Antibiotikagabe mit Sachverstand und McIsaac

07.08.2016
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Minister Gröhe fordert einen vernünftigeren Umgang mit Antibiotika durch Ärzte und Kliniken. Recht hat er, aber eigentlich könnten wir mit den Leitlinien schon heute gut zurecht kommen – würden sich mehr Kollegen daran halten.

Mutter: „Die Kleine hat so Halsweh.“

Ich: „Fieber auch?“

Mutter: „Nein, sonst gehts ihr gut. Die springt auch rum.“

Ich: „Ich sehe einen roten Rachen. Und Husten hat sie auch.“

Mutter: „Ja, so war das bei meinem Mann und mir auch.“

Ich: „Ok, sie hat auch keine Lymphknotenvergrößerung.“

Mutter: „Das hat sie bestimmt von uns.“

Ich: „Ja, solche Viren gehen schnell rum in der Familie.“

Mutter: „Mein Mann und ich bekommen jetzt schon mal ein Antibiotikum. Supermycin.“

Keine seltene Konversation in der Praxis.

Unser aller Gesundheitsminister möchte die Antibiotika-Gaben in Deutschland einschränken und macht sich so seine Gedanken. Die G7-Präsidentschaft der Bundesrepublik soll dabei für ein internationales Strategieprogramm genutzt werden. Dabei steht die Hygiene in den Kliniken und die Verordnung von Antibiotika durch Ärzte im Vordergrund.

Dass er sich dabei ausgerechnet die Kinder- und Jugendärzte rauspickt, lässt verwundern. So haben Studien und Umfragen immer wieder ergeben, dass die Verschreibung in den Fachgruppen höchst unterschiedlich ausfällt, die Kinderärzte kommen dabei aber stets vernünftig und leitlinienbezogen weg.

Im obigen Fall bedeutet das:

kann der behandelnde Arzt von einer viralen Erkrankung ausgehen (McIsaac-Kriterien oder Centor-Score – diese gilt auch für Allgemeinärzte/Erwachsene), eine weitere Diagnostik wie Blutabnahmen oder ein Abstrich sind nicht notwendig. Und schon gar keine „Schon-mal“- oder „Zur Sicherheit“-Antibiotika-Gabe.

Ach ja, sollte man sich dann doch zu einer Antibiotika-Gabe hinreißen lassen, da man eine bakterielle Infektion vermutet, ist das Mittel der ersten Wahl immer noch ein einfaches Penicillin (ja, und Allergien dagegen sind seltener als man denkt), denn in den allermeisten Fällen sind die so genannten betahämolysierenden Streptokokken (GAS) die Ursache der bakteriellen Angina.

Da wirkt das Penicillin stets gut. Mitteln aus anderen Antibiotikagruppen („Breitband“) sollten nur in Ausnahmen verwendet werden. Der zu hohe Einsatz dieser Reservemedikamente erschafft Resistenzen. Trotzdem werden diese häufig verordnet: „falls es doch was anderes ist“ oder „damit es nicht schlimmer wird“.

Diese Strategie gilt leider oftmals für junge Kollegen in den Nachtambulanzen. Trotz positiven Streptokokkenabstrichs und eindeutiger Diagnostik wird zum Cephalosporin der zweiten oder dritten Generation gegriffen, obwohl das Penicillin den Job genauso getan hätte.

 

Bildquelle: Evan Long, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 10.08.2016.

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Medizin, Pädiatrie
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• Patienten mit „Erkältung“ fühlen sich meist schlecht und erwarten eine ärztliche Therapie. Würden die Kassen in vernünftigem Rahmen Naturheilmittel, OTC-Präparate erstatten, dann könnte man diese Infekte verkürzen und Antibiotika drastisch einsparen. • Folge: Weniger Nebenwirkungen, zufriedenere Patienten, weniger Resistenzentwicklung durch angemes-sene Antibiotikatherapie, wo sie wirklich nötig ist. • Oft stehen Ärzte unter dem Druck, doch etwas Rezeptpflichtiges, also ein von der Kasse übernommenes Antibiotikum zu verschreiben, denn manche Patienten können es sich schlicht nicht leisten, Medikamente aus eigener Tasche zu zahlen (Alleinerziehende, Rentner usw.).
#9 am 21.08.2016 von Dr. Renate Wilmanowicz (Ärztin)
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Sachverstand ja, erforderlich, Antibiogramm ( sofort ) Quatsch, Einzelfallbeurteilung kann nur der ausgebildete und erfahrene Mediziner vor Ort betreiben! Nichtmedizinern bis hin zum Minister fehlt schlicht und ergreifend der Sachverstand. Aber multi clamores umso lauter !
#8 am 15.08.2016 von Dr. Rolf Klüsener (Arzt)
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Krankenhausapotheker
#5 da dreht sich mir der Magen.. evtl. bei gute-frage.x und co. würde ich mit so einre Antwort rechnen... aber hier bei doccheck ... Nein bitte nicht!
#7 am 12.08.2016 von Krankenhausapotheker (Gast)
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Na, lieber anomymer Gast #5, ich glaube, Sie haben den falschen Beruf.
#6 am 11.08.2016 von Dr. Johannes Graf (Arzt)
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Gast
Vielleicht ist das zynisch: Wenn unsere Hausärzte nicht so schnell Antibiotika verschreiben würden, könnten wir die Zahl der Sepsistoten in Deutschland noch erheblich steigern. Antibiotika helfen bei Virusinfektionen, da sie auch eine durchaus starke entzündungshemmende Nebenwirkung haben wie NSAIDs, und man zudem auch die bei Virusinfektionen kaum zu vermeidenden fakultativen bakteriellen Infektionen erfasst. Ich persönlich bin lieber mit Antibiotika in 4 Tagen wieder fit als dass ich mich mehrere Wochen mit grippalen Infekten rumquäle. Für Antibiotikabehandlung gilt: Initialdosis so hoch wie möglich und so kurz wie vertretbar. Außerdem sollte man das Körpergewicht des Patienten berücksichtigen. Es ist ein Unding einem 140 kg Mann die gleiche Dosis zu geben wie einer zierlichen 50 kg Frau
#5 am 11.08.2016 von Gast
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Ich kann es nicht verstehen, dass Ärzte AB`s verschreiben, obwohl sie wissen, dass sie in dem Falle einer einfachen Erkältung gar nicht helfen. Sie gucken doch sonst immer so auf`s Budget.
#4 am 11.08.2016 von Elke Heidschmidt (Altenpflegerin)
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Zum Thema "Verschreibung von Antibiotika nach Patientenwunsch": Es ist meistens eher schwierig, den Arzt dazu zu bewegen, den Weg über ein Antibiogramm zu gehen, wenn man kein Breitspektrumantibiotikum möchte. Für was alles heutzutage beispielsweise Fluorochinolone als Initialmedikation verschrieben werden, lässt einem die Haare zu Berge stehen.
#3 am 11.08.2016 von Roland Saur-Brosch (Sonstige)
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Gast
Als ich mir einen neuen Hausarzt suchen musste, der alte ging in Ruhestand, klärte ich bei meinem Erstbesuch, dass ich ABs dann möchte, wenn es notwendig ist, sonst nicht. Ich merkte an der Reaktion, dass ich beim richtigen Arzt gelandet war.
#2 am 08.08.2016 von Gast
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Christian Becker
Mir kommt es auch so vor, als würden Antibiotika nicht nach ärztlichem Verstand, sondern nach Patientenwunsch verschrieben. Oder weil man denkt, der Patient erwarte jetzt ein Antibiotikum. Das Antibiotikum sozusagen als Verum-Placebo. Enthält einen potenten Wirkstoff, der jedoch überhaupt nicht bei der viralen Infektion hilft. :/ Andererseits (da sind die Kinderärzte ja noch gut dran und vielleicht daher leitlinienkonformer) kann man den Patienten eben auch sonst nur wenig verschreiben. Denn die meisten (fast alle?) Mittel zur symptomatischen Behandlung von banalen viralen Infekten sind rezeptfrei und damit nicht erstattungsfähig.
#1 am 08.08.2016 von Christian Becker (Gast)
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