„Hexenjagd“ von Arthur Miller?

17.07.2016
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Als ich hörte, dass die Pharmaindustrie ihre Zuwendungen an Ärzte veröffentlicht, war mir klar: EDV-Nerds werden einige an den Pranger stellen, die es gar nicht „verdient“ haben. Prof. Dr. Hans-Christoph Diener ist weltweit einer der bekanntesten und meist zitierten Neurologie-Experten.

Ich kenne den Neurologen Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, der zum 30.4.2016 das Universitätsklinikum Essen nach 27 Jahren als Leiter der Klinik für Neurologie verlassen hat, persönlich. 1994 eröffnete er die erste Stroke Unit in Deutschland, gründete 2006 das Westdeutsche Kopfschmerzzentrum und 2010 auch das Schwindelzentrum in Essen. Als Wissenschaftler bleibt er der Universität Duisburg-Essen als Seniorprofessor für Klinische Neurowissenschaften erhalten.

Zugleich wird er als Negativ-Beispiel bei Spiegel Online und der Recherche-Initiative „Correctiv“ in einer öffentlich zugänglichen Aufstellung als derjenige mit dem höchsten Zusatzeinkünften des Verbandes forschender Arzeinmittelhersteller (vfa) und der Freiwilligen Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie geführt. Eine der leitenden Journalistinnen dieser Recherche von Spiegel Online kenne ich ebenfalls persönlich – deshalb schreibe ich meinen Beitrag erst nach einer gewissen Bedenkzeit.


Erinnern tut mich das alles an die literaturhistorischen Umstände der Veröffentlichung von Arthur Millers „Hexenjagd“. Er schrieb das Stück als Kommentar zur Kommunistenjagd in der McCarthy-Ära.


Warum stehen nur wir am Pranger?

Wir freiberuflich niedergelassenen Ärzte arbeiten in einem Freien Beruf mit allen erfüllbaren Pflichten und Folgen aus dem persönlichen Behandlungsvertrag nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) §§ 630 a bis h (a = Vertragstypische Pflichten beim Behandlungsvertrag bis h = Beweislast bei Haftung für Behandlungs- und Aufklärungsfehler).


Zugleich sind wir als freie Unternehmer mit allen arbeits- und sozialrechtlichen Verpflichtungen als Arbeitgeber tätig bzw. als Unternehmensführer mit Chancen Risiken, Kosten und Erträgen konfrontiert. Dafür müssen wir mit unseren privaten Einkünften und Vermögen einstehen und haften.


Doch warum sollen wir als einzige Berufsgruppe an einen öffentlichen Pranger gestellt werden und uns offenbaren? Alle anderen Freien Berufe wie Apotheker, Architekten, Tierärzte, Rechtsanwälte, Notare, aber auch alle selbstständigen Unternehmer, selbstständige Handel-, Handwerk- und Gewerbetreibende, Journalisten, Film-, Fernseh- und Medienunternehmer, Makler, Vermittlungsagenturen (z. B. Import/Export, Rüstungsgüter, Profisport) können ohne größere multimediale Aufmerksamkeit weiterhin Zuwendungen, Aufpreise, Aufwandsentschädigungen, Sach- und Reisekostenersatz, Boni, Rabatte, Naturalrabatte, Erfolgshonorare, Bewirtungen, Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen von Industrie, privaten Auftraggebern, Parteien, Medienunternehmen, Öffentlich Rechtlichen Anstalten, Krankenkassen, Vereinen, Lobby- und Interessenverbänden kassieren: Ohne, dass je darüber öffentlich Rechenschaft abgelegt werden muss?

Selbst Handelskonzerne, Banken, Versicherungen, Industrieverbände müssen ihre Rechnungsbücher über zusätzliche Ausbildungsaufwendungen, Sponsorengelder, Förderungen verdienter Mitarbeiter, Bewirtungen, Incentives, Werbe- und Großveranstaltungen nicht öffnen.


Hinzu kommt, dass der Gesetzgeber die gesetzlich garantierte Gleichbehandlung (Gleichheitsgrundsatz) im Widerspruch zu Artikel 3 des Grundgesetzes (GG) verlässt, wenn rein branchen- und berufsspezifische Straftatbestände im Gesundheitswesen in Form von „Bestechung und Bestechlichkeit im Gesundheitswesen“ als §§ 299 a und 299 b extra geschaffen und damit selektive Disziplinierung, Diskriminierung bzw. Strafverfolgung speziell gegen freiberufliche Ärzte vorgesehen werden.


Wir brauchen keine Denunziation

Im Gegensatz zu uns Mitgliedern der Ärztekammern (ÄK) und Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) mit eigenen berufsrechtlichen Regelungen, kann gegen alle Mitglieder von Rechtsanwalts- und Notariats-, Architekten-, Handwerks- bzw. Industrie- und Handelskammern bei vergleichbaren Korruptionsvorwürfen wegen fehlender Strafnormen im StGB gar nicht ermittelt, geschweige denn bestraft werden.


Bundesärztekammer (BÄK) und Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) als Arbeitsgemeinschaften der KVen und ÄKn fallen uns niedergelassenen Kollegen auch noch in den Rücken. Sie bieten uns nur Fortbildungen, wo das Ausfüllen von Formularen erläutert und exzessive Sparmaßnahmen bei Verordnungen von Medikamenten, Heil- und Hilfsmitteln ohne Rücksicht auf Patientenbelange gepredigt werden.


Diese öffentliche Hexenjagd auf von der Pharmaindustrie gesponserte Kongresse, Fortbildungsveranstaltungen, Vortrags- und Symposionbeiträge, Aus-, Fort- und Weiterbildung kann nicht hingenommen werden.


Publikationen über medizinische Fortschritte in Klinik und Praxis, Umweltmedizin, Krankenhaustechnik, Infektiologie, Impfungen, Hygiene, pharmazeutische Fortschritte, Entwicklung neuer Devices, Implantate, maschineller Organersatz, interventionelle Techniken („fast-track“-Chirurgie, Laparoskopie, Endoskopie, „TAVI“, „PCI“, Herzkatheter, interventionelle Radiologie) etc. sind ohne Mithilfe und Unterstützung der „medizinisch-industriellen-“ und „pharmazeutisch-wissenschaftlichen-Komplexe“ gar nicht denkbar.


In Medizinbildung und Versorgung niemals involvierte „Gesundheits“-Politiker, GKV- und PKV-Kassen-, aber auch unsere eigenen Ärztefunktionäre bzw. Medien, Öffentlichkeit und Meinungsbildner in Politik und Gesellschaft haben keinerlei Vorstellungen von ubiquitären Krankheits-, Bewältigungs- und Versorgungsproblematiken.


Wir brauchen keine Denunziation, Diskriminierung, ideologische Verblendung, naiven Empirismus und naturalistisch übersteigerte Ideenbildung, sondern Synergien, Symposien, Curricula, Komplexität, Kommunikation und bio-psycho-sozial am Patienten orientierten medizinischen Fortschritt.

Genau das Gegenteil von einer „Hexenjagd“.


 

Bildquelle (Außenseite): Huma Imtiaz, flickr

Bildquelle: Praxis Dr. Schätzler/Krampusfigur Kaprun/A

Artikel letztmalig aktualisiert am 08.08.2016.

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Robine Hood
Als Hexenjagd mit geplanter Inquisition sehe ich eher das nun anscheinend endlich durchgesetzte Diskriminierungsgesetz gegen Heilpraktiker. Auch damals hatten die Kräuterweiber, Hebammen und Heilkundigen keine Lobby.
#10 am 21.10.2016 von Robine Hood (Gast)
  2
Robine Hood
In dem Ärztehaus wo ich früher ansässig war steht ein, von den den Diätpamphersteller gesponserter Porsche, in der Tiefgarage---der Arzt nutzt den Kadavergehorsam wirtschaftlich armer Patienten aus und sagt sie müssen so Diät machen...sowas gibt es auch---leider
#9 am 21.10.2016 von Robine Hood (Gast)
  1
Ja, ich bekenne mich. Bin seit 12 Jahren im Ruhestand und habe nun den Mut mich zu outen. Ja, ich habe mir das Abendessen bezahlen lassen. Eine Stunde Vortrag, dafür habe ich rechnerisch der Firma einen Stundenlohn von 15 DM für das Zuhören in Rechnung gestellt. Die habe ich Naturalien - Abendessen - bekommen. Ja, und ich habe Rückgrat bewiesen und weiterhin verordnet, was ich für richtig hielt. Ach, das war ja Homöopathie. Und diese Firma hat mich nie eingeladen. War immer die chemisch orientierte Industrie. Und dann bin ich den Referenten auch nach auf den Senkel gegangen, weil ich die Vorzüge der Homöopathie laut geäußert habe. Liebe Kollegen und liebe Leser. Laßt die Kirche im Dorf. Und dann noch eins, wäre ich noch in der Praxis, müßte ich Punkte sammeln auf der Fortbildung. Und da nehme ich die, die mir am leichtesten zugänglich ist und den meisten wissentschaftlichen Output bietet. Nämlich ein Abendessen am Wohnort, gesponsert von der Industrie.
#8 am 19.07.2016 von Dr Paul-Ulrich Eckhoff (Arzt)
  2
Nicht-Arzt
#6 Die Schädigungspotentiale bei Journalismus und Politik liegen wesentlich höher als bei Ärzten, insofern gehört da mal zuerst aufgeräumt. Ärzteprügelei völlig an der Realität vorbei, wie es durch diese absichtlich verdreht dargestellten Pseudoenthüllungen betrieben wird, ist Verschleierung anderer, wesentlich größerer Probleme. Der Journalismus hat nicht nur das Potential der Gesundheits- und individuellen-, sondern auch der kollektiven Lebensschädigung, bspw. mischen deutsche transatlantikverpflichtete Journalisten sogar bei den europäischen (und auch anderen) Bürgerkriegen in schlimmster Manier mit. Der objektive Journalismus ist und bleibt eine Utopie seit Entstehung dieses Berufsstandes, vgl. Balzac "Verlorene Illusionen"; ganz im Gegensatz zum objektiven Arzt. Es gibt nur den geld- und politikabhängigen Journalismus, sonst nichts. Sogar selbsternannte "Enthüllungsjournalisten" leben nicht von Luft - sind also geldabhängig.
#7 am 19.07.2016 von Nicht-Arzt (Gast)
  2
Gast
#5 Man kann sich erstens immer nach unten orientieren, anstatt mal bei sich selbst anzufangen was zu verbessern. Zweitens gibt es z.B. bei Bundestagsabgeordneten eine gesetzliche(!) Verpflichtung (die viel zu lax ist). sie können zumindest der Größenordnung nach von jedem Abgeordneten die Nebeneinkünfte erfahren. Drittens: bei einem Journalisten ist es nicht lebensgefährdend, wenn er sich ver-schreibt. Bei einem Arzt ist es äußerst ungut, wenn er wegen einer "Studie" das nicht optimale Medikament ver-schreibt.
#6 am 19.07.2016 von Gast
  9
#2 Die Frage ist wieviele Ärzte nach dieser erneut hochgradig polemischen Berichterstattung gewillt sind ihre Zustimmung erneut zu geben, um sich als bestechliche Pharmabüttel an den Pranger stellen zu lassen. Beschimpft, verdächtigt und verhöhnt von Berufsgruppen (z.B. Jouranlisten, Politiker ectr.) die nicht gewillt sind sich denselben Kriterien zu unterwerfen
#5 am 18.07.2016 von Harald Schneider (Arzt)
  1
Gast
Wenn ich mir diese " Männer " auf dem Bild anschaue, wird mir nochmals klar, daß mir Dr. Schätzler eindeutig lieber ist, selbst mit Hut.
#4 am 18.07.2016 von Gast
  5
Christian Becker
Wenn man sich die Berichterstattung so anguckt, dann zeigt sich aber, dass diese 2/3 vielleicht schlauer waren. Jetzt wird vielfach verbal auf Ärzte eingedroschen, werden ungerechtfertigte Vorwürfe erhoben und alles, ohne wirklich zu wissen, wofür das Geld geflossen ist - z.B. als Vergütung für wissenschaftliche Vorträge, Zuschuss zu Schulungen etc. Zweifellos gibt es auch Ärzte (denn auch Ärzte sind Menschen), die bestochen wurden und werden und nicht astrein handeln; ich bezweifle aber stark, dass das die Mehrzahl der 70000+ der Mediziner ist, die Zahlungen erhalten haben. Aber die werden jetzt alle mit den sicherlich existierenden schwarzen Schafen in einen Topf gesteckt.
#3 am 18.07.2016 von Christian Becker (Gast)
  1
Gast
Freiwillige Hexenjagd? Die über Correctiv in einer Datenbank auffindbaren Ärzte haben der Veröffentlichung zugestimmt. 2/3 der Ärzte haben nicht zugestimmt, sind folglich nicht in der Datenbank. Herr Schätzler, Ihre Kollegen werden doch wohl am besten entscheiden können, ob sie zu den Zahlungen stehen. Wenn Sie das als Hexenjagd bezeichnen, dann zeigt das wohl, dass Sie die von der Pharmaindustrie gesponserten "Studien" nicht für Koscher halten. Getroffene Hunde bellen.
#2 am 18.07.2016 von Gast
  27
Gast
Das ist doch ganz einfach. Die Pharmaindustrie ist per se böse, will nur Gewinn machen und ist nicht daran interessiert, dass Leute wirklich gesund werden. Dementsprechend sind alle finanziellen und anderweitigen Zuwendungen selbiger an Ärzte ein Versuch, die Ärzte dazu zu bringen, nicht echte Heilkunde auszuüben, sondern die Patienten zu pharmaabhängigen Zombies zu machen, die Umsatz generieren. :P
#1 am 18.07.2016 von Gast
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