Die Millionen und ein paar Kugelschreiber - über die Pharmagelder an die Ärzte

17.07.2016
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Spiegel Online und die Rechercheplattform Correctiv haben für Deutschland erstmals eine Landkarte und eine damit verbundene Datenbank veröffentlicht, die finanzielle Zuwendungen von Pharmafirmen an Ärzte offenlegen.

So weit, so wenig aussagefähig.

Natürlich bedeutet das einen Quantensprung in der Transparenz dieser bekannten Verknüpfung: Bisher gab es nur Mutmaßungen darüber, wieviel Geld in diesen Kanälen fließt, welche Pharmafirmen (vermutlich alle) und welche Ärzte (vermutlich weniger als man denkt) beteiligt sind. So finden sich in der Datenbank Spitzenzuwendungen an einen einzelnen Arzt von 200.000 Euro, während das Gros nur Kleinbeträge kassierte.

Aber: Nur ein Drittel der befragten Ärzte hat sich bereit erklärt, den eigenen Namen zu veröffentlichen, und auch nicht alle Pharmafirmen (aber immerhin 3/4) haben sich beteiligt. Dass dies zudem eine Schieflage bedeutet, liegt auf der Hand: Für Firmen ist es nicht anrüchig, Gelder zu verteilen, Werbeetats sind in der freien Markwirtschaft legitim, der einzelne Arzt versucht dies jedoch nicht öffentlich zu machen, um nicht bestechlich zu wirken.

Jeder kann nun also seine Ärzte in der Umgebung kritisch würdigen und diese oder jene oder keine Konsequenz daraus ziehen. Doch Vorsicht: Hier funktioniert nur das Richtig-Positiv-Prinzip: Der Arzt, den man findet, hat auch Geld bekommen. Falsch-Negativ geht aber auch: Nur weil der gesuchte Name nicht findbar ist, bedeutet das nicht automatisch, er habe kein Geld bekommen, sondern vielleicht nur, dass er der Veröffentlichung nicht zugestimmt hat – unterstellen wir ruhig, dass man der Veröffentlichung ungerner zustimmt, je höher der Geldbetrag ist.

Ich bin übrigens auch auf der Landkarte zu finden, mit einem überschaubaren, niedrigdreistelligen Betrag. Lustig – ich kann mich gar nicht daran erinnern, mein Einverständnis gegeben zu haben. Aber es handelte sich damals um eine Fortbildung und Bahnfahrt, „Fortbildungsgebühren“ und Verpflegung wurden von der Firma übernommen. Geschenke für meine Kinder konnte ich danach keine kaufen, und ein neues Stethoskop für die Praxis war auch nicht drin. Aber ganz ehrlich: Diese Zeiten liegen für den kleinen niedergelassenen Arzt schon zwei Jahrzehnte in der Vergangenheit.

Nun könnte ich mich noch über das fortgesetzte Ärzte-Bashing der Medien echauffieren, wozu die Berichterstattung wieder gut dient – man sehe nur den Geldkopf der „Correctiv“-Seite – so wird das Berufsbild des Arztes für viele junge Leute leider immer unattraktiver. Außerdem gibt es sicher keine Berufsgruppe, in der die Industrie keinen Einfluss nimmt, und Lobbyismus ist nun einmal Teil einer kapitalistischen Gesellschaft, aber man soll ja auch nicht auf andere zeigen.

Es bleibt also bleibt der eigentliche Gewinn: Dank der Verabschiedung des Antikorruptionsgesetzes dürfen wir uns unsere Kugelschreiber endlich wieder selbst aussuchen. Und das ist doch allemal ein Vorteil.

 

Bildquelle (Außenseite): frankieleon, flickr

Bildquelle: Steven Lilley, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 18.07.2016.

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Medizin, Pädiatrie
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Gast
@4 Der Begriff "synonymisiert" ist mir nicht geläufig. Und sicherlich war es von der Ärztin falsch zu sagen, dass es anonymisiert ablaufen würde. Richtig ist, dass klinische Studien pseudonymisiert zu laufen haben. Auszug aus dem Arnzneimittelgesetz §40: (2a) Die betroffene Person ist über Zweck und Umfang der Erhebung ... zu informieren. Sie ist insbesondere darüber zu informieren, dass 1. die erhobenen Daten soweit erforderlich a) ... b) pseudonymisiert an den Sponsor oder eine von diesem beauftragte Stelle zum Zwecke der wissenschaftlichen Auswertung weitergegeben werden, c) im Falle eines Antrags auf Zulassung pseudonymisiert an den Antragsteller und die für die Zulassung zuständige Behörde weitergegeben werden, d) im Falle unerwünschter Ereignisse des zu prüfenden Arzneimittels pseudonymi-siert an den Sponsor und die zuständige Bundesoberbehörde sowie von dieser an die Europäische Datenbank weitergegeben werden, ..."
#6 am 20.07.2016 von Gast
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Gast
Es ist ja nicht so, dass Krankenhausärzte nicht auch vom "medizinisch-industriellen Komplex" hofiert werden - auch dort läßt man Gratismuster von Verbrauchsmaterialien zurück, auch dort legt man gut bezahlte Studien auf, mit deren Drittmittelkonten dann Kongressreisen usw. finanziert werden. Nur da die Gelder an die Klinik und nicht an einen Einzelnen gehen, ist das anonymer als bei einer Praxis.
#5 am 19.07.2016 von Gast
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Erschreckend, was meiner Frau in einer Herzklinik widerfuhr: am Tag nach der Intensivbehandlung kam eine Ärztin ins Zimmer und fragte, ob sie an einer Studie teilnehmen möchte, alles anonym und unverbindlich, ohne Kosten (für meine Frau!) - ich schaute mir die 6-seitige(!) klein gedruckte Erklärung an, worin sich meine Frau bereit erklärte, dem Institut (in Ingelheim) unbehinderten Zugang zu ihren Daten bei unserem Hausarzt zu geben inkl. staatlicher Stellen; ferner stellte sich die anonymisierte Teilnahme als synonymisierte dar, wodurch Patientinnendaten inkl. Tel-Nr. öffentlich wurden. Auf Rücksprache mit der Ärztin, ob sie den Unterschied zwischen ano- und synonymisiert kenne, bot sie sofort die Vernichtung des von meiner Frau unterschriebenen Traktes an. Der Klinikleiter meinte, das sei so durchaus übliche Praxis, und bisher habe sich niemand beschwert, schließlich seien solche 'Erhebungen' ja im Sinne der Patienten. N.B.: Clevere Rechtsanwälte 'verdienen' auch daran
#4 am 19.07.2016 von Achim Schulz (Nichtmedizinische Berufe)
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Gast
#1: Aussagekräftiger ist m.E. eher, wie viele Medizinstudenten (bei denen die Berufstätigkeit in nährere Zukunft liegt) bzgl. Niederlassung denken. Ich bin in zwei Jahren mit dem Studium fertig und kann mir nicht vorstellen, die nächsten 10-15 Jahre niedergelassen zu arbeiten. Bürokratie, wirtschaftliches Risiko und Vorschriftenwust etc. pp., da bleibe ich doch lieber im Krankenhaus, gehe nach Feierabend nach Hause und der Rest kann mir dann egal sein. Das z.B. trotz den massiven Werbemaßnahmen der DEGAM oder KV sich viel zu wenige finden, die sich als Hausärzte niederlassen wollen scheint ja dafür zu sprechen, dass ich da nicht der einzige bin, der so denkt. Beleidigungen oder undifferenziert an den Pranger gestellt werden erhöht meine Lust auf eine Niederlassung dann auch nicht gerade.
#3 am 18.07.2016 von Gast
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Furchtbar finde ich die Tatsache, daß der Patient die Beträge dieser Liste mit Bestechungsgeldern gleichsetzt und es oberflächlich so aussieht als hätte der Arzt ohne Gegenleistung tausende Euro bar auf die Hand bekommen. Daß vieles davon aber Reisekosten, Eintrittskarten für Kongresse, Geld für Vorträge, Studien usw. sind, was der Arzt gar nicht direkt erhält oder was auch einen Aufwand bedeutet gerät hier leider hinter den blanken Zahlen völlig in den Hintergrund. Transparenz ist gut aber ohne Vergleich mit den anderen Berufen (Politiker, Anwälte..) ist so eine Veröffentlichung reines Ärztebashing. Würde man das im Vergleich sehen bekämen die Ärzte wahrscheinlich noch Mitleid...
#2 am 18.07.2016 von Mawe Budweg (Arzt)
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Gast
Darum, dass das Berufsbild des Arztes immer unattraktiver würde, muss man sich dank des Prestiges als 'Götter in Weiß' wohl keine Sorgen machen. Egal, wie unattraktiv die Arbeitsbedingungen im internationalen Vergleich sein mögen: Es geben regelmäßig noch immer fast 10 Prozent der Oberstufenschüler an, Arzt werden zu wollen, "wenn das Abi reicht". ;-)
#1 am 18.07.2016 von Gast
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