Wissenschaftlich gesehen

19.06.2016
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Frau Gruhner war schon ziemlich alt. 78 Jahre, um genau zu sein. Außerdem war sie so dement, dass sie ihr eigenes Geburtsdatum um ungefähr 20 Jahre verfehlte und auch der Grund für ihre Anwesenheit in unserem Aufnahmezimmer war der Dame völlig unklar.

Herr Gruhner, Sohn und Betreuer, erklärte nun ausführlich, der Mutter gehe es seit Monaten immer schlechter, sie habe wenig Appetit, schlafe viel, wäre noch vergesslicher als sonst, ob wir da nicht mal schauen könnten, was los sei.


Hmhm, ich fragte dann vorsichtig, ob er sich da auch vorstellen könne, dass wir insgesamt nicht mehr viel mit der Mutter veranstalten würden, sie habe ja schon ein recht hohes Alter erreicht und sei zudem deutlich verwirrt und dement.


„Oh, nein, nein!“ widersprach Herr Gruhner. „Sie hat ja noch mindestens 5 Jahre zu leben!" – „Huä?“ sagte ich (Nein das sagte ich nicht, ich schaute nur etwas verwirrt).

Herr Gruhner erklärte, der Ehemann seiner Mutter sei schließlich 83 geworden. Nach einer längeren Pause, in der ich weiter nichts sagte, verdeutlichte Herr Gruhner den Sachverhalt: „Und wissenschaftlich gesehen, werden Frauen immer älter als Männer.“

 

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„Oh, hmhm“, sagte ich dann und wollte irgendetwas zu Vererbung versus Verheiratung und Statistik erklären und dass das so NICHT funktioniert. Aber Herr Gruhner schaute traurig und hing sehr miserabel auf dem unbequemen Angehörigenhocker des Zimmers, sodass ich dann nicht mehr viel redete und wir die Mutter ein bisschen aufnahmen.

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Bildquelle: Privatbild Zorgcooperations

Artikel letztmalig aktualisiert am 28.06.2016.

61 Wertungen (3.85 ø)
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Medizin, Innere Medizin
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Gast
Ihre Art von Humor kommt nicht bei allen an. Und wenn Sie tatsächlich besorgte Pateintenangehörige, unabhängig vom Kontext, so vor den Kopf stoßen ("insgesamt nicht mehr viel mit der Mutter veranstalten"), dann sollten Sie vielelicht über einen Berufswechsel nachdenken.
#19 am 18.07.2016 von Gast
  8
Es gibt ja auch banale Ursachen, wie B12 Mangel, die eine Demenz deutlich verschlechtern können...
#18 am 03.07.2016 von Gabriele Schröter (Heilpraktikerin)
  2
Ärztin
Entscheidend sollte immer die Lebensquälität, bzw. die zu erwartende oder wiederherstellbare Lebensqualität sein. Der Ansatz, hier zu überlegen der dementen Dame wenn möglich invasive diagnostische und daraus folgende invasive kurativ-orientierte, lebenserhaltende Maßnahmen zu ersparen ist wirklich angemessen. Man muss sich schließlich überlegen wie belastend und kompliziert z.B. eine Koloskopievorbereitung, eine OP, Dialyse oder Herzkatheteruntersuchung usw. für einen dementen Patienten sein kann. Aber es gibt eine ganze Menge von minimal-invasiven Möglichkeiten der Dame diagnostisch und therapeutisch zu helfen und das sollte man auch: sie könnte nur exsikkiert sein oder an Eisenmangel leiden oder an Blutzuckerentgleisungen bei bislang unbekanntem Diabetes, vielleicht die Blutdruckmedikation zu scharf eingestellt oder vielleicht hat sie nur eine Gastritis... sobald etwas Beschwerden verursacht sollte es wenn möglich immer behandelt werden und sei es nur palliativ...
#17 am 30.06.2016 von Ärztin (Gast)
  0
Gast
Ich habe nachgerechnet und komme auf 118 Jahre. DAS ist alt
#16 am 30.06.2016 von Gast
  1
Christian Becker
Oder aber die Dame gab ein Geburtsdatum an, demzufolge sie 58 Jahre alt wäre.
#15 am 30.06.2016 von Christian Becker (Gast)
  1
An meine Vorredner (-Schreiber)- da die Patientin ja ihr Alter selbst um 20 Jahre fehleinschätzt, ist sie 98- das ist! alt! -;)
#14 am 30.06.2016 von Lydia Wolf (Ärztin)
  2
Gast
Letzlich empfinde ich den Artikel als sehr sympathisch. Er drückt mit Humor die zuweilen skurrile Formen annehmende Bredouille aus, in der sich so mancher im Praxisalltag findet und das Beste daraus machen muss. Demente, multimorbide Patienten, die naturgemäß im Klinikalltag häufiger vorkommen als gesunde alte Menschen, sind selbstverständlich nicht einfach zu betreuen, und es ist im Einzelfall abzuwägen, ob aufwändige Diagnostik und ggfs. schwerwiegende Behandlung angemessen sind. Jedoch zu sagen, jemand sei mit 78 schon ziemlich alt, das ist meines Empfindens bei allem Humor und Augenzwinkern dann doch daneben.
#13 am 29.06.2016 von Gast
  2
Mit 78 ist man doch noch nicht alt!!!!!
#12 am 29.06.2016 von Schwester Annette Latka (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
  3
Ich bin entsetzt! Ähnlich wurde auch mit meine Schwiegermutter gehandelt. Hätte meine Frau auf eine Begandlung verzichtet hätte sie uns viel früher verlassen, Nun ist meiner Drau erkrankt. Ich weiss, dass die Lebenserwartung verkürzt ist. Ein Grund sie (passive) sterben zu lassen ist es nicht, es wäre Menschen verachtend. Wie lang ein Mensch noch leben wird kann niemanden sagen. Auch Statistiken geben nur durchschnittliche Zahlen ab, Zahlen die im Einzelfall sich als falsch darstellen können. Ärzte sind keine Götter, einige zeichnen sich auch durch medizinische Ahnungslosigkeit aus, werden dafür gerne als Berater hinzugezogen (MDK).
#11 am 29.06.2016 von Jean-Jacques Sarton (Nichtmedizinische Berufe)
  13
Wenn sich Wertvorstellungen so gravierend zwischen Klinik- und Hausarzt verschieben, dann bin ich froh, daß ich mit meinen 71 Jahren außer bei zwei Frakturen infolge Sport noch keine Klinik gebraucht habe. Zum Glück kenne ich Klinikärzte, die den Wert des Lebens an sich achten, unabhängig vom Alter einens Menschen und daß so etwas nicht ganz die Regel ist. Mein Onkel war auch mit 96 noch geistig fit und nur seine Schultern waren leicht eingerostet und eine Patientin von mir ist erst dieses Jahr an einem Mamma-CA erfolgreich operiert worden. Auch sie ist bis auf eine AMD noch fit und ich habe ihr zur OP geraten. Nur die anschließende Empfehlung zu einer Hormontherapie konnte ich nicht ganz nachvollziehen. Damit will ich sagen, daß sich die Einschätzung, ob eine Therapie sich lohnt, nicht allein am Alter festgemacht werden kann, sondern sich nach dem Wert des Lebens richten muß.
#10 am 29.06.2016 von Robert Wagner (Heilpraktiker)
  6
An Herrn Stahn ich glaube nicht, dass es an der Wertvorstellung des Arztes lag, sondern daran, dass Kinder Ihre Eltern auch loslassen müssen. Wenn ein Patient immer weniger isst,, zieht er sich zurück. Wir haben ein Recht auf Leben. Gibt es nicht auch das Recht zu sterben. Das sollte man respektieren. Auch Dementkranke bekommen sehr wohl mit, was mit ihnen passiert. Das weiß ich aus persönlicher Erfahrung.
#9 am 29.06.2016 von Heilpraktiker Karlheinz Sauer (Heilpraktiker)
  1
Gast
Wer gleich lautstark nach Ethik, Ageism und sonstwas schreit, hat offensichtlich nie groß in der Klinik gearbeitet. Selbstverständlich gibt es Menschen, die mit 78 Jahren topfit sind und noch 25 Jahre zu leben haben. Aber wer mit ihnen arbeitet und weiß, wie in unserem Krankenhaus- bzw. Altenpflegesystem mangels Personal etc. mit schwerstdementen Patienten umgegangen wird, hält die Frage ob man denn wirklich eine Maximaltherapie will sicherlich nicht mehr für so abwegig. Außerdem war das ganze eine Frage an den Patienten, und der Kern der Geschichte ist doch offensichtlich das interessante Statistikverständnis des Angehörigen. Muss man als Berufsempörter aber natürlich nicht verstehen.
#8 am 29.06.2016 von Gast
  4
Ich finde es unglaublich zynisch, einer 78 jährigen Patientin allein aufgrund ihres Alters und der zu erwartenden Restlebenszeit - die durchaus noch deutlich mehr als 10 Jahre betragen kann - eine Untersuchung und adäquate Therapie vorzuenthalten. Verwirrtheitszzustände kommen sehr oft auch dadurch zustande, dass ältere Menschen viel zu wenig trinken und sich die Exsikkose durch Verwirrtheit bemerkbar macht, viele Patienten wurden schon allein durch Flüssigkeitszufuhr per Infusion aus ihrer Verwirrtheit erlöst. Aber eine 78 Jährige ist wohl selbst diesen banalen Gedankengang nicht mehr wert.....
#7 am 29.06.2016 von Dr. med. Edda Bauer (Ärztin)
  8
Gast
Also, meine Mutter ist mit 78 immer noch als begehrte Praxisvertretung ärztlich tätig und mein Vater betreut mit 79 trotz überlebtem Choledochus-Ca weiterhin als em. Professor seine Doktoranden in der Uni. Ich würde auch denken, daß 78 heutzutage kein Grund ist, eine notwendige Diagnostik und Behandlung nicht einmal in Erwägung zu ziehen. Der Sohn kennt seine Mutter sicherlich schon länger und wird einen Grund haben, wenn ihm eine Veränderung aufgefallen ist. Ob man eine z.B. 90 jährige noch einer aufwändigen Brustkrebs Therapie unterzieht oder ihr damit noch die letzte Lebensqualität nimmt, ist eine andere Frage. Aber von vorneherein bei einer Patientin aufgrund des Alters und der Demenz zu sagen, wir machen da nicht mehr viel, geht gar nicht.
#6 am 29.06.2016 von Gast
  6
Gast
An den Berufen der Kommentatoren hier sieht man ja schon, dass anscheinend niemand von denen so recht ne Ahnung von dementen multimorbiden Patienten und erst recht nicht vom Klinikalltag hat. Aber erst mal schön meckern und aufregen wie immer
#5 am 29.06.2016 von Gast
  15
Gast
78, schon ziemlich alt??? Also, wenn ich mir da meine Mutter anschaue, mit knapp 77 Jahren, da finde ich das überhaupt nicht. Wenn jemand krank / dement ist, macht das gewiss einen anderen Eindruck; aber 78 generell als schon ziemlich alt zu bezeichnen, finde ich unangemessen. Mein Urgroßvater wurde gut über 90 und war recht gut in Schuss dabei. Andererseits gibt es Mittvierziger / Mittfünfziger, die schon "recht alt" daher kommen. Ist doch alles relativ und hängt individuell von der Person und ihrem Wohlbefinden und ihrem Gesundheitszustand ab! Wenn z.B. meine Mutter in Gesprächen in der Bekanntschaft verlautbaren lässt, dass sie außer ihren Schilddrüsentabletten (aufgrund OP notwendig) keinerlei Medikation zu sich nimmt, sind immer alle ganz baff... als sei es notgedrungen so, dass mit zunehmenden Jahren auch der Verfall und Medikation und all solches Elend zwingend mit einher gehen. Nein, absolut nicht.
#4 am 29.06.2016 von Gast
  4
Schlimm. Könnten Sie sich denn vorstellen, dass Sie selbst im Alter von 78 eine erfolgreich behandelbare Erkrankung haben könnten, die aber unbehandelt bleibend sehr schmerzhaft und frustrierend ist, während ihr Arzt einfach nicht mehr viel mit Ihnen anstellt in den vlt. noch 20 verbleibenden Jahen Ihres Lebens?
#3 am 29.06.2016 von Dr. med. Martina Löscher (Wissenschaftliche Mitarbeiterin (für klinische Studien))
  10
was das in diesem Fall für ethisch bedenklich hält macht sich aber mächtig was vor.
#2 am 29.06.2016 von Norbert Braun (Heilpraktiker)
  6
??? Wäre die Mutter 10 Jahre jünger, hätten Sie sie anders behandelt ??? Sind alte Menschen Patienten 2. Klasse, bloß weil sie nicht mehr so lange zu leben haben?? Ihrne Satz "ob er sich da auch vorstellen könne, dass wir insgesamt nicht mehr viel mit der Mutter veranstalten würden" halte ich für ethisch sehr bedenklich. Oder war die Dame kein Privatpatient?
#1 am 29.06.2016 von Lothar Stahn (Psychologe)
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