'Wer wird denn gleich in die Luft gehen?'

21.04.2016
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„Greife lieber zur HB!“ - äh, zum Medikamentenplan! Aus der Zeit mit dem „in die Luft“ gehenden „HB-Männchen“ stammten die ersten Medikamentenpläne für meinen Großvater, Dr. Rudolf Schätzler – Altphilologe für Griechisch und Latein – von seinem Hausarzt Dr. W. Bracht, der schräg gegenüber auf der Manfred-von-Richthofen-Str. in Berlin-Tempelhof seine hausärztliche Praxis führte.

Denn schon damals wurde meinem Opa als GKV-„Kassenpatienten“ jedes Rezept mit Arztsignatur in der Apotheke weggenommen, damit er nur ja nicht nachlesen konnte, was ihm da unser hochgeschätzter Haus- und Familienarzt für drei Generationen, der später einmal mein Vorbild werden sollte,  verschrieben hatte.

Alle Patienten, die drei oder mehr Medikamente verordnet bekommen haben, sollen ab  1. Oktober 2016 mit einem Medikationsplan ausgestattet werden. Was steckt eigentlich dahinter?

Am 13. Juni 2013 wurde der neue Aktionsplan AMTS 2013–2015 auf dem „4. Deutschen Kongress für Patientensicherheit bei medikamentöser Therapie“ vom BMG vorgestellt. Daraus resultierte der Medikamentenplan: Patienten in Deutschland sollen künftig einen digital erfassten Medikamentenplan bekommen. Ein Testlauf begann in Rheinland-Pfalz. „Ziel des Projekts ist, dass unerwünschte Wirkungen, Doppelverordnungen oder Wechselwirkungen von Arzneimitteln vermieden werden“, sagte die Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, die rheinland-pfälzische Ressortchefin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD).

Seit nunmehr 24 Jahren habe ich Medikamentenpläne in Gebrauch, elektronisch gespeichert und ausgedruckt seit 1995 bis zum heutigen Praxistag. Kein persönlich an den Patienten gerichtetes Rezept (Rp. ist die lateinische Abkürzung für recipe = „nimm“) verlässt meine Praxis ohne die Signatur der Medikamenten-Einnahmevorschrift. Das ist der letzte Teil der Rezepturanweisung, der mit signa (lat.) „bezeichne“ aus M.D.S., oder eigenständig mit S. abgekürzt wird. Dort werden die Anzahl und Dauer der Anwendung des Arzneimittels und gegebenenfalls besondere Anwendungshinweise genannt.

Und immer noch wird den Patienten das GKV-Rezept der Vertragsärzte nach Muster 16 mit essenziellen Informationen für ihre Behandlung in den Apotheken – selbst im Zeitalter von online-Übertragung an EDV-Apotheken-Rechenzentren – einfach weggenommen. Das, und nichts anderes, ist die eigentliche Ursache für die Notwendigkeit von Medikamentenplänen. Der Patient verlässt nach mehreren Arztbesuchen die Apotheke mit mehreren Pillenschachteln und rätselt zu Hause, wer aus verschiedene Fachrichtungen ihm das alles wohl verschrieben hat?

Aber was, um alles in der Welt, hat dann die in dieser Frage offenkundig ahistorisch debattierenden, dilettierenden und hinterwäldlerisch agierenden Funktionäre der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), der Bundesärztekammer (BÄK) und des Deutschen Apothekerverbands nur dazu getrieben, über eine scheinbare Neu-Einführung und Pseudo-Innovation eines Medikationsplans zu schwadronieren? Ganz so, als wären wir Vertragsärzte zu dämlich, das Wort „Medikamentenplan“ richtig lesen und schreiben zu können?

Warum haben sie nur kein Rückgrat gezeigt und sind aufgestanden, um Politik, Medien und Öffentlichkeit wachzurütteln und darauf hinzuweisen, dass seit Alters her auf jedem Rezept ein personalisiertes Rp.: recipe (lat.) „nimm“ vorhanden ist und die Einnahmevorschrift mit S.: signa (lat.) „bezeichne“ bzw. die Apotheken-Anfertigung mit M.D.S.: misce, da, signa (lat.) „mische, gib und bezeichne“ beschrieben werden?

Oder, dass die zusätzliche, schriftlich zusammenfassende Medikationsplanung zum Kerngeschäft strukturierter hausärztlicher Versorgung gehört? Und dass Rezepte nach Muster 16 wieder in die Hände der Patienten zurück und nicht allein in die Fänge der Abrechnungsbürokratie gelangen müssten?

Stattdessen katzbuckeln unsere Funktionärseliten in aller Öffentlichkeit ebenso versorgung- wie medizin-bildungsfern. Ganz so, als wären nur und ausschließlich wir Vertragsärzte mal wieder selbst an Allem schuld, weil unsere Patienten sich nicht mehr erinnern können oder wollen, von welchem Arzt sie wie und wann welche Medikamente einnehmen sollten: Die Apotheke hat es zwar (hoffentlich!) wenigstens auf der Umverpackung vermerkt, aber diese landete ja schon vor Wochen im Altpapier-Container…

Aber wie schon gesagt: "Wer wird denn gleich in die Luft gehen?“

Bildquelle (Außenseite): redjar, flickr

Bildquelle: Repro Copyright Praxis Dr. Schätzler

Artikel letztmalig aktualisiert am 10.05.2016.

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Der mündige (sollte so sein) Patient kann gern eine Exel Tabelle anlegen mit persönlicher Krankengeschichte , darin auch ohne Arztbesuch Festgestellte Beschwerden & Selbstmedikamention, sonstige Medikamenten Geschichte , (KH Aufenthalte , Arztbesuche) ... Braucht man immer für Versicherungen oder Arztwechsel . Wichtig für Eltern , gleich für Kinder mitanlegen !
#11 am 24.05.2016 von Geraldino Woll (Nichtmedizinische Berufe)
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Vgl. dazu Etappenziel erreicht: KBV, DAV und BÄK legen Vereinbarung zur Erstellung eines Medikationsplans vor. #eHealth-Gesetz https://t.co/aFkRacvZW5 und meine retweets @kbv4u Grundübel: Kassenrezepte werden in der Apotheke einkassiert - https://t.co/1AGhokdkKd und @kbv4u Medikationspläne bisher: https://t.co/CKio2lcjrA
#10 am 02.05.2016 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Erwin Müller
Herr Dr. Schätzler, prima, dass Sie so vorbildlich arbeiten! Leider fehlt bei vielen Rezepten Ihrer Kollegen doch häufig einiges: bsp. Gebrauchsanleitungen/-anweisungen bei Rezepturen, BTM's etc. da würde es auch nicht helfen, wenn der Patient das Rezept behielte... P.S. ganz besonders "toll" sind dann diejenigen, die sich dann auch noch weigern, die Rezepte ordnungsgemäß zu ergänzen O.o
#9 am 29.04.2016 von Erwin Müller (Gast)
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Dass die Apotheke das GKV-Kassen-Rezept des Arztes ersatzlos einkassiert, war doch der Anfang vom Ende jeglicher vernünftiger Arzt-Patienten-Apotheker-Interaktion. Denn der ursprüngliche Medikamentenplan war und ist immer noch das individualisierte Rezept. Bei Privaten PKV-Versicherten und Grünen Rezepten klappt das hervorragend mit Verordnungs-, Dosierungs-, Kalkulations- und Preis-Sicherheit. Den elektronischen Mediplan gibt's obendrauf!
#8 am 26.04.2016 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Gast
Worüber wird sich so aufgeregt, rechtschaffener Hausarzt? Ein Medikamentenplan wäre super, was ändert es, wenn die Apotheke das Rezept behält? Freitag Abend in der Notaufnahme taucht sich keiner mit 20 Rezepten, liebevoll von Ihnen signiert und ausgefüllt auf. Aber der Medikamentenplan ausm Altenheim ist Gold wert.
#7 am 26.04.2016 von Gast
  4
Krankenschwester
Als Krankenschwesterm, die in einer Klinik tätig ist, kann ich nur sagen: Es ist gefährliche Medizin, wenn ein Patient am Freitag nachmittag zur Aufnahem kommt und in der Anamnese die Medikation nicht sicher zu erheben ist. Was da für Dinge im locker plaudernden Gespräch im Verlauf des Wochenendes schon alle zu Tage getreten sind, die auf dem vor fünf Jahren handschriftlich angefertigten und artig im Portemonnaie verwahrten Zettel so gar nicht standen - unfassbar. Nach vielen solcher - wie gesagt auch gefährlicher Erlebnisse - wäre ich sehr gllücklich über einen digitalen Medikamentenplan, inklusive Mitnahme- und Aktualisierungspflicht! - zum Wohle der Patienten und Behandler. .
#6 am 26.04.2016 von Krankenschwester (Gast)
  0
Gast
Seit ich bei einer Online-Apotheke meine Medikamente bestelle, bekomme ich immer Wechselwirkungshinweise, auch mit Medikamenten aus der Vergangenheit, schriftlich mitgeliefert. Das hilft mir ungemein.
#5 am 26.04.2016 von Gast
  3
Gast
Dem ist nichts hinzuzufügen. Super Innovation. Aber besser wäre noch gesetzlich verbindlich zu regeln, dass der Patient verpflichtet wird den Medikationsplan bei neuerlicher Vorstellung mitzubringen. Das wäre bei manchen echt ein Fortschritt. Dann entfiele vielleicht das Rätseln, was für ein Medikament der Patient erneut verordnet haben möchte. ( die weiße Tablette mit der Kerbe.....) Und echt superinnovativ wäre, wenn ein erneutes Ausdrucken des selben (vergessenen verlorenen, sonstwie verlegten ) Medikamentenplan auch gleich wie bei sonstigen Chipkarten oder Dokumenten kostenpflichtig wird. Herr schmeiß Hirn ra...
#4 am 25.04.2016 von Gast
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Flüchtiger Leser
Ich kenne es noch aus der Prä-EDV-Zeit, dass die Apotheke die Einnahme-Anweisungen auf das Medikament überträgt. Die Verpackung (mit dem ungelesen, kleingedruckten Beipack) wird für die Nachbestellung mitgenommen. In Zeiten der GKV-Rabattverträge ist der Vorteil, dass man nicht wissen muss, ob in der roten Verpackung der Blutdrucksenker, der Blutverdünner oder das Schmerzmittel ist. Ein Medikamentenplan ist von Vorteil, wenn man zu einem anderen (Fach)Arzt oder ins Krankenhaus geht.
#3 am 25.04.2016 von Flüchtiger Leser (Gast)
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Auch auf meinen Rezepten steht äußerst selten eine Dosierungsanweisung oder Einnahmevorschrift, aber mein Hausarzt gibt im Allgemeinen Medikamentenpläne mit. Auch in der Alzenpflege, vor allem in Altenheimen, sind solche Pläne durchaus üblich.
#2 am 25.04.2016 von Anke Niggenaber (Weitere medizinische Berufe)
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Gast
Als Apotheker kann ich dazu berichten: höchstens 10 % der Rezepte enthalten eine Dosierungsanweisung! ... Allen anderen Patienten wurde die Dosierung vom Arzt vermittelt, auf Papier oder mündlich.
#1 am 25.04.2016 von Gast
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