Lerndroge Ritalin: Mach’s ohne!

24.05.2016
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Ich sage immer, in der Prüfungsphase sind alle legalen Drogen erlaubt, wenn du Lust auf Schoki hast, dann gönn dir einen Kuchen oder einen Riegel. Ich trinke auch gerne mal Energiedrinks oder Kaffee. Trotzdem erwische ich mich in der Bib oft beim Nichtstun.

Ich beobachte Menschen oder Vögel aus dem Fenster, dann überlege ich mir, welche Farben ich für die Bib-Möbel gewählt hätte. Oder starre einfach durch die Gegend. Diese Ablenkungen sind wirkliche Zeitfresser. Stundenlanges Lernen ohne Erschöpfung, maximale Aufmerksamkeit, keine Ablenkung, Tunnelblick, immer hellwach, fokussiert und hoch konzentriert – wer will das nicht sein?

Leider ist in unserem Studium Ritalin, der berühmte Vertreter des Wirkstoffes Methylphenidat, ein großes Thema. In der Schweiz und in den Staaten ist der Gebrauch wohl noch häufiger als in Deutschland. Weil mich die Dunkelziffer in Deutschland so interessiert hat, habe ich mich in Studi-Foren schlau gemacht, Fragen gestellt, Berichte gelesen und Infos gesammelt, die ich gerne mit euch teile.


Mit „Weckaminen“ zum Lernerfolg?

Mein erster Gedanke: Wie kommt man als Student an dieses rezeptpflichtige Medikament, wenn man nicht zufällig an einer Erkrankung leidet, die einer Therapie mit diesem Wirkstoff bedarf? Die erschreckenden Tipps und Tricks, auf die ich gestoßen bin, würde ich allerdings nicht so gerne veröffentlichen. Ich möchte nicht den Anschein erwecken, dass es so einfach und ungefährlich ist, dass es jeder mal ausprobieren könnte. Mein Pharmaprof berichtete letztens, dass man „Weckamine“ zu seiner Studentenzeit noch rezeptfrei in der Apotheke erwerben konnte und die Anfänger den Fehler machten, Methylphenidat nur während der Lernzeit einnahmen, kurz vor der Prüfung absetzten und in der Prüfung dann in ein Loch fielen, einschliefen oder zusammenbrachen.

Genau diese Schattenseiten möchte ich aufzeigen, denn die positiven Effekte klingen verlockend. Stell dir vor, du hast immer einen produktiven Lerntag, du kannst gar nicht aufhören, an Pausen müssen dich deine Kommilitonen erinnern, sonst würdest du sie vergessen, weil du so konzentriert bist. Während die anderen darüber klagen, dass es heute so gar nicht läuft, denkst du dir: „Nee, bei mir läuft es immer“, stimmst aber zu, damit niemand was merkt.

Wenn du Glück hast, sind die Nebenwirkungen bei dir gar nicht so schlimm. Aber jeder Körper reagiert anders auf verschiedene Stoffe und was ist mit der Zeit danach? Der Zeit ohne Ritalin? Die möglichen Nebenwirkungen sind gar nicht so ohne: Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Depressionen, verminderter Appetit, seelisches Ungleichgewicht, Aggression, Unruhe, Angst, Reizbarkeit, Schwindel, Herzrhythmusstörungen, Herzrasen, Herzklopfen, Bluthochdruck, Durchfall, Übelkeit und Erbrechen.

Ich frage mich, ob es das wert ist und ob es nicht reichlich paradox ist, wenn wir als Medizinstudenten so leichtsinnig mit unserer Gesundheit umgehen? Laut der Zeitschrift Unicum ist der Wirkstoff Methylphenidat in Deutschland noch keine Massendroge. Mit Umfragen ist das ja immer so eine Sache: Wen erreicht man wirklich und wer antwortet ehrlich?

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir das Zeugs nicht brauchen. Wir schaffen das auch so, dann braucht man halt für einige Sachen länger als sonst oder schreibt mal eine Klausur zum zweiten Mal. Nichts ist so schlimm, wie  sich körperlich und geistig zu zerstören.


So klappt das Lernen effektiv

Das Medizinstudium ist vor allem eins: Fleißsache. 
In der Schule hat man anders gelernt, man ist nach der Schule heim, hat Hausaufgaben gemacht und für die Klausur schön aus dem Heft gelernt. Medizin studieren ist etwas anders: Du musst die richtigen Bücher finden und dann direkt aus dem Buch lernen. Ich habe letztens mal die ganzen Zusammenfassungen aus dem 1. und 2. Semester gestapelt. Ich habe ja so viel zusammengefasst, leider verschwendete Zeit. Meine Karteikarten sind nichts anderes als Staubfänger.

Nimm dir stattdessen lieber direkt das Buch, schau dir das Inhaltsverzeichnis an und dann fang an und lies. Erstmal Kapitel 1, dann überlegst du dir, was habe ich gelernt, was weiß ich jetzt (ohne irgendwelche Karteikarten etc.). Am nächsten Tag liest du wieder Kapitel 1 aus dem selben Buch und du merkst, wie viel hängen geblieben ist. Es ist ganz wichtig, dass du wiederholst, am besten direkt am folgenden Tag. Sonst passiert nämlich Folgendes: Dein Kopf denkt sich, „ja... da hab ich mal was von gehört, scheint aber nicht wichtig zu sein, weg damit“.

Das wäre schlecht. Denn das, was du im 1. Semester lernst, soll auch ins Langzeitgedächtnis, du brauchst es fürs Physikum. Das klingt vielleicht hart. Ich arbeite auch immer noch daran und erwische mich auch immer noch mit Karteikarten. Aber Hand aufs Herz: Wenn ich was zusammenfasse, dauert das eine Stunde, in der Zeit habe ich den Text mindestens vier Mal gelesen und weiß danach ganz sicher mehr.

Also: Vom Buch direkt in dein Gedächtnis. Keine Umwege über Karteikarten, Mandalas oder Zettelsammlungen.


Bildquelle: Dominique Godbout, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 25.05.2016.

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klugscheisser
gerade die karteikartenstrategie (aufschreiben) ist die effizienteste
#8 am 08.10.2016 von klugscheisser (Gast)
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Gast
der Lerneffekt steigt vom Hören (am geringsten) zum Sehen (lesen) bis zum selbst schreiben (am meisten).
#7 am 27.05.2016 von Gast
  0
Gast
Es gibt zum Thema "Richtig Lernen" viel wissenschaftliche Literatur, es gibt Studien, die geprüft haben, was funktioniert, und was nicht. Es gibt Bücher zum Thema, und kostenlose Online-Kurse von Experten und Wissenschaftlern auf dem Gebiet. Die Autorin dieses Artikels hat aber scheinbar keine dieser Quellen befragt, sondern einfach mal ihre Meinung aufgeschrieben. "Einfach mehrmals das Buch lesen" ist wohl einer der schlechtesten Lerntipps, den man geben kann. Wer wissen will, wie es besser geht, konsultiert eine der oben genannten Quellen.
#6 am 27.05.2016 von Gast
  0
Gast
Ich habe eine zeitlang Medikinet genommen, nicht um besser lernen zu können, sondern wegen Diagnostizierten ADHS. 3 Jahre ohne Probleme, dann entwickelten sich Probleme mit der Leber und Bluthochdruck. Obwohl das Medikinet seit einem Jahr abgesezt ist habe ich immer noch Bluthochruck und meine leber schwillt immer noch von Zeit zu Zeit an. Würde jedem davon abraten dieses Medikament ohne dringende Indikation zu nehmen! Denn welche Langzeitfolgen jeder einzelne Individuell davon zurück behält weiß keiner.
#5 am 27.05.2016 von Gast
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Arzt
Die einzige Droge die, wenn nicht im Übermaß konsumiert, unschädlich ist, bleibt immer noch der Kaffee, bzw. das Coffein und das Thein. Dabei an irgendwelche "Hirnareale" zu denken ist kontraproduktiv weil sowieso falsch. Bewehrt beim Lernen ist nur die Verknüpfung mit bildlich-emotionalen Inhalten (Eselsbrücken), wenn etwa einer nackten Zahl eine Farbe zugeordnet wird. Das Ziel ist aber eher nicht das Auswendig Lernen, sondern das inhaltlich kausale Verständnis, schwer genug. Deshalb waren die früher üblichen rein mündlichen Prüfungen wesentlich sinnvoller als die multiple choice-Kacke.
#4 am 26.05.2016 von Arzt (Gast)
  0
Gast
Da sind wir mal wieder beim Thema Lerntypen und ich denke es gilt das gleiche wie für die Nebenwirkungen von Ritalin: es ist individuell verschieden. Ich lerne auch gerne direkt aus dem Buch, aber das muss nicht heißen, dass es für jeden die beste Lösung ist.
#3 am 25.05.2016 von Gast
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Gast
Zu meiner Vorrednerin: Ich lerne auch immer mit meinem Handareal. Schneide dabei immer konsolidierend mein Brot (Schnittdicke 1,7cm), damit alles so richtig gut ankommt, auch über Vena portae in die Hepar. Also bloss nix gegen Brot beim Lernen.
#2 am 25.05.2016 von Gast
  2
Gast
Also ich finde selber aufschreiben und zusammenfassen sehr wichtig. Nur so geht der Reiz komplett durch das Gehirn. Über Augen, Sehbahn, Sehrinde, Assoziationscortices, Wernicke - und Broca - Zentrum ins Handareal des Gehirns. Dabei wird mein Papez-Neuronenkreis jedenfalls stärker stimuliert und ich habe eine höhere Wahrscheinlichkeit mir ein Engramm zu bilden. Habe das Medizinstudium seit 3 Jahren hinter mir und habe so bis zum letzten Examen gelernt (Schnitt 1,8). Also bloß nix gegen zusammenfassen und Karteikarten.
#1 am 25.05.2016 von Gast
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