Neue Helden braucht das Land

28.07.2016
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Im letzten Beitrag ging es um einen einzelnen Helden. In diesem soll es um Helden im Allgemeinen und unser Selbstbild im Speziellen gehen. Der Begriff soll von „Halud“ (Kämpfer, freier Mann) abstammen. Aber auch wenn nicht: Irgendwas mit kämpfen kommt uns bei dem Wort „Held“ trotzdem direkt in den Sinn.

Heldensagen sind vermutlich so alt wie die Menschheit. Die prominentesten Vertreter dieser Gattung sind wohl die Sagen des alten Griechenlands („Herkules“) und die der religiösen Schriften („David gegen Goliath“).

Held-sein und Held-sein-wollen hat also Tradition. In Westdeutschland hat der Begriff nach dem Zweiten Weltkrieg eher eine negative Besetzung erfahren. Den „Heldentod“ sind Menschen gestorben, die „im Krieg verheizt“ worden sind. Auch das spöttische „Du Held“ für einen, der etwas Angeberisches getan hat, wurde und wird anhaltend häufig verwendet, um zynische Kritik zu üben.

In Ostdeutschland hingegen gab es ganz offiziell den „Helden der Arbeit“. Eine staatliche Auszeichnung für besonders fleißige und produktive Arbeiter. Nur 50 davon durften pro Jahr vergeben werden. Ein Held kann ja schließlich nicht jeder sein ...

Insgesamt aber wurde der Begriff in Gesamtdeutschland nicht mehr so häufig benutzt, wie das vielleicht einmal der Fall gewesen sein dürfte. Im Gegensatz dazu wird er in den Vereinigten Staaten fast schon inflationär verwendet. Vor allem für gefallene Soldaten und Feuerwehrleute ist er dort eine gängige Vokabel.

Für viele Menschen ist der Status eines Helden hochgradig attraktiv. Nicht umsonst haben Comicverfilmungen Hochkonjunktur. Insbesondere im Rettungsdienst und anderen Hilfsberufen gibt es so einige Menschen, die gerne „etwas mehr Held“ wären. Dabei birgt dies jedoch die Gefahr, dass ein Selbstverständnis entwickelt wird, welches nicht viel mit der tatsächlichen Realität zu tun hat.


Die Gegenbewegung zu den Helden sind übrigens nicht die Schurken, sondern die Moderaten. Also diejenigen, die sagen, dass alles was extrem ist, automatisch auch schlecht sein muss. Beide – Helden und Moderate – sind im beruflichen Umfeld, insbesondere in Hochrisikoberufen, nicht ungefährlich. Der Held neigt zur Kopflosigkeit und Hybris, der Moderate dazu, Dinge, die nicht auf dem Scheitelpunkt der Gauß'schen Glocke liegen, als „zu extrem“ abzutun.

Helden – zwei Seiten der Medaille

Im Kontext eines sozialen Berufs ist es nicht immer einfach für die, die gerne Helden sein wollen. Immerhin müssen sie den Spagat zwischen ihren und den Bedürfnissen eines anderen Menschen schaffen. Das aber ist nur selten wirklich möglich. So können Helden zwar einer Gemeinschaft dienen, aber nicht deren kollektive „Geschichte erzählen“. Denn sie haben es so an sich, dass sie immer der Mittelpunkt ihrer eigenen Geschichte sind. Ganz gleich, ob sie dies sein wollen oder nicht ... Das gilt, nebenbei bemerkt, auch für den tragischen Helden, obwohl dieser selbst zum Opfer wird oder sich gar selbst opfert.

Bruce Willis, der sich auf einem die Erde bedrohenden Asteroiden in die Luft sprengt, rettet zwar die Menschheit, erzählt dabei aber seine eigene Geschichte von Mut und Opferbereitschaft. Eigentlich ist das eine gute Geschichte. Sie könnte anderen als Vorbild dienen. Nur ist es eben ungünstig, dass unser Held dabei zu Grunde geht.

Der klassische Held dagegen übernimmt auf der einen Seite Verantwortung, indem er (zum Beispiel) das Dorf gegen Eindringlinge verteidigt, auf der anderen Seite macht er die Menschen des Dorfes auch von seinem Schutz abhängig und erzählt somit auch eine Geschichte über seine persönliche Macht und die Abhängigkeit des Dorfes von seiner Kraft.

Von Machtausübern und Märtyrern im Gesundheitssystem

Verkürzt man die Betrachtung, existieren zwei Gruppe von Helden. Der klassische, aber auch der Antiheld gehören zu der Gruppe der „Machtausüber“, der tragische Held zur Gruppe der „Märtyrer“. Beide haben Gruppen treffen wir häufig im Gesundheitswesen an und beide Gruppen haben im Kern gemeinsam, dass sie, wenn auch nicht immer beabsichtigt, selbstreferentiell handeln.

Und genau hier setzt meine Heldenkritik an: Helden schaffen Abhängigkeit und handeln damit entweder egoistisch oder aber indem sie sich selbst (auf)opfern. Was ich mir für das Gesundheitssystem aber wünsche sind keine Helden, sondern Vorbilder.

Menschen, deren Handeln ein Beispiel für andere Gesundheitsarbeiter, aber auch unsere Patienten sein kann. 
Das kann den Umgang mit den Patienten selbst betreffen oder die Art und Weise, wie mit dem eigenen Team oder den vorhandenen Ressourcen umgegangen wird.

Machtausüber erleben wir rettungsdienstlich häufig, sie „entmachten“ Patienten oder Kollegen, wenn sie sich ihnen gegenüber herrisch geben und sie in ihren Gefühlen und Bedürfnissen nicht ernst nehmen. Sie können aber auch „väterlich“ handeln und auf diesem Wege Macht ausüben. Allerdings ist Paternalismus in einer Gesellschaft, die die Aufklärung schon ein Vierteljahrtausend hinter sich haben sollte, kein angemessenes medizinisches Konzept mehr. So wird inzwischen häufig auch von Adhärenz anstatt von Compliance gesprochen:

 „Als Adhärenz bezeichnet man in der Medizin die Einhaltung der gemeinsam von Patient und Behandler gesetzten Therapieziele im Rahmen des Behandlungsprozesses.“

Den Patienten anleiten statt führen

Dies führt soweit, dass wir Patienten heute im Idealfall nicht mehr „führen“, sondern sie „anleiten“. Das ist in Notfallsituationen oftmals aus Zeitgründen nicht so einfach möglich. Hier mag ein paternalistisches Handeln anhaltend seinen Platz haben. Allerdings auch nur im Rahmen eines „informed consent“ und unter bewusster Limitierung der eigenen Machtausübung. Eine wesentliche Limitierung ist zum Beispiel das Ergebnis des ABCDE-Approaches (die initiale Notfalluntersuchung).

Habe ich keinen kritischen Patienten, habe ich Zeit für Anleitung und eine gemeinsame Vorgehensweise. Ist der Patient kritisch, verfalle ich bewusst in ein paternalistisches, instruktives Muster.

Was ist nun aber mit dem Märtyrern?
 Sie bemühen sich so sehr, sich den Bedürfnissen von Patienten oder Kollegen anzupassen, dass sie sich und ihre eigenen Grenzen dabei vergessen. Hier findet also eine Entgrenzung zwischen dem ICH und dem WIR statt. Dies führt im schlimmsten Falle zur Hyperinklusion und zum Aufgehen der eigenen Identität in der umgebenden Struktur. Wir alle kennen die Kollegen, die immer einspringen. Die, die länger bei der Arbeit bleiben, um noch etwas fertig zu stellen. Die Kollegen, die sich und ihre Familie für die Arbeit vernachlässigen. Die, die glauben, dass sie alles Leid verantworten, was durch strukturelle Missstände geschaffen wird. Auch dies ist nicht angemessen. Wir können nicht zur Gesundheit anleiten, wenn wir unsere eigene Gesundheit hierfür so sehr vernachlässigen.

Wir brauchen für eine moderne Gesundheitsversorgung weder Machtausüber noch Märtyrer. Was wir brauchen, sind gute Vorbilder für die nächste Generation von Ärzten, Notfallsanitätern, Pflegenden oder Hebammen, um ihnen Lernen am Modell zu ermöglichen.

Einen Nachtrag habe ich allerdings noch. Es ist selbstverständlich, dass niemand von uns immer ein gutes Vorbild sein kann. Manchmal verfallen wir in die Rolle des klassischen Helden oder in die des Märtyrers. Manchmal haben wir auch einen schlechten Tag und sind kein Stück heldenhaft. Das alles ist nur allzu menschlich. Handlungsleitend sollte für uns dennoch immer der Wunsch sein, ein gutes Vorbild abzugeben. Wenn wir dies am Großteil unserer Tage schaffen, ist damit schon viel gewonnen.

 

Bildquelle: Elena Roussakis, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 03.08.2016.

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Vielen Dank für diesen sehr guten Artikel. Ich finde es auch sehr wichtig, mir der Möglichkeit zur Machtausübung bewußt zu sein. Wenn ich diese Möglichkeit kenne, kann ich sie bewußt ungenutzt lassen. Reflexion des Denkens und Handelns ist schon immer vorteilhaft.
#2 am 05.08.2016 von Elke Klein (Heilpraktikerin)
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Hmm ... Was wohl den Begriff Semmelweis-Syndrom gerade jetzt aufkommen liess?
#1 am 03.08.2016 von Dr. univ. med. Franz Schelling (Arzt)
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