Sex publiziert sich besser?

23.08.2016
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Die Zusammenfassung der Veröffentlichung „Der evolutionäre Ursprung des weiblichen Orgasmus“ (Perspective and Hypothesis - The Evolutionary Origin of Female Orgasm) von Mihaela Pavlicev und Günter Wagner liest sich eher perspektivisch-hypothetisch. Wie eine Art Besinnungsaufsatz.

Doch hier zunächst die vollständige Übersetzung des wissenschaftlichen Abstracts:

„Der evolutionären Erklärung des weiblichen Orgasmus ist schwierig beizukommen. Der Orgasmus der Frauen dient offensichtlich nicht dem reproduktiven Erfolg und überraschenderweise begleitet er den heterosexuellen Geschlechtsverkehr unzuverlässig.

Zwei Arten von Erklärungen wurden vorgeschlagen: Die eine besteht auf rezent übrig gebliebenen adaptiven Regeln in der Reproduktion; die andere erklärt den weiblichen Orgasmus als ein Nebenprodukt der Selektion zum männlichen Orgasmus, welcher für den Sperma-Transfer entscheidend notwendig ist.

Wir betonen nachdrücklich, dass diese Erklärungen dazu neigen, den Fokus eher auf die Evidenz von der menschlichen Biologie her zu legen, als die Modifikation eines Wesensmerkmals eher an seinen evolutionären Ursprung zu adressieren. Die Spur dieser Wesensmerkmale der Evolution zu verfolgen, benötigt Anlehnungen anderer Spezies zu identifizieren, welche begrenzte Ähnlichkeiten mit der menschlichen Eigenschaft haben.

Der weibliche menschliche Orgasmus ist mit einem schnellen endokrinen Anstieg assoziiert, ähnlich dem kopulationsbedingten Anstieg bei Tierarten mit induzierter Ovulation. Wir schlagen vor, dass die Ähnlichkeit des menschlichen Orgasmus ein Reflex auf den entwicklungsgeschichtlich induzierten Eisprung ist.

Dieser Reflex wurde mit Entwicklung des spontanen Eisprungs entbehrlich, konnte den weiblichen Orgasmus potenziell für anderes Rollenverhalten befreien. Das wird durch phylogenetisch-entwicklungsgeschichtliche Evidenz unterstützt, dass die induzierte Ovulation wesentlich älter ist, und dagegen spontane Ovulation den höher differenzierten Säugetieren zuzuordnen ist.

Zusätzlich zeigt die vergleichende Anatomie des weiblichen Fortpflanzungstrakts, dass die Entwicklung des spontanen Eisprungs mit zunehmender Distanz der Klitoris vom Kopulationskanal korreliert.

Zusammenfassend schlagen wir vor, dass die weibliche orgasmusgebundene Verhaltensweise ein Anpassungsvorgang darstellt, jedoch für eine andere Rolle als namentlich die Induzierung der Ovulation. Mit der Entwicklung des spontanen Eisprungs wurde der weibliche Orgasmus befreit, um andere sekundäre Verhaltensbedeutungen zu gewinnen, welches sein Bestehen, aber nicht seinen Ursprung erklären könnte.“ (© der Übersetzung beim Verfasser)

Ich erspare Ihnen an dieser Stelle die englische Version. Sie ist übrigens in einem gewöhnungsbedürftig slawisch-österreichischen Schreibstil des Autorenpaares gehalten, welcher auch meine Übersetzung nicht gerade erleichtert hat.

Persönliche Fragestellungen

Doch was ist jetzt daran das eigentlich Neue, das man zwingend veröffentlichen musste? Und ist die Unterscheidung zwischen phylogenetisch älterer, Orgasmus-induzierter Ovulation und entwicklungsgeschichtlich neuerer „spontaner Ovulation“ unabhängig vom Orgasmus bei der Frau wirklich zielführend?

Zunächst wird bei der Orgasmus-induzierten Ovulation des Tierreichs die männliche Brunftzeit ausgeblendet.  Männliche Tiere sind in der Regel im Jahreszyklus (mehrfach) brünftig, während die weiblichen Tiere dann gar nicht mehr so spontan empfänglich und befruchtungsfähig sind, wenn sie ebenso zyklisch ihre fruchtbaren Tage mit Eisprung haben. Und klare Rückmeldungen über weiblich-tierische  Orgasmusfähigkeit bzw. -häufigkeit scheinen in der wissenschaftlichen Literatur zu fehlen. Meiner bescheidenen persönlichen zoologischen Beobachtung und TV-Halbbildung nach wird eher Gleichgültigkeit zur Schau gestellt.

Schlussfolgerungen und Fazit

Das weibliche Zusammenspiel von luteotropem Hormon(LH), Follikelstimulierendem Hormon (FSH), den „releasing Factors“, Östrogen und Gestagen bzw. auch Prolaktin beim Menschen ist meines Erachtens zu kompliziert interagierend, dass dabei wirklich von einer „spontanen“ Ovulation gesprochen werden kann. Das war historisch auch der Grund, warum Kontrazeptiva erstmals als „Pille für die Frau“ entwickelt werden konnten.

Keineswegs gilt als einziger Leitsatz „Jeder Mann kann“: Ejaculatio praecox, die retrograde Ejakulation, der „trockene“ Orgasmus, aber auch der spontane nächtliche Samenerguss ohne Geschlechtsverkehr (Pollution) https://de.m.wikipedia.org/wiki/Pollution sowie die Masturbation beim Mann induzieren weder Orgasmus noch Ovulation bei der Frau.

Auch dass Frauen im reproduktiven Alter gerade etwa 13 Ovulationen pro Jahr haben und damit nur an circa 26 bis 39 Tagen im Jahr empfängnisbereit sind, während auch häufige männliche Samenergüsse jeweils zig Millionen befruchtungsfähige Samenfäden enthalten, bleibt von einer entwicklungsgeschichtlichen Ursprungserklärung weit entfernt.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. Bergen aan Zee)

Originalpublikation:

The Evolutionary Origin of Female Orgasm
Mihaela Pavličev, Günter Wagner; Journal of Experimental Zoology, doi: 10.1002/jez.b.22690; 2016

 

Bildquelle (Außenseite): Neil Conway, flickr

Bildquelle: Lieferwagen NL/Bergen aan Zee © Praxis Dr. Schätzer

Artikel letztmalig aktualisiert am 28.08.2016.

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@ - J. Bedynek #27: Sorry, aber so steht es nun mal im Abstract der beiden Autoren, die von Ihrer Meinung so alternativlos überzeugt sind. @ - Gast #25: Meine Übersetzung ist keineswegs holprig; es ist der englische Originaltext, der eine österreichische Rückübersetzung beinhaltet. Und was meine TV-Halbbildung angeht, wie viele Tierarten haben Sie denn live bei der Kopulation beobachten und studieren können?
#28 am 30.10.2016 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Gast
2. Absatz: Der Fortpflanzungserfolg ist d a s Kriterium der Evolution! Der weibliche Orgasmus trägt durch Erhöhung der Patnerbindung dazu bei. Wie könnte er somit nicht "dem reproduktiven Erfolg" dienen ?? Wie können da Zweifel bestehen ?? -- J. Bedynek
#27 am 09.10.2016 von Gast
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Gast
Kommentar #25 von Joachim Bedynek, Biologe
#26 am 09.10.2016 von Gast
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Gast
Letzter Satz der Publikation: Wie in aller Welt soll es denn anders gehen? Die weiblichen Eier enthalten das Zellplasma und sind 100 x größer !! Sollen davon auch jeden Tag Millionen produziert werden? Der weibliche Teil ist seit 2 Milliarden (!) Jahren der passive Teil. Es kann sich doch nur ein Ei - oder wenig mehr - im Uterus einnisten. Der männliche Part ist der aufsuchende und hat daher die aktive Rolle. Da die Spermien so klein sind, kann es sich "die Evolution" leisten so viele zu produzieren. Gut dass Herr Schätzer gegen Ende seiner holprigen Übersetzung seine TV-Halbbildung einräumt.
#25 am 09.10.2016 von Gast
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Gast
@#23: Ein Kommentar ist eine Meinungsäußerung zu einem Thema. Hier: Sex publiziert sich besser? Wenig in Ihrem Beitrag davon zu sehen.
#24 am 10.09.2016 von Gast
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Gast
Aber Doktorchen, nun bewahren Sie doch Ihren Standesdünkel oder ? Nichts für halbgut /:)
#23 am 06.09.2016 von Gast
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@#21 https://de.m.wikipedia.org/wiki/Troll_(Netzkultur) Dachte ich mir, insofern Narrenfreiheit ! ( all inclusive )
#22 am 04.09.2016 von Dr. Rolf Klüsener (Arzt)
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Gast
# 20 : Ist das denn Ihr " Gesicht " neben dem Namen oder tragen auch Sie in Wirklichkeit den Grauschleier ? Es geht im übrigen nicht ums " sagen ", mein Junge
#21 am 04.09.2016 von Gast
  2
@#19: Sagte ich doch, Kapuzenträger, Sie wiederholen sich. Öffnen Sie doch mal das Visier, sähe mal gerne wer oder was dahinter steckt.
#20 am 04.09.2016 von Dr. Rolf Klüsener (Arzt)
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Gast
# 18 : Dann tun Sie das mal, Doktorchen, Sie haben Grund..
#19 am 02.09.2016 von Gast
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@#17: Wie wahr, wie wahr! Humor ist wenn man trotzdem drüber lacht.
#18 am 01.09.2016 von Dr. Rolf Klüsener (Arzt)
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Gast
# 16 : Es wäre eine Möglichkeit, diesem mit etwas Psychologie - zugegeben, nicht gerade ärztliche Domäne - näherzutreten und ggf. sogar über sich selbst zu lachen oder auch nur zu schmunzeln. Man muß auch weder an Bord nehmen, was schon da, aber nicht erkannt ist noch überflüssiges Latein an dieser Stelle ;-) p.s. : auch von Toten läßt sich übrigens viel lernen..
#17 am 01.09.2016 von Gast
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@#15: Kommentar grenzt an unverständlichen Quatsch; Tote sollte man eigentlich ruhen lassen oder wie der Lateiner zu sagen pflegt: De mortuis nihil nisi bene. Erstaunlich was sich unter der Kapuze der Anonymität so verbergen kann !
#16 am 31.08.2016 von Dr. Rolf Klüsener (Arzt)
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Gast
Humor ist auch, wenn man einen Doktor-Titel anstrebt und sich anschließend darüber amüsiert, weil man sich zwischenzeitlich hinterfragen konnte ( so z. B. der verstorbene Dr. Bednarz von Monitor, allerdings wohl kein Mediziner... )
#15 am 30.08.2016 von Gast
  1
@#13 "Humor ist die Begabung eines Menschen, der Unzulänglichkeit der Welt und der Menschen, den alltäglichen Schwierigkeiten und Missgeschicken mit heiterer Gelassenheit zu begegnen." (Wikipedia ) Insofern habe ich keine Probleme Loriot mit an Bord zu nehmen.
#14 am 30.08.2016 von Dr. Rolf Klüsener (Arzt)
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Gast
Herr Dr. Klüvener, Herr Müller-Lüdenscheid ?
#13 am 29.08.2016 von Gast
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@#11: Hallo Kollege Schätzler; und wenn Sie noch so viele anglo-amerikanische Institutionen anführen, der von Ihnen "zerpflückte" Artikel stammt aus: Journal of Experimental Zoology ! Weiterhelfen müssen Sie mir nicht, bin selbst journalistisch tätig, habe gelernt, neben schriftstellerischer Freiheit auch Ross und Reiter zu nennen. M.f.G.
#12 am 29.08.2016 von Dr. Rolf Klüsener (Arzt)
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Ooch Kollege Rolf Klüsener, wenn das keine überwiegend medizinische Bereiche sind: "Author Information - 1Center for Prevention of Preterm Birth, Perinatal Institute, Cincinnati Children's Hospital Medical Center, Cincinnati, Ohio - 2Department of Pediatrics, University of Cincinnati College of Medicine, Cincinnati, Ohio - 3Department of Ecology and Evolutionary Biology, Yale University, New Haven, Connecticut - 4Yale Systems Biology Institute, Yale University, West Haven, Connecticut - 5Department of Obstetrics, Gynecology and Reproductive Sciences, Yale Medical School, New Haven, Connecticut - 6Department of Obstetrics and Gynecology, Wayne State University, Detroit, Michigan - dann weiß ich aber auch nicht mehr, wie ich Ihnen weiterhelfen soll? Das war doch der Grund für meinen Blog! Was haben sie denn auch noch an der Brunftzeit auszusetzen?
#11 am 28.08.2016 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  0
@#9: Lieber Kollege Schätzler, vielleicht wäre es empfehlenswert darauf hinzuweisen, daß der von Ihnen kommentierte Artikel garnicht aus dem medizinischen Bereich stammt. Zur Information des Lesers hätte das, was Sie in #9 schreiben besser am Anfang Ihrer Besprechung des Artikels gestanden. Abgesehen davon, kann mancher Unsinn ( .Brunft männlicher Tiere ) bezüglich der Autorenzugehörigkeit nicht eindeutig differenziert werden. M.f.G.
#10 am 28.08.2016 von Dr. Rolf Klüsener (Arzt)
  9
@ Gast #8: Danke für den Hinweis auf Prof. Dr. med. Gunter Schmidt und damit auf die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Gesellschaft_für_Sexualforschung - Einer meiner klinischen Lehrer, Prof. Dr. med. Volkmar Sigusch, war jahrelang Vorsitzender der "DGfS", die als älteste und größte deutsche Fachgesellschaft für Sexualwissenschaft für seriöse Forschungen und angewandte Wissenschaften in Theorie, Klinik und Praxis der Humanmedizin, Psychologie und Psychotherapie einsteht. Deshalb hier mein kritischer Blogbeitrag über unseriöse publizistische Entgleisungen und pseudowissenschaftliche Behauptungen. MfG
#9 am 28.08.2016 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  0
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Gunter_Schmidt_(Sexualforscher) Solide wissenschaftliche Forschung und zeitgemäße Evaluation gibt es hier.
#8 am 28.08.2016 von Dr. Rolf Klüsener (Arzt)
  3
So ein nichtssagender Quatsch ist mir selten untergekommem MfG.
#7 am 27.08.2016 von Heiler Eckehard Kiesling (Physiotherapeut)
  3
Man kann sich auch.....L lieber mehr Kripo in Diabetes stecken So ein Bericht Wem hilft sodass Die Forscher sollten mal liEber mehr Kripo in Diabetes stecken....
#6 am 26.08.2016 von Wolfgang Neher (Weitere medizinische Berufe)
  10
Die generelle Frage ist bei solchen Veröffentlichung, ob sie die Menschheit irgendwie weiter bringen. Ich neige eher zur Annahme, daß diese Leute sehr individuelle Probleme haben, wie viele andere Autoren auch, und versuchen, mit deren Veröffentlichung irgendwie etwas Geld zu verdienen, bzw. dient ggf. der literarische Exhibitionismus zur persönlichen "Verarbeitung" div. Traumata. Ich wünsche viel Erfolg, in jeder Hinsicht.
#5 am 26.08.2016 von Dipl. Ing. Bernd H.K. Hoffmann (Nichtmedizinische Berufe)
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Die "beiden Erklärungen" werden unzureichend, unverständlich differenziert. Evolution ist hier natürlich immer die Grundlage. Dieser Artikel ist wohl überflüssig!
#4 am 26.08.2016 von Joachim Bedynek (Chemiker)
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Aber es wäre doch sicherlich interessant und von unschätzbarem informativem Wert zu erfahren, dass in China ein Sack Reis umgefallen sei.
#3 am 26.08.2016 von Ulf D. Meyer (Nichtmedizinische Berufe)
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Gast
^^ :-D No comment!
#2 am 25.08.2016 von Gast
  0
Gast
Es gibt so viele Veröffentlichungen, bei denen man sich fragt, wieso sie von irgendeiner Institution bezahlt wurden ... Diese gehört auch dazu.
#1 am 25.08.2016 von Gast
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