Lunge und Psyche - Neues vom "Zauberberg"

12.06.2016
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Gelungene Reviews bieten eine systematische und prägnante Darstellung relevanter Befunde im Hinblick auf eine aktuelle Fragestellung - idealerweise mit Praxisbezug. In einer beeindruckenden Übersichtsarbeit zum Thema "Lunge und Psyche" werden folgende Beobachtungen vorgestellt:

 

Grundlegendes

Chronische Lungen-Erkrankungen (CLE) sind Systemerkrankungen und weisen eine "enge Verflechtung des örtlichen Krankheitsgeschehens mit weit darüber hinausreichenden Allgemeinsymptomen" auf - auch im psychomentalen Bereich.

Die Prävalenzraten von psychischen Begleitsymptomen bei CLE schwanken innerhalb sehr weiter Grenzen. Werte zwischen 10 und 90% sind ebenso zu finden wie Angaben zur durchschnittlichen Häufigkeit von 54% bzw. 66%.

Psychopneumologische Zusammenhänge variieren interindividuell und im Krankheitsverlauf. Sie sind "nicht nur von Mensch zu Mensch, sondern auch von Stadium zu Stadium weitgehend verschieden".

In den einzelnen Krankheitsstadien zeigen sich folgende psychopneumologische Phänomene.

 

1. Prodromal-Stadium

 

2. Diagnose-Stadium

Die Diagnose einer CLE erfolgt zumeist im Rahmen einer akuten Verschlechterung. Die psychischen Auswirkungen betreffen in dieser Phase mehrere Schichten:

a) Psycho-Neuro-Immunologische Ebene (PNI)

b) psycho-reaktive Ebene

c) psycho-soziale Ebene

 

a) Auf PNI-Ebene:

 

b) Die Symptome der psycho-reaktiven Ebene bei CLE:

- Kommt es "zu einer mehr oder weniger schweren Schockwirkung"?

- Entwickelt sich eine "reaktive Depression" im Sinne einer Anpassungsstörung - oder weicht die traurige Verstimmung einer "zuversichtlicheren, hoffnungsfreudigeren Einstellung" (was für ein gelungenes Coping spricht)?

- Erliegt der Patient dem Sog der Regression durch das ursprünglich positive "Geborgenheitsgefühl" des stationären Settings - oder übernimmt eine skeptisch-mißtrauische bis paranoide Haltung die Führung?

- Führt eine ausgeprägte Verdrängungsneigung durch "Leichtsinn" zu selbstgefährdendem Risikoverhalten - oder gelingt dem Patienten mit Hilfe einer optimistischen Grundhaltung ein effektives Coping und möglicherweise sogar ein "Post-traumatisches Wachstum"?

- Neigt der Patient aufgrund der finanziellen Belastungen durch die CLE zu Existenzängsten oder zu Tendenzreaktionen?

 

c) Auch auf psycho-sozialer Ebene finden sich Zusammenhänge:

 

3. Chronisches Stadium

Alle vorbeschriebenen Zusammenhänge gelten in ähnlicher Weise für die psychischen Veränderungen im chronischen Verlauf einer CLE.

 

Umkehr der Blickrichtung

Wichtig ist den Autoren der Hinweis auf die bidirektionalen Zusammenhänge, insbesondere "ob und in welcher Weise psychische Vorgänge und Zustände auf die Entwicklung und den Verlauf" der CLE einwirken.

Zur psychischen Ätiologie verweisen sie auf

Als pathogenetische Gemeinsamkeit erscheint es ihnen plausibel, "daß durch seelische Konfliktspannungen die Widerstandskraft des Organismus herabgesetzt wird". Dadurch können sowohl Ausbruch wie Verlauf der CLE entscheidend beeinflußt werden.

 

Soweit die Neuigkeiten vom "Zauberberg" - in einer Übersichtsarbeit aus dem Jahre 1938!

 

Bemerkenswert:

Zu fast allen aufgeführten "Neuigkeiten" von damals gibt es aktuelle Studien mit teils bestätigenden, teils widersprüchlichen Befunden (siehe Verlinkungen!).

Es bleibt zu hoffen, daß die aktuellen psychopneumologischen Forschungsergebnisse zum Nutzen der Patienten mit CLE immer effektiver in die Praxis umgesetzt werden.

 

 

 

Bildquelle: Privat

Artikel letztmalig aktualisiert am 12.06.2016.

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