Nachtdienst in der Notaufnahme

25.05.2016
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Ich schaue das erste Mal auf die Uhr: 21.00h. Zweieinhalb von vierzehn Stunden Dienst habe ich hinter mir. Bei Schichtbeginn habe ich mich trotz vorheriger Anmeldung bei der Oberärztin (drei Tage zuvor hatte ich ihr eine Mail geschrieben) von ihr zurechtweisen lassen müssen, dass ich als Erasmus-Studentin nicht einfach so dazukommen könne zum Nachtdienst in der Notaufnahme.

Wenn überhaupt, müsse ich einen Studenten ersetzen, inklusive Bezahlung und Versicherung. Da habe ich natürlich gar nichts gegen, Madame Doctor, das hätten Sie mir nur gern schon früher sagen dürfen.


Trotzdem bin ich geblieben und bis jetzt dem Assistenzarzt gefolgt, gerade zur Pause ins Zimmer der Internes. Der alte Sessel ist bequem. Es umgibt mich ein gemütliches Chaos: Patientenakten, die für eine Studie ausgewertet werden, Andenken aus dem OP heute Vormittag – ein Stern, ein Herz und ein Kleeblatt, aus einem Rest Knochenzement gebastelt (Ein guter Zeitvertreib für die Prothesenkleber-Trockne-Zeit. Wir kneten mit Fimo.). Bekritzelte Wände, Notizen zu orthopädischen Diagnosen neben Motivationssprüchen: „Il n'y a pas de petite victoire!“, „There is a fracture! I need to fix it!“. Ein Chillraum mitten auf der Station.

Vor mir steht ein Käseteller, dazu gibt es Baguette. So gesellig hatte ich mir den Beginn meines ersten Nachtdienstes nicht vorgestellt. Aber Florent, der nette Interne, mit dem ich gerade noch für einen endoskopischen Schultereingriff im OP stand, fand, wir hätten uns eine Pause verdient. Er hat das auf jeden Fall, im Gegensatz zu mir hatte er keinen freien Nachmittag inklusive Power-Nap, sondern stand heute durchgängig im OP. Eine ganz normale 24-Stundenschicht.

Nach einer halben Stunde gehen wir wieder zurück in die Notaufnahme. Florent wird gebraucht. Er begutachtet Röntgenbilder einer Olekranonfraktur eines 75 Jahre alten Mannes, der vor zwei Wochen gestürzt ist und der sich heute Abend dann doch entschlossen hat, einen Arzt auf seinen schmerzenden Arm schauen zu lassen. Außerdem die CT-Bilder eines 19jährigen, der sich beim Rugbytraining den Fuß ausgerenkt hat: eine subtalare Luxation, die mit einigem Kraftaufwand zum Glück sofort wieder problemlos eingerenkt werden kann. Beide Patienten können heute wieder nach Hause, der Mann wird gebeten, in der regulären Sprechstunde zu erscheinen, und ich helfe dabei, dem Rugbyspieler einen Gips anzulegen, der gefühlt einige Kilo schwer ist. (Eine Erinnerung aus meinem Französischunterricht kommt mir in den Sinn: „Il a une jambe dans le plâtre.“).

Um 22.30h klingelt das Telefon: es wird ein Externe, ein Student, von den Viszeralchirurgen in den OP gerufen. Meine Kommilitonen lassen mir freundlicherweise den Vortritt. Eine Patientin wurde vor drei Tagen in die linke Arteria femoralis punktiert, um distal gelegenen Arterien zu dilatieren und so die Durchblutung ihres linken Beins zu verbessern. Aufgrund ihres Diabetes hat sie schon einen Zeh verloren, mehr sollen es möglichst nicht werden. Post-operativ ist am Oberschenkel ein riesiges Hämatom entstanden und der Hb ist auf einen Wert von 5g/dl abgefallen (der Normwert für Frauen liegen bei 12-16g/dl). Das heißt, sie verliert große Mengen an Blut in ihren Oberschenkel.

Ich bin sehr froh, dass ich etwas später erscheine, denn als ich noch damit beschäftigt bin, mich mit Hilfe des Operationsassistenten anzukleiden, setzt die Oberärztin den ersten Schnitt und das Hämatom, das das Herz seit drei Tagen auf einen Druck von etwa 140mmHg aufgepumpt hat, wird schlagartig (oder besser schwallartig) entlastet. Heute Mittag haben wir noch gewitzelt, dass ein gebrauchter OP-Kittel ein perfektes Halloween-Kostüm ausmachen würde. Daran muss ich jetzt denken und finde das nicht mehr ganz so lustig. Die Ärzte arbeiten konzentriert und flicken erfolgreich zwei kleine Löcher in der Arterie. Beeindruckend.

Nach einer kurzen Pause folgt die nächste Operation, die deutlich weniger Feinmotorik erfordert: Bauchchirurgie. Als Medizinstudentin bin ich beeindruckt von der Ästhetik des rosig schimmernden, aufgeräumten Bauchraums der Patientin. Aus dem Präp- und dem Pathologiekurs habe ich andere Erinnerungen. Wie unterschiedlich die Anatomie doch an einem lebenden Organismus aussieht. Die Patientin hat vor ein paar Tagen einen künstlichen Darmausgang bekommen und nun Aszites (Flüssigkeit im Bauchraum). Der Verdacht einer Entzündung schwebt im Raum, daher der Noteingriff. Wobei die Ärzte sich nicht einig darüber sind, ob diese OP mitten in der Nacht wirklich notwendig war. Es werden Proben genommen und die Peritonealhöhle wird ausgiebig gespült. Die OP verläuft reibungslos, hoffentlich finden sich in den Proben keine Bakterien und die Patientin erholt sich gut.

Um 3.00h gehe ich zurück in die Notaufnahme. Dort hat es sich mittlerweile beruhigt, die Patienten, die noch da sind, sind bereits versorgt und schlafen auf ihren Stühlen. Neue treffen um diese Zeit kaum mehr ein. Ich begleite zwei Studenten auf die Station der Thoraxchirurgie, dort ist ein Patient aus dem Bett gefallen und soll untersucht werden. Unser letzter Einsatz für heute.


Um 4.30h werden wir schlafen geschickt und bis zum Schichtende um 8.30h auch schlafen gelassen. Fazit meines ersten Nachtdienstes: eine interessante und insgesamt weniger anstrengende Erfahrung, als ich gedacht hätte. Trotzdem bin ich erleichtert, nicht zwei bis drei Nachtdienste pro Monat machen zu müssen – wie die französischen Studenten. Aber das ein oder andere Mal werde ich bestimmt noch einmal vorbeischauen. Dann ganz offiziell, mit Bezahlung und Versicherung.


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Bildquelle: m-louis, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 21.06.2016.

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Medizin, Studium, Humanmedizin
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