Beleidigung – durch ein offenes Autofenster zugerufen – kein Mobbing sein kann. Es fehlt das Systematische, und es fehlt die Dimension der Häufigkeit und die der Dauer.

„Na und?“ – wird jetzt vielleicht jemand sagen. Was soll‘s? Ist doch egal.

Eben nicht. Durch die schlampige und inflationäre Verwendung des Begriffes „Mobbing“ wird dieser Terminus verwässert. Er wird für jede Form konflikthafter Auseinandersetzung verwendet und damit unbrauchbar. Wir brauchen aber eine korrekte Sprachregelung für diese Form krankmachender Konflikte am Arbeitsplatz und in der Schule. Denn wir wollen schikanösen Psychoterror abgrenzen von alltäglichen Auseinandersetzungen, die nicht die zerstörerische Wucht von echtem Mobbing haben.
 Es wäre an sich nicht allzu aufwändig, wenn sich Journalisten und Redakteure vorher informieren, bevor sie locker flockig Begriffe völlig falsch verwenden. Aber das klingt halt gut: „Mobbing-Attacke“!

So trägt der Schlamper-Journalismus dazu bei, dass Opfer echten Mobbings sich plötzlich in einer Schublade wiederfinden mit allen anderen Menschen, denen irgendetwas Unangenehmes widerfahren ist, das nichts, aber auch gar nichts mit "Mobbing" zu tun hat.

Peter Teuschel

 

Bildquelle (Außenseite): Môsieur J. [version 9.1], flickr

Bildquelle: studiostoks, Fotolia

Artikel letztmalig aktualisiert am 05.09.2016.

74 Wertungen (4.88 ø)
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Medizin, Psychiatrie
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Gast
Echtes Mobbing ist in ländlichen Regionen anders, Schaden anrichten durch Herabwürdigung und Beleidigung der betroffenen Person, Dinge dazu "erfinden", Lächerlich machen, einfach ignorieren, fehlende Ansprache...im Vorbei gehen "liegen lassen"......es gibt Gruppen, die das Recht für sich beanspruchen, andere bei nicht gefallen oder die Konkurrenz flächendeckend herabzuwürdigen..
#14 am 11.09.2016 von Gast
  0
Gast
Hi, ich setze hier auch mal eine andere Definizion vom Mobbing. Entspricht aber dem aus der Wikipedia. https://www.ifb.de/mobbing-konflikt-betriebsrat/mobbing:-fakten-und-zahlen.html Da sieht man auch ein paar Informationen zu Risiko-Faktoren, die einen latenten Konflikt aufheizen könnten, so dass die ganze Situation sich in ein Mobbing-Verhalten umwandelt.
#13 am 07.09.2016 von Gast
  0
Die Begriffe Lügenpresse, Schlamperpresse sowie Mainstreampresse stehen nebeneinander - auch wenn es sich teilw. überlappen mag - und sind zu einem großen Teil berechtigt.
#12 am 06.09.2016 von Inge Wagner (Krankenpflegehelferin)
  1
Diesem Beitrag kann ich nur beipflichten, auch, wenn er hier in diesem Forums vielleicht nicht unbedingt am Platz zu sein scheint. Ich bin zeitlebens, weil äußerlich etwas "aus dem bürgerlichen Rahmen fallend" dumm und beleidigend tituliert bzw. "angemacht" worden... Das ist aber kein Mobbing! Gemobbt wurde ich - über Jahre - von meiner damals noch leitenden Kollegin, ganz hinterlistig, trickreich verschleiert, und wirklich bösartig, weil sie sich völlig unsinnig und eingebildet in "den Schatten" gesetzt fühlte. Typisches Beispiel für die Problematik, wenn mehrere Frauen aus verschiedenen Generationen und persönlichen Erfahrungen zusammen arbeiten müssen. Das ging heimtückisch und über Jahre. Das ist Mobbing! Beleidigungen wie o. g. sind dagegen lächerlich, und das sollte einem Journalisten bzw. Redakteur eigentlich klar sein, schließlich ist es sein Beruf, mit der Sprache explizit umzugehen, um Sachverhalte für jeden verständlich zu publizieren!
#11 am 06.09.2016 von Hebamme Birgit Bauhaus (Hebamme)
  2
Gast
#10 am 06.09.2016 von Gast
  0
Altenpflegehelfer
Leider ist bis heute Mobbing keine Straftat. Das Ziel sollte aber sein das es vom Gesetz als Straftat angesehen wird.
#9 am 06.09.2016 von Altenpflegehelfer (Gast)
  1
Asperger-Syndrom: Vorzugsweise zu untersuchen ist, ob die angeblich gemobbte Person unter dem Asperger-Syndrom leidet und daher die Interaktion zwischen Menschen nur beschränkt interpretieren kann und sich folglich rasch gemobbt fühlt.
#8 am 06.09.2016 von Dejan Danilovic (Nichtmedizinische Berufe)
  9
Ich denke, dass zu den o.a. 5 Punkten für "echtes Mobbing" noch gehört: "Die Absicht, damit etwas ganz Bestimmtes zu erreichen".
#7 am 06.09.2016 von Joachim Bedynek (Chemiker)
  4
Herr Teuschel, wie wäre es denn, wenn Sie ihren Artikel dem FOCUS oder dem darin zitierten "Kölner Stadt-Anzeiger" zur Verfügung stellen würden? Denn dort hätte es seinen eigentlichen Platz, statt in einer Nische eines Fachblogs. Die von Ihnen beschuldigte "Schlamperpresse" wäre sicherlich dankbar für Ihren Tipp.
#6 am 05.09.2016 von Jens Uwe Lidy (Medizinjournalist)
  2
Dieser "Schlamper-Journalismus"- ohne zumindest näherungsweise die Definitionen als Grundlagen- zu kennen, scheint mittlerweile exponentiell Blüten zu treiben. Wobei insbesondere der sorglose und auch unmittelbare exkludierende Umgang mit psychiatrischen Diagnosen auffällt. Wie oft wird inflationär mit Begriffen wie "psychisch krank" , "schizophren" etc. hantiert, offensichtlich ohne zu berücksichtigen, welche Auswirkungen derart ausgrenzende und stigmatisierende Etikettierungen für die Betroffenen, speziell im Arbeitsleben haben, können. Insgesamt verweist dies wiederum auf ein schlechtes QM und eine schlechte IT-Compliance. Das müßten insbesondere Presseleute wissen, zu deren Handwerk es schließlich gehört, adäquat mit Begriffen zu hantieren.
#5 am 05.09.2016 von Dr. med. Dorothea Menges (Ärztin)
  0
Ob es nicht an der Sensibilität der drei Parteien liegt. Des Beobachters, des Mobbenden oder Gemobbten?
#4 am 05.09.2016 von Gennadij Eistrach (Arzt)
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Gast
Wirklich wahr! Selten hab ich in meiner psychotherap Praxis Klienten wg. Beleidigung. Häufig aber wirkliche Mobbing-Opfer. Da die dort zu sehenden Schäden teilw. extrem sind, ist eine laxe Anwendung des Begriffes sehr bedenklich. Aber solche unrichtigen Wort-Verwendungen sind in der qualitativen Abnahme der Sprache an sich leider nicht mehr selten.
#3 am 05.09.2016 von Gast
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Wahre Worte
#2 am 05.09.2016 von MTLA Sandra Hoffmann (Medizinisch-Technische Assistentin)
  0
Gast
Na, das ist wohl wahr.
#1 am 05.09.2016 von Gast
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