Von Stationsdrachen und anderen Abenteuern

03.06.2016
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Zu einem Pflegepraktikum gehören einige unangenehme Erfahrungen. Insbesondere am Anfang meines Pflegepraktikums hatte ich immer wieder Streitigkeiten mit Pflegekräften. Und irgendwie kommt es mir so vor, als würden männliche Pflegepraktikanten nicht so oft blöd angemacht wie weibliche. Meine männlichen Kollegen mussten sich nie die Dinge anhören, die ich mir anhören durfte.

Abgesehen davon, dass ich öfter putzen mussten als meine männlichen Kollegen, wurden diese komischerweise auch nie gefragt, ob sie denn Medizin studieren würden, weil sie der Meinung seien, dass Weiß ihnen besonders gut steht (schreckliche Frage und einfach sowas von 1950).

Es ist nicht schön, wenn man als Praktikant andauernd putzen muss. Aber der Sinn des Pflegepraktikums ist es ja, die Arbeit der Pflege kennen und schätzen zu lernen. Deshalb sollte man sich trotz allem bitte nicht zu schade sein, links und rechts mal mit anzupacken. Es ist Arbeit, die Menschen leisten und diese muss man auch wertschätzen können, oder?

Ich find die starren Strukturen in der Klinik schrecklich. Die Putzkräfte in der Klinik leisten zum Beispiel auch großartige Arbeit. Zwar wird immer darüber geschimpft, dass es nicht sauber genug ist, aber habt ihr euch mal mit einer Putzkraft über Arbeitsbedingungen oder deren Besetzung unterhalten? Meist sind sie über eine andere Firma eingestellt, verdienen echt wenig und ja, auch die Putzkräfte sind unterbesetzt. Ich finde jedenfalls, es gehört zum netten Umgang, jedem einen guten Morgen und ein Lächeln zu schenken und die Arbeit jedes einzelnen zu schätzen.

Aber nun zurück zu meinem Pflegepraktikum: Einmal hat mich ein Arzt gefragt, ob ich die Drainage in Raum XY ziehen könnte. Direkt nach dem Abi hatte ich keine Ahnung, welche Drainage er meinte, aber ich sagte trotzdem „ja, klar“, denn ich hatte meine Aufgaben erledigt und nichts mehr zu tun. Unter seiner Anleitung (!) hab ich also die Drainage gezogen. Kurz darauf fing der Terror an: Die Schwester hat mich auf dem Gang angeschrien, was ich mir denn dabei gedacht hätte, sogar Patienten kamen aus ihren Zimmern, um zu gucken, was los war.

Mir war das unglaublich peinlich, aber ich verstand zu diesem Zeitpunkt nicht so richtig, was sie so verärgert hat. Nach diesem Erlebnis fragte ich die Pflege immer, bevor ich Aufgaben, die ich von Ärzten bekommen hatte, erledigte. So lässt sich negative Stimmung vermeiden. Ich durfte die Aufgaben dann allerdings trotzdem nicht übernehmen.

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Heute würde diese Szene ganz anders ablaufen, heute vertraue ich viel mehr auf meine Fähigkeiten und Stärken – inklusive meiner kommunikativen Stärken. Ich fand das Rumgezicke auf der Station eigentlich immer ein bisschen übertrieben. Es gibt immer Menschen, die mit sich selbst unzufrieden sind und deshalb andere nerven. Ich durfte nicht sitzen. Auch wenn es nichts zu tun gab. Ich durfte nicht mit den anderen Pause machen, war in dieser Zeit immer alleine, während alle anderen zusammen gegessen haben. Ich finde es auch eigentlich nicht so schlau, einer Pflegepraktikantin die ganze Station zu überlassen, in einer halben Stunde kann so viel passieren.

Außerdem hat die schreckliche Schwester mich immer alleine zu schweren, dicken Patienten geschickt und dabei ist mal ein Patient vom Stuhl auf den Boden gefallen – der arme Patient – aber ich war einfach allein hilflos. Letztendlich wurde die Schwester zur Rechenschaft gezogen. Sie hatte die Verantwortung und es war ihr Fehler, mich alleine zu lassen.

Zum Glück ist das NICHT die Regel: Ich habe dann die Klinik gewechselt und da war es direkt viel besser. Da haben die Pflegekräfte mich häufig mit den Worten „Liebes, geh mal in Zimmer XY und schau bei einer Pleurapunktion zu“ irgendwo hingeschickt. Wahnsinn, was für ein Unterschied!

Ich würd heute so gern nochmal auf die Station des Grauens. Heute bin ich viel selbstbewusster und wüsste zu gut, was ich der verbitterten Schwester antworten würde. Aber eigentlich tut sie mir nur leid. Vielleicht war sie einfach nur super genervt von all den Pflegepraktikanten.

Generell gilt aber: Mit einem Drachen auf der Station kommst du nur mit dem Motto  „Kill them with Kindness“ zurecht. Lass dich nicht auf einen Kampf ein. Es wird immer eine Pflegekraft, die schrecklich ist, einfach so und ganz ohne erkennbaren Grund.

Und bevor ich es vergesse, hier die Überlebensregel Nr. 1:

Nie, nie, niemals im Schwesternzimmer mitlästern, auch wenn du der Meinung bist, dass der Pfleger XY sich öfter die Hände waschen sollte oder die Gelnägel von einer Kollegin nicht geeignet sind oder sonst was. Niemals, never ever mitlästern. Das kann dir später zum Verhängnis werden.

Regel Nr. 2 : Wenn morgen die Welt untergeht und es dein letzter Tag auf der Station ist – selbst, wenn Zombies bereits die Station übernommen habe – es gilt trotzdem Regel Nr.1!
 

Bildquelle: genevieveromier, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 08.06.2016.

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Gast
Ja traurig, dass die Strukturen in Krankenhäusern so schlecht sind, dass solcherlei Tyrannen und Hexen sich so einen Umgang erlauben können. (Siehe Stationsdrachen, jähzornige Chefärzte u.s.w.). Zu dem Punkt mit dem Drainageziehen wollte ich aber anmerken, dass die Drachin schon zu recht entrüstet war (obwohl die Art und Weise echt kritisch ist), es muss ja bedacht werden, dass solcherlei Tätigkeiten an strenge rechtliche Rahmenbedingungen geknüpft sind und daher die Delegation an Praktikanten ein echtes Haftungsproblem darstellt. Solcherlei Dilemmata treten in der Medizin gehäuft auf und es ist wirklich Wichtig, meiner Meinung nach, sich da etwas zu sensibilisieren. Guter Beitrag dazu: https://narkosearzt.wordpress.com/tag/ubernahmeverschulden/
#3 am 11.06.2016 von Gast
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Gast
Das geht übrigens nicht nur den Praktikanten so, sondern auch den Pflegeschülerinnen. Ich habe mich auf meiner ersten Ausbildungsstation haargenau wiedererkannt. Ich hätte meine Ausbildung aufgrund dieses Mobbings damals fast abgebrochen... Leider gibt es viel zu viele solcher Pflegekräfte und noch schlimmer ist es, wenn diese dann auch noch die Station leiten. Und ob deren Unart mit anderen Menschen umzugehen auf Schmerzen zurückzuführen ist oder nicht, ein solches Verhalten ist in jeglicher Hinsicht inakzeptabel. Traurig nur, dass sich meist niemand traut, soetwas auch mal anzusprechen.
#2 am 09.06.2016 von Gast
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Gast
Hallo, die "Plfegedrachen" haben meistens chronische Schmerzen. Ob diese nun von der nicht rückenschonenden Arbeit kommen oder andere Ursachen haben, spielt keine Rolle, das sich viele der Auswirkung ihrer Schmerzen auf ihr Verhalten und ihre Stimmung nicht bewußt sind hingegen schon. Leider stelle ich als Therapeut immer wieder fest, dass das Pflegepersonal nicht ausreichend geschult wird. Nicht zu vergessen, das viele Vorgesetzte als schlechtes Beispiel vorangehen. Chronische Schmerzen, die insbesondere vom behandelnden Arzt nicht ernst genommen werden, machen aus jedem Menschen über kurz oder lang ein "Ekel". Und gegen chronische Schmerzen helfen auf Dauer keine Tabletten, sondern nur ein Ärzte-Klienten-Pflege-Therapeuten-Team die gemeinsam an einem Strang ziehen. Ist diese Grundvoraussetzung nicht gegegben kann man jeglichen Heilungsversuch und das damit verbundene Ausmerzten der "Pflege-/Schmerzdrachen" sein lassen. Es verschwendet nur unnötig Resourcen.
#1 am 08.06.2016 von Gast
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