Diabetes: „Wie ein Raubtier in meinem Leben“

26.07.2016
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Langzeitarzt Dr. Tobias Vogt, der seit vielen Jahren in Indien arbeitet, verbringt viel Zeit mit seinen Patienten. Er führt zahlreiche Gespräche, versetzt sich in sie hinein und schreibt deren Geschichte auf, sodass auf dem Blog nun auch unsere Patienten ihr Schicksal schildern. Heute erzählt Rubia davon, wie sie mit ihrer Zuckerkrankheit umgeht.

Ich heiße Rubia und bin eine Frau vom Land. Wir wohnen weit weg von Kalkutta in einem Dorf und da fühle ich mich auch wohl. In der lauten Stadt könnte ich nicht leben. In die Stadt fahre ich nur zur Behandlung meiner Zuckerkrankheit. Die German Doctors haben mich einmal aus einer lebensgefährlichen Situation geholt – seitdem bleibe ich bei ihnen in Behandlung. Das Lustige ist, sie verstehen meine Dorf-Mundart nicht. Selbst die bengalischen Krankenschwestern, die alle aus der Stadt kommen, haben Mühe, mich zu verstehen, und manchmal amüsieren sie sich alle. Ich lache dann einfach mit. Sie sind ja sonst eigentlich ganz nett.

Auf dem Lastkarren zum Arzt

Einmal war ich wegen meiner Zuckerkrankheit schon fast tot. Ich hatte lange keine Medikamente mehr eingenommen. In unserer Familie läuft es manchmal ein bisschen chaotisch. Mein Mann kommt nur unregelmäßig nach Hause, ich weiß gar nicht genau, was er so macht. Meine Zuckerkrankheit interessiert ihn jedenfalls nicht. Und da sind noch meine beiden kleinen Töchter. Und einen guten Doktor und Insulin können wir uns nicht leisten. Aber nach ein paar Monaten ohne Diabetes-Medikamente habe ich es dann gemerkt: Ich war so schwach geworden, dass ich nicht mehr aus dem Bett heraus kam. Ich glaube, damals habe ich nur noch 20 Kg gewogen. Meine große Tochter war damals ganz stark, sie hat mich gepflegt, obwohl sie selber erst fünf Jahre alt ist, und sie hat auch alles daran gesetzt, dass ich auf einem Lastkarren zu den German Doctors gefahren wurde. Es war mein erster Besuch dort.

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Bildquelle: German Doctors

Bei meiner ersten Vorstellung in der Ambulanz war ich völlig am Ende. Meine kleine Tochter hat sogar den Ärzten noch Auskunft gegeben, weil ich schon nicht mehr sprechen konnte. Ja, sie ist clever. Aber die Monate, in denen sie mich gepflegt hat, sind auch an ihr nicht spurlos vorbeigegangen. Sie denkt und spricht schon wie eine halbe Erwachsene. Dabei müsste sie in diesem Alter doch noch Kind sein dürfen.

„Ich habe erst hier gelernt, wie man das Insulin richtig spritzt“

Ich glaube, ich war ein komplizierter Fall für die Ärzte. Es gab jedenfalls furchtbar viele Blutabnahmen und dazu noch das Insulin und andere Medikamente. Es hat lange gedauert, bis ich wieder laufen konnte und nicht mehr aussah wie der Tod auf Urlaub. Jetzt geht es mir wieder gut. Ich habe erst hier gelernt, wie man das Insulin richtig spritzt. Und ich habe jetzt auch verstanden, dass es ohne regelmäßiges Insulin einfach nicht geht.

Einmal kam der lange weiße Arzt zu mir und sagte: „Ihre beiden Töchter sind so außergewöhnlich begabt – in einem Internat könnten sie eine gute Ausbildung haben. Sind Sie interessiert?“ Das Erstaunliche war, dass meine große Tochter, die noch nie eine Schule von innen gesehen hatte, sofort begeistert zugestimmt hat, bevor ich antworten konnte. Und die andere Tochter auch.

Inzwischen sind sie in einem einfachen, aber guten kleinen Internat untergebracht, in dem noch 20 andere Kinder zur Schule gehen. Es geht ihnen dort gut. Mein Mann und ich fahren regelmäßig hin. Diese Zuckerkrankheit ist schon eine echte Plage, ist wie ein Raubtier in meinem Leben. Aber ich glaube ich habe ein paar wichtige Dinge durch sie gelernt.


 

Bildquelle: Newtown grafitti, Flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 03.08.2016.

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Solche Berichte finde ich einfach spitze. Das hilft mehr als Sozialpädagogisch mit dem Ziel uns zu verdummen bzw für blöd zu verkaufen.
#1 am 03.08.2016 von Hans Gerner (Altenpfleger)
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