Bangladesch – Ein Erlebnisbericht

27.06.2016
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Im Dezember letzten Jahres begann mein Einsatz bei den German Doctors in Chittagong. Für mich war es der erste Einsatz in einem Entwicklungsland, sodass ich trotz intensiver Vorbereitung aufgeregt und auch besorgt darüber war, was mich erwarten würde.

Ein Bericht von Einsatzärztin Dr. Katharina Moos aus Chittagong

Am Flughafen wurde mein Visum lange und gründlich durch mehrere Beamte studiert – ein Hinweis, dass die Bürokratie auch in Bangladesch eine große Rolle spielt. Aber letztendlich wurde ich ins Land gelassen. Die ersten Eindrücke auf der Fahrt mit dem Projektmanager zur Wohnung waren lautes Dauerhupen in einem Verkehr ohne Ampeln und ohne für mich erkennbare Regeln.

Der Start in die Arbeit in der Ambulanz im MCPP (= Medical Centre for „the Poorest of the Poor“) war zügig. Die Patienten waren überwiegend Kinder und Frauen, viele mit Husten, Schnupfen, Fieber und „all body pain“, aber auch immer wieder Tuberkulose. Bei dem chaotischen Verkehr und engen Wohnverhältnissen gibt es oft Frakturen, besonders bei Kindern und alten Menschen. Häufig sind auch chronische Bronchitis, Diabetes, infizierte Wunden, und nicht zu vergessen Hauterkrankungen wie Skabies und Ekzeme.

Rikscha-Fahrer bestimmen das Straßenbild von Chittagong

Bedrückend war, dass Menschen hungern. Es sind meist Kinder und Alte, die vom MCPP mit food packages versorgt werden müssen. Besonders in den Sprechstunden im CBC, dem Community Based Centre, in einem Slum von Chittagong werden viele Kinder behandelt. Stark unterernährte Kinder werden in einem großen Raum von einer Krankenschwester und Sozialarbeiterinnen vormittags betreut und mit Essen versorgt. Rührend kümmerte sich ein elfjähriges Mädchen um ihren einjährigen Bruder, da die Mutter mit harter langer Arbeit in einer Kleiderfabrik den Lebensunterhalt verdienen muss. Kinderkrippen gibt es nicht. Außerdem werden Mütter geschult in der Ernährung der Kinder, und lernen selbst handwerkliche Fertigkeiten, um etwas zu verdienen.

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Da es Winter war, waren auffallend viele Patienten dick angezogen. Für uns deutsche Ärzte war das Klima angenehm warm mit Temperaturen tagsüber um die 20 Grad. Für die Bangladeschis war es aber besonders morgens mit ca. 10 bis 14 Grad kalt. Deshalb waren Mützen, dicke Schals und Jacken angesagt. An den Füßen werden Flip Flops getragen.

Unterernährung ist ein großes Problem in Bangladesch

Am 25.12. war für die German Doctors im MCPP Weihnachten. Zugleich gab es einen muslimischen Feiertag, sodass wir einen Ausflug zum Strand nach Cox’s Bazar machten – vier Stunden Busfahrt für 150 Kilometer. Dort gab es einen schönen weitläufigen Sandstrand mit vielen Menschen, die am Strand standen und auf- und abgingen – oder sich voll bekleidet ins Wasser wagten. Bikini oder Badeanzüge sind Fremdworte, die Kultur erlaubt keine nackte Haut. Meine Kollegin und ich waren in diesem Badeort die einzigen Ausländer. Oft wurden wir fotografiert, und die Menschen lachten und waren sehr kontaktfreudig. Die Bangladeschis traten als Familie auf, mit Kindern und Opas und Omas.

Harte körperliche Arbeit gehört hier für viele zum Alltag

Wir German Doctors waren in Chittagong als Weiße Exoten. Oft versuchten Kinder mit „how are you“ und „take a picture“ mit uns in Kontakt zu kommen. Da die Straßen in Chittagong voll von Menschen, Rikschas, Minitaxis und Bussen sind, suchten wir nach der Arbeit Wege abseits von den überfüllten Hauptverkehrsachsen. Diese fanden wir entlang des Flusses Kharnaphuli am Fischereihafen, wo es gepflasterte Wege und Wiesen mit dürrem Gras gab. Dort schauten wir den Fischern zu, die ihre Netze flickten und den vielen Kindern, die mit alten Reifen und Steinen spielten. Für die Jugendlichen war dies ein Sportpatz, um Kricket zu spielen. Bei niedriger Tiede lagen die großen Holzschiffe fest, manchmal entluden sie den Fischfang – mühselig wurde die Last auf großen Körben an Land getragen. Schwere körperliche Arbeit verrichten nicht nur Fischer, sondern viele Handwerker in den kleinen Werkstätten am Straßenrand. Rikschafahrer transportieren mit ihrem Fahrrad Menschen und zentnerweise Lasten. Einige Rikschas haben Elektroantrieb, der aber nur behinderten Fahrern erlaubt ist. Denn durch den Elektromotor gab es aufgrund der größeren Geschwindigkeit mehr Unfälle mit Rikschas, was zum Verbot führte.

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Überall begegnet man uns mit Freundlichkeit

Ein besonderes Erlebnis war ein gemeinsamer Betriebsausflug von MCPP und Father Boudreau‘s Medical Center. An einem Sonntag fuhren wir mit 60 Leuten im Bus zum Ökopark Sitakund, viel Grün in einer hügeligen Landschaft. Wir wanderten bergauf – ungewöhnlich für das flach gelegene Bangladesch – und über viele Treppenstufen hinab zu einem Wasserfall. Die grünen Bäume und Sträucher waren eine wunderbare Oase der Ruhe im Vergleich zum Stadtleben. Für manche war das Wandern mit Muskelkater verbunden – denn in der Stadt Chittagong ist es überwiegend sehr eben. Das anschließende Picknick mit Reis und Hühnchencurry wurde bereits in der Nacht im Projekt vorgekocht und im Bus mitgenommen. Ohne Alkohol war die Stimmung ausgelassen, Trommeln und ein kleines Harmonium begleiteten die lustigen Sänger und Sängerinnen in unserer Gruppe. Der Einsatz im Entwicklungsland Bangladesch war für mich eine tolle Erfahrung!

Bildquelle: German Doctors

Artikel letztmalig aktualisiert am 30.06.2016.

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Mutig, sehr interessant An unserem Alltag in Mitteleuropa, gibts dann wohl nichts mehr auszusetzen
#2 am 01.07.2016 von Romana Weißenberger (Weitere medizinische Berufe)
  1
Gast
Toll geschildert
#1 am 30.06.2016 von Gast
  0
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