Alles hat seinen Preis

12.05.2016
Teilen

Wenn sich Ethik und Ökonomie gegenüberstehen, scheint trotz aller Bemühungen zu oft die Macht des Geldes zu siegen. Die Grundwerte unserer Gesellschaft haben nicht nur sprichwörtlich ihren Preis. Aber was ist unser Preis? Leisten wir uns den Luxus, uns selbst ein paar wichtige Fragen zu stellen!

Der tägliche Kampf


Der Deutsche Ethikrat schreibt in seiner Pressemitteilung 03/2016 von einem „zunehmenden ökonomischen Druck, insbesondere auch auf den Krankenhaussektor“, der „zunehmend Fragen nach dem leitenden normativen Maßstab der Krankenhausversorgung aufwirft.“ Weiter spricht er von einer „zunehmenden Schwierigkeit für die im Krankenhaus Tätigen, ihre berufsethischen Pflichten umzusetzen.“

Wie kann es sein, dass eines der besten Gesundheitssysteme weltweit uns zwingt, die in den Grundwerten unserer Gesellschaft verankerten berufsethischen Maßstäbe einschränken zu müssen?

Unsere Grundwerte werden von Individuen hoch geschätzt, aber von eben jenen unter der Knute der Ökonomie regelmäßig ausgehebelt. Als eines der teuersten Gesundheitssysteme müssen wir uns die Frage gefallen lassen: Warum können wir mit so viel monetärem Aufwand anscheinend nicht genug erreichen?

Nachfolgend sollen – ganz im Sinne der Ethik – Hilfestellungen, überwiegend in Form von Fragen, behandelt werden, die es am Ende jedem selbst gestatten, eigene Antworten leichter zu finden.
 Dabei ist mir bewusst, dass manche Beispiele eher provokativen Charakter haben als dass sie wirklich eine Gegenüberstellung erlauben.

Was ist unser Preis?

Ich möchte folgende Vorstellungen in eine fiktive Waagschale legen. Da wäre zum einen Artikel 1 (1) des deutschen Grundgesetzes:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Gleich der zweite Artikel führt im zweiten Absatz bekanntlich an: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.“


Als fiktives Gegengewicht soll uns der Begriff des Geldes dienen (eigentlich eine nette Vorstellung, dass Geld uns dient, oder?).
Dazwischen stehen wir nun als Individuum oder Institution und ermitteln daraus subjektive Werte, mit denen wir den Alltag bestreiten.

Dabei stellt sich doch die Frage: Soll, darf oder muss die Waage unausgeglichen sein?
 Dass der Deutsche Ethikrat diese alarmierende Mitteilung verfasst, zeigt doch mindestens, dass eine Homöostase aus dem Gleichgewicht gebracht wurde.

Viele Fragen

Um diese Homöostase zu verstehen, sind meiner Ansicht nach die folgenden Fragen von großer Bedeutung:


Auf die erste Frage gibt der Ethikrat eine Antwort, implizit auch darauf, welche Werte wir leben wollen.

Was wir uns hingegen leisten wollen, ist vermutlich weniger einfach zu beantworten. Medizin auf dem aktuellsten Stand der Forschung? Oder soll der Schwerpunkt eher auf einer guten Basisversorgung liegen? Sollen wir also mehr forschen oder lieber mehr Geld in KV-Sitze für Vertreter der sprechenden Medizin stecken?

Soll der 85-jährige Patient eine neue Hüfte erhalten oder sind wir in diesem Punkt unflexibel, wie beispielsweise das englische System, und bezahlen diese nur bis zu einer bestimmten Altersgrenze? Sollen wir mehr Pflegekräfte einstellen, um die Mortalität auf Stationen zu senken oder haben wir lieber wirtschaftliche Krankenhäuser, die den Steuerzahler nicht belasten, weil sie privat geführt werden?

Sollen Ärzte lieber, wie wiederum beispielsweise in England, mehr ihren Fähigkeiten zur Untersuchung vertrauen oder gönnen wir uns neueste Technik, um „objektive“ Ergebnisse zu schaffen?


Sollte, möchte oder muss jeder einzelne mehr in das Gesundheitssystem investieren, um dessen Nachhaltigkeit zu gewährleisten?

Aktuell muss ich dem Ethikrat zustimmen, wenn er sagt, dass berufsethische Grundsätze nicht immer eingehalten werden können. Der Reformprozess muss große Schritte wagen, wenn wir zukünftig gewonnene Erkenntnisse der Forschung nicht über Bord werfen wollen. So ist eine gute, ausführliche Anamnese immanent – doch wie oft scheint keine Zeit mehr, sie zu erheben?

Ich wünsche mir, dass dieser Prozess baldmöglichst darin fußt, dass „die Politik“ unsere Fragen irgendwann nicht mehr zuvorderst zuhört, um daraufhin die eigene Rhetorik blitzschnell unter Beweis stellen zu können, sondern um zuzuhören.

Ohne die entsprechenden rechtlichen Rahmenbedingungen fürchte ich wird es schwierig werden, einem Geschäftsführer, der sich kurzfristig für seine Zahlen rechtfertigen muss, nachhaltige, ethische Grundsätze abzuverlangen. Ob er den gleichen Druck verspürt wie ein im Krankenhaus Tätiger, der sich entscheiden muss, welchem Patienten er nun nötige Zeit nicht geben kann?

Sind wir letztendlich bereit, die Konsequenzen für Veränderungen zu tragen? So, wie wir zurzeit das aktuelle System mit tragen?

Unbequemer Luxus

Abseits der gefühlt aufgezwungenen politischen Entscheidungsgewalt meine ich, dass wir unsere Antworten auf diese Fragen tagtäglich leben. Mein persönliches Ziel ist es, diese Antworten aus dem Rauschen der täglichen Routine herauszufiltern und bewusst zu geben.

Gönnen wir uns den Luxus, in einem der besten Gesundheitssysteme weltweit das zu tun, was uns erst hierhin gebracht hat und weiterbringt: Nachzudenken. Die Idee, Dinge verändern zu wollen und zu können.
 Das ist unbequem. Aber es bringt uns weiter.

Doch wie wird am Ende aus dem individuellen Gefühl der Gerechtigkeit und Ethik ein allgemeingültiges Recht? Das Schlusswort möchte ich Atul Gawande überlassen, einem amerikanischen Chirurgen:

„Science has brought us thousands of things we can do [...]. We’re confronted with the complexity of society now, and the experience of actually dealing with it, is painful. We’re in the machine. All we can do is try to think in morally clear terms about our goals and try to be creative.“
 

Quellen:

http://www.ethikrat.org/presse/pressemitteilungen/2016/pressemitteilung-03-2016

http://atulgawande.com/
 

Artikel letztmalig aktualisiert am 13.05.2016.

48 Wertungen (3.54 ø)
4215 Aufrufe
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
Gast
Grüne Dummköpfe zerstören gerade unser Land, von wegen "besser" oder "ungefährlich". Klassische Religion ist immer noch Privatsache, währen die grünen Dummköpfe eine Meinungsdiktatur errichtet haben.
#19 am 20.05.2016 von Gast
  1
Gast
Ganz ehrlich? Besser einen grünen Dummkopf als einen christlichen. Sonst müssen wir wieder auf den Präp-Kurs verzichten, vor jeder OP in die Kirche rennen und den christlichen Gott preisen, wo wir stehen und gehen.
#18 am 20.05.2016 von Gast
  6
Gast
zu #12, ja die "Pflege" lässt leider oft zu Wünschen übrig, egal was die Ärzte dazu sagen und die kommen auch nicht von der Venus.
#17 am 20.05.2016 von Gast
  0
Alter Arzt
Ich kenne jedenfalls keinen Arzt, auch nicht den "dümmsten Praktiker", der nicht froh wäre, dass seine Maßnahmen beim kranken Patient in dessem Sinn wirksam sind, was leider nicht immer möglich ist.
#16 am 18.05.2016 von Alter Arzt (Gast)
  0
Alter Arzt
Ich weis ja nicht was heute so gelehrt wird, die Frage steht ja im Raum und wird nicht beantwortet, zukünftige Ärzte, die sich schon als Studenten als Nestbeschmutzer betätigen hat es immer schon gegeben. Ist das "in"? Früher hatte auch der Arzt neben dem Eid des Hypokrates eine recht gründliche naturwissenschaftlich Ausbildung, deshalb glaubt er nicht jeden Quatsch, der aus politischen Kreisen über "die Natur" verkündet werden und den dummen Menschen zum grenzenlos zahlungspflichtigen Dummkopf degradiert. Das hatten wir doch schon bei den "pösen Atomstrahlen". Dass 0,04% CO2 in der dünnen Luft die Erdoberfläche erwärmen soll ist leider auch so ein Quatsch.
#15 am 18.05.2016 von Alter Arzt (Gast)
  2
Elvira M.
@Gast#13, wer selbst anonym postet um Anonymität zu kritisieren und anzupöbeln, kann nicht ganz bei Trost sein. Indirekt ist das wohl eine Anerkennung der vielen sachlichen Argumente von "alter Arzt". Dass "Grüne" arztfeindlich sind, pfeifen doch die Spatzen von den Dächern!
#14 am 18.05.2016 von Elvira M. (Gast)
  2
Gast
@Alter Arzt #11 Ihre verwendeten Begriffe, wie Gutmenschen und grüne Dummköpfe und Ihre sarkastische Bemerkung zum Klimawandel zeigen Ihre politische (Un)Weitsicht. Was denken Sie überhaupt? Dass Sie die Weisheit mit Löffeln gefressen haben? Schon mehr als merkwürdig, dass Sie und (vermeintlich) "andere" anonymen "Gäste" Ihre merkwürdigen politischen Ansichten auf einer Medizinerplattform rauslassen.
#13 am 18.05.2016 von Gast
  14
Gast
Ein Artikel der mir gerade aus dem Herzen geschrieben ist: Wie lässt sich ein ethisches und ökonomisches Gesundheitssystem verwirklichen? Die Erfahrungen die wir jetzt mit der Sorge um einen Angehörigen verbringen, offenbaren die Missstände brutalst. Die qualitative Trennung zwischen der medizinischen und pflegerischen Versorgung am Kranken. Medizinisch werden keine Kosten gescheut alle möglichen hohen Standarts einzusetzen, die aber alle durch den pflegerischen Defizit wieder sabotiert werden. Die Missstände sind einfach eklatant. Von der Unantastbarkeit der eigenen Würde, kann längst nicht mehr gesprochen werden, da der zu Pflegende zum Objekt reduziert ist, der nach festgelegten Zeitziffern versorgt und abgerechnet werden muss. Ich will aber den Glauben daran nicht aufgeben, dass auch in Deutschland ein ökonomisch wirtschaftliches und eine soziale menschliche, würdevolle Pflege von Patienten möglich sein kann.
#12 am 18.05.2016 von Gast
  0
alter Arzt
"Grüne" Dummköpfe dominieren heute die Politik. Kein Geheimnis, dass die arztfeindlich sind. Das Transplantationsgesetz soll weiter verschärft werde und dafür soll es mehr und besser bezahlte Prostituierte geben. Also Prostituierte aller Welt bitte nach Deutschland und wer ein Organ zum Weiterleben benötigt bitte ins Ausland. Kinderwunschhilfe sowieso. Wir sind ja DIE GUTMENSCHEN schlechthin, für Klimarettung brauchen wir das Geld, über 30 Milliarden nur im letzten Jahr, damit der Strom bald ganz ausfällt.
#11 am 17.05.2016 von alter Arzt (Gast)
  10
alter Arzt
zu #1 bis auf einen gyn. Eingriff und die vielen Herzkatheter wird in Deutschland eher weniger operiert als anderswo, z.T. beschämend, denn die Stänkereien gegen Ärzte muss selbstverständlich der Patient ausbaden. Lieber Rollstuhl als neues Hüftgelenk??? Die größte Blödsinn der AOK, da sind die im Ausland (ökonomisch) oft vernünftiger und menschlicher. Auffällig im internationalen Vergleich ist die rel. geringe Zahl der niedergelassenen Ärzte, 12 Länder in der OECD haben mehr davon als wir, umso mehr (vermeidbare) Krankenhausfälle gibt es auch, hier kann man wieder nicht von ärztlicher Unabhängigkeit sprechen, das war einmal. Chefarzt (selbständig) ist ja schon ein Schimpfwort. In USA gibt es den National Doktors Day, hier völlig undenkbar.
#10 am 17.05.2016 von alter Arzt (Gast)
  0
Gast
Dumme Fragen, dumme Fragen, dumme Fragen. Ärzte gibt es seit Jahrtausenden, sie wollen Krankheiten heilen, das ist ihre Ethik, schwarze Schafe gabs immer schon. (Hannemann, Freud) Heute wird er ferngelenkt von AOK und Gesundheitspolitik, das ist die wichtigste Änderung. Es gibt Sozialgerichtsurteile wonach er sogar verpflichtet sei, mit Verlust zu arbeiten, allerdings nur in Deutschland. Und selbstverständlich gibt es bessere Gesundheitssysteme. Auch "Körperverletzung" als regulärer medizinischer Heil-Eingriff gibt es nur in Deutschland. Jetzt auch noch ein spezielles Strafrecht nur für Ärzte, nicht für Apotheker. Die Gebührenordnung ist schon fast historisch, gibts auch bei keinem anderen Beruf. Mit der Qualität kann das dann kaum besser werden.
#9 am 17.05.2016 von Gast
  7
Gast
was lernt man denn heute in der Uni? Früher gab den Hypokrates, gibts das denn gar nicht mehr? der ist nur leider nicht in Englisch.
#8 am 17.05.2016 von Gast
  3
Gast
Die Gentechnologie zeigt das Problem: wir pflegen Ethik, im Ausland überholen sie uns bedenkenlos, und wir setzen dann die ausländischen Medikamente ein. Was bereits am ersten gentechnologisch hergestellten Humaninsulin zu demonstrieren war. Das ist schon lange her, und seither hat sich an unserem edlen Verhalten wenig geändert.
#7 am 17.05.2016 von Gast
  1
Das ist wie beim Laizismus, Kirche und Staat sind streng getrennt. Im zur Diskussion stehenden Fall müssten Ethik und Ökonomie komplett entzerrt werden. Aber wie heißt es doch so schön: manus manum lavat. Abgewandelt vielleicht auch: Manus anum lavat
#6 am 17.05.2016 von Dr. Rolf Klüsener (Arzt)
  1
Gast
zu#1, Sie können ja gerne nach USA gehen wenn Sie genug Kleingeld haben!!!!!!!
#5 am 17.05.2016 von Gast
  2
Gast
Ich bin sehr froh, dass diese Fragen hier thematisiert werden. Die permanente Reflexion über und Arbeit an der Ethik und dem Gebahren unseres wirtschaftlichen Systems sind unabdingbar, wenn wir unseren Nachfahren ein würdiges Leben ermöglichen wollen.
#4 am 17.05.2016 von Gast
  3
Gast
Solange die PATIENTEN ALLES MITMACHEN, WIRD SICH NICHTS ÄNDERN: ALLERDINGS IST LEIDER OFT DIE AUFKLÄRUNG NICHT KLAR VERSTÄNDLICH WEGEN "FACHCHINESISCH" UND DIE PATIENTEN FRAGEN NICHT NACH WEIL SIE DENKEN, 1) SIE HÄTTEN VERSTANDEN UND 2) DIE ZEITNOT DER THERAPEUTEN UND DES PFLEGEPERSONALS SPÜPRBAR IST; MAN WILL JA NICHT LÄSTIG FALLEN... ODER GAR BEI EINER EMPFOHLENEN THERAPIE DEM ARZT WIDERSPRECHEN. SPARMASSNAHMEN UND "CONTROLLING", DAS UM JEDEN CENT FEILSCHT; HABEN AM KRANKENBETT ABSOLUT KEINEN SINN.
#3 am 17.05.2016 von Gast
  19
Gast
Moral und USA zum Schluss das war wohl nichts. Mich würde interessieren, was da heute ein Student in der Uni zu hören bekommt.
#2 am 17.05.2016 von Gast
  3
Gast
Die Etik ist schon längst den Geld-Geiern zum Fraß vorgeworfen worden, der Patient ist nur noch eine Nummer, denn wie kommt es, das beim Arzt, ein kurzes Gespräch, dann den Rezeptblock raus, ein paar Pillen verschrieben, fertig, in den Kranken- Häusern sieht es nicht viel anderst aus, viel operieren, Chemo-Therapien und meistens stirbt der Patient danach, aber die Kassen der Pharma-Banditen sind prall gefühlt, auch in den Kliniken geht es nur noch um den Profit, wo ist da eine Ethik, die Lebensmittel-Industrie tut ein übriges dazu mit ihren nicht deklarierten Giftstoffen, danach werden die Menschen krank, wieder ein Markt zum Pillen verschreiben, ich hoffe das schon viele langsam aus Ihrem dornröschen-Schlaf aufwachen, den nur wenn sich der Patient weigert allen Schwachsinn an sich mit- zu machen, ändert sich etwas.
#1 am 17.05.2016 von Gast
  30
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
I've been looking for freedom I've been looking so long I've been looking for freedom Still the search goes on… mehr...
Der Anfang In diesem Moment drücke ich mich davor, mit Lerntag 11 von 100 des zweiten Staatsexamens zu beginnen mehr...
Als Kind wurde ich gehänselt. Damit ist es raus. Lange dachte ich, ich wäre damit alleine. Doch zum Glück gibt es mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: