Als ich Sonntagabend der Dienstarzt war - Teil 1

04.06.2016
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„Puh“, erzählte mir der Patient bei Visite, „Bin ich froh, dass ich jetzt auf Station bin. In eurer Notaufnahme, da geht es ja zu!“ „Äh ja“, sagte ich und während das letzte Wochenende in meinem Kopf wild aufflackerte konnte ich hier auch nicht wirklich widersprechen:

16 Uhr, Sonntag: Die Anzahl anwesender Ärzte bewegt sich am unteren Ende der Skala: Ich las mir meine to-do-Liste durch, auf der fünf Kanülen und ein Ultraschall für Station 22 standen. Die Aufnahmeschwester stapelte währenddessen schon mal vier Aufnahmebögen vor mich hin: neue Patienten.

Ich beschloss mich also erst mal um diese zu kümmern und wanderte zu Herrn Gukojak. Husten. Seit 4 Tagen. „Äh, und was erwarten Sie sich nun so von uns?“, fragte ich freundlich, aber da klingelte mein Telefon und die Schwester der kardiologischen Station fragte, wann ich denn nun endlich käme, um die Kanülen zu legen. Außerdem wären noch zwei EKGs da, die jemand anschauen müsse (und mit „jemand“ war selbstverständlich Ich gemeint). „Öh, später“, sagte ich, während der nächste Anruf in der Leitung piepste. Der Rettungsdienst, sie kämen mit einem schweren Herzinfarkt.

Ich versicherte Herrn Gukojak, ich käme gleich wieder und rief den diensthabenden Kardiologen an, auf dass dieser auch käme, um einen Herzkatheter beim baldig eintreffenden Patienten zu performen.

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Anschließend organisierte ich alles nötige hierfür und wollte zurück zu Herrn Gukojak, wurde aber von einer jungen Frau aufgehalten, die wütend die Notaufnahme durchquerte. „ICH BIN EIN NOTFALL!“, rief sie aufgebracht, „ICH WARTE SCHON SEIT EINER STUNDE!“ „Herzrhythmusstörungen“, murmelte die Aufnahmeschwester und schob mir das EKG der Frau zu, auf dem aber keine Rhythmusstörungen zu sehen waren. „Öhm“, erklärte ich, „wir werden uns das bald anschauen. Haben sie bitte noch etwas Geduld.“ Die Frau war nicht erfreut und ich ging wieder zu Herrn Gukojak. Doch da kam auch schon der Rettungsdienst mit dem schweren Herzinfarktpatienten und ich beschloss, Herrn Gukojak erst mal zum Röntgen zu schicken.


So wanderte ich mit ins Herzkatheterlabor, wo der Patient kurzfristig überlegte nun zu sterben, woraufhin wir ihn professionell zurückreanimierten und unser Chefkardiologe zwei große Stents einbaute. „Der hat einen kardiogenen Schock!“, erklärte mir der Chefkardiologe gewichtig und dass ich ja gut nach ihm (dem Herzinfarktpatienten!) schauen solle. Dann rief die kardiologische Station an, was denn nun mit den Kanülen wäre.

Dann rief die Notaufnahme an, dass inzwischen sieben Patienten warten würden. Ob ich bald fertig wäre?!

Dann rief die gastroenterologische Station an. Einer ihrer Patienten wäre aus dem Bett gefallen und ich soll kommen und schauen.

Dann rief ein Gynäkologe an, ich müsse unbedingt einen Ultraschall für ihn machen. „Uh“, sagte ich, „Ultraschall, das kann etwas dauern!“ „So eine Stunde dann?“, fragte der Gynäkologe. „Hm, nein eher so fünf.“ Der Gynäkologe war auch nicht erfreut und ich verlegte den Herzinfarktpatient auf die Intensivstation. „Stündlich!“, rief mir der Chefkardiologe hinterher, „Sie müssen stündlich nach ihm schauen!“ Dann ging er wieder nach Hause.

(Fortsetzung folgt)
 

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Artikel letztmalig aktualisiert am 15.06.2016.

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Ärztin
Jep genauso läuft das, besser hätte man den durchschnittlichen Wochenenddienst nicht beschreiben können. Fehlt nur noch zu erwähnen dass mindestens 50% der in der Notaufnahme vorstelligen "Notfallpatienten" reine Beschäftigungstherapie sind, weil sie entweder bereits am Vortag beim Hausarzt waren und nur kommen um eine "Zweitmeinung" zu holen oder ihnen eigentlich gar nichts fehlt, oder sie genausogut die 116 117 bemühen könnten...
#2 am 17.06.2016 von Ärztin (Gast)
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Gast
Ja, das kenne ich nur zu gut... . Besonders beliebt war es in meiner alten Klinik die Gabe von Erykonzentraten bei den älteren Damen in der Gefäßchirurgie (inklusive Legen von Zugängen bei hervorragenden Venenverhältnissen) auf den Diensthabenden abzuwälzen... . Ehrlich gesagt vermisse ich manche Dinge nicht!
#1 am 08.06.2016 von Gast
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