Suizid: Wie Cannabis und Cannabinoide Leben retten

27.07.2016
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Cannabismedikamente können offenbar bei einigen schwer kranken Menschen Medikamente mit potentiell tödlichen Nebenwirkungen ersetzen. Auch können Cannabis und Cannabinoide nicht selten erfolgreich gute Dienste bei Erkrankungen leisten, die mit einem erhöhten Suizidrisiko einhergehen. Es wird davon ausgegangen, dass etwa 800.000 Todesfälle weltweit jedes Jahr auf Suizide zurückzuführen sind.

 

Von Dr. med. Franjo Grotenhermen

Neben psychischen Erkrankungen erhöhen auch körperliche Erkrankungen wie chronische Schmerzen das Suizidrisiko. Weitere Möglichkeiten sind bisher noch nicht in dem erforderlichen Maße erforscht, dass sich an dieser Stelle Aussagen darüber machen ließen, beispielsweise eine mögliche Verbesserung der Lebenserwartung bei Krebserkrankungen oder eine Reduzierung des Diabetesrisiko (Alshaarawy & Anthony 2015).

 

Zwangsstörungen sind mit einem zehnfach erhöhten Risiko für Suizid assoziiert

Im Juli 2016 veröffentlichten Wissenschaftler des Karolinska-Instituts in Stockholm (Schweden) in der Zeitschrift Molecular Psychiatry eine Untersuchung, nach der das Suizidrisiko bei Menschen mit Zwangsstörungen um das Zehnfache erhöht ist (Fernández de la Cruz et al. 2016). Bisher sei das Suizidrisiko bei Menschen, die an einer Zwangsstörung leiden, wenig beachtet worden, obwohl Zwangsstörungen eine der häufigsten psychiatrischen Störungen darstellen. Etwa zwei Prozent der Gesamtbevölkerung leiden darunter, im Allgemeinen chronisch.

Um das Suizidrisiko bei Menschen mit Zwangsstörungen abzuschätzen und Risikofaktoren sowie schützende Faktoren im Zusammenhang mit Suizidverhalten in dieser Gruppe zu identifizieren, analysierten die schwedischen Forscher Daten aus schwedischen nationalen Patientenregistern über einen Zeitraum von 40 Jahren.

Sie identifizierten zwischen 1969 und 2013 in diesen Registern 36.788 Patienten mit Zwangsstörungen, von denen 545 durch Suizid gestorben waren und 4297 einen Suizidversuch unternommen hatten. Das Risiko für einen erfolgreichen Suizid war etwa zehnmal so groß und das Risiko für einen Suizidversuch fünfmal so groß wie in der Allgemeinbevölkerung.

Die Studie zeigt, wie belastend Zwangsstörungen für die Erkrankten sind. Oft können sie mit den zur Verfügung stehenden Behandlungsmethoden nicht ausreichend therapiert werden. Im Jahr 2008 berichteten Ärzte der Berliner Charité über zwei Fälle einer erfolgreichen Behandlung von schweren Zwangsstörungen mit THC (Schindler et al. 2008). Eine 38-jährige Frau und ein 36-jähriger Mann, die während eines längeren stationären Aufenthaltes nicht auf konventionelle Psychopharmaka ansprachen, konnten erfolgreich mit THC behandelt werden. Nachdem die Patientin ihre Ärzte darauf aufmerksam gemacht hatte, dass das Rauchen von Cannabis ihre Symptome linderte, unternahmen diese einen Versuch mit dreimal täglich 10 mg THC zusätzlich zur Standardmedikation. Das führte innerhalb von 10 Tagen zu einer deutlichen Besserung der Symptome. Bei dem behandelten Mann, führten zweimal 10 mg THC innerhalb von zwei Wochen zu einer deutlichen Linderung der Erkrankung. Es kann heute noch nicht abgeschätzt werden, wie viele Patienten mit Zwangsstörungen von einer Therapie mit Cannabis-basierten Medikamenten profitieren und wie viele Menschenleben durch Cannabis in dieser Patientengruppe gerettet werden könnten.

 

Depressionen sind die häufigste Ursache für Suizid

Seit langem ist bekannt, dass Depressionen die Hauptursache für Suizide sind. Vor einigen Jahren berichtete die ZEIT anlässlich des Suizides von Robert Enke, eines bekannten Fußballspielers, der sich im Alter von 32 Jahren selbst das Leben genommen hatte, über die „tödliche Traurigkeit“. In dem Artikel wurde gefragt, warum sich ein gefeierter Sportler umbringt. Obwohl es viele wirksame Antidepressiva gibt, und auch wirksame psychotherapeutische Verfahren zur Verfügung stehen, hat sich bisher nichts daran geändert, dass Depressionen die häufigste Ursache für Suizid sind.

Depressionen sind sehr häufig – statistisch gesehen hat jeder zweite bis dritte Mensch irgendwann im Leben mit ihnen zu kämpfen. Rund 10 000 Suizide werden jedes Jahr in Deutschland verzeichnet (Statistisches Bundesamt 2013). Depressionen gelten dabei in mindestens neun von zehn Fällen als Ursache. Seit 1980 hat sich die Zahl der Suizide jedoch mehr als halbiert. Das wird von Wissenschaftlern vor allem auf bessere Medikamente zurückgeführt. Früher seien die Mittel wegen erheblicher Nebenwirkungen oft nicht ausreichend dosiert worden. Allerdings wirken die zur Verfügung stehenden Medikamente nicht immer oder werden nicht gut vertragen, sodass viele Depressive auch heute nicht ausreichend behandelt sind. Daher ist es trotz aller therapeutischen Erfolge heute immer noch Alltag, dass sich Depressive das Leben nehmen.

Ich habe einige Patienten mit einer Ausnahmeerlaubnis für die Verwendung von Cannabisblüten aus der Apotheke, die durch Cannabis ihre Depression zumindest einigermaßen im Griff haben und wieder Freude empfinden können, was mit anderen Therapieverfahren nicht gelang. Es ist schwer zu sagen, wie viele Menschenleben in Deutschland durch eine effektive Cannabisbehandlung bei Depressionen vor dem Suizid gerettet werden können.

Wie mehrere tierexperimentelle Studien zeigen, besitzt sogar das nicht psychotrope Cannabinoid Cannabidiol ein großes Potenzial zur Behandlung von Depressionen (z.B. Linge et al. 2016).

 

Tödliche Medikamentennebenwirkungen am Beispiel Aspirin, Diclofenac & Co.

Nach einer Studie aus den USA, deren Ergebnisse 1997 von Robyn Tamblyn und seinen Kollegen veröffentlicht wurde, führen nichtsteroidale Antiphlogistika (NSAR), wie beispielsweise Acetylsalizylsäure (Aspirin), Diclofenac, Ibuprofen, Naproxen, Ketoprofen und Tiaprofensäure, jedes Jahr zu geschätzten 7600 Todesfällen in den USA. Ihre Nebenwirkungen, wie beispielsweise potenziell tödliche Magenblutungen, führen in den USA zu etwa 76.000 Kartenhausaufenthalten, jedes Jahr (Tamblyn et al. 1997).

 

Die medizinische Verwendung von Cannabis bewirkt 25 Prozent weniger Todesfälle durch Opiate

US-Staaten, die die medizinische Verwendung von Cannabis erlauben, weisen im Durchschnitt geringere Raten an Todesfällen durch Überdosierungen von Opioid-Analgetika als Staaten ohne solche Gesetze auf. Eine Studie, die gemeinsam von verschiedenen renommierten Instituten in den USA durchgeführt und in der Fachzeitschrift JAMA Internal Medicine veröffentlicht wurde, untersuchte die Häufigkeit von Todesfällen, die zwischen 1999 und 2010 durch Opiat-Überdosierungen verursacht wurden (Bachhuber et al. 2014). Die Ergebnisse zeigen, dass die 13 Staaten, die bereits damals die medizinische Verwendung von Cannabis erlaubten, durchschnittlich eine um 24,8 Prozent niedrigere jährliche Todesrate durch Opiatüberdosierungen aufwiesen, nachdem die Gesetze in den Staaten in Kraft traten, verglichen mit Staaten ohne diese Gesetze. Das bedeutet, dass die Behandlung mit Cannabis für Patienten, die an chronischen Schmerzen durch Krebs und andere Erkrankungen leiden, sicherer sein könnte.

Etwa 60 Prozent aller Todesfälle durch Überdosierungen mit Schmerzmittel auf Opiat-Basis treten bei Patienten mit gültigen ärztlichen Verordnungen auf. Der Leiter der Untersuchung, Dr. Marcus A. Bachhuber, wies darauf hin, dass der Nachweis der schmerzhemmenden Eigenschaften von Cannabis begrenzt sei, dass jedoch einige Studien nahe legen, dass "es einigen Personen Linderung verschafft". "Zudem können Menschen, die bereits Opiate aufgrund ihrer Schmerzen einnehmen, diese durch medizinisches Marihuana ergänzen, auf diese Weise die Dosis ihres Schmerzmittels reduzieren und damit auch das Risiko für eine Überdosis vermindern." Weitere Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Verbindung zwischen einer niedrigeren Anzahl von Todesfällen durch Opiatüberdosierungen und medizinischem Cannabis mit der Zeit zunahm. Die Todesfälle waren im ersten Jahr nach Inkrafttreten der staatlichen Gesetze um 20 Prozent und fünf Jahre nach Implementierung der Gesetze um 33,7 Prozent niedriger.




 

Literatur:

 

Alshaarawy O, Anthony JC. Cannabis Smoking and Diabetes Mellitus: Results from Meta-analysis with Eight Independent Replication Samples. Epidemiology 2015;26(4):597-600.

 

Bachhuber MA, Saloner B, Cunningham CO, Barry CL. Medical cannabis laws and opioid analgesic overdose mortality in the United States, 1999-2010. JAMA Intern Med 2014;174(10):1668-73.

 

Fernández de la Cruz L, Rydell M, Runeson B, D'Onofrio BM, Brander G, Rück C, Lichtenstein P, Larsson H, Mataix-Cols D. Suicide in obsessive-compulsive disorder: a population-based study of 36 788 Swedish patients. Mol Psychiatry, 19. Juli 2016 [im Druck]

 

GBD 2013 Mortality and Causes of Death Collaborators. Global, regional, and national age-sex specific all-cause and cause-specific mortality for 240 causes of death, 1990-2013: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2013. Lancet 2015;385(9963):117-71.

 

Linge R, Jiménez-Sánchez L, Campa L, Pilar-Cuéllar F, Vidal R, Pazos A, Adell A, Díaz Á. Cannabidiol induces rapid-acting antidepressant-like effects and enhances cortical 5-HT/glutamate neurotransmission: role of 5-HT1A receptors. Neuropharmacology 2016;103:16-26.

 

Schindler F, Anghelescu I, Regen F, Jockers-Scherubl M. Improvement in refractory obsessive compulsive disorder with dronabinol. Am J Psychiatry 2008;165(4):536-7.

 

Statistisches Bundesamt: Das Informationssystem der Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Statistisches Bundesamt, Bonn 2013 (www.gbe-bund.de)

 

Tamblyn R, Berkson L, Jauphinee WD, Gayton D, Grad R, Huang A, Isaac L, McLeod P, Snell L. Unnecessary Prescribing of NSAIDs and the Management of NSAID-Related Gastropathy in Medical Practice. Annals Int Med 1997;127:429-438.

 

Artikel letztmalig aktualisiert am 27.07.2016.

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Gast
Ja, aber leider können wir sie nicht einfach so kaufen
#3 am 06.08.2016 von Gast
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Gast
Nutze Cannabis erfolgreich gegen schwere Zwänge, die Lebensqualität hat sich damit grandios verbessert. Betroffene, traut euch!
#2 am 28.07.2016 von Gast
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Gast
Toller Beitrag ! Cannabis lindert Leben und Rettet es, diese Pflanze ist ein Geschenk Gottes für die Menscheit...
#1 am 28.07.2016 von Gast
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