Metoprolol mit Problemen

05.07.2016
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Diese Mail hat mich vor ein paar Tagen erreicht:

„Hi, ich war heute bei meiner deutschen Apotheke, um meine Blutdruckkombibonschen abzuholen. Die Dame liest das Rezept, tippet [sic] lange und viel in ihr POS und meint dann, ich solle man [sic] Platz nehmen, sie müsse mit dem Lieferanten telefonieren.

Nach gefühlten Stunden kommt sie wieder raus und teilt mit, dass ihr Hauptlieferant kein Metoprolol 100 Stück 200 mg hat, ihr Nebenlieferant exakt eine Packung hat und die ich nun [sic] kriege. Ok, denke ich mir, Sterben erstmal verschieben.

Nun weiß ich, dass Metoprolol eines der Standards bei Bluthochdruck ist. Bei Wikipedia mal nachgeguckt, ja isses.

Öhm, nicht lieferbar? Ende des Monats, wo das [sic] erst begonnen hat?

Was machen die da? Und warum nicht einfach mit 2 x 100 mg ersetzen, 'n halbe 400er oder so?

Auf Facebook ist das gerade im Moment ein Riesenthema unter den deutschen Apothekern. Dass etwas derartig häufig gebrauchtes in gar keiner Form mehr lieferbar ist. Du hast tatsächlich Glück gehabt, dass Deine Apotheke Dir noch etwas besorgen konnte:

metoprolol3metoprolol1

 

Auch ohne ApothekeR fehlt Dir was hat darüber geschrieben: Luftnummer mit Metoprolol.

Anscheinend liegt das Problem in den Rabattverträgen. Die Krankenkassen vereinbaren diese mit den Firmen über einzelne Wirkstoffe, um zu sparen (keine Ahnung, was für Rabatte die da für sich aushandeln, die Apotheker bekommen davon gar nichts mit und haben auch nichts davon). Die anderen Firmen wissen dann häufig, dass sie nicht mehr so viel von dem Medikament absetzen werden/können und setzen entsprechend ihre Produktion herab. Die Gewinner-Firma sollte ihre Produktion so weit heraufsetzen, dass der Bedarf gedeckt ist – dazu verpflichtet sie sich in dem Rabattvertrag. Nur manchmal klappt das offenbar nicht.

Und am Ende steht der Patient da, der das Medikament braucht, bekommt es nirgends mehr her und ist dann sauer auf die Apotheke als Überbringer der schlechten Nachricht. Wobei ich Dir versichern kann, dass die Apotheker am wenigsten dafür können und (wie bei Dir) alles tun, um zu helfen.

Das mit dem Ersetzen scheint in Deutschland auch nicht ganz so einfach zu sein – auch hier wieder: den Krankenkassen sei Dank – denn da gibt es so etwas wie die Retaxation. Das bedeutet: Wenn Du als Apotheke nicht genau das Medikament (!) abgibst, was die Krankenkasse will (also das Präparat der Firma, mit der sie einen Vertrag haben) oder das Medikament in irgeneinder Form von dem auf dem Rezept abweicht (bei der Größe, Dosierung, Firma), dann kann die Krankenkasse am Ende das gesamte Geld (!), das die Apotheke für die Besorgung und Abgabe des Medikamentes bekommen hat, wieder zurückverlangen.

In Deinem konkreten Beispiel gibt es vielleicht das Metoprolol noch von einer anderen Firma – die Kasse zahlt aber nur das von der rabattierten Firma, oder vielleicht noch eine der drei sonst günstigsten. Wenn die Apotheke also noch irgendwo Metoprolol 200 finden sollte, dann muss bei einem Ersatz durch eine andere Firma dieser Vorgang auch immer ausführlich für die Kasse dokumentiert werden: Also die Tatsache, dass das Metoprolol 200 von der ursprünglichen Rabatt-Firma, oder ersatzweise einer der drei günstigsten anderen Firmen, lieferbar war.

Viele Firmen weigern sich dafür die nötigen Bescheide auszustellen, unter anderem weil dies ja auch der Beweis dafür wäre, dass sie nicht liefern können und das wäre wiederrum Vertragsbruch der Rabattverträge.

Dann könnte man natürlich das Salz wechseln, oder eben die Dosierung, nur muss wegen der Umstellung dann ein neues Rezept beim Arzt geholt werden. Wieder hängt man als Apotheker, der gerne helfen möchte (und vom wissenschaftlichen Standpunkt aus auch könnte: Mal ehrlich, es ist kein Problem einfach 2 x 100 mg statt 1x 200 mg zu nehmen) zwischen allen Fronten macht am Ende noch so einen Verlust, dass man es sich eigentlich nicht mehr leisten kann.

Bei uns in der Schweiz scheint einiges mehr an gesundem Menschenverstand zu regieren und es gibt keine derartigen Vorschriften. Bei uns wäre ein Ersatz einfach und unkompliziert möglich: einerseits durch ein Metoprolol von einer anderern Generikafirma (ohne den ganzen Papierkram), andererseits durch eine andere Dosierung und einen anderen Anwendungsrhythmus. Ohne Gefahr, dass wir das Geld für die geleistete Arbeit nicht bekommen.

Auf der anderern Seite gibt es bei uns aber auch viel weniger Generika und Firmen und gelegentlich gehen wieder Medikamente außer Handel, oder sind ewig nicht lieferbar, weil der Absatzmarkt in der Schweiz zu klein und offenbar unrentabel ist.

 

Artikel letztmalig aktualisiert am 07.07.2016.

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Pharmazie
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Manfred L.Dietwald
Kalkulation mit vielen Unbekannten macht Rentabilität, Verantwortung gegenüber Angestellten und Kunden, Sortenvielfalt, Verfügbarkeit, Bezugsmöglichkeit und Qualität zu einem ernsthaften Lotterie(spiel)problem.
#4 am 09.07.2016 von Manfred L.Dietwald (Gast)
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Erwin Müller
@Frau Heidl: natürlich sind auch die Rabattverträge daran schuld! Wenn ich als Hersteller WEISS, dass ich die kommenden 2 Jahre(!) bei der Belieferung keine Rolle spiele, dann nehme ich das Produkt aus dem Portfolio...
#3 am 09.07.2016 von Erwin Müller (Gast)
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Wenn das mit dem Ersetzen so einfach wäre. Hier sind wohl nicht die Rabattverträge Ursache für die Lieferengpässe von momentan allen! Metoprolol-Präparate der Darreichungsform 200mg retard. Auf Nachfrage bei Herstellern erhielten wir die Auskunft, dass es Probleme mit der Wirkstoffbeschaffung gebe. In Deutschland/Europa ist die Wirkstoffherstellung radikal eingebrochen, weil man in Asien/China wesentlich günstiger produzieren kann - mit weniger Auflagen für Personal und Umwelt. Um aber Wirkstoffe und Medikamente in Europa auf den Markt zu bringen, die in Drittländern hergestellt wurden, braucht es Qualitätsnachweise und Zertifikate. Ganze Behörden- und Firmenabteilungen sind mit Audits und Qualitätssicherung beschäftigt. Und das ist gut so, denn mittlerweile gibt es einige Firmen in z.B. Indien, die aufgrund solcher Überpüfungen vor Ort ihre Zulassung zur Arzneimittel- und/oder Wirkstoffherstellung für den europäischen Markt wieder verloren haben. Man denke noch an die geschönten (um nicht zu sagen gefälschten) Untersuchungsberichte zu Medikamenten aus Indien im letzten Jahr. Die Qualtitäsanforderungen werden immer höher geschraubt, aber kosten darf es nichts. Die Quittung dafür erhalten wir jetzt.
#2 am 08.07.2016 von Margarete Heidl (Apothekerin)
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Heiko Barz
Wenn eine KKasse mit einer Pharmafirma Industrierabatte unbekannter Höhe aushandelt, dann muß diese KKasse die Haftung bei Lieferunfähigkeit übernehmen, und diese nicht - wie derzeit durch unlautere Retaxionen - auf die Apotheken abwälzt!! Aber es bleibt ja so schön einfach, die verunsicherte Apothekerschaft in Haftung zu nehmen, die sich nur sehr schwer durch die Knebellung juristischer Winkelzüge der KKassen zur Wehr setzen können. Diese schreiende Ungerechtigkeit wird aber auch medial in Zeitung, Rundfunk und Fernsehen nicht an den Verbraucher gebracht. Die Stiftung Wahrentest wäre hier aufgerufen, sich einmal fair mit dieser Situation auseinanderzusetzen und die waren Schuldigen für dieses Dilemma an den Pranger zu stellen. Der Apotheker ist in diesem Fall der absolut falsche Ansprechpartner !
#1 am 08.07.2016 von Heiko Barz (Gast)
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