Nachhilfe im Ernährungs-ABC

10.08.2016
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Elend, viele Menschen, Schmutz, falsche Ernährung – meine Erwartungen bestätigen sich, aber nur auf den ersten Blick. Ich werde die Unterernährung langfristig behandeln – Prävention durch Beratung. Per Rikscha werden dafür u.a. Medikamente in die wechselnden Stationen gekarrt.

Ein erster Bericht von Einsatzarzt Dr. Rolf Kappes aus Kalkutta

Seit einer Woche bin ich mit den German Doctors in Kalkutta. Zeit für einen ersten Bericht: Es ist Sonntagmittag, ich sitze in meinem Zimmer in der Gemeinschaftsunterkunft von uns insgesamt sechs Kollegen (die meisten Internisten, jüngere Klinik-Ärzte. Pensionäre, einige aus der Praxis). Die Unterkunft ist einfach und angenehm – für hiesige Verhältnisse Luxus. Meine erste Assoziation zu Kalkutta, als ich die Einladung zur Arbeit im Projekt für unterernährte Kinder erhielt, war: Elend, viele Menschen, Schmutz, Hitze, falsche Ernährung. Alles stimmt, zumindest auf den ersten Blick. Die Stadt hat 14 Millionen Einwohner, mit 24.000 Menschen/qkm die höchste Dichte der Welt. In einem „Wohnraum“ hier im Slum von z.B. 18 qm leben 8 Menschen, die Ärmsten leben auf der Straße. Der Gegensatz: Das wirtschaftlich boomende Indien. Das sieht man auch hier in Ansätzen, aber im Vergleich zu Mumbai oder Delhi ist Kalkutta eine vergessene Stadt.

Mehrere Zentren für Beratung und Behandlung

Eine Kurzbeschreibung meines Alltags: Gemeinsames Frühstück um 7:00 Uhr, dann Abfahrt der Kollegen mit unseren Ambulanz-Fahrzeugen in die Slums entlang der Bahngleise, dort arbeiten die Kollegen in drei 2er-Teams mit Patientenzahlen um die 300 pro Tag. Spektrum: Gesamte Medizin, für von uns nicht behandelbare Fälle gibt es Überweisungsmöglichkeiten an spezialisierte Kliniken. Die Kosten dafür werden von den German Doctors übernommen. Ich selbst habe eine ganz andere Aufgabe: Vor 5 Jahren haben unsere Kinderärzte festgestellt, dass unterernährte Kinder durch die punktuelle ambulante Versorgung nicht adäquat betreut werden und haben in Zusammenarbeit mit nationalen Förderinstitutionen mehrere Zentren aufgebaut, in denen Schwangere, Neugeborene, Kleinkinder und auch ältere Kinder untersucht, beraten und behandelt werden. Diese Basismedizin ist Prävention auf lange Sicht.

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Ich ziehe also morgens los, zu Fuß, allein, bei dann schon gut 35 Grad. Regen/Sonnen-Schirm aufgespannt. Eine halbe Stunde entlang an idyllischen stinkenden Kanälen zum Ganges. Übersetzen mit der Fähre, mit dem krachvollen Bus wieder eine halbe Stunde, per Rikscha 15 Minuten zum Feeding-Zentrum. Dort warten auf mich die Mitarbeiterinnen: Krankenschwester, Übersetzer, Diätassistentin, Schreiberinnen, Health Worker, Köchin, insgesamt ca. 10 Frauen. Gemeinsam ziehen wir dann an einen von drei wechselnden „Stützpunkten“, das sind einfachste Hütten, die Ausstattung mit Plastikstühlen und -tischen, Medikamenten-Koffer, Waage und Längenmessschablonen wird mit einer Fahrrad-Lasten-Rikscha dorthin gekarrt.

Funktioniert die Stilltechnik der jungen Mütter?

Dann kommen die meist in Saris gekleideten Mütter (oder auch die älteren Schwestern) mit zur Kontrolle der einbestellten oder neuen Kindern. Sie werden gewogen und gemessen (Größe und Armumfang als Maß für die Schwere der Unterernährungund die erhoffte Gewichtszunahme). Dann wird besprochen, ob das Kind gestillt wird, die Stilltechnik muss manchmal überprüft werden, wichtig ist die Frage, ob die Mutter genug trinkt und wie Ihre Ernährung aussieht. Dann Fragen nach Kinderzahl, Abstand der Geburten, weiterem Kinderwunsch, Verhütungsmethoden, Zusammensetzung und Häufigkeit der Ernährung. Kontrolle des Impfstatus. Die oftmals jungen Mütter sind dankbar für jede Hilfe.

Schwer unterernährte Kinder erhalten für einige Zeit eine hochkalorische Paste (ähnlich Erdnuss-Butter), die wie ein Medikament ausgegeben wird (also nicht Ernährungsersatzstoffe statt normaler Ernährung). Ihr seht schon, dass all das natürlich am besten von den einheimischen Mitarbeiterinnen geleistet werden kann. Die Sprache ist Bengali oder Hindi, die Mütter sprechen kein Englisch. Auch das Englisch der Mitarbeiterinnen ist – na sagen wir mal – etwas schmalspurig.

Kein Tourist im Monsun zu sehen

Insgesamt kommen wir aber sprachlich klar, die Stimmung zwischen uns ist immer freundlich, Weiße gelten hier nach wie vor als höhergestellt, über allen Indern. Wir sind hier eine solche Ausnahme! Ich habe in dieser ersten Woche sicher schon mehrere hunderttausend Menschen gesehen, aber noch keinen einzigen Europäer. Auch in der Innenstadt kein einziger Tourist. Aber das liebe ich ja, diese vielen Eindrücke, alle fünf Minuten könnte ich eine neue Seite schreiben. Belastend ist die Hitze und die Luftfeuchtigkeit. Duschen ist Nasswerden und nach dem Abtrocknen wieder Duschen-Wollen. Der Monsun deutet sich an, den ersten massiven Guss habe ich schon auf der Ganges-Brücke mitgekriegt. Keine Chance des Entkommens. Jetzt fahren wir gleich nach Kalkutta-Zentrum, ca. 1 Stunde, dort ein Blick in Englands imperiale Größe. Irre. Demnächst mehr von meinen Eindrücken aus Indien!

 

Zum Blog der German Doctors.

Bildquelle: Marie Buyens, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 11.08.2016.

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