Ich bin auf den Hund gekommen.

13.05.2016
Teilen

Täglich grüßen uns neue Gesundheits-Wearables aus der übervollen Gadgeteria. Wer will, kann sich so viele Healthtracker an den Unterarm schnallen, dass der Ankauf von Hanteln überflüssig wird. Und doch gibt es schon wieder etwas Neues: Pavlok, den Armbandschocker für Charakterschwache.

Nomen est omen: Von Iwan Petrowitsch Pawlow haben wir alle schon mal gehört. Genau - das war dieser bärtige Russe, der bei Hunden mit Klingelton und Futternapf das Prinzip der klassischen Konditionierung entdeckte. Mit dem gleichen Trick will uns das Wearable Pavlok nun von schlechten Gewohnheiten heilen. Mit kleinen, gemeinen Stromstößen, allerdings. Das nennt sich dann wissenschaftlich „operante Konditionierung mit negativem Verstärker“. 

Neugierig klappe ich die kleine schwarze Box auf, die von einem grellen gelben Blitzsymbol verziert wird. Halte ich hier das Allheilmittel in den Händen, um mein von zahlreichen schlechten Gewohnheiten gekennzeichnetes Bürostuhldasein endlich wieder in geordnete Bahnen zu lenken? Das Produktversprechen klingt vielversprechend: „Pavlok is a wearable device that helps reduce cravings and break bad habits.“

m_1463153418.jpg

So weit, so gut. Den Nutzen des kleinen Quälgeistes versuchen die Hersteller durch den Beileger „Evidence“ zu untermalen. Dort finden sich zahlreiche ermutigende Case Studies („Tasha quit sugar in 1 day!“) und angejahrtes Studienmaterial aus den 1970ern („10 weeks electrical aversion therapy cured a chronic heroin user“). Um mir selbst ein Bild zu machen, muss ich den kleinen Bonbon-artigen Elektronikblock zunächst per USB-Kabel aufladen und dann in das etwas wabbelige Silikonarmband schieben. Das kann man je nach Geschmack in dezenten oder grellen Farben wählen. Sogar in pink - wahrscheinlich für good girls gone bad. Und natürlich gibt es eine App dazu, so dass man den Pavlok mit seinem Lieblingsspielzeug, dem iPhone, paaren kann. Das ermöglicht einem, die Stärke der Stromschläge von einem sanften Kribbeln bis zum massiven Elektronenüberfall eines 12V-Weidezauns hochzuregeln. Autsch.

Allen, die sich jetzt bereits gedanklich vor Schmerz krümmen, kann ich Entwarnung geben. Pavlok bekommt nämlich gar nicht mit, wenn man gegen die selbst gesetzten Regeln verstößt. Dazu fehlen ihm schlicht und einfach die Sensoren. Naschkatzen und chronische Prokrastinierer, die sich von Süßigkeiten und unproduktivem Tun losströmen wollen, müssen sich also schon selbst „zappen“, um in den Genuss der Konditionierung zu kommen. Dafür tippt man nach dem Fehlverhalten auf das Blitzsymbol des Armbands, was mit einem deftigen Stromstoß belohnt wird. Da scheint mir eine kleine konzeptionelle Schwäche vorzuliegen. Ich kenne Menschen, die Schokolade an den unmöglichsten Orten vor sich selbst verstecken und sie dann trotzdem finden.

Dennoch wage ich den Selbstversuch: Wenn ich mich innerhalb einer Stunde nicht mindestens einmal aus meinem Bürostuhl erhoben habe, zappe ich mich zur Strafe. Das ziehe ich einen Tag lang durch - wird mich Pavlok zu einem mobileren Menschen machen? Das Ergebnis ist gemischt: In der Tat ist das Zappen so unangenehm, dass man es möglichst vermeiden möchte. Einmal kurz Aufstehen und durchs Büro laufen fühlt sich deutlich besser an. Allerdings ist der Stromstoß so unangenehm, dass man sich überwinden muss, ihn auszulösen. Das kostet Willenskraft. Wer aber den Mumm hat, sich selbst in ein Biokabel zu verwandeln - braucht der den Pavlok, um sein Verhalten zu ändern? Die Frage muss sich jeder selbst stellen. Happy zapping!

Hard Facts:

 

PS: Ich verlose ein voll aufgeladenes Gebrauchtgerät zum Selbsttest unter denen, die hier einen Kommentar hinterlassen.

Bildquelle: CC Stewart Black, Flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 24.05.2016.

42 Wertungen (4.69 ø)
5696 Aufrufe
Medizin, Forschung
Kleiner Nachtrag: Die britische Firma Intelligent Environments bietet jetzt ein Bankkonto an, das einen über den Pavlok schockt, wenn man seine Kreditlinie überzogen hat oder zu viel Geld ausgibt: https://vimeo.com/167232550 We live in a crazy world.
#26 am 20.05.2016 von Dr. Frank Antwerpes (Arzt)
  0
Rofloller
einige Kommentare sind vergleichbar amüsant wie das entspannte Beobachten der, auf z.B. Fortbildungen, Schlange stehenden Kollegen für das "Gratisgetränk" aus dem Bezahlcafé. Plädiere bei der Gelegenheit für konsequente Erforschung und Behandlung des Willauch-Syndroms.
#25 am 20.05.2016 von Rofloller (Gast)
  0
...meine schwarze Fantasie schlägt mir noch viel weitergehende Anwendungsmöglichkeiten vor: ...ausgestattet mit einer Fernbedienung... könnte es in Therapiegruppen zum Einsatz kommen (natürlich nur, weil die Wissenschaft ja zweifelsfrei den Nutzen erwiesen hat!) ... vielleicht aber auch in Dienstbesprechungen oder Teamgruppen (z.B. als Redezeit-Begrenzer....)... Aber mal ehrlich: So positiv verstärkend wir mit Patienten umgehen beim Aufbau von neuem Verhalten, so achtsam und wertschätzend sollten wir doch auch mit uns sein!!! P.S. zu abschreckenden Demonstrationszwecken wäre ich dennoch sehr interessiert an dem Ding!!
#24 am 19.05.2016 von Jörg Stenzel (Psychotherapeut)
  0
Gast
Hier würde mich auch sehr ein praktisches Erproben interessieren! Danke! post.joerg@web.de
#23 am 19.05.2016 von Gast
  1
Ich könnte mir vorstellen, dass die Verknüpfung mit Sensoren noch kommt, z.B. Mindestschrittzahl pro Stunde, Zappen wenn zuviel Handykonsum, BZ-Sensoren usw. Könnte man aber auch ein Spiel draus machen, vgl. James Bond "Sag niemals nie" gegen Klaus Maria Brandauer um die ganze Welt ;-)
#22 am 19.05.2016 von Denis Kuphal (Arzt)
  0
S Pfaue, HP f. Psychotherapie
#11: frage mich gerade, wer denn dann bei Ihnen den Stromimpuls auslöst... Kleiner Scherz, sorry. Aber mal im Ernst, rund 200$ um sich beim Fingernägelkauen, Dauersitzen, Schoki Naschen und Ähnlichem einen zu verplätten?! Kleiner pragmatischer Tipp an alle die auf Selbstbestrafung stehen: Haben Sie ein ganz normales zartes Gummibändchen zur Hand? Machen Sie es ums Handgelenk, so dass noch genug Luft ist, versteht sich. Bei gefühltem Fehlverhalten etwas langziehen und zurückschnalzen lassen. Macht auch "Aua", kost nix und ist optisch weniger peinlich. Aber nur bei sich selbst anwenden, Kollegen und Partner reagieren komischerweise wenig erfreut bei Erziehungsversuchen. LG und viel Spaß weiterhin!
#21 am 19.05.2016 von S Pfaue, HP f. Psychotherapie (Gast)
  0
Tristan
@ #17: Okay, das mit der Kontaktmöglichkeit stimmt schon, aber da ich den Scripts, die Internetseiten und -Foren nach E-Mail-Adressen durchsuchen, um damit Schindluder zu treiben kein Futter geben möchte, bin ich dann doch lieber nicht bei der Verlosung dabei (mein Eintrag war #1). Das mit dem (at) statt @ schützt da leider auch nicht mehr. Das wandelt mir ja sogar ein Google Postfach mittlerweile schon automatisch um, wenn ich das in das Adressfeld eingebe :) Ich drücke dafür den anderen Teilnehmern mal kräftig die Daumen!
#20 am 19.05.2016 von Tristan (Gast)
  0
Gast
Ich bin in der Gesundheitsförderung tätig und habe bisher an die Wirksamkeit von Bonus- und Belohnungsprogrammen geglaubt. Laut einer aktuellen Studie (siehe auch doccheck Newsletter vom 16.3.2016) scheint aber die Peitsche oft effektiver zu sein als das Zuckerbrot, wenn es darum geht, ein gesundheitsförderliches Verhalten zu unterstützen. Vor diesem Hintergrund macht Pavlok vielleicht tatsächlich einen Sinn ;-)
#19 am 19.05.2016 von Gast
  0
Gast
ich reihe mich auch in die freiwilligen selbsttester ein.... habe derzeit wieder erschwerend zu viel von meinen schlechren Gedanken vielleicht nützt der zappler auch in der Psychiatrie. ...
#18 am 19.05.2016 von Gast
  0
Gast
@ #16: Ohne Kontaktmöglichkeiten liegen die Gewinnchancen bei null. Daher: larasternchen1@gmail.com :)
#17 am 18.05.2016 von Gast
  0
Gast
Auch Reihe mich in die Riga der "mutigen" Bewerber munter ein. Offenbar bin ich aber recht langweilig, denn ein Partyspiel fiel mir nicht ein...- dafür hatte ich sofort Ideen, wie das Gerät mir vielleicht im Alltag hilfreich sein könnte, der um Moment leider etwas Optimierunggsbedarf hat! Sollte ich zufällig gewinnen und bei mir Alltagsuntauglichkeit durch den Pavlok feststellen, gebe ich ihn gerne an einen weiteren Interessenten weiter! :)
#16 am 18.05.2016 von Gast
  0
Und noch einmal der Versuch als angemeldeter User
#15 am 18.05.2016 von Frank de Buhr (Rettungssanitäter)
  0
Frank de Buhr
Das ist ja mal eine gute Gewinnchance, ich steige auch mit ein. :-)
#14 am 18.05.2016 von Frank de Buhr (Gast)
  0
Dr. Stefan Graf
Auch wei - Pawlow wird sich im Grabe umdrehen. 179USD - da will wieder jemand ganz schnell zu Geld kommen; "pecunia non olet"
#13 am 18.05.2016 von Dr. Stefan Graf (Gast)
  0
Bewerbe mich ebenfalls um das Armband. Interessante Einsatzmöglichkeiten fallen mir auch schon ein...
#12 am 18.05.2016 von Nils Mahler (Arzt)
  0
Gast
Meine Frau hat mich auf diesen Artikel hingewiesen. Ich soll mich für das Armband bewerben, Sie wird die App runterladen. walter.nolich@t-online.de
#11 am 18.05.2016 von Gast
  0
@ #7: Nur bei Säugetieren, die nicht größer und behaarter als ein Nacktmull sind.
#10 am 18.05.2016 von Dr. Frank Antwerpes (Arzt)
  0
Thomas
Ich liebäugle seit einiger Zeit mit dem Gerät, da es nichts vergleichbares gibt. Aktuell gibt es auch ein Crowdfunding Projekt vom Hersteller, um eine Weckfunktion zu integrieren (typisch amerikanische Werbung: Wir machen Sie zu einem produktiven Morgenmenschen ;-). Allerdings gibt es keine Ersparnis zum normalen Herstellerpreis. Lernpsychologisch ist seit langem bekannt, dass Bestrafung weit weniger effektiv ist als Belohnung. Dennoch interessant. Ich nehme gerne an der Verlosung teil: tm(at)hhu.de
#9 am 18.05.2016 von Thomas (Gast)
  0
Marc
OK: Als Psychologe mit einer starken Schädigung aufgrund der lernpsychologischen Inhalte im Grundstudium ("Wuff") brauche ich in letzter Konsequenz diese Uhr, um mich für einen langjährigen Klinikaufenthalt unter starker medikamentöser Sedierung zu qualifizieren. Eigenexperimente zum Thema "Erlernte Hilflosigkeit" (Seligman, 1975) wären ein zusätzliches Szenario. Danke bei der Unterstüzung meiner völligen Eigendemontage durch diese "Uhr"! teshima[at]web.de
#8 am 18.05.2016 von Marc (Gast)
  0
Kann man das Ding auch als Defibrillator verwenden?
#7 am 18.05.2016 von Dr. Franz Kass (Chemiker)
  0
Gast
Ehrlich gesagt, da kauf ich mir lieber einen Hund....
#6 am 18.05.2016 von Gast
  0
Gast
Wurde das Gerät bereits weitergegeben? Wenn nicht, dann stelle ich mich ebenfalls als Versuchsobjekt zur Verfügung i.b.j@ gmx.de
#5 am 18.05.2016 von Gast
  0
Gast
Von der Funktion her etwas unerwartet aber für einen Selbstversuch stelle ich mich gerne zur Verfügung :-)
#4 am 18.05.2016 von Gast
  0
Falko
Der Schreibstil der Produktreview und die Kombination von informativem Gehalt, gerechtfertigter Kritik und einer Prise Humor lässt dieses disziplinierende Gadget derart reizvoll erscheinen, dass ich es nun unbedingt selber zum Einsatz bringen möchte! recognize98@yahoo.de
#3 am 18.05.2016 von Falko (Gast)
  2
Lars
Das ist ja genau das Richtige für mich, wo ich doch so willensschwach bin :-) Hilft bestimmt auch bei der Kindererziehung. freiwelt(at)gmx.de
#2 am 17.05.2016 von Lars (Gast)
  1
Tristan
Jawoll ich bin dabei ;) Ich denke auch, der medizinische Nutzen ist da eher gering. Als Partyspiel (oder falls man sich im BDSM-Bereich zuhause fühlt) lässt sich sicher der eine oder andere Nutzen aus dem Teil ziehen *g* Kaufen würde man es dafür nicht so schnell aber hey, wenn man es gewinnen kann, spricht nichts gegen einen kleinen Test ^^
#1 am 17.05.2016 von Tristan (Gast)
  2
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
„Patienten sollten sich darauf verlassen können, dass verordnete, dringend benötigte Arzneimittel in allen mehr...
Patente sind eigentlich eine feine Sache: Sie garantieren dem Patenthalter, dass er seine Ideen eine zeitlang mehr...
Das Konstruktionsprinzip von Smart Rope unterscheidet sich zunächst mal nicht wesentlich von seinem klassischen mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: