Wird ein Bumerang zur Friedenstaube?

15.08.2016
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Ist es sinnvoll, als Mobbing-Opfer den Arbeitgeber zu verklagen? Meist ist es aussichtslos und aus gesundheitlichen Gründen nicht ratsam. Aber es mag Ausnahmen geben.

Es war eine dieser Mobbing-Geschichten, bei denen ich als Behandler schon ahnte, wie sie ausgehen würden. Meine Patientin, Ende 50, war auf eine zunächst diffizile, dann immer plumpere Art an ihrem Arbeitsplatz benachteiligt und behindert worden.

Der Haupt-Mobber war ihr Chef, aber einige ihrer Kollegen hielten sich als Nutznießer der Aktion sehr bedeckt und ermöglichten dadurch erst die Schikanen. Als die Bestätigung der Arbeitsunfähigkeit durch mich erfolgte, war meine Patientin am Ende ihrer Kräfte. Sie hatte lange gekämpft, um ihre Arbeit, die sie gerne machte, dann um ihren Ruf, schließlich um ihren Arbeitsplatz. Es half alles nichts. Depressiv und erschöpft schied sie aus dem Arbeitsverhältnis aus.

Viele Mobbing-Opfer haben nicht die Kraft, zu klagen

Die Ungerechtigkeit machte ihr am Ende noch am meisten zu schaffen. Sie fragte mich, ob es chancenreich sei, den Arbeitgeber zu verklagen. Wir diskutierten lange das Für und Wider. Den Ausschlag gab dann ihr reduzierter Gesundheitszustand. Sie traute es sich nicht zu und ich konnte sie gut verstehen. In den allermeisten Fällen hat das Opfer nicht die Kraft und nicht die Belastbarkeit für eine oft langwierige, immer aber unangenehme und belastende gerichtliche Auseinandersetzung mit ohnehin zweifelhaften Aussichten.

Ich machte mir Sorgen um meine Patientin, verlor sie aber nach ihrem Ausscheiden aus ihrem Beruf aus den Augen, weil sie nicht aus der Münchner Gegend kommt. Einige Male dachte ich an sie. Wie es mit ihr wohl weitergegangen war?

Vor ein paar Tagen erfuhr ich es. Sie stand auf meiner Liste für die Sprechstunde. Ehrlich gesagt erwartete ich, dass es ihr nicht gut ginge.
 Aber das Gegenteil war der Fall. In den fünf Jahren, in denen ich sie nicht gesehen hatte, war es mit ihr bergauf gegangen. Sie sah erholt aus, wirkte jünger und frischer als damals. Die Erschöpfung war weg, sie hatte sich erholt.
 Jetzt achtete sie mehr auf sich als in der „schlimmen Zeit“, wie sie es formulierte. Eine Therapie hatte sie nicht gemacht, aber sie hatte verstanden, worauf es ankam. Achtsamkeit. Erkennen der eigenen Grenzen. Fernhalten von Negativem, Zugehen auf das Positive.

„Ich will es nicht so stehen lassen“

Das Mobbing von damals war nicht vergessen. Es beherrschte ihr Denken und Fühlen nicht mehr so wie vor fünf Jahren. Sie hatte keine Schlafstörungen mehr deswegen. Aber immer wieder ging ihr durch den Kopf, was vorgefallen war, wie man sie behandelt hatte und wie wenig sie dagegen tun konnte.

Sie stellte mir die gleiche Frage wie vor fünf Jahren. Aber diesmal lächelte sie dazu und ihr Blick war nicht auf den Boden gerichtet. Bevor ich antworten konnte, sagte sie noch, es ginge nicht um Rache. Sie sei sich bewusst, dass die Aussichten einer Klage sehr beschränkt seien. Sie würde so oder so weitermachen wie in den letzten Jahren. Sie mache nichts vom Ausgang einer rechtlichen Auseinandersetzung abhängig.

Warum sie die Sache dann noch einmal aufrollen wolle, fragte ich. „Weil ich es nicht so stehen lassen will“, antwortete sie, „und weil ich jetzt stark genug bin.“
Im Grunde genommen war es gar keine richtige Frage. Sie wollte mich an ihrer Entscheidung teilhaben lassen.

Man trifft sich immer zweimal im Leben

Es ist eine Ausnahme, dass ein Mobbing-Opfer sich so weit erholt, dass es fünf Jahre später noch einmal gegen die frühere Benachteiligung und Ausgrenzung vorgeht. Für die meisten, die ich kenne, macht es mehr Sinn, sich fern zu halten von diesem Thema, das schmerzhafte Spuren in ihrer Seele hinterlassen hat. Einige können davon profitieren, eine Therapie bei einem Trauma-Therapeuten zu absolvieren. Sofern sie einen finden, der „Mobbing“ als Trauma-Ursache gelten lässt.

Aber hin und wieder, auch wenn es selten ist, werde ich Zeuge davon, wie sich das alte Sprichwort bewahrheitet: „Man trifft sich immer zweimal im Leben.“

Ich bin sehr gespannt, wie die Sache ausgeht. Manchmal klappt „peace out haterz“ einfach nicht.

 

Bildquelle (Außenseite): Artondra Hall, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 14.09.2016.

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Medizin, Psychiatrie
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Gast
Anmerkung des Verfassers.: Zur Vollständigkeit. Ahg und Median sind zur Zeit die größten Reha und Suchtbetreuungsanbieter in Deutschland . Durch die gegenwärtige Fusion entsteht der größte Med. Anbieter in Deutschland:Waterland.Mit den entsprechenden Einsparmassnahmen .Mobbing ist da momentan a.d. Tagesordnung. Ob die Versorgungsqualität dadurch verbessert wird ist mehr als anzuzweifeln.Der Konzern handelt rein profitorientiert und handelt mit allem was gewinn einfährt.Und das jetzt auch im Sozialbereich. Die Bundesregierung und Caritativen sourcen Ihre Sozialversorgungsbereich aus Kostengründen aus und wie hier übernehmen die OPrivaten. Armes Deutschland,arme Angestellte.Ausverkauf.
#7 am 05.09.2016 von Gast
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Gast
Im Sozialbereich oder soll Ich sagen Asozialbereich wird zur Zeit gemobbt das es nur so kracht.Imder Firma Waterland u.Median die momentan durch die Übernahme der AHG(Allgemeine Hospitalgesellschaft)( war inder Presse!! wierden zur Zeit köpfe rollengelassen das es nur so kracht. Und die die hinten am tiefsten reinkriechen und mobben gewinnen . Und so was nennt sich Sozialarbeiter . Pfui Teufel. Ein Angestellter
#6 am 05.09.2016 von Gast
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Schikanieren am Arbeitsplatz. Aber andauernd... Einer hat einfach so, während Diskussion der wissenschaftlichen Themen, einfach so - Menschen, es sehr wichtig über Liebe, Gebot der Liebe nachzudenken - geschrieben. Reaktion: Das Aufbrausen, die Empörung und ... Es geht um Mobbing? Bei der Vorlesung in Deutschland hat ein meiner Lehrer (Ich habe Glück indem, dass alle meine Lehrer und Chefs, sowohl menschlich als auch fachlich, gut sind) gesagt, nicht eingeflüstert, dass man keinen Kontext bei dem Gespräch mit Patienten oder Menschen schaffen muss. Im Verlauf habe ich zu der Meinung gekommen, dass es kaum gesunde, lebendige Gespräche gibt, ob es am Arbeitsplatz oder zu Hause - nur Kommunikation. Ja, Mobbing/Schikane. Meinung dazu: Es liegt an dem Missverständnis der beiden Parteien. Apropos: Auch mit Hilfe der Elektronik (PC, Fernsehen, Telefon, Smartphone und s.w. und s.f.) kann man gesund sprechen und nicht kommunizieren. gennadi.e@gmx.de.
#5 am 24.08.2016 von Gennadij Eistrach (Arzt)
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Gast
Eine Zen-Weisheit dazu: Der Schüler ging zum Meister und frage ihn: "Wie kann ich mich von dem , was mich an die Vergangnenheit heftet, lösen?" Da stand der Meister auf, ging zu einem Baumstumpf, umklammerte ihn und jammerte: "Was kann ich tun, damit dieser Baum mich loslässt?" Es ist viel gewonnen, wenn man sich entschließen kann, den Baumstumpf loszulassen. Ich hatte leider genug Gelegenheiten, die Richtigkeit dieses Gleichnisses zu überprüfen. Erst wenn man loslässt ist es möglich, zu sich zurückzukehren und Gelebtes unter Erfahrung zu verbuchen, ohne Groll zu hegen. Es gibt keine Gerechtigkeit. Manchmal ist man einfach zur falschen Zeit am falschen Ort und bei den falschen Menschen. Vergangenes kann man nicht mehr beeinflussen, Kommendes schon.
#4 am 24.08.2016 von Gast
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Gast
Hier gilt oft aus dem scheinbaren Nachteil des Anderen einen Vorteil zu ziehen um "voranzukommen" oder andere eigene Ziele zu erfüllen. Das fordert Opfer. Als Opfer muss man seine Weltsicht und sein Verhalten ändern, sowie eine neue Identität aufbauen um weiter leben zu können; das sind nicht nur zeit- sondern auch energieintensive und herausfordernde Übungen. Es konfrontiert den Betroffenen mit Unsicherheit, Ohnmacht und Orientierungslosigkeit. Aus diesen Unerwünschten Zuständen heraus aufzustehen und sich mit deutscher Bürokratie auseinanderzusetzen ist wahrlich Herkulesarbeit - aber durchaus die notwendige Message an sich selbst(ich bin es mir wert) und die Mobber. Denn, auch diese Leute wissen, dass es weder menschlich noch in Ordnung ist was Sie tun. Und es stimmt - man sieht sich immer zweimal. Zeit heilt nicht alle Wunden. Manchmal mockert es verdeckt weiter - und irgendwann braucht es nicht viel um Leute die ein menschenverachtendes Verhalten an den Tag legen zu exponieren. In Zeiten der Überwachung, geht das vielleicht sogar von allein; denn ein Unternehmen arbeitet nur so effektiv, wie die Teams bzw. jeder einzelne - und einen Krankenstand will jeder Arbeitgeber tunlichst vermeiden...
#3 am 23.08.2016 von Gast
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Gast
Ich bin selber Betroffener und bin Ihnen sehr dankbar, dass ich ihren Artikel hier lesen durfte. Mobbing zeigt wo es in einer Gruppe nicht in Ordnung ist - im wahrsten Sinne des Wortes. Gute Führungskräfte haben immer ein Gefühl und Sachkenntnis ihres Teams auf allen Ebenen; jedoch trifft man selten auf eine funktionierende Einheit mit hierarchischen Strukturen.
#2 am 23.08.2016 von Gast
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Gast
Ich dachte die juristische Frist endet nach 1/2 Jahr ? was wie man sieht viel zu kurz ist!
#1 am 23.08.2016 von Gast
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