Daredevil...

29.05.2016
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Das vorletzte Wochenende habe ich bei Freunden verbracht. Ich mache das ab und zu. So alle paar Monate einmal. Wir trinken dann Wein, spielen Xbox, essen zuviel und schauen Serien.

Wir haben dieses Mal begonnen, Daredevil zu schauen. Ob man der Serie etwas abgewinnen kann, liegt wohl im Auge des Betrachters. Für unsere Zwecke war sie ganz anständig: Kurzweilig und nicht allzu komplex. So dass man sich nebenbei noch etwas unterhalten konnte.

Daredevil ist eine 1964 erstmals veröffentlichte, von Stan Lee und Bill Everett erschaffene Marvel-Figur. Im wirklichen Leben ist Daredevil ein blinder Anwalt. Nachts ist er eine Art dunkler Rächer, der Verbrecher im New Yorker Stadtteil Hell's Kitchen jagt. Er greift dabei auf seine enorm weiterentwickelten verbliebenen Sinne zurück. Im Gegensatz zu den X-Men ist er allerdings kein Mutant, sondern ein Human Mutate. Das heißt, dass er über seine speziellen Fähigkeiten aufgrund des Kontaktes mit einer mutagenen Substanz verfügt. Im Falle von Daredevil, der mit bürgerlichem Namen Matthew Murdock heißt, war dies die Chemikalie, die ihn auch hat erblinden lassen.

Bei der Figur des Matthew Murdoc, bzw. seines Alter-Egos, fällt auf, dass seine Behinderung ihm aufgrund der zusätzlich entwickelten Fähigkeiten scheinbar keinerlei Probleme im Alltag bereitet.

Und damit bin ich beim Thema meines heutigen Artikels. Ich habe mich nämlich irgendwann beim Schauen der Serie gefragt, was wohl reale blinde Menschen zu dieser Figur sagen. Und da gibt es durchaus unterschiedliche Interpretationen: An einigen Stellen finde ich im Internet dazu Stimmen von Blinden, die es freut, dass auch blinde Charaktere zunehmend (?) an Bedeutung gewinnen. Auf ihre Initiative geht auch die Möglichkeit der Audiounterstützung für Sehgeschädigte zurück, die Netflix für die Serie etabliert hat. Andere wiederum empfinden die Figur als eher unglücklich geraten und weniger repräsentativ.

Ist Euch schon mal aufgefallen, dass Menschen mit Behinderungen in Film und Fernsehen eigentlich nur eine Rolle spielen, wenn ihre Behinderung das zentrale Thema ist?

Habt Ihr euch schon mal einen König Lear mit Hydrozephalus vorgestellt?
Einen James Bond mit Down-Syndrom?

Vermutlichen können, zumindest bei der zweiten und dritten Frage, die wenigsten von uns mit „Ja“ antworten. Dies liegt, so glaube ich, in unserem Bedürfnis nach Kongruenz und Repräsentativität begründet. Menschen ohne Behinderungen fühlen sich (vermutlich) eher von jemandem repräsentiert, der Ähnlichkeit mit ihnen hat. Also jemandem, der auch ohne Behinderungen lebt. Diesen Wunsch nach Repräsentativität haben Menschen mit Behinderungen natürlich auch. Nur, und jetzt wird es interessant, würden sich die wenigsten Menschen mit Behinderung, auch über ihre Behinderung definieren. Menschen wollen kein defizitäres Selbstbild. Oder definiert Ihr euch darüber, dass Ihr keine Integrale im Kopf berechnen könnt? Warum versinken wir nicht in Demut, wenn wir realisieren, dass es Menschen gibt, die genau das können? Weil ein solches Selbstbild uns zerfressen würde ...

Matthew Murdock definiert sich auch nicht über seine Defizite. Er strahlt Würde und Souveränität aus. Aber er hat es auch leicht. Er kann den Raum durch Echolotung wahrnehmen, hat einen Geruchssinn, der es ihm ermöglicht, einen bestimmten Geruch über mehrere Häuseretagen hinweg wahrzunehmen, und kann wie eine Mischung aus Bullterrier und Wildkatze kämpfen. In seinem nicht-Helden-Leben ist er ein findiger Anwalt, wortgewandt und intelligent. Das alles macht ihn zu einem Ideal, aber nicht wirklich zu einem Repräsentanten. Der Begriff, den ich hierzu am spannendsten finde, ist der des Nützlichkeitsimperativs.

Kurz gefasst meint dieser Begriff, dass unser Sein einen Nutzen haben muss, um berechtigt zu sein. Kein Nutzen, keine Daseinsberechtigung. Diese Art zu denken wird in einer sich zunehmend ökonomisierenden Welt, aller Wahrscheinlichkeit nach, auch eher zunehmen als abnehmen. Denn Nützlichkeitsorientierung ist ein typisches Phänomen ökonomischer Betrachtungsweisen. Immer wieder gibt es unmenschlichste Akte gegenüber Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen.

Zum Glück sind wir uns alle einig, dass das oben genannte Beispiel verabscheuenswert ist. Aber auch in unserer heutigen aufgeklärten Gesellschaft scheint der Nützlichkeitsimperativ immer wieder durch:
 Behinderung ist ok, wenn du was anderes, vielleicht sogar etwas Besonderes, kannst ... Etwas zum Ausgleich ...
Ist es schon etwas Besonderes, wenn du ein netter Mensch bist? Ist Behinderung dann ok? Oder doch erst, wenn du trotz Behinderung Leistungssportler geworden bist? Wer von uns hat bei solchen Videos noch nicht gesagt, „Beeindruckend, wie die das machen, obwohl sie [xyz] haben.“?

Ethisch interessant wird es bei der Frage:
 „Was machen wir mit einem blinden Menschen, der keine Superkräfte hat?“ Vielleicht sogar einem, der dazu auch noch alt und krank ist. Einem der vielleicht auch noch dement ist. Einem der, egal wie man es dreht und wendet, nicht mehr so recht nützlich sein kann oder will. Die Antwort ist ganz einfach: Wir kümmern uns um ihn.

Um das Bewusstsein für diese Notwendigkeit im Umgang miteinander zu schärfen, wäre ich ein großer Freund davon, mehr Menschen mit Behinderungen im Fernsehen zu sehen: Am besten ohne Superkräfte und ohne, dass ihre Behinderung der zentrale Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist ...

... Daredevil hat mir trotzdem ganz gut gefallen. Ich bin gespannt, wann der Punisher als Charakter eingeführt wird ...


Links zum Weiterlesen:


Daredevil – Not Quite the Blind Man's Hero


What Daredevil Gets (Kinda) Right About Blindness and Heightened Senses

 

Bildquelle: Daniel Lobo, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 02.06.2016.

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