Kinder im Terminstress: Geigen vor Gesundheit

15.06.2016
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Ich lausche einem Telefonat an der Anmeldung.
 Die üblichen Begrüßungsrituale. Dann:
 Medizinische Fachangestellte (MFA): „Um was geht es denn bei Ihrer Tochter?“ – Gemurmel am anderen Ende der Leitung. MFA: „Und seit wann hat sie Fieber?“ – wieder Gemurmel.

MFA: „Und seit wann hat sie Fieber?“ – wieder Gemurmel.

MFA: „Wie oft? Also das Erbrechen?“ – (siehe oben)


MFA: „Und sie ist wie alt? Zehn Jahre?“ ... (etc.)


MFA: „Ok, Moment, ja, ich gebe Ihnen einen Termin, Moment.“ ... Mausklicken, Suche im Terminkalender, dann:
 „Sie können gerne gleich kommen, so gegen 9 Uhr dreißig?“ ...

MFA: „Wie, in der Schule?“
 ... „Aber ... hat sie nicht Fieber und fünfmal gebrochen in der Nacht?“ ... „Sie wollte in die Schule ...? Ist das nicht Ihre Entscheidung?“
 ... „Aber sie ist doch krank.“
 ...

MFA: „Und andere Kinder anstecken?“
 ... „Ja, gut, wenn Ihre Tochter jetzt mit Fieber in der Schule ist ... Dann kommen Sie bitte um 14:15 Uhr, geht das?“ (Oder ist sie da im Ballett?)
 ...

MFA: „Ich möchte Ihnen gerne empfehlen, nach der Schule den Termin wahrzunehmen. 14:30 Uhr. Ja? Die Geigenstunde würde ich dann heute mal sausen lassen. Wissen Sie, wegen Krankheit.“

Pointe?
 Die Mutter stand um 10 Uhr mit der Tochter – natürlich ohne Termin – in der Praxis. Sie musste sie aus der Schule abholen, weil sie sich, ja, im Unterricht erbrochen hat.

 

Bildquelle: Dafne Cholet, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 17.06.2016.

39 Wertungen (4.95 ø)
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Medizin, Pädiatrie
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Gast
Ich studiere Medizin und habe hier den Schwerpunkt auf Pädiatrie gesetzt. Was man im Krankenhaus und auch bei den niedergelassenen Ärzten mitbekommt, ist mir teilweise unbegreiflich. Entweder die Eltern laufen wegen 38,5° Fieber nachts in die Notaufnahme, setzen ihre Kinder den ganzen Viren aus und zwingen sie die Nacht über auf zu bleiben (solche Fälle warten nachts in der NA gerne 3-4 Stunden), anstatt selbst den Kindern eine Paracetamol zu geben oder mit kühlen Wadenwickeln das Fieber zu senken oder die Eltern schicken ihre schwer kranken Kinder, wie in dem Beispiel oben, in die Schule. Die wenigsten finden die goldene Mitte, was leider vor allem den Kindern schadet.
#12 am 20.06.2016 von Gast
  0
Ja, schlimm! Und auch ich könnte so manches Mal die Haare raufen bei diesen überengagierten Helikoptereltern. Aber wir sollten nicht unbeachtet lassen das dies ein gesellschaftliches Phänomen ist und viele Eltern unter einem enormen Druck stehen den sie sich zum Teil selber machen und aber auch gemacht bekommen: von anderen Eltern (wie? Dein Kind lernt kein Musikinstrument und geht nicht in den Sportverein?) von den Lehrern (bei den Problemen müssen sie ihr Kind halt mehr fördern) den Medien etc. und selbst die Kinder untereinander. Als Eltern braucht man schon eine gehörige Portion Selbstbewustsein und Mut heutzutage mal etwas NICHT zu tun und seine Kinder einfach mal in Ruhe zu lassen.
#11 am 19.06.2016 von Janine Wollweber (Heilpraktikerin)
  0
So sind sie, unsere lieben "Kunden". Das Kreisen um das eigene Ich wird im Kreisen um die Kinder noch erhöht. Hoffentlich mussten die beiden nicht zu lange warten;-)
#10 am 18.06.2016 von Dr Brigitte Alfke (Ärztin)
  0
Gast
Ach herrje... Zum besseren Verständnis: mein Vorhalt, die drohende Infektion fremder Kinder tue nichts zur Sache, war ironisch gemeint. Das nächste Mal werde ich das ausdrücklich mit hinschreiben... ^ ^
#9 am 17.06.2016 von Gast
  1
Gast
wieso tut das nichts zur Sache? Keime nur schön verbreiten, das passt schon? Kinder werden krank in die Schule/Kindergarten geschickt, nur weil die Eltern sich nicht frei nehmen wollen/können und der Rest darf es ausbaden!
#8 am 17.06.2016 von Gast
  4
Gast
Also diese MFA würde ich sofort entlassen. Wie kann man denn der Mutter vorhalten, daß das eigene Kind "andere Kinder" anstecken könnte? Das tut doch nun wirklich überhaupt nichts zur Sache!
#7 am 17.06.2016 von Gast
  39
Gast
Wer eigene Kinder hat, kann dazu beitragen, dass diese nicht im Terminstreß versinken. Bei der Elternberatung in dieser Hinsicht hatte ich bisher wenig Erfolg. Es gibt eine Tendenz in der Bildungsschicht, die Kinder aus dem Fokus der Belastung zu entfernen, obwohl eben diese Kinder meistens mit der Schule am besten klar kommen, da zum Beispiel zu Hause viel vorgelesen wurde und es an differenzierten Spielen nicht mangelt. Die Kinder aus der Mittelschicht, habe ich den Eindruck, sollten aufs Teufel komm raus auf das Gymnasium gehen und kollabieren oft unter dieser Last. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass eine frühe Auseinandersetzung mit der Kust, Theater, klassischer Musik und hochwertigen Büchern die Kinder stärkt. Und dann noch am besten ein Jahr noch im Kindergarten spielen lassen.
#6 am 17.06.2016 von Gast
  3
Gast
Jetzt habe ich "es" gefunden... Die eingestellten Artikel sprechen Bände. http://news.doccheck.com/de/search/?q=kinderdok
#5 am 17.06.2016 von Gast
  7
Gast
Ich muss Ihnen zustimmen. Kinder haben oft mehr Termine als Manager. Keine Zeit krank zu sein oder zu spielen. War in meiner Zeit nicht so. Habe den Eindruck, irgendwas läuft schief und muss überdacht werden.
#4 am 17.06.2016 von Gast
  0
Dr. em. A. Marks
Wie heisst der Autor eigentlich? Unter Autoren findet man es nicht
#3 am 17.06.2016 von Dr. em. A. Marks (Gast)
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Journalist
Ihre abwertende Haltung gegenüber Ihren Patienten - oder nur gegen Mütter? - zieht sich ja durch mehrere Artikel.....
#2 am 17.06.2016 von Journalist (Gast)
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Das gibt's auch bei Erwachsenen und Schmerzfällen... Ruft der Pat an, sagt er hat starke Schmerzen... Aber aus verschiedenen gründen kann er dann nicht kommen, weil er noch anderen Termin hat...
#1 am 17.06.2016 von Bernd T. Melde (Zahnarzt)
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