Stoned über den Asphalt

24.04.2016
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Die erste Stunde des Marathonlaufes geht wie von selbst: Du fliegst über den Asphalt, die Stimmung ist ausgelassen, alle sind fröhlich, nichts kann dich aufhalten. In der zweiten Stunde kommst du aber dann doch mit den Füßen auf der Straße an. Es wird schwieriger, das Tempo zu halten, die Beinmuskeln beginnen zu schmerzen und du fragst dich, wie du es bis zum Ziel schaffen sollst.

In der dritten Stunde wirst du langsamer, die Muskeln fangen an zu brennen, du hast Hunger, bist müde und erschöpft. Wenn das so weiterginge, kämest du vielleicht nicht ins Ziel. Und dann plötzlich durchflutet dich ein Rausch aus Euphorie, Leichtigkeit und Lust. Nichts schmerzt mehr, du kannst wieder schneller laufen und vergisst die Plagen der letzten Kilometer: Das Runner’s High.

Das absolute Hochgefühl dauert oft nur eine bis zwei Minuten an, aber auch danach kann man wieder eine ganz schön lange Zeit laufen, ohne von Schmerzen oder Erschöpfung allzu sehr gebremst zu werden.

Die Neurobiologie des Runner’s High

Früher dachte man, das Runner’s High würde neurobiologisch durch eine Endorphinausschüttung verursacht. Endorphine wirken wie Morphin, nur dass sie körpereigen sind und vom Gehirn selbst produziert werden. Morphine machen glücklich, schmerzfrei und führen dazu, dass man diesen Zustand erneut anstrebt. Passt alles zum Runner’s High.

Eine aktuelle Veröffentlichung im PNAS zeigt nun aber interessanterweise auf, dass noch ein zweites, eng verwandtes System an der Entstehung des Runner’s High beteiligt und offenbar unabdingbar ist: Das Endocannabinoid-System.

Endocannabinoide sind vom Körper selbst produzierte Cannabinoide, die also wirken wie Cannabis. Sie sind schmerzstillend, angstlösend, milde euphorisierend und bewirken ebenfalls einen Wiederholungsreiz. Der bekannteste Vertreter der Endocannabinoide ist das Anandamid. Die Mannheimer Forscher ließen Mäuse so lange in einem Laufrad rennen, bis die Mäuse aller Erfahrung nach ein Runner’s High entwickelten – erinnert mich stark an mein eigenes Lauftraining auf dem Laufband. Dann maßen sie die Endorphin- und Endocannabinoidspiegel im Blut der Mäuse. Beide Substanzgruppen zeigten erhöhte Spiegel. Wenn der Cannabinoid-Rezeptor blockiert wurde, blieben allerdings alle Wirkungen des Runner’s High aus.

Das Endocannabinoid-System spielt in vielen Bereichen wie Schmerzregulation, Angst und Motivation eine bedeutende Rolle, so richtig Licht kommt aber erst in den letzten Jahren in die Sache. Das ist umso interessanter, da auch bei der Psychose eine veränderte Regulation im Endocannabinoid-System eine Rolle spielen könnte. Wie auch immer: Bei meinem nächsten Runner’s High denke ich dann nicht mehr nur, ich hätte mir kostenlose Morphine besorgt, sondern gleichzeitig auch noch gesundheitsförderlich gekifft. In diesem Sinne: Auf geht's!

Bildquelle: Steve M, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 25.04.2016.

65 Wertungen (4.26 ø)
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Medizin, Psychiatrie
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Arzt
Der eigene Wille kann selbstverständlich auch GEGEN die Bedürfisse des Körpers eingesetzt werden und es gibt ja auch diese "Marschfrakturen", (Mittelfußknochen) wirklich erstaunlich, dass man damit noch weiterlaufen kann. Na ja, um so länger ist die erforderliche Erholungszeit danach.
#12 am 28.04.2016 von Arzt (Gast)
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Arzt
zu #9 Das mit der "reinen" Fettverbrennung ist leider auch ein Märchen, der Organismus stellt auf Glukoneogenese (Eiweißkatabolismuss) um und konsumiert damit wichtiges Körpereiweiß eigentlich alles, bis auf die Beine, die laufen sollen. Das war auch schon beim legendären Nurmie, dem Olympiasieger aus Finland so, der bekanntlich nicht sehr alt wurde. Entsprechend wie Hungerharken sahen die auch aus. Na klar wird "Kochsalz" auch von jüngeren benötigt. Nur bin ich von der Beobachtung ausgegangen, dass diese trainierten Jüngeren wesentlich schneller am Ziel sind. Die weniger trainierten, auch Frauen und halt die ehrgeizigen älteren trudeln erst so nach 4-5 Stunden ein, trinken dann noch mehr, was die Hyponatriämie noch verstärkt.
#11 am 28.04.2016 von Arzt (Gast)
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Gast
Ist sehr gut vorstellbar, hatte auch einmal an einer "Drogeninduzierten" Psychose in meiner Jugendzeit gelitten, es war mit steigender Symptomatik wirklich dementsprechend das die Kifferei die Symptome noch verschlimmerten und ging gar soweit das ich extreme Kreislaufschwierigkeiten bekam wenn ich mal nach längerer Zeit wieder einen geraucht hatte. Geile Sache an was Ihr da forscht immer weiter so,...
#10 am 27.04.2016 von Gast
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Gast
Wir waren in Freiburg vor 40 Jahren "Versuchskaninchen" zu#2 Der "Mann mit dem Hammer" zwang keinen von uns zum Gehen. Man nahm etwas Tempo zurück. Dr. Haralambie erklärte uns das mit erhöhtem Sauerstoffverbrauch bei Fett-Verstoffwechselung. zu#4 NaCl war extrem wichtig, auch in jungen Jahren, außerdem Mg zu#7 Nach der Methode van Aaken wird keiner Meister. Ich kann im Wettkampf nicht schnell laufen, wenn ich nie schnell trainiert habe. Wir liefen im Training entweder schnell oder weit, abwechselnd, und immer ohne NSAIDs. Das machte Spaß und brachte Erfolg. zu#8 Zustimmung 100%
#9 am 27.04.2016 von Gast
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Arzt
"Leistungssport" macht man NICHT aus gesundheitlichen Gründen, dazu gehört selbstverständlich auch der Marathon-Lauf. Das historische "Vorbild" ist ja auch am Ziel gestorben. Ich rate als Arzt immer davon ab, wenn ichgefragt bin, insbesondere wenn nicht "vollschlank", zu mindest sollte der Wunschläufer erst abnehmen und dann laufen. Etwas Muskulatur auch für die Wirbelsäule ist auch erforderlich. Wenn dann so ein Wettkampf kommt, benötigt der Mensch 3-4 Monate oder mehr zur Erholung.
#8 am 27.04.2016 von Arzt (Gast)
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Leistungsphysiologe
Darf man nur anonym kommentieren? Warum? Marathonlauf nach der "Freiburger Methode des intensiven Dauerlaufs" seit 40 Jahren trainiert führt zu dem mehr oder weniger ausgeprägtem Syndrom "Runners high". Da sehr viele dieser falsch - weil zu intensiv - trainierten Läufer sich das Leben und das "Durchkommen" erleichtern wollen nehmen sie Aspirin, Ibuprofen, Voltaren und und.. Da gibt es einen von der "Wissenschaft Sportmedizin" beinahe erzwungenen Medikamentenmißbrauch. Dem soll durch "Dopingkontrollen" entgegengewirkt werden. Einfacher wäre es den Fehler einer grundlegend falschen Trainingsmethodik für den Marathonlauf öffentlichkeitswirksam einzugestehen und empfehlen, wieder nach der Methode van Aaken des langsamen Dauerlaufs zu trainieren
#7 am 27.04.2016 von Leistungsphysiologe (Gast)
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Gast
Darf ich kommentieren? Das wurde mir verweigert. Gibt es Selbst-Zensur in Deutschland? "Runners High" ist ein weit verbreitetes Syndrom unter Marathonläufern, die versuchen unter 3:30h zu laufen und die nach der falschen deutschen intensiven Trainingsmethodik seit 40 Jahren nach der Freiburger Metrhode des intensiven Dauerlaufs. "Deutsche Härte" ist hier gefragt. Das darf man wohl immer noch nicht kritisieren? Marathon-Lauf soll gesund sein? Eine solche Schinderei ist es nicht.
#6 am 27.04.2016 von Gast
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Gast
Mich wundert es eigentlich nur weshalb die Wissenschaft sich mit so unnötigen Forschungen beschäftigt , anstatt sich mit wichtigeren und ernsthafteren Themen auseinanderzusetzen. Ob nun Cannabinoide , Morphine oder sonstwas die Wirkung dieser Läufer auslösen ist doch im Grunde völlig egal , wichtig ist das sie sich dabei wohl fühlen und es Spaß macht.
#5 am 26.04.2016 von Gast
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Gast
Danke #2, das Risiko der Spätberufenen liegt auch in der Hyponatriämie, kommt eigentlich bei jedem Volkslauf vor, das geht auch bis zu cerebralen Krämpfen. Hier aber das banale fehlende Natrium und nicht so eine "Endodroge"
#4 am 26.04.2016 von Gast
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sportlicher Arzt
Einfach total verkommen, diese moderne Wissenschaft. Weder haben "Endorphine" chemisch auch nur annähernd eine Ähnlichkeit mit Morphin, noch viel weniger diese Cannabinoide mit Cannabis. Das sollen nur die dummen Journalisten glauben. Die Benennung ist also biochemisch grob irreführend. Auch die Wirkung ist NICHT vergleichbar, sonst müssten all diese Läufer ein erhöhtes Schizophrenie-Risiko haben. Im Gegensatz zum Essen, bei dem das Gehirn ja leicht etwas ermüdet, ist das Gehirn beim Laufen, auch wenn noch so anstrengend immer hellwach. Bei so einem längeren Lauf kann man sogar Probleme lösen die man vorher so mit sich rumgetragen hat.
#3 am 26.04.2016 von sportlicher Arzt (Gast)
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Gast
Das vielzitierte immer aufgegriffene runners high bezieht sich auf EINE einzige Veröffentlichung in der Spitzenmittelstreckenläuferinnen nennenswert erhöhte Endorphinwerte aufwiesen, nachdem sie ein hochintensives Intervalltraining absolviert hatten. Viele andere Untersuchungen bestätigten diesen Befund NICHT. beim Marathonlauf geht es aber nur dann gut aus wenn der Läufer über die 42,2 km gerade so schnell läuft dass seine für etwa 2000kcal ausreichenden Glykogenspeicher im Ziel - und nicht zuvor- erschöpft sind. Das Problem daran ist dass der Breitensportler schneller könnte, aber nur mit einer Übersäuerung in der Arbeitsmuskulatur entsprechend 2,6 mmol/l Blutlaktat ankommt ...sonst kommt bei KM 32 "der Mann mit dem Hammer" der Jeden niederstreckt, der schneller anging, weil dann die Speicher schon erschöpft sind und der Läufer plötzlich gehen muss weil mehr Intensität (schneller) nicht mehr zu bewerkstelligen ist. ...Und da hilft kein Endorphin. Prof.Dr. Rainer Knöller Olympiastützpunkt Niedersachsen
#2 am 26.04.2016 von Gast
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Gast
Muss jetzt der übertriebene Sport verboten werden? Von wegen Verstoss gegen das Betäubungsmittelgesetz? Vielleicht ja mal ein Anstoss um über Cannabis in der Schmerztherapie weiter zu denken...
#1 am 26.04.2016 von Gast
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