Verantwortungsabgabe - nicht ganz freiwillig

22.04.2016
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Eine etwas traurige Geschichte. Dosette finde ich etwas unglaublich praktisches. Nicht, weil ich den Leuten nicht zutrauen würde, ihre Medikamente selber zu verwalten – Dosette kann man übrigens auch gut selber herrichten – aber bei mehr als 3 oder 4 Medikamenten, die man über den Tag verteilt nehmen muss, würde es auch für mich schwierig werden, wirklich einnahmetreu zu bleiben.

In der Apotheke bereiten wir Dosette für Leute vor, die damit auch Mühe haben – ab drei Medikamenten regelmäßig können wir das mit der Krankenkasse verrechnen.

Wir haben einer Patientin – einer älteren, herzlichen, kleinen Dame – nennen wir sie Frau Seniorita – seit Jahren das Dosett gerichtet. Angefangen haben wir damit auf ihren eigenen Wunsch hin, da sie selber merkte, dass sie immer mehr Mühe bekam, ihre Medikamente richtig zu nehmen. Kein Wunder, sie hat etwa 8 verschiedene.

Wir haben dann alles eingefädelt und den Arzt kontaktiert, damit er ein entsprechendes Rezept dafür ausstellt. Und von da an haben wir ihr einmal in der Woche das Dosett vorbereitet.

Sie kam dann auch schön regelmäßig. Anfangs beklagte sie sich noch ein bisschen, dass sie sich so „dumm“ vorkäme, da sie die Tabletten nicht mehr selber zusammensuche. Sie ist definitiv nicht dumm, sie wird einfach auch nur älter und sie ist jemand, der die Dinge gerne selber in der Hand hat. Aber sie hat sich schließlich daran gewöhnt und ist immer offensichtlich gerne in die Apotheke gekommen, um ihre Tabletten abzuholen und ein bisschen mit uns zu reden.

Über die Zeit hat man schon gemerkt, dass es eine vernünftige Entscheidung war, ihr Medikamente herrichten zu lassen: Auch so vergaß sie gelegentlich Tabletten, verwechselte Tage, wusste nicht mehr, welches Medikament nun zu welchem Zweck genommen wurde. Noch nicht wirklich tragisch, sie kam regelmäßig zu uns, wir unterstützen sie und sortierten ihre Medikamente so gut es ging gemeinsam. Aber es wurde schlimmer. Der Arzt verschrieb ihr dann ein Mittel gegen Demenz, das wir neu zum Einnahmeplan hinzufügen mussten.

Schließlich bekam sie eine Haushaltshilfe zur Unterstützung und die meldete sich kaum eine Woche nach „Dienstantritt“, um anzukündigen, dass sie das Dosett künftig herrichten wolle, da sie ja sonst keine Übersicht habe, was Frau Seniorita nehme.

Ich fand das etwas kurios. Nicht nur, dass wir Frau Seniorita immer einen Plan mitgegeben haben, auf dem genau aufgelistet war, welche Medikamente wann im Doestt zu finden waren – sie hatten also alle Infos. Außerdem war die Haushilfe jeden Tag bei ihr und hätte so sicher den besten Überblick darüber, was Frau Seniorita genommen hatte.

Wir telefonierten ein paar Mal und ich versuchte ihr zu erklären, dass Frau Seniorita wohl gerne selbständig bleiben würde und dass ihr regelmäßiger Besuch bei uns zu diesem Gefühl beitragen würde, außerdem komme sie so etwas raus. Das Abholen sei ja auch nicht das Problem, eher dass einzelne Tabletten nicht genommen wurden.

Beim nächsten Besuch von Frau Seniorita hörten wir, dass sie etwas niedergeschlagen war – die Haushaltshilfe nahm ihr viel Arbeit ab, was half, aber ließ sie fast nichts mehr selber machen. Auch das Dosett abzuholen, war schon ein schwieriges Thema.

Die Haushilfe blieb hartnäckig. Mir ist schon klar, dass das für sie auch ein Zusatzverdienst ist – Dosette richten kann man auch als Haushaltshilfe verrechnen. Schliesslich überzeugte sie den Arzt davon, dass Frau Seniorita nicht mehr dazu imstande sei, für ihre Medikamente selber zu sorgen, dass sie Anzeichen von Depressionen zeige und praktisch nicht mehr aus dem Haus ginge und sie als Haushaltshilfe von jetzt an auch die Dosette richten sollte, so habe sie das alles im Griff – Frau Seniorita wurde nicht mehr dazu befragt.

Also haben wir – widerstrebend und leicht unglücklich – nach Anweisung des Arztes, alle Medikamente und Unterlagen dazu weitergegeben. An die Haushaltshilfe, denn Frau Seniorita haben wir seitdem nicht mehr gesehen. Dass sie noch lebt, weiß ich nur, weil die Haushaltshilfe gelegentlich die Medikamente bei uns holt.

Ich find's traurig. Und irgendwie vermisse ich die wöchentlichen kleinen Unterhaltungen mit Frau Seniorita.

Artikel letztmalig aktualisiert am 26.04.2016.

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Pharmazie
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Gast
Ohne Kontrolle durch nahestehende Menschen ist "Altenbetreuung" leider ein Geschäftsmodell. Ich sehe den "gesellschaftlichen" Fehler in der systematischen Auflösung der Familie. Kann man hier als Apotheker nicht mit dem Arzt telefonieren?
#3 am 27.04.2016 von Gast
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Für mich ist es unverständlich, dass eine familienfremde Haushaltshilfe soviel "Macht" bekommt oder an sich reißen kann. Ich versorge seit ein paar Jahren (neben meiner Arbeit im Krankenhaus) meine Schwiegeroma (87), die bei uns mit im Haus lebt. Hier hat sie ihr "eigenes Reich", 1x wöchentlich kommt eine Haushaltshilfe zum Putzen. Das Einkaufen und Medikamente richten übernehme ich. Sie sagt selbst, sie hätte da keinen Überblick und kenne sich bei den vielen verschiedenen Tabletten nicht mehr aus. Zum Kochen hol ich sie dazu, soweit es ihre Tagesform zulässt. Ihre Mobilität lässt nur noch kurze Strecken wie z.B. in den Garten am Haus zu. Meiner Meinung nach gehört bei der Demenzbetreuung mehr dazu, als dem Betroffenen nur eine "Haushaltshilfe" vor die Nase zu setzen. Die Personen brauchen besondere Qualifikationen, die auch in regelmäßigen Pflichtschulungen aufgefrischt werden müssen. Auch die Familie muss mehr gefordert werden, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Die Idee mit der Dosette aus der Apotheke finde ich sehr gut. Gerade auch, wenn keine "medizinisch vorbelasteten" Familienangehörige oder Haushaltshilfen vor Ort sind.
#2 am 27.04.2016 von Carmen Ebertsch (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Schade für Frau Seniorita - das ist der falsche Weg.
#1 am 26.04.2016 von Dr. Franz Kass (Chemiker)
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