Kumite

21.05.2016
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In meinem Kampfsportverein trainiert seit etwa 2 Jahren ein etwas untersetzter Mann mittleren Alters. Er scheint keine Vorerfahrungen mit Kampfsport gehabt zu haben und war wohl nie ein "sportlicher Grundtypus". Als ich ihn das erste Mal gesehen habe, war er ungelenk und schnell außer Atem. Ich sah vermutlich genauso aus, als ich angefangen habe.

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Trotzdem habe ich mich dabei erwischt, ihn etwas zu belächeln und mich deswegen etwas über mich geärgert. Ich halte mich für aufgeklärt. Bei sowas kommt dann aber doch ab und an meine ureigene Gehässigkeit durch. Ich vermute, dass man sich im Allgemeinen gerne über die Defizite anderer definiert und sich insgeheim freut, wenn man selbst einen Vorsprung hat. Aber zurück zum Thema: Er fing an mit Kampfsport und wirkte etwas hilflos.

Er macht Karate. Ich nicht. Deswegen sehen wir uns nur selten. Vor einigen Tagen habe ich auf meine Jiu-Jutsu-Gruppe gewartet und den Karatekas beim Training zugeschaut. Er trägt inzwischen den 7. Kyu (Shotokan), also den orangen Gurt, und macht sich echt gut. Präzise, kraftvolle Techniken. Beim Laufen der Kata ist er synchron zum Meister. Er hat einiges an Gewicht verloren und an Kondition hinzugewonnen. Ich habe mich für ihn gefreut und mich nochmal etwas über mich selbst geärgert.

Sowas nenne ich gerne "Lektion in Demut". Ich versuche da dann immer mit Dankbarkeit ranzugehen und mir die Dinge vor Augen zu führen, die ich aus solchen Situationen mitnehmen kann.

Heute möchte ich einen Schritt weitergehen und auch denjenigen, die regelmäßig diese Seite lesen, etwas mitgeben:

Ich war glaube ich ein ganz solider Auszubildender. Zumindest in einigen Dingen.
(Innere) Medizin lag mir, mit Menschen umzugehen fiel mir leicht, ich kann viel Stoff in kürzester Zeit lernen. Schwierig waren 3 Aspekte:

Das mit dem Autofahren ging sogar so weit, dass ich fast meine Ausbildung beendet hätte. Ich hatte, glaube ich, fast ein Dutzend kleinerer Fahrzeug- oder Sachschäden innerhalb von 3 Monaten gesammelt.

Am Anfang waren meine Kollegen ziemlich ratlos. Die meisten waren wütend. Für sie war Autofahren etwas Alltägliches. Ich war seit meinem Führerschein ein paar Jahre gar nicht gefahren. Wut ist nachvollziehbar, aber für einen Auszubildenden keine große Hilfe. Das bisschen Konzentration, dass ich für den Verkehr aufbringen konnte wurde regelmäßig von der Angst gefressen, ich könnte einen Fehler machen.

Das Führen eines Fahrzeugs besteht im Grunde aus vielen kleinen Aspekten:

Das sind eine ganze Menge Dinge und nicht jedem fallen sie gleich leicht. In meinem Fall darf da ruhig und ganz offen von einer mittleren Katastrophe gesprochen werden. Bei der Bewältigung dieser Katastrophe waren mir viele Kollegen, wegen ihrer Wut und ihrem Ärger, keine große Hilfe. Das Wut und Ärger eine Reaktion der Hilflosigkeit sind, ist hinlänglich bekannt, aber das Wissen darum, ist für einen Auszubildenden ebenfalls keine große Hilfe.

Es fing an besser zu werden, als einige Kollegen angefangen haben nach Lösungen zu suchen. Einer von ihnen ist mit mir und dem RTW durch den Landkreis gefahren, um mich etwas trainieren zu lassen. Er hat Hütchen aufgebaut und mich rangieren lassen. Einem Rat von meinem damaligen LRA folgendend, habe ich begonnen, viel Fahrrad zu fahren, um die Verkehrszeichen und dynamische Vekehrsituationen besser zu verinnerlichen. Ein anderer Kollege hat mir sein altes Auto für wenig Geld verkauft. Wieder ein anderer hat mit mir die günstigsten Versicherungen dafür rausgesucht und ein weiterer hat mir Ersatzteile für das Auto besorgt, damit es nochmal durch den TÜV kam. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass ich im Beruf geblieben bin. Ich bin sogar ein ganz anständiger Autofahrer geworden. Kein Meister aller Klassen, aber immerhin einer, der durchs Leben kommt.

Warum erzähle ich das?

Wir alle haben es mit Auszubildenden, Schülern, unerfahrenen oder auch erfahrenen Kollegen zu tun, die uns manchmal den letzten Nerv rauben. Kollegen, die wir für unfähig oder "nicht-tragbar" halten. Wir sollten immer bedenken bedenken, dass Stärken und Schwächen zu haben, etwas natürliches ist. Etwas, dass in der Leistungsumgebung, in der wir uns befinden, manchmal zu wenig Beachtung findet. Wir sollten uns vergegenwärtigen, dass wir nur zusammen in der Lage sind, all die kleinen Fehler, die jeder von uns mit in die Arbeitswelt bringt, auszugleichen.

Am Ende stehten Patient, Bewohner oder Klient und die profitieren nur von einer Umgebung, die bereit ist, miteinander zu lernen und sich zu verbessern.

Bieten wir also das nächste Mal, wenn wir uns über jemanden und dessen vermeintliche Unfähigkeit ärgern, unsere Hilfe an, tun wir sowohl dem Kollegen als auch uns und dem Patienten einen großen Dienst. Denn...

... egal für wie tolerant man sich hält, man ist vor Gehässigkeit nicht gefreit.
... wütend sein ist natürlich, aber nur Lösungen helfen dabei, Probleme zu überwinden.
... jeder Mensch fängt einmal mit etwas an.
... jeder Mensch hat das Potential sich zu entwickeln, auch wenn es nicht immer danach aussieht
... jeder Mensch hat es verdient, genau dabei unterstützt zu werden.
... Geduld zahlt sich oft aus.

Kumiteso der Titel dieses Beitrags, ist übrigens eine Form des Wettkampfs und des Trainingsin den Budo-Sportarten.. Grade im Karate hat es sich etabliert, das Kumite Schritt für Schritt aufzubauen und zu erweitern. Ein gutes Kumite benötigt viel Training unter einem guten Mentor!

Am Schluss daher noch ein Tipp für die Praxis: 
Wenn jemand Probleme mit einem Prozess hat, lohnt es sich oft, diesen in seine Einzelteile zu zerlegen. Das kann entweder zeitlich (Step-by-Step) oder thematisch (wie oben beim Autofahren) geschehe. Für Menschen, die eine neue Sache üben, ist es häufig hilfreich, ihre Konzentration nur auf eine Tätigkeit zu Zeit zu lenken und dann, sobald diese sicher beherrscht wird, eine weitere Tätigkeit zu konzentrieren.

 

Bildquelle: makunin

Artikel letztmalig aktualisiert am 21.05.2016.

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