Die Aristokratentöchter

18.07.2016
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Die Schwester legte das Telefon auf, zog ein langes Gesicht und sagte dann zu mir: „Das Labor hat gerade angerufen. Herr Kaiser hat MRSA UND Clostridien.“ – Na, super, dachte ich mir und wir verwandelten Herrn Kaisers Zimmer in ein tolles Isolationszimmer, mit „ACHTUNG“-Schild vorne dran und einem großem Vorrat an Schutzkitteln, Handschuhen und Mundschutz davor.

Kurze Zeit später kündigte man mir die – nennen wir sie mal aristokratischen – Töchter von Herrn Kaiser an und sagte, ich solle sie über die Details der Krankheitsentwicklung informieren.

Die aristokratischen Töchter hatten lange, rot-blonde Haare, die sich in edlen Knoten am Hinterkopf wanden, geschmackvoll aufeinander abgestimmte Businesskleidung und Handtaschen, deren Designer ich nicht kannte, aber das lag an mir und ich bin sicher, sie waren sehr exklusiv (also beide: die Handtaschen und die Designer). Außerdem redeten sie alt-französisch, wenn man nicht hinschaute. Die Töchter. Glaube ich. Vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet.


Ich hatte dann erst keine Zeit, weil ich ein dringendes Langzeit-EKG auswerten sollte. Die Schwester gab den Töchtern also eine Einführung zum Thema Isolationszimmer und Schutzausrüstung anziehen, blabla, und sagte, der Arzt käme auch bald.

Das Langzeit-EKG war so toll, dass ich kurzfristig überlegte, ob hier ein Undercover-Alien einen perfekten 24-Stunden-Sinusrhythmus simulierte. Auf jeden Fall gab es da nicht viel auszuwerten und kurze Zeit später stellte ich mich vor Herrn Kaisers Zimmer und warf mir das Set aus Mundschutz, Handschuhen und zu großem Kittel über. (Sterntaler. Ich fühle mich mit diesem Kittel immer wie das Sterntalerkind) So. Dann wanderte ich rein und es war nur eine Tochter da, die sich aber gleich beschwerte, dass die Bettwäsche des Vaters heute nicht gewechselt wurde und dass das Nachttischchen nicht täglich abgewischt wurde! Das sei hygienisch ja nicht vertretbar!

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Ich schaute sie etwas fassungslos an und entgegnete dann, sie möge doch bitte sofort einen Mundschutz, Handschuhe und einen dieser Super-Sterntalerkittel anziehen, es wäre hygienisch nämlich auch nicht vertretbar, wenn sie hier Clostridien und MRSA gleichzeitig über die restliche Station verbreiten würde!

Wir haben uns dann nicht mehr so gut verstanden, für den restlichen Aufenthalt, die Aristokratentöchter und ich. Unterschiedliche Hygieneprioritäten.

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Bildquelle: Privatbild Zorgcooperations

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.07.2016.

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Gast
Als (leider) relativ häufig anwesender "Kunde" (oder ist dieser unsinnige Begriff aus dem Gesundheitswesen mittlerweile verbannt?), kann ich nur davon berichten, dass ich als angesprochener Patient, der hier im Beitragsverlauf leider mal wieder pauschalisiert mit dem Kraftwort "Depp" attributiert wird, dass ich die Kennzeichnungen solcherart von Zimmern für vollständig ausreichend erachte und so wäre dem Beitrag #2 gar nichts weiter hinzuzufügen. Leider gelten Vorschriften und Regeln in unserer mittlerweile über Generationen unerzogenen Gesellschaft oftmals gar nichts mehr. Dabei dienen diese schlechthin bestens für ein Zusammenleben mit immer mehr Menschen auf diesem Planeten. Leider werden solche der Gemeinschaft dienenden Regulationwerke wohl als so eine Art Freiheitsberaubung und unverschämtem Eingriff in das Ausleben der tendentiell gesteigerten narzisstischen Persönlichkeits(fehl)entwicklungen gewertet...
#13 am 22.07.2016 (editiert) von Gast
  0
Gast
wenn dann bitte sollten alle in Häuser von Sentinel od Baufritz (Baubiologische Gebäude leben weil diese Häuser haben die beste Luftqualität - u. wenig Schimmel - Anteil
#12 am 21.07.2016 von Gast
  14
Oft sind oder werden Ironie und Sarkasmus die Methoden um einiges besser zu ertragen und verarbeiten. Gegenregulatorische Maßnahme sozusagen Von daher alles gut Ich bin auch des öfteren mit Angehörigen befasst und lerne Launen, Allüren, Respektlosigkeit u.a. zu bewältigen Die Menschen stehen oft auch unter Druck, sind angespannt und überfordert. Das muss man, bis zu einem bestimmten Punkt, bewältigen. Ich versuche dann immer an der Stelle abzuholen Aber es hat Grenzen. Wenn es um die Befindlichkeit von einem oder mehreren Betroffenen geht gibt es keine Grauzone Klare Infos und Ansage, wem das nicht passt kann sich gerne beschweren Wir sind verantwortlich und müssen auch die Chance haben dem gerecht zu werden
#11 am 21.07.2016 von Dipl.-Psych. Jürgen Kempf (Nichtmedizinische Berufe)
  2
Auf einer Säuglingsstation mit vielen frisch operierten Kindern breitet sich in rasender Geschwindigkeit Brechdurchfall aus. Unmittelbar nach dem Aufenthalt wird über den niedergelassenen Kinderarzt eine Keimbestimmung veranlaßt. Ergebnis: Rotaviren. Sofortige Rückmeldung an die Station wird beantwortet mit einem lakonischen: "Kein Problem! In dem Zimmer, wo Sie waren, wurde schon einmal durchgewischt." Weitere Hinweise werden abgebügelt. Die hauseigene Epidemiologie hat schon Feierabend, eine Nachricht auf dem AB wir vermutlich erst nach dem WE abgehört. Offenbach war das Interesse an Hygiene gering.
#10 am 21.07.2016 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  2
Kolumnistisch sehr nett geschrieben.
#9 am 21.07.2016 von Elena Claussen (Heilpraktikerin)
  3
Ärztin
Oh lieber Gast Nr. 7, ich denke Sie brauchen sich darüber keine Sorgen zu machen. Ich bin sicher Frau Zorgcooperaticons hat bereits wie fast jeder Klinikarzt (egal in welcher Position) die Erfahrung gemacht, dass nicht nur die Zeiten der Halbgötter in weiss längst vorbei sind, sondern dass es heute in nahezu jedem Berufsfeld, aber ganz besonders in der Medizin nicht mehr angesagt ist von einem Laien Ehrfurcht oder Respekt oder wenigstens neutrale Anerkennung der Kompetenz oder auch nur ein Mindestmaß an Höflichkeit und Kooperation zu erwarten. Wir wären in vielen Fällen schon froh wenn man sich nach ausführlicher Erläuterung und mehrfachen Hinweisen an einige einfache Regeln halten könnte, das reicht schon, stramm zu stehen ist nicht nötig. Ja, die Ausbreitung von Keimen zu verhindern gelingt auch Profis nicht immer und wir wissen nur zu gut dass leider Fehler passieren, aber das ist kein Grund auch noch mutwillige Sabotage durch Angehörige zu akzeptieren.
#8 am 21.07.2016 von Ärztin (Gast)
  0
Gast
Im Untersuchen und Be(Ab)werten von Äußerlichkeiten der nicht in Ehrfurcht vor ihr stramm Stehenden ist die Medizinstudentin ja schnell; Zeit zum Bloggen hat sie auch noch. Kommentare von Nichtclaqueuren findet sie überflüssig und sehr ärgerlich. Halbgott in Weiß war früher, jetzt kommt die Göttin in Weiß.
#7 am 20.07.2016 von Gast
  43
Auch ich machte lange Erfahrungen genau dieser Art. Am Bett der MRSA-Patientin, mit aristokratischer Verwandtschaft ersten Grades, daneben ich, aus der Art geschlagen, in sterilem gelb. Jede Überzeugungsarbeit perlte ab. Auch ich wäre ggfs. für ein Viele schützendes Besuchsverbot.
#6 am 20.07.2016 von Dipl.-Psych. Sabine Heusohn-Nitschke (Psychologin)
  2
Ja, das ist das übliche Bild, das man aus vielen Häusern kennt: Draußen auf dem Gang die Karnevals-Kostüm-Schau, dann auf dem Zimmer nicht eingehaltene Hygienekonzepte (oft sogar großartig ausgehängt, mit abzuzeichnenden Tätigkeitsplänen!), in Form von nicht oder schlampig erfolgter Flächendesinfektion, eine Handdesinfektion, die die Bezeichnung auf keinen Fall verdient (selbst Chef-Arzt desinfiziert um die neuralgischen Punkte exakt und präzise herum, ich bewundere diese Fähigkeit insgeheim ja auch...), ganz offensichtlich gefälschte Reinigungsnachweise (warum liegt der Dreck von gestern noch?) und zur Krönung grinst noch die gestrige Eier-Süßspeise auf der Heizung oder in der Sonne. Aber, Angehörige anprangern, sie hielten die Hygienevorschriften nicht ein. Entschuldigung, Besucher sind in der Mehrzahl Laien, von mir aus auch als "Deppen" zu bezeichnen, da darf man nichts voraus setzen. Aber Sie lieber Blogger, das Pflege- und Reinigungsteam usw. sind Profis!
#5 am 20.07.2016 von Franz Josef (Chemiker)
  24
Gast
aufgeklebte Fingernägel - oder zuviel Schmuck an den Händen - ist da auch nicht fördeliche - meistens an der Rezeption. Man sollte man schon in Biologie - Büchern ab 8. Schulklasse - auf das Thema hinweisen
#4 am 20.07.2016 von Gast
  0
Medizinstudentin
Also, da steht im Text, dass die Schwester eine Einweisung gegeben hat. Dem ist genauso Folge zu leisten. Dass die Schwester vielleicht auch besseres zu tun hat als Besuchern beim ankleiden zuzusehen, finde ich nicht verwerflich. An der Tür hängen Hinweisschilder. Wenn man dann immer noch nicht weiß, was man machen muss, muss man eben noch einmal nachfragen. Dementsprechend finde ich den Kommentar unter mir überflüssig und sehr ärgerlich.
#3 am 20.07.2016 von Medizinstudentin (Gast)
  7
Ärztin
Blödsinn! Wenn an der Tür eines Zimmers ein Schild unmissverständlich darauf hinweist, dass es sich um ein Iso-Zimmer handelt (meistens steht auch noch dabei, dass eine Einweisung auf Anfrage durch das Pflegepersonal erfolgt und man das Zimmer erst DANACH betreten soll), dann hat man da gefälligst nicht einfach ohne Schutz reinzugehen. Punkt! So einfach ist das! Idiotensicher, möchte man meinen. Schließlich wurden die beiden Töchter ja bereits eingewiesen. Soll die Klinik jetzt etwa eine Sitzwache vor jedem Isozimmer postieren? Am besten noch rund um die Uhr? Weil das Befolgen von sicherheitsrelevanten Anweisungen durch qualifiziertes Personal zuviel verlangt ist? Hausverbot wäre da eher eine angemessene Reaktion! Oder bei Wiederholung gar eine Anzeige! Schließlich gefährden die beiden Damen wissentlich und vorsätzlich andere Menschen...
#2 am 20.07.2016 von Ärztin (Gast)
  1
Gast
Frage ist, wie jemand unbeobachtet ohne sich entsprechende Schutzkleidung anzuziehen, überhaupt als Besucher in ein solches Patientenzimmer kommt....Wo bleibt da die Überwachung um weitere Kontaminationen zu vermeiden? Vom normalen Laien ist nicht unbedingt sicherheitsadäquates Verhalten zu erwarten. Das dürfte bekannt sein.
#1 am 20.07.2016 von Gast
  44
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