Vor Medikamentenspenden ist zu bedenken ...

07.04.2016
Teilen

„Immer wieder treffe ich in diesem Internetz auf Spendenaufrufe für Medikamente für Flüchtlinge: diverseste Mittel gegen Schmerzen, Pilzbefall, erhöhten Blutdruck, außerdem (orale) Antidiabetika, Antibiotika, Gerinnungshemmer, cortisonhältige Cremen, usw ...“

„Immer wieder treffe ich in diesem Internetz auf Spendenaufrufe für Medikamente für Flüchtlinge: diverseste Mittel gegen Schmerzen, Pilzbefall, erhöhten Blutdruck, außerdem (orale) Antidiabetika, Antibiotika, Gerinnungshemmer, cortisonhältige Cremen, usw., sogar diverse Injektionen/Infusionen wie z.B. starke Schmerzmittel, Medikamente mit erhöhtem Suchtpotential: Tramal-Tropfen (explizit), aber auch Psychopharmaka wie Valium, Antidepressiva, etc.. Auch hier in der Umgebung habe ich neuerdings ein paar Zettel affichiert gefunden (sogar mit Abreiß-Kupons) auf denen zum Spenden von Medikamenten aufgerufen wird. Ebenfalls explizit: auch abgelaufene Medikamente nehmen wir gerne …
Da fände ich es sehr hübsch, wenn jemand wie Ihr die Leute einmal darauf aufmerksam machten, dass das nicht so einfach ist.
“

Danke kelef – das ist wirklich etwas, das diskutiert werden muss.

Ja, es ist lobenswert und eine gute Sache, dass geholfen werden will und man auch sieht, wo Bedarf ist. Aber – ich muss das immer wieder mal sagen – Medikamente sind keine normalen Konsumgüter. Medikamente sind Stoffe, die einen direkten Einfluss auf den Körper ausüben und deshalb einer Vielzahl von Vorschriften, Regelungen und Gesetzen unterstehen, die sicherstellen sollen, dass dabei niemand zu Schaden kommt.

Dazu gehört eine Einschränkung in der Verordnung (durch die Fachperson Arzt), eine Einschränkung in der Abgabe (durch die Fachperson Apotheker) und auch eine Einschränkung im Handel (Mengen, die den Eigenbedarf übersteigen, dürfen nicht mit über Ländergenzen gebracht werden, größere Mengen gelten gar als Export von Sonderabfall).

Dann ist da das Problem der Beschaffung: Woher sollen diese (oft) verschreibungspflichtigen Medikamente denn kommen? Aus der Hausapotheke der Spender oder sollen die sich das Zeug selber verschreiben lassen unter Vorspiegelung irgendwelcher Beschwerden? Oder soll man der Erbtante – die ist eh schon über 90 – den Apothekenschrank ausräumen? Im Krankenhaus klauen oder eine Apotheke überfallen?

Woher weiß man, dass das Zeug, das abgegeben wird, richtig gelagert wurde, und nicht irgendwer damit herumgepfuscht hat, schlimmstenfalls sogar absichtlich? Ganz abgesehen von den rechtlichen Konsequenzen, mit denen man rechnen muss, wenn tatsächlich etwas passiert.

Auch wenn die Medikamente in Ordnung sind, kann man sie nur illegal ausführen. Ansonsten bräuchte man nämlich eine offizielle Genehmigung für jede einzelne Packung: mit dem Namen, Wirkstoff, Chargennummer, Ablaufdatum etc. Das gleiche gilt auch für die Einfuhr in andere Länder.

Kommen wir zur eigentliche Anwendung: Wenn nun solche wild zusammengesammelte Medikamentenspenden in deutscher/schweizer/österreicherischer Aufmachung und mit unbekannter Herkunft nach Griechenland (und wie schaut es überhaupt mit den Transport- und Lagerbedingungen aus?) gebracht werden, um dort von wem auch immer in einem der überfüllten Lager an Menschen verteilt zu werden, dann KANN das nicht gutgehen.

Ein verantwortungsbewusster Arzt würde derlei Spenden übrigens gar nicht verabreichen, weder hier noch dort. Wer diagnostiziert und wer überwacht die ordnungsgemäße Anwendung, wer übersetzt im Zweifelsfall – und da tritt das nächste Problem auf: Eigentlich darf hier nur ein geprüfter Übersetzer vermitteln. Wie sonst soll sichergestellt werden, dass der Patient resp. die Angehörigen verstehen, worum es geht? Und wer stellt sicher, dass bei Verlegungen an einen anderen Standort die weitere Therapie und die Kontrolle gesichert sind? Und wer hinterfragt mögliche Unverträglichkeiten oder Allergien, die möglicherweise gar nicht bekannt sind? Dazu kommt noch, dass die Medikamente je nach Herkunftsland sehr unterschiedliche Namen haben.

Dazu kelef (die einen Hund hat und Erfahrung in der Pharmaindustrie):

„Ich muss leider den Tiervergleich heranziehen, auch Tierärzte “verwechseln” Markennamen und Wirkstoffnamen und behandeln dann gegen eine Sorte Würmer zweimal, und an der zweiten Sorte stirbt das Tier. Ist dem Verein, für den ich tätig war, tatsächlich mehrfach so passiert, dito mit Antibiotika. Und dann stellen wir uns einmal vor, da laufen ehrenamtliche Helferlein durch ein überfülltes Flüchtlingslager und verteilen fröhlich Antibiotika, Wurmmittel, Cortisonpräparate etc., ich will nicht wissen was da schon alles passiert ist, nur können die Patienten weder genau hinterfragen noch erklären oder erklärt bekommen.“

Den Leuten ist einfach nicht klar, dass sie sich auf diese Weise ganz leicht in die Kriminalität katapultieren können: Sozialbetrug oder Körperverletzung sind keine Kavaliersdelikte, und abgelaufene Medikamente können durchaus, müssen aber ganz und gar nicht noch in Ordnung sein. Bestenfalls wirken sie nicht, schlimmstenfalls schaden sie noch zusätzlich massiv.

Es gibt gute Gründe, weshalb die großen und professionellen Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen, Apotheker ohne Grenzen, das Rote Kreuz etc. keine solchen Medikamentenspenden entgegennehmen. Wir in der Apotheke haben das früher übrigens gemacht und sie an ein so ein Hilfswerk weiter gegeben, können das aber (aus den genannten Gründen) heute nicht mehr.

Aber – es gäbe legale Lösungen.

Es gibt ja grundsätzlich zum Beispiel die Möglichkeit, dass Herstellerfirmen Ware spenden oder mit entsprechenden Rabatten an Ärzte oder Ärztezentren, die sich für Flüchtlinge einsetzen, liefern oder über den Großhandel liefern lassen (auch der Großhandel könnte da auf die Marge verzichten): Das wäre mal eine gute Werbekampagne für die Herrschaften. Finanziert werden könnte das dann über Spenden. Das wäre eine saubere und gesetzeskonforme Lösung.


Also, liebe Leser: Wenn ihr solche Medikamentenspenden-Aufrufe lest, dann bedenkt die hier aufgeführten Probleme, bevor ihr die Hausapotheke ausräumt.
 

Artikel letztmalig aktualisiert am 11.04.2016.

48 Wertungen (2.21 ø)
1769 Aufrufe
Gesundheitspolitik
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
Gast
versteh ich auch nicht ganz. Selbstverständlich muss das nur in die Hände von Ärzten gehen. Baby darf auch keine Eisentabletten von Mamma schlucken.
#2 am 16.04.2016 von Gast
  0
Gast
Ich habe bei Arzneispenden gute Erfahrung mit der Action Medeor in Tönisvorst gemacht, die sehr günstige Bulkware professionell mit passenden Beipackzetteln für Hilfsleistungen im Ausland anbieten.
#1 am 14.04.2016 von Gast
  0
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Die Patientin ruft in einer sehr hektischen Zeit an und der Computer neben dem Telefon ist von meiner Kollegin mehr...
Angenommen, Dir oder einem Angehörigen geht es so schlecht, dass er oder sie ins Spital muss. Dort wird man dann mehr...
Will der Kunde, dass wir ihm aus Deutschland etwas bestellen. (Für DocCheck-Leser: "wir" sind eine Schweizer mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: