Cannabis, Stress und Läufer-High

01.06.2016
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Viele Konsumenten geben an, dass sie Cannabis zur Entspannung und zum Abbau von Stress verwenden. Tatsächlich geht man in der medizinischen Wissenschaft heute davon aus, dass das körpereigene Endocannabinoidsystem eine Rolle beim Erleben von Glück und Wohlbefinden sowie bei der Stressbewältigung spielt. Einige Forschungsergebnisse sollen dies erläutern.


So könnten Endocannabinoide für das euphorische Gefühl verantwortlich sein, dass einige Personen bekommen, wenn sie ein sportliches Ausdauertraining betreiben. Das erklärten amerikanische Forscher Anfang 2004 nach Untersuchungen in einer Gruppe von jungen Sportlern.


Sie vermuten, dass die beglückenden Gefühle von Langstreckenläufern, die oft "Läufer-High" genannt werden, nicht von vom Körper freigesetzten Endorphinen, körpereigenen Opiat-ähnlichen Stoffen, verursacht werden, wie man früher annahm, sondern ein Endocannabinoid-High darstellen. Nach einem Lauftraining mäßiger Intensität von einer Stunde wurden bei den Sportlern nämlich hohe Spiegel des Endocannabinoids Anandamid festgestellt. Die Forscher nehmen an, dass der Körper Cannabinoide freisetzt, um anhaltenden Stress und Schmerzen beim Training zu bewältigen. Seit langem ist bekannt, dass Ausdauersport dabei hilft, Stress abzubauen.


Eine andere Forschergruppe von der Universität von Wisconsin in den USA hat nachgewiesen, dass Endocannabinoide die Aktivierung einer Stress-Achse zwischen Gehirn und Nebennierenrinde reduzieren. In der Rinde der Nebennieren, zwei kleine Organe oberhalb der Nieren, wird das Hormon Cortisol produziert und freigesetzt. Beim Auftreten von Stress werden im Gehirn bestimmte Regionen (Hypothalamus und Hypophyse) stimuliert, und es wird das Hormon Adrenocorticotropin (ACTH) in den Körper abgegeben, das auf die Nebennierenrinde wirkt und zur Freisetzung von Cortisol führt. Da Adrenocorticotropin bei verschiedenen Formen von Stress freigesetzt wird, wird es auch als Stresshormon bezeichnet. Wurden gestressten Mäusen Cannabinoide verabreicht, so reduzierten sie die Konzentration von Cortisol im Blut. Auch das Cortisol ist ein wichtiges Stresshormon, das allerdings auch noch viele andere Aufgaben im Körper hat.

Angst und Stress vermindernde Wirkungen von Cannabisprodukten können auch durch Effekte von THC auf das Gedächtnis erklärt werden.


Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München haben mit einer Studie aus dem Jahr 2002 gezeigt, dass das Endocannabinoidsystem eine zentrale Rolle bei der Auslöschung unangenehmer Erinnerungen spielt. Mäuse, die einen Blocker für den Cannabinoid-Rezeptor erhalten hatten, sodass die Endocannabinoide nicht an diesen Rezeptor binden konnten, zeigten in Experimenten eine deutlich beeinträchtigte Auslöschung unbegründeter Angst. Die Tiere, die darin konditioniert worden waren, einen Musikton mit einem Stromschlag zu verbinden, zeigten eine Angstreaktion und reagierten auch dann noch ängstlich, als auf den Ton kein elektrischer Schlag mehr folgte. Unbehandelte Mäuse hörten recht schnell damit auf, den Ton als Bedrohung zu erleben, wenn er nicht mehr mit einem elektrischen Schlag verbunden war. Mit einem Cannabinoidrezeptor-Blocker behandelte Mäuse brauchten jedoch wesentlich länger, um die Angst zu vergessen. Die Forscher fanden heraus, dass eine Region des Gehirns, der so genannte Mandelkern, der wichtig für die Speicherung von Erinnerungen und Furcht ist, mit Endocannabinoiden überflutet wurde, wenn die Mäuse allmählich die gelernte Antwort auf den Stromstoß vergaßen.


Viele Menschen, die Gewalttaten erlebt haben oder in ihrem Leben andere sehr belastende Situationen durchgemacht haben, leiden über Jahre an Albträumen und starken Ängsten, was als posttraumatische Stressstörung bezeichnet wird. Viele Betroffene berichten, dass Cannabis als unterstützende Hilfe zur Bewältigung dieser Erfahrungen wirksamer als andere Medikamente ist. So gibt es eine Anzahl solcher Berichte von amerikanischen Soldaten, die in Vietnam waren und noch Jahrzehnte später unter den Folgen der Kriegserlebnisse leiden. Eine erste klinische Studie zur Überprüfung der Wirksamkeit von THC bei posttraumatischen Stressstörungen wird zur Zeit mit israelischen Soldaten, die von wiederkehrenden Erinnerungen an traumatische Kampferfahrungen verfolgt werden, durchgeführt. Auch andere belastende Erfahrungen, wie beispielsweise schwere Erkrankungen können durch Cannabisprodukte leichter ertragen werden. Beispielsweise berichteten Forscher der Yale-Universität in den USA, dass schizophrene Patienten Cannabis vor allem zur Bewältigung der stressenden Erfahrungen im Rahmen ihrer Erkrankung verwenden.

 

Autor:

Dr. med. Franjo Grotenhermen

 

Artikel letztmalig aktualisiert am 01.06.2016.

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