Vertretung im OP

03.05.2016
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Gestern ist Lucie den Patienten schon nur mit Mundschutz gegenüber getreten. Das war auch gut so, erkältet wie sie war. Sie hat mir stolz erklärt, dass sie fast nie fehlt und nur in seltenen Ausnahmen einen Arzt aufsucht. Das passt zu dem Pflichtbewusstsein, das ich auch sonst an ihr beobachte: Sie ist eine der sorgfältigsten und engagiertesten Studentinnen auf der Station.

Eine der Ersten, die kommt, und eine der Letzten, die geht. Und obendrein kümmert sie sich rührend um mich und Hanna, eine Erasmus-Studentin aus Österreich, indem sie uns Untersuchungsabläufe erklärt, unsere Dokumentation Korrektur liest und Symptome verschiedener Krankheitsbilder abfragt.

Heute ist sie aber nicht erschienen. Vermutlich ist die Erkältung noch schlimmer geworden. Normalerweise ist ein Fehltag kein Problem, denn die Studenten arbeiten im Zweierteam, ‚en binôme‘. Doch ihre Partnerin, Yasmina, ist ebenfalls nicht da, was nichts Neues ist. Ich bin etwas verwundert, denn wenn sie da ist, kümmert sie sich gewissenhaft und gründlich um ihre Aufgaben, ist ebenfalls sehr hilfsbereit und teilt ihr umfangreiches Wissen gern mit uns. Insofern teile ich Lucies Unzufriedenheit mit ihrer Partnerin nur zu einem gewissen Grade und frage ich mich eher, was Yasmina davon abhält, regelmäßig zum ‚Stage‘ zu erscheinen. Hoffentlich sind es keine familiären Probleme.

Hanna und ich kümmern uns heute also allein um die vier Patienten, die eigentlich von Lucie und Yasmina betreut werden. Drei von ihnen kennen wir schon und in die Neuaufnahme ist die Geriaterin mit eingebunden, sodass nicht die volle Verantwortung auf unseren Schultern lastet und wir gut zurechtkommen.

Gegen elf Uhr kommt eine Assistenzärztin auf die Station. Jedes Studenten-Binôme ist einem Oberarzt zugeordnet, der als Mentor fungiert. Er nimmt seine Schützlinge mit in die Ambulanz und in den OP, sodass alle Studenten einen umfangreichen Einblick in die chirurgisch-orthopädischen Aufgaben bekommen. Gut organisiert.

Heute braucht Dr. Chevallier Unterstützung im OP und da keine der beiden französischen Externes da ist, gehe kurzerhand ich mit. Eine Knie-Prothese – aufregend! In der ersten Woche ist uns ausführlich gezeigt worden, wie man sich auf den OP vorbereitet. Das Waschen der Hände (bis zum Ellbogen, mit viel Seife und Wasser, mehrere Minuten lang). Die Desinfektion (zweimal, das erste Mal bis zum Ellenbogen, das zweite Mal bis zu den Handgelenken; dabei nicht aufhören, die Hände aneinander zu reiben, bis das Desinfektionsmittel getrocknet ist). Das Anlegen des Kittels (wie bei Scrubs: eigentlich darf man kaum etwas selbst machen, sondern wird von der OP-Schwester angekleidet). Das Anziehen der Handschuhe (zwei Paar übereinander und dabei ist aufzupassen, dass die 'noch nackten' Hände möglichst nur die Innenseite der Handschuhe berühren).

Dr. Chevallier ist etwas angespannt und unzufrieden damit, dass kein Student seines Binôme erschienen ist. Dass ich jetzt da bin, ist gut, aber er hätte wohl auch schon in der ersten OP helfende Hände brauchen können. Obwohl ich mich gut auf meine erste große Aufgabe, das sterile Ankleiden, vorbereitet fühle, weist er mich mehrere Male noch auf das ein oder andere Detail hin. Die Infektionsgefahr bei einem Einsatz einer Endoprothese ist besonders hoch, deshalb hat das Einhalten der strengen Hygiene-Regeln oberste Priorität. Eine Infektion hätte höchstwahrscheinlich eine weitere Operation und ein Auswechseln der Prothese zur Folge. Das will man dem Patienten und dem Krankenkassenbudget auf jeden Fall ersparen. Die Warnungen der Mikrobiologen noch im Ohr, bin ich besonders folgsam und vorsichtig. Staphylococcus epidermidis lässt grüßen!

Die OP selbst ist faszinierend und mir wird einmal mehr klar, dass Chirurgie ein Handwerk ist: es wird mit Hammer und Meißel hantiert, gesägt und geschraubt. Kraft ist stellenweise ebenso gefordert wie Geschick. Und natürlich genaueste anatomische Kenntnisse. Es gibt Momente, in denen ich wünschte, ich hätte meine Schutzbrille aufgesetzt. Denn ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen (den nicht-Medizinern zuliebe): Wo gesägt wird, fallen Späne. In diesem Fall wohl eher „fliegen“.

Ich fungiere in erster Linie als Hakenhalter und Wundensäuberer. Die Ärzte arbeiten stellenweise äußerst konzentriert, zwischenzeitlich wird aber auch viel gescherzt und gelacht. Während Operation und Krankenhausaufenthalt für den Patienten oftmals mit Sorge und Angst behaftet sind, ist es der Chirurgen täglich Brot. Im Hintergrund läuft Musik; wobei diese – nachdem die erste Playlist zu Ende ist – erst wieder angeschaltet wird, als die Prothese zur vollen Zufriedenheit von Dr. Chevallier sitzt.

Ich bin ebenfalls zufrieden mit dem Tag. Und irgendwie schon ziemlich sicher, dass ich keine Chirurgin werden möchte.

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Bildquelle (Außenseite): Phalinn Ooi, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 11.05.2016.

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Medizin, Studium, Humanmedizin
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Gast
na ja, wer mein er braucht für ein Knie oder eine Hüfte eine Schutzbrille .... von mir aus.
#1 am 11.05.2016 von Gast
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