Die Geschichte von Baby Boy – Kampf gegen Säuglingssterblichkeit in Sierra Leone

03.06.2016
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Mein dritter Einsatz im Krankenhaus der German Doctors in Sierra Leone liegt hinter mir. Eine Kinderstation mit 40 Betten gab es dort bereits. Bislang war die Versorgung von neugeborenen kranken Babys und Frühchen aber sehr schwierig, da diese mit auf der normalen Kinderstation untergebracht waren.

Ein Bericht von Dr. Silke Ehlers, die eine Neugeborenenstation in Serabu aufgebaut hat.

Das hat sich nun geändert: Während meiner zweimonatigen Arbeit für die German Doctors war es meine Aufgabe, den Neugeborenenbereich der Klink aufzubauen. Dazu mussten Wärmebettchen aufgestellt und angeschlossen, sowie Geräte wie Sauerstoffkonzentratoren, Absauggeräte und Pulsoximeter in Gebrauch genommen werden. Das ist sehr wichtig, denn die Säuglingssterblichkeit in Sierra Leone ist unfassbar hoch.

Säuglingssterblichkeit ist ein großes Problem in Sierra Leone

Und ich kann schon von ersten Erfolgen berichten, wie die Geschichte von Baby Boy zeigt: Eines nachts wurde ich in den Kreissaal gerufen, wo ein Baby nach sehr verzögertem Geburtsverlauf geboren wurde – die Mutter hatte eine schwierige Schwangerschaft und nun bereits seit über zwei Tagen in den Wehen gelegen. Das Neugeborene war über und über mit Mekonium verschmiert und hatte alle Zeichen einer Mekoniumaspiration. Wenn das Mekonium – auch Kindspech genannt – zu früh entleert wird, ist das immer ein Zeichen von erhöhtem Stress des Kindes unter der Geburt.

Das Baby hatte starke Atemschwierigkeiten und der Sauerstoffgehalt im Blut war viel zu niedrig. Zum Glück konnten wir auf der Neugeborenenstation unseres Serabu Community Hospitals direkt alle zur Verfügung stehenden Möglichkeiten einleiten. Ich legte eine Infusion an und wir begannen sofort mit der antibiotischen Behandlung und gaben kontinuierlich Sauerstoff. Dem Baby – einem Jungen mit 3400 g Geburtsgewicht – ging es richtig schlecht. Er hatte noch immer keinen Namen, daher nannten wir ihn Baby Boy.

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Viele Schwestern kamen und schauten sehr interessiert und „beschlossen“ sofort, dass der kleine Mann es schaffen und nicht sterben würde. Ich war mir da mehrere Tage lang nicht so sicher ... In Deutschland hätte ich das Baby nach der Geburt sofort beatmet. Hier hat sich der tapfere Kerl mit einer Atemfrequenz, die viel zu schnell war und einer eigentlich normalen Herzfrequenz entspricht, und mit der zusätzlichen Gabe von Sauerstoff durchgekämpft.

Ein erster Stillversuch

Nach drei Tagen Behandlung geschah dann das Unglaubliche: Wir hatten einen bequemen Stuhl organisiert; in diesen setzte ich die Mutter neben das Bett und wir legten ihr das Baby auf die Brust. Der Kleine war die ganze Zeit sehr ruhig und bewegte sich kaum. Nachdem die Mutter ihn 20 Minuten gehalten hatte, begann er doch tatsächlich zu suchen: Der Kopf ging rauf und runter, er machte leise Töne. Die Schwestern und ich entschieden, ihn an die Brust anzulegen. Die Mutter, die zuerst zaghaft war und nicht verstand, warum sie ihr Baby mit den Kabeln der Infusion und dem Sauerstoffschlauch auf dem Arm hatte, verlor dadurch jegliche Scheu. Sie fasste den Kleinen richtig an, legte ihn an ihre Brust und siehe da, er trank! Er war zwar sehr blass und brauchte viele Pausen, aber der Anfang war geglückt. In den nächsten Tagen hielt das Baby dann den Pfleger ganz schön auf Trab, da er nur noch auf dem Arm der Mutter ruhig war und sobald er in seinem Bettchen lag, zu weinen begann. Jetzt warten wir darauf, dass die Lunge sich soweit erholt, dass wir den Sauerstoff ganz weglassen können. Aber das dürfte nur noch eine nur Frage der Zeit sein.

Baby Boy bekommt einen Namen

Und tatsächlich: Schon wenige Tage später konnte Baby Boy entlassen werden – ein kleiner Erfolg in unserem Kampf gegen die hohe Säuglingssterblichkeit. Der Kleine braucht jetzt keinen zusätzlichen Sauerstoff mehr und nimmt bei vollem Stillen zu. Er ist ein total wacher Kerl und hat mittlerweile auch einen Vornamen bekommen: Vorgestern Morgen strahlte mich die Mama an, deutete auf ihren Sohn und sagte „Patu“. Das ist die Kose- oder Kurzform von Patrick. Und Patrick heißt unser Pfleger, der für ihn zehn Tage lange Zwölfstundenschicht gemacht hat. Wenn es ein Mädchen gewesen wäre, so versicherte mir die Mutter, hätte es Silke geheißen.

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Bildquelle: German Doctors

Artikel letztmalig aktualisiert am 22.06.2016.

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Herzzerreißend. Instinktiv wollen wir jedes Leben retten. Kinder, Alte, Alle einfach, um jeden Preis. Doch die Welt hat auch die Vernichter an Bord, denen jedes vernichtete Menschenleben mehr Freude macht, als den übrigen die Rettung. Wie kriegt Ihr das zusammen? Sind allein durch unsere Zahl (Überzahl) Menschenleben wertlos geworden? Oder war es das unter bestimmten Aspekten nicht schon immer?
#4 am 23.06.2016 von Karl-Heinz Licht (Medizinjournalist)
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Gast
Sehr beeindruckend, Respekt
#3 am 22.06.2016 von Gast
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Wundervoll!!
#2 am 22.06.2016 von Dr. Birte Halbach (Nichtmedizinische Berufe)
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Danke für Ihren tollen Einsatz!
#1 am 22.06.2016 von Dipl.-Biol. Heike Maringer-Liedtke (Mitarbeiterin Industrie)
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