Nahtoderfahrungen: zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie …

07.08.2016
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Das Thema Nahtoderfahrung (NTE) ist inzwischen allgemein sehr präsent, auch bei DocCheck ist es mit zwei Artikeln mit wissenschaftlichem Schwerpunkt vertreten. Doch übersehen wir da nicht was wichtiges? Was fängt die Pflegekraft oder der Arzt vor Ort denn mit einem Menschen an, der solch ein Erlebnis schildert?

Kurze Schlüsse


Noch viel zu oft wird dieses Gespräch sicher mit „Ihr Gehirn war kurz ohne Sauerstoff“, „Das waren nur Halluzinationen“ oder vielleicht „Ich geb Ihnen noch was zur Beruhigung“ kurz und schmerzlos beendet. Doch gerade nach solch einer Erfahrung sind die Betroffenen vielfach sehr schutzlos bis hin zu traumatisiert und verschließen sich nach einem fehlgelaufenen Erstkontakt dann für lange Zeit. Die notwendige Verarbeitung des Erlebten wird so verzögert und der Weg zurück in den Alltag erschwert.

Den Erfordernissen gerecht werden

Solch eine Erfahrung erschüttert den betroffenen Menschen zutiefst; der Begriff „Trauma“ wird von manchen Betroffenen bewußt benutzt. Die Intensität, Klarheit und Inhalte des Erlebten sprengen die Vorstellungskraft der Erfahrenden und führen oft in den Jahren danach zu umfassenden Änderungen in der Lebensgestaltung.

Dies sollte vor allem das Gegenüber anerkennen, um der Situation gerecht zu werden. Eine Erörterung der möglichen Ursachen hat dabei keinen Platz und auch hier in diesem Artikel nicht. Für den fachgerechten Umgang mit dem Ereignis spielt dies nämlich erfreulicherweise keine Rolle und wird somit, auch um unnötige Kontroversen zu vermeiden, einfach weggelassen. Wer sich als Fachkraft auf den Umgang mit solch einem Erlebnis nicht einlassen kann, sollte sich zumindest ehrlich aus der Situation zurückziehen. Ein „Ich bin nicht offen dafür“ oder „Ich bin gerade zu erschöpft“ ist hier allemal besser als eine destruktive Floskel.

Notwendige Differenzialdiagnose

Unvermeidlich ist natürlich, die Schilderung auf psychopathologische Anzeichen abzuklären und auch eine Suizidgefährdung auszuschließen. NTEs zeichnen sich durch große Klarheit, Detailgenauigkeit auch nach Jahren und starke Emotionen aus; auch Verlust der Angst vor dem Tod, Sinnhaftigkeit und keinen negativen Tendenzen gegen andere Menschen helfen bei der Einordnung. Elemente wie außerkörperliche Erlebnisse, Licht, eine paradiesische Welt und die Begegnung mit freundlichen Wesenheiten werden häufig beschrieben; ab und an aber auch negative Elemente wie absolute Verlassenheit, fehlende Sinneswahrnehmungen, Dunkelheit. Die erlebte Welt wird als unglaublich schön, friedlich und schmerzfrei erlebt, so dass etliche Betroffene wieder dorthin zurückwollen und in wenigen Fällen tatsächlich Suizidversuche unternehmen. Eine heftige Schimpftirade statt eines Danks nach erfolgreicher Lebensrettung kann die Helfer schon mal erwarten.

Herausragend

Wer solch eine Schilderung zu hören bekommt kann sich glücklich schätzen. Sie betrifft ein sehr persönliches Erlebnis und die, eben nicht unbegründete Angst, als verrückt abgestempelt zu werden wird oft dazu führen, dass der/die Betroffene schweigt.

Richtig Behandeln

Von Anfang an, wie auch bei einer ggf. folgenden Psychotherapie, steht die Rückkehr ins normale Leben ebenso wie die Verbundenheit mit der Erfahrung im Mittelpunkt und sollte unterstützt werden. Die Rückkehr wird durch die Verantwortung für nahestehende Menschen (Kinder, Partner, etc.) und dem Betroffenen wichtigen Lebensaufgaben erleichtert ebenso wie durch die Erdung mit Sport und körperliche Arbeit. Die Annahme der Erfahrung sowie die Verbindung mit dem Alltag kann durch die Akzeptanz von außen (persönliches Umfeld sowie durch Kontakt mit anderen Erfahrenen) als auch durch Rückzugsmöglichkeiten und hilfreiche Reize (z.B. Naturaufenthalte) erleichtert werden. Meditations- und andere Entspannungstechniken können bei Bedarf genutzt werden. Auch ist oft eine gesteigerte Empathie zu verzeichnen, die das Erlernen von Abgrenzung erforderlich macht.

Wichtige Werkzeuge

Auch muß unbedingt miteinbezogen werden, dass häufig die Sprache für den Betroffenen nicht ausreicht, um das Erlebte auszudrücken. Musik-, Kunst-, Leibestherapie und ähnliche Ansätze können hier weiterhelfen und sollten  angeboten werden.

Zudem wäre abzuklären, was sich an Skills erarbeiten läßt; grade zu Beginn der Behandlung mit einem Übermaß an Herausforderungen für den Patienten. Im weiteren Therapieverlauf steht die Bearbeitung der förderlichen und der hemmenden Elemente der Erfahrung im Vordergrund und die Begleitung der wahrscheinlich anstehenden großen Änderungen in der Lebensplanung, was die zukünftige Berufswahl, den Freundeskreis und auch die Fortsetzung einer Partnerschaft betreffen können.

Perspektive

Nicht immer wird ein Erfahrener fachliche Unterstützung benötigen und dann vielleicht auch nur einige Monate – das Erlebnis wird dennoch sein/ihr Leben dauerhaft prägen. Es bietet jedoch ein großes Potential für die persönliche Entwicklung und etliche Erfahrene bringen sich später verstärkt in soziale Aufgaben ein.

 

Mehr auch unter http://www.netzwerk-nahtoderfahrung.org/

Bildquelle: Mattias Gustavsson, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 10.08.2016.

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Gast
Es ist im geisteswissenschaftlichen Bereich ( nennen wir es mal so ) nicht nur Religion am Thema und Deutungen, die allerdings kein Wissen sind, gibt es im medizinischen Bereich ebenfalls hinreichend.
#11 am 15.08.2016 von Gast
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Ich finde es halt hilfreich, von verschiedenen Fachrichtungen Impulse zu bekommen und erfreulich, wenn diese sich dann ergänzen oder bestätigen. Und die Religion (mit ihren Deutungen) ist nun mal schon lang an dem Thema dran und somit fließt das dortige Wissen mit ein.
#10 am 14.08.2016 von Jörn-Derek Gehringer (Gesundheits- und Krankenpfleger)
  0
Gast
Allerdings hätte der Mystiker nichts zu bestellen, gäbe es nichts zu mystifizieren. Das jedoch wollen wir dann mal nicht hoffen ;-)
#9 am 14.08.2016 von Gast
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zu Drogenerfahrungen: der Mystiker sagt hier ganz klar: es ist nicht das selbe, ob man auf einen Berg klettert oder mit dem Helikopter auf den Gipfel fliegt. Oder schlicht gesagt: wenn man eine NTE leichtfertig herbeiführt ist es anders, als wenn sie spontan entsteht. Leider wird hiermit beim Medium Film gern gespielt: siehe den Film "Flatliners" und die noch recht neue Serie "Proof" ...
#8 am 13.08.2016 von Jörn-Derek Gehringer (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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Gast
Ich hatte mich bezogen und zitiere nun wörtlich " Durch Drogen - oder Trancezustände - erzeugte Wahrnehmungen können teilweise vergleichbare Einzelheiten wie NTE begründen, aber nicht das tiefe und breite Spektrum der NTE, die ja oft Betroffene stark und lebenslang verändert. Es ist auch zu vermuten, daß Drogen, z. B. Ayahuasca/DMT, über die Zirbeldrüse auf die Offenheit und Empfänglichkeit für außerkörperliche und spirituelle Phänomene einwirken. So daß Einblicke oder Eindringen in eine andere Dimension möglich werden. Insofern können somit durchaus Ähnlichkeiten mit NTE bestehen "...
#7 am 12.08.2016 von Gast
  0
Vielen Dank für die Kommentare, gerade auch die von therapeutisch Tätigen. An Studien sollte natürlich noch viel mehr umgesetzt werden, sie helfen aber schon ein ganzes Stück, ein deutlicheres Bild von dem Phänomen zu erhalten. Der Schritt, eine vom Körper unabhängige Seele zu akzeptieren, ist für manche sehr schwierig und so sollte dies jede/r für sich selbst klären. Da hilft kein Schieben, nur ehrliche Angebote. In der Beschreibung versuche ich auch Anhaltspunkte aufzuzeigen, eine NTE gegen andere Ereignisse abzugrenzen; im Einzelfall kann dies nur der Arzt oder Psychotherapeut vor Ort. Wichtig ist jedoch auch zu wissen, das der Konsum von psychoaktiven Substanzen neben dem Erzeugen von vielfältigen Wahrnehmungen auch eine NTE auslösen kann. Je nach Person kann der Auslöser von einer tatsächlichen Todesnähe bis zu einem heftigen Schreck variieren; die Bezeichnung "Nahtoderfahrung" hat sich nunmal durchgesetzt und hilft bei der Kommunikation, engt jedoch das Thema auch ein.
#6 am 11.08.2016 von Jörn-Derek Gehringer (Gesundheits- und Krankenpfleger)
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Gast
Es ist mittlerweile zahlreiche, auch analytische und zusammenfassende Literatur. Soeben las ich in einer Rezension, daß Halluzinationen - wenn es auch etliche anderweitigen Erklärungsmodelle gibt - gut erforscht seien, sich aber in wesentlichen Elementen eben unterscheiden, allenfalls von geringfügigen Überschneidungen gesprochen werden kann. Ähnliches gälte z. B. für psychoaktive Substanzen, auch DMT etc. ..
#5 am 11.08.2016 von Gast
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Berliner
Ich verstehe überhaupt nicht, warum die Medizin bzw. Wissenschaft nicht akzeptieren kann, dass es keine Halluzinationen sind, die auf biologisch-chemische Prozesse im Hirn zurück zu führen sind sonder tatsächlich das menschliche Bewußtsein, das nicht an den Körper gekoppelt ist, temporär die Bewußtseins-Ebene wechselt... Ich empfehle hier allen Skeptikern das Buch "Blick in die Ewigkeit" von Eben Alexander, der wissenschaftlich widerlegt, dass die erlebten Ereignisse auf neurologische Prozesse zurückzuführen sind.
#4 am 11.08.2016 von Berliner (Gast)
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Gast
Meines Wissens einzige prospektive Studie von Pim van Lommel Buchtitel: Endloses Bewußtsein lohnt sich sehr.
#3 am 10.08.2016 von Gast
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Gast
Muss denn der Begriff "Skills" unbedingt hier verwendet werden? Wenn schon englisch dann bitte kleingeschrieben!
#2 am 10.08.2016 von Gast
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Gast
Ich habe in meiner psychotherapeutischen, konsiliarischen Arbeit schon mehrfach solche Berichte gehört. Niemals waren sie mit Suizidalität verbunden (was aber auch anders sein kann). Bisher bin ich interessiert und auch annehmend damit umgegangen. Ich habe auch erwähnt, dass die Wissenschaft keine einheitliche Meinung darüber hat und habe versucht mit dem Pat. die Erfahrung als Bereicherung/Positiv zu bewerten. Zumindest in diesen Fällen konnten die Pat. dies als positive Erfahrung (brauche keine Angst vorm Tod haben/ Vertrauen/ Spiritualität) verbuchen. Ich denke, dass es keinen Sinn macht sich als allwissender Arzt zu positionieren an Stellen, an denen es auch nicht der Fall ist. Wertschätzung ist das Wichtigste.
#1 am 10.08.2016 von Gast
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