Hutzelmann-Sympathieskala

20.03.2016
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Und dann war da dieser verhutzelte alte Mann, den sie aus dem Altenheim in unsere Notaufnahme brachten. Ich starrte auf den nichtssagenden Einweisungsschein, auf dem „Anämie“ stand und überlegte, wie man bitte darauf gekommen war, dem Mann überhaupt Blut abzunehmen und sich dann zu überlegen, tätsächlich ihn um 20 Uhr ins Krankenhaus zu schicken.

Mit Rettungsdienst. Der Rettungsdienst wusste auch nicht mehr und der einweisende Hausarzt war selbstverständlich nicht mehr erreichbar.

Der Mann krümmte sich derweil in eine komfortable Hutzelposition und erwies sich als besonders schwerhörig. Ich schrie also mehrere Dinge an ihn heran wie:

„GUTEN TAG, ICH BIN FRAU ZORGCOOPERATIONS UND WERDE SIE AUFNEHMEN!“

„WIE KÖNNEN WIR IHNEN HELFEN?“

„WAS SIND IHRE BESCHWERDEN?“

„WARUM SIND SIE HIER?“

„SIE WOLLEN AUCH NICHT MIT MIR REDEN, ODER?!!“ 

Der Mann schaute mich sehr fragend an und ich wiederholte die Frage mit den Beschwerden mehrere Male, da mir weiter unklar war, was den Hausarzt dazu trieb 90 Jahre alte Hutzelmänner mit etwas Blutarmut notfallmäßig ins Krankenhaus einzuweisen.

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Naja der Patient schien dann irgendwann die Frage zu verstehen und rief ärgerlich zurück: „BESCHWERDEN? SIE FRAGEN MICH, WAS FÜR BESCHWERDEN ICH HABE? DIESE FRAGE MACHT DOCH ÜERHAUPT KEINEN SINN!!!“

Anschließend erklärte der Patient triumphierend, dass er mich sowieso nicht verstände, da ich nicht im landesüblichen Dialekt kommunizierte; nur um später in hysterisches Lachen auszubrechen, nachdem ich mit dem folgenden Satz bewies, jenen Dialekt sehr wohl zu beherrschen.

Trotz des dadurch großen Sprunges nach oben auf der Hutzelmannsympathieskala, waren mögliche Beschwerden jedoch nicht weiter aus ihm herauszubekommen. Wir nahmen ihn dann glorreich auf eine Station auf.

(„Beschwerden?! Sie fragen mich was für Beschwerden ich habe? Diese Frage macht doch überhaupt keinen Sinn!“ Bestes Patientenzitat ever.)

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Bildquelle: Privatbild Zorgcooperations

Artikel letztmalig aktualisiert am 30.03.2016.

21 Wertungen (3.38 ø)
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Medizin, Innere Medizin
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Ah. "Hutzel" war für mich jetzt nie eine Beleidigung, aber dann wurde ich vllt in meiner Kindheit zu sehr von Büchern wie "Hörbe mit dem großen Hut" beeinflusst. Interessant.
#6 am 05.04.2016 von Ent Zorg (Ärztin)
  4
Gast
Frau Zorgcooperations, Sie scheinen noch eine junge und unerfahrene Ärztin zu sein. Offenbar macht Ihnen die Arbeit nur an ebenfalls jungen Patienten Spaß. Die Älteren stören nur die Abläufe. Blöd nur, dass die Multimorbidität mit dem Alter zunimmt. Aber trösten Sie sich: Auch Sie werden älter und irgendwann hutzelig, und ihre Kollegen werden es Ihnen hoffentlich ersparen, sich dann auf Ihre Kosten lustig zu machen. Ich persönlich halte die aktuellen Bestrebungen, den Zugang zum Medizinstudium nicht mehr (nur) am Einser-Abi festzumachen, sondern über die persönliche Eignung für einen Heilberuf, für längst überfällig. So mancher egozentrische Mediziner müsste dann wohl seine Approbation zurückgeben.
#5 am 04.04.2016 von Gast
  10
Gast
ja,ja, wir wissen schon, das einzige, was so ein dolles Krankenhaus stört, sind Patienten.
#4 am 01.04.2016 von Gast
  5
Gast
Sie arbeiten offensichtlich nicht in einem Krankenhaus...
#3 am 31.03.2016 von Gast
  6
Gast
Allein die Bezeichnung des Herren zeugt von völliger Überheblichkeit, geschweige denn seine Behandlung… Da wird ein Mediziner ja jedem Vorurteil gerecht!
#2 am 31.03.2016 von Gast
  10
Gast
hatte er nun eine Anämie?
#1 am 31.03.2016 von Gast
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