Absurdistan

20.06.2016
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Wer soll unliebsame Leistungen bei gesetzlich krankenversicherten Patienten erbringen?

Es gibt diagnostische Maßnahmen oder kleinere invasive Eingriffe, deren ambulante Durchführung sich – zumindest wenn man unseren niedergelassenen Urologen glauben darf – in der Praxis nicht rentiert. Die Vergütung ist allenfalls kostendeckend oder sogar defizitär. Aus diesem Grund überweisen sie Patienten für diese Leistungen gerne in unsere Ermächtigungsambulanz, welche nur eine eingeschränkte KV-Zulassung besitzt. Zwar verdienen wir auch nicht wirklich daran, erbringen sie jedoch als Service für unsere Zuweiser.

Nun gibt es immer wieder bürokratische Hindernisse:

Die kassenärztliche Vereinigung stellt fest, dass diese ambulanten Leistungen nicht abgerechnet werden können, da sie nicht in die Ermächtigung fallen. Führen wir die Eingriffe und Untersuchungen stattdessen unter stationären Bedingungen durch, stellt der medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) fest, dass man diese ambulant hätte durchführen und daher stationär nicht abgerechnet werden können.

Ambulant können sie aber auch nicht abgerechnet werden, weil: siehe oben. Die niedergelassenen Urologen, welche zur Abrechnung berechtigt wären, wollen die Leistung aber nicht erbringen, weil sie sich nicht lohnt. Und hier beißt sich dann die Katze in den Schwanz.

Auf der Strecke bleibt im Zweifelsfall – wie sooft – der Patient.

Bildquelle (außen): Christian Schnettelker, flickr

Bildquelle: Michael F. Mehnert / Wikipedia

Artikel letztmalig aktualisiert am 21.06.2016.

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Es gibt mittlerweile ganze Bereiche, die aus der Versorgung ausgeklammert werden, wo die Betreuung schleichend sistiert. Wenn der Punktwert für eine Leistung am wirtschaftlich nicht zu vertretenden Limit angekommen ist, wird automatisch weniger davon erbracht. Da werden diabetische Fußsprechstunden, allergologische Leistungen, kleinere Eingriffe nicht mehr angeboten. Die Kliniken bekommen diese Patienten dann zu sehen, ohne tätig werden zu können. Wo liegt der Fehler? Jedenfalls nicht beim niedergelassenen Arzt, der seine Kalkulation nach Punktwerten und nach Abschluss des Qartals, erbringt. Jeder Ökonom würde im Handwerkssektor oder Industribereich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen über diesen kalkulatorischen Blödsinn. Leistungen sollten in Euro angeben werden im EBM oder GOÄ und dann kann kalkuliert werden. Dann zeigt sich auch schnell, wo Leistung nicht rentabel erbracht werden kann. Und dann muss auch die Politik entsprechend reagieren.
#9 am 28.06.2016 von Dr. med. Ulf Frenzel (Arzt)
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Gast
sehr richtig, als Versicherter der Kasse bekommt man diese Auskunft und oft sogar eine Kostenübernahmeerklärung für den stationären Leistungserbringer bei ambulanter Leistung ausgestellt. Nur prüft die Kasse dann in nachhinein zu nahe 99% auch die stationäre Notwendigkeit, die nun einmal nicht gegeben war. Die Freunde des MDK interessiert es wenig, wenn einer ihrer niedergelassenen Kollegen diese nicht ambulant durchführt, weil es sich wohl nicht monetär lohnt. Die stationäre Einrichtung bleibt also nicht nur auf den kalkulierten Kosten sitzen, sondern hat auch noch den bürokratischen Aufwand zu leisten, den die Berufsgruppen wie medizinisches Controlling und Kodierabteilungen erbringen. So viel ich weiß, arbeiten diese nicht unentgeltlich und die ganze einzelne Leistung wird nochmals teurer. Ein wirklich pathologisches System.
#8 am 22.06.2016 von Gast
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Gast
Und wenn man als Patient bei seiner Krankenkasse nachfragt, bekommt man die Auskunft, dass die Kasse solche Leistungen natürlich übernimmt. Dreh- und Angelpunkt in diesem Spiel ist jedoch die KV mit ihrer unsäglichen Bürokratie.
#7 am 22.06.2016 von Gast
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Arzt
Offensichtlich sind aber viele der engagierten Unternehmer unter den gegenwärtigen Bedingungen weder in der Lage, noch willig unrentable Untersuchungen durchzuführen. Ich kenne keinen Fall, wo sich Ermächtigte/Krankenhausambulanzen/Rettungsstellen darum geprügelt hätten, unnötige ambulante Leistungen zu erbringen. Die Versorgung der stationären Patienten ist ein durchaus ausfüllendes Programm. Im Umkehrschluss zur Aussage von Unternehmer Dr. Sigl-Kraetzig sind die Krankenhausärzte ja ohnehin angestellt und damit unengagiert.
#6 am 22.06.2016 von Arzt (Gast)
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der "flüchtige Leser" wird bei Umsetzung seiner Vorstellungen leider keine raschen Termine beim Arzt mehr erhalten, wenn er krank ist. Nur ein selbständiger Unternehmer sieht einen Sinn darin, nicht wie alle anderen vorm Fernseher das EM-Fussballspiel anzuschauen, sondern an seinem Schreibtisch zu sitzen und sich um Arztbriefe, Befundmitteilungen, seine Buchhaltung... zu kümmern. Unternehmertun sichert Engagement!
#5 am 21.06.2016 von Dr. med. Michael Sigl-Kraetzig (Arzt)
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Der Mutter des an Phimose leidenden Kleinkindes ist es egal, wer die Leistung erbringt - Hauptsache, einer macht es! Sozialistische Ideologie ist hier wirklich fehl am Platz. Wieso graben wir uns bloss immer selber das Wasser ab?
#4 am 21.06.2016 von Dr. med. Irmela Eckerlin-Wirths (Ärztin)
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Wer Glück im Sozialismus sucht, der soll Patienten und Kollegen fragen, die im staatlichen Gesundheitswesen behandelt oder gearbeitet haben. Viel Spaß.
#3 am 21.06.2016 von Dr. med. Paul Alexy (Arzt)
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Gast
dieser Redner scheint noch sehr jung zu sein.
#2 am 21.06.2016 von Gast
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Flüchtiger Leser
Dieses Beispiel zeigt wieder, dass der Ansatz, Arztpraxen als gewinnabwerfende Unternehmen zu führen, falsch ist. Krankenhäuser und Praxen gehören in eine staatliche Organisation.
#1 am 21.06.2016 von Flüchtiger Leser (Gast)
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