Isotretinoin Rezepte und Frauen im „gebärfähigen Alter“

28.08.2016
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Die junge Frau (im Fachjargon: „eine Frau im gebärfähigen Alter“ – und ich erwähne es nur, weil dies für viele medizinische Belange noch wichtig ist, wie auch für diesen hier …) kommt in die Apotheke mit einem Rezept für Isotretinoin Kapseln 10mg.

Netterweise hat der Arzt sich einmal an die Vorschriften gehalten und der Frau (etwa 20-jährig) tatsächlich nur eine 30er Packung aufgeschrieben. Ehrlich, langsam nervt es, dass ich da inzwischen fast immer (!) Dauerrezepte und Packungen à 100 Stück sehe. In der Packungsbeilage und Fachinformation steht deutlich drin, dass man bei diesem Medikament bei Frauen im gebärfähigen Alter (was ja heute eine Spanne von 14 bis nach 50 Jahren umfassen kann) jeden Monat eine ärztliche Kontrolle machen muss, vor dem Ausstellen eines neuen Rezeptes – sie darf wirklich nicht schwanger werden. Der Wirkstoff ist teratogen, führt also zu Missbildungen.

Wenn man das mit den – nicht erlaubten und trotzdem immer wieder ausgestellten – Dauerrezepten für Frauen weiß, dann verwundert es vielleicht etwas weniger, dass im letzten Jahr (2015) in der Schweiz 15! Frauen unter Isotretinoin schwanger wurden. Fünf haben die Schwangerschaft freiwillig abgebrochen, zwei hatten Spontanaborte, ein Kind kam zu früh und mit Missbildungen zur Welt, eins zur Normalzeit mit Missbildungen, bei den anderen Kindern ist unbekannt, wie es ausging. Auch 2014 waren es 13 Frauen die unter Isotretinoin schwanger wurden, 2012 waren es noch 5 (Quelle: Vigilance News 12-2014).

Meiner Meinung nach ist da jede einzelne Schwangerschaft zu viel. Deshalb habe ich Anfang des Jahres an die schlimmsten Verschreiber (was das Isotretinoin angeht)  einen Informationsbrief geschrieben ... könnte ja sein, dass sie nicht wissen, dass es nicht wirklich legal ist, was sie da machen mit den Dauerrezepten für Isotretinoin. Zumindest sollten sie dann auf dem Rezept eine Notiz machen, damit ich weiß, dass die Problematik bekannt, die Patientin genügend aufgeklärt ist und ich das Medikament wirklich als Dauerrezept abgeben soll. Ein einfaches „!“ oder „sic“ reicht mir dafür. Außerdem habe ich sie darauf hingewiesen, dass ich auch dann keine großen (100er) Packungen abgebe, sondern nur monatlich eine 30er Packung – damit ich zumindest die Gelegenheit habe, nachzuprüfen und der Kundin gegenüber zu wiederholen, dass sie während der Einnahme nicht schwanger sein oder werden darf. Gerade mal ein Arzt hat darauf reagiert ... und zwar derjenige, der das am wenigsten macht. Wir hatten einfach die eine Kundin, der er das Medikament nicht selber mitgibt, jeden Monat.

Aber ich schweife ab. Das Rezept hier war okay, die Kundin wusste um die Anwendung und auch dass sie nicht schwanger werden darf, was sie mir grad mit der nächsten Frage nochmals bewies ...

„Könnte ich grad noch eine Packung (Pille zum Verhüten) haben? Ich habe aber kein Rezept dabei – ich habe es zu Hause vergessen.“

Gut, sie hatte diese Pille schon einmal bei uns, aber unter diesen Voraussetzungen hätte ich ihr das Verhütungsmittel garantiert auch so gegeben.

Artikel letztmalig aktualisiert am 02.09.2016.

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Pharmazie
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Ärztin
Das Problem ist leider, dass manchmal auch einige erwachsene, mündige und kluge Frauen dem Thema Schwangerschaft und Verhütung eher unbedarft gegenüberstehen: Wenn man 10 verschiedene Frauen fragt ob sie theoretisch schwanger sein könnten und alle antworten sie seinen völlig sicher nicht schwanger zu sein, dann kann diese Antwort 10 verschiedene Bedeutungen haben. Wirklich völlig sicher sind sich viele nur wenn sie nicht sexuell aktiv waren. Andere sind sich schon völlig sicher nur weil sie gestern ihre Regel bekommen haben (das kann aber auch eine Zwischen- oder Nidationsblutung sein). Wieder andere sind sich sicher weil sie jedesmal wenn sich der errechnete Termin des mutmaßlichen Eisprungs nähert ein Kondom benutzt haben oder weil sie diesen Monat die Pille nur einmal vergessen haben... Einmal bekam ich auf die Frage hin was die junge Frau denn so 100%ig sicher mache nicht schwanger zu sein die Antwort: so etwas fühlt man doch!
#3 am 02.09.2016 von Ärztin (Gast)
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Coventina
Monatlich einen Schwangerschaftstest durchzuführen finde ich auch übertrieben und bevormundend (zumal es bei positivem Ergebnis doch sowieso zu spät ist). Gute Aufklärung, die auch nachhakt, ob die Patientin wirklich verstanden hat, ist allerdings wichtig. Allerdings ist mir auch nicht klar, warum sich Patienten so über Monatsrationen aufregen. Zumindest als ich behandelt wurde mußte ich sowieso jeden Monat zum Arzt, Blutprobe ziehen zur Leberwertkontrolle. War Standard, um eventuelle Schädigungen rechtzeitig zu erkennen. Da ist Rezept holen kein extra Aufwand.
#2 am 02.09.2016 von Coventina (Gast)
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Gast
Ich finde es ehrlich gesagt eine Zumutung, dass Ärzte (oder Apotheker) bzw. wer auch immer sich diese Regelung ausgedacht hat, sich anmaßen hier monatliche Kontrollen durchzusetzen. Ich bin erwachsen - wenn man mir klarmacht, dass ich, wenn ich dieses Zeug haben möchte, nicht schwanger werden darf, dann betrachte ich mich (und erwachsene, mündige Frauen im allgemeinen) als fähig entsprechende Vorsorge zu treffen. Mir ist klar, dass es leider Ausnahmen gibt aber das Vorgehen halte ich für eine unverhältnismäßige Bevormundung und Erniedrigung. (Die mir auch noch willkürlich vorkommt, z.B. ist mir die Thematik bei Xarelto noch nirgends untergekommen.)
#1 am 31.08.2016 von Gast
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„Sie können mir das schon geben, ich übernehme die Verantwortung!“ … sagt die Frau, die unbedingt ein mehr...
(von der Apothekerin) Es ist anscheinend nie Ihre Verantwortung über ihre Deckung Bescheid zu wissen. Und dann mehr...

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