Warum macht diese Arbeit süchtig?

06.07.2016
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Nun war ich schon das vierte Mal in Kenia für die German Doctors im Einsatz. Was macht so „süchtig“, jedes Jahr wieder zu den Ärmsten der Armen zu kommen und unter einfachsten Bedingungen zu arbeiten? Umgeben von Armut, Gewalt, Dreck, Lärm, Gestank und Krankheit!

Einsatzärztin Dr. Brigitte Glindemann berichtet von ihren Erlebnissen in Nairobi

Nun war ich schon das vierte Mal in Kenia für die German Doctors im Einsatz; ein weiterer Einsatz führte mich nach Sierra Leone. Was macht so „süchtig“, jedes Jahr wieder hierher zu kommen und unter einfachsten Bedingungen zu arbeiten?

Umgeben von Armut, Gewalt, Dreck, Lärm, Gestank und Krankheit! Ich kann mich nicht so frei bewegen wie zu Hause, verzichte auf meine individuelle Tagesgestaltung, auf meine Familie, meine 5 Enkelkinder. Alles Gründe, davor zurückzuschrecken. Und dennoch zieht es mich immer wieder dorthin. Es muss irgendetwas geben, was stärker wiegt: Ich tauche ein in einen Kosmos, in dem ich vorübergehend ein Rädchen in einer Gemeinschaft werde.

Leben in der Gemeinschaft

m_1467897393.jpgEs ist das Leben in einer Gemeinschaft der sechs – immer wechselnden – Kollegen im Doctorhaus, in einer besonderen Atmosphäre, wo jeder mit dem anderen respektvoll umgeht, sich einfügt und anpasst und so ein angenehmes Zusammenleben ermöglicht. Und es ist die Herzlichkeit, die in Baraka, dem German Health Center, herrscht. So ein teils ernstes, teils aber auch fröhliches gemeinsames Arbeiten ohne Kompetenzgerangel habe ich vorher nie erlebt. Es sind die glücklichen Kinderaugen in den Straßen des Slums mitten in der Armut, es ist die ungewöhnliche Hilfsbereitschaft neben Kriminalität und Gewalt, deren Folgen in Form von Verletzungen auch in Baraka landen und behandelt werden. Es ist die Zufriedenheit und das Glück, wenn die Arbeit zum Erfolg führt. Dazu trägt auch das Funktionieren im Health Center bei, das kollegiale Miteinander aller, sodass an einem Tag bis zu 300 Patienten behandelt werden können. Die einzelnen Abläufe sind gut verzahnt. Besondere Bewunderung habe ich für den Auf- und Ausbau vieler Teilbereiche wie der Aids– und Tuberkulose-Behandlung, der Schwangerenbetreuung und des Feeding-Programms.

So wachsen die Kinder im Slum auf

Neben Lärm und Geschrei gibt es fröhliches Lachen und Singen und Feilschen. Mitten im Schlamm und Dreck wachsen Gemüse, Blumen, gibt es Hühner, Schafe und Enten, gibt es ganz idyllische Winkel. Ich höre ein Quietschen und fröhliches Schreien beim Baden der nackten Kinder im Mathare-Flüsschen, das eigentlich ganz dreckig ist, wo Abfälle landen, wo Fahrräder gereinigt und Schuhe geputzt werden, sich die Tiere tummeln.

Ich empfinde bei den German Doctors ein Zusammengehörigkeitsgefühl, eine Bereitschaft, sich gegenseitig zu respektieren sowohl bei der Arbeit, als auch in der übrigen Zeit. Dadurch treten meine eigenen Bedürfnisse und Eitelkeiten ganz zurück. Ich bringe mich ein in die Gemeinschaft mit meinem Verhalten und meiner Arbeit und bekomme dafür so viel Positives von den Kollegen, Mitarbeitern und Patienten zurück.

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Jeden Tag werden über 300 Patienten kostenlos behandelt

Nicht zuletzt komme ich immer wieder wegen der traumhaften afrikanischen Landschaft und des milden Klimas nach Nairobi. Dies könnte ich ja auch auf privaten Reisen erleben, aber das wäre ohne die Arbeit im Slum nicht dasselbe. Es ist der Kontrast zwischen der Arbeit und dem Erleben der Tierwelt und der Landschaft, wiederum mit den Kollegen auf Zeit. Ich habe das Gefühl, es „verdient“ zu haben, obwohl ich auch weiß, dass sowohl die Mitarbeiter als auch die Slumbewohner noch nie das eigene Land bereist haben. Die Ärmsten der Armen haben kein Geld um zu reisen und sehen nicht viel außer ihrem Heimatdorf, aus dem sie stammen.

Ich komme immer wieder

Leid und Elend werden gemeinsam erlebt, ebenso das Schöne; alles existiert so eng nebeneinander. Ich ertappe mich dabei, dass ich nicht nur das Elend und die Gewalt sehe, sondern die ganze Breite der menschlichen Eigenschaften. Und wenn ich da meinen ganz kleinen augenblicklichen Beitrag für kurze Zeit leisten kann, so lohnt es sich, dort zu sein. Mir ist bewusst, dass ich dadurch nur einen kleinen Beitrag zur Lösung der weltweiten Armutsprobleme leiste. Mir ist auch bewusst, dass ich nur einen winzigen subjektiven Einblick in die afrikanischen Bevölkerung und Kultur erfahre. Und trotzdem – oder gerade deshalb: Ich komme immer wieder!

 

Zum Blog der German Doctors.

Bildquelle: Ninara, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 07.07.2016.

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#3 am 09.07.2016 von Dr. med. Ulrich Stuber (Arzt)
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Gast
Verzeihen mögen mir die gutherzigen Kollegen, deren eine/r ich auch einmal war. Bin im Ruhestand international vorwiegend in Zentralasien tätig, aber auch intensiv in Ethiopien, Sudan und Ägypten. Das Problem die Bevölkerungsexplosion. Ägypten hatte in 1975 etwa 38 Mio, EW, jetzt an die 100 Mio, Ethiopien damals 35-40 Millionen, inzwischen an die 100 Mio. Das läßt sich fortsetzen. Eine Frau hat dort heute 10-14 Geburten!!!, wovon 8 überleben mit steigender Tendenz. Wo soll das bitte hinführen. Jedes einzeln dieser Kinder ist sicher Gottes Geschöpf, aber von Menschen gemacht. Die, die da mit unserer medizinischen Unterstützung heranwachsen, machen sich dann auf den Weg nach Europa. Hilfe sollte dazu beitragen, daß dieser Wahnsinn reguliert wird. Das muß man der Männerwelt dort klarmachen.
#2 am 08.07.2016 von Gast
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Großeartig! Ich kann Sie sehr gut verstehen, denn seit sechs Jahren bin auch ich mindestens einmal im Jahr für zwei Wochen in Kenia, um für die kleine NGO DIVINITY FOUNDATION zu arbeiten. Weiterhin alles Gute und Freude an unserem wunderbaren Beruf, der diese Einsätze möglich und sinnvoll macht, Dr. Christine Bauer, München
#1 am 08.07.2016 von Dr. med. Christine Bauer (Ärztin)
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