Die Dichtkunst der Bürokraten.

16.03.2007
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Letzte Woche erreichte uns alle eine signifikante Mitteilung: Krasse neun Fehler sollen sich in den über 500 Seiten starken Text der Gesundheitsreform (GKV-WSG) eingeschlichen haben. Die Opposition war sich einig: Eine nationale Schande. Setzen. 5. Da wird sich Klaus Theo Schröder, der sonst so ungezwungen lächelt wie ein Militärseelsorger im Irak, gehörig geärgert haben.

Aber ist die sprachliche Kompetenz des Bundesgesundheitsministeriums wirklich so schlecht? Machen wir die Nagelprobe an einem zufällig entnommenen Satz. In der Originaldrucksache 16/3100 heißt es:

Die nach § 137a Abs. 1 des Fünften Buches Sozialgesetzbuch mit der Durchführung von Maßnahmen der einrichtungsübergreifenden Qualitätssicherung beauftragte Institution auf Bundesebene kann ausgewählte Leistungsdaten aus den Buchstaben a bis f des Absatzes 2 Nr. 2 anfordern, soweit diese nach Art und Umfang notwendig und geeignet sind, um Maßnahmen der Qualitätssicherung nach § 137a Abs. 2 Nr. 1, 2 und 3 des Fünften Buches Sozialgesetzbuch durchführen zu können.

Wow. Das erste was uns auffällt, ist die mächtige, geschachtelte Partizipialkonstruktion am Satzanfang, die es auf stolze 17 Worte bringt. Werbetexter, die um die Verständlichkeit ihrer Spracherzeugnisse aus reinem Überlebensinstinkt besorgter sind als Ministerialdirigenten, würden hier einen Relativsatz einfordern. Aber wer wird da kleinlich sein? Was deutlich mehr bekümmert, ist die inkonsequente Verwendung des Genitivs. Hieße es nicht besser "des fünften Buches des Sozialgesetzbuches" oder kürzer "des fünften Sozialgesetzbuches"? Diese Frage sollte man ggf. im parlamentarischen Umlaufverfahren noch einmal prüfen lassen.

Sehr gelungen hingegen ist das fotte Nebensatz-Potpourri am Satzende. Hier wird kunstvoll ein Konditionalsatz mit einem Finalsatz verwoben, um beide gemeinsam sanft in einem erweiterten Infinitiv ausgleiten zu lassen. Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive kann man zum GKV-WSG also nur sagen: Es liegt uns hier ein Werk von hohem grammatikalischem Niveau vor. Beim inhaltlichen Aspekt bin ich mir allerdings nicht so sicher.

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.06.2013.

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